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Jever: Erich Moritz Levy – Holocaust-Überlebender und Bewahrer des jüdischen Erbes in Friesland

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Inhaltsverzeichnis

 

Er blieb bisher im „Erinnerungsschatten“ anderer Vertreter der jüdischen Familie Levy in Jever: Erich Moritz Levy, Viehhändler und Weidewirt aus der Blumenstrasse 2. Als Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges und Partner in einer sogenannten christlich-jüdischen „Mischehe“ überlebte er die Nazi-Zeit und den Holocaust. Nach 1945 machte er sich um die Wiederherstellung der jüdischen Friedhöfe und die Bewahrung des jüdischen Erbes in Jever und Friesland verdient. Er starb 1967, unbeachtet von der jeverschen Öffentlichkeit und ohne jegliche Würdigung seiner Verdienste, im Alter von 76 Jahren.

Am 4. Oktober 2017 jährte sich zum 50ten Mal sein Todestag.

Elternhaus

Erich Levy wurde am 6. August 1891 in Jever geboren. Er war eines von fünf Kindern des Viehhändlers und Landwirtes Seckel (genannt Siegmund) Levy und dessen aus Hohenlimburg/Westfalen stammender Ehefrau Rosalie Rosenberg.

Erich Levy wuchs mit seinen Eltern und vier Geschwistern – er hatte eine ältere Schwester und drei jüngere Brüder – in der Bahnhofstraße 12 auf.

Ende des Ersten Weltkrieges erwarb sein Vater den „Lükenshof“, den dieser bis 1929 bewirtschaftete. Er war damit der einzige Vollerwerb-Landwirt in der jüdischen Gemeinde in Jever. Nach Verkauf des „Lükenshofes“ verbrachten die Eltern Levy ihren Ruhestand in Wilhelmshaven. Rosalie Levy verstarb dort am 8. Dezember 1932. Siegmund Levy lebte zuletzt als Witwer bei den Geschwistern Weinberg in der Schüttingstraße 13 in Varel und verstarb dort am 18. August 1937. Beide Elternteile von Erich Levy wurden auf dem jüdischen Friedhof in Jever bestattet.

Gedenkstein mit Erinnerungstafel an die Familie Siegmund Levy und die Jüdische Gemeinde in Jever im Menasche-Wald in Israel, gestiftet vom Ehepaar Erich und Louise (Ruth) Levy. Foto: Archiv Schlossmuseum Jever.

Viehhändler und Weidewirt – Heirat mit einer Christin

Nach einer Lehrzeit in Hildesheim sammelte Erich Levy erste berufliche Erfahrungen bei seinem Vater in Jever.

Geschäftsanzeigen von Erich Levy im „Jeverschen Wochenblatt“ 1924 und 1952. Schlossmuseum Jever.

1912 meldete er sich zum Militärdienst in der kaiserlichen deutschen Armee. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges erlitt er als Frontsoldat in Belgien eine schwere Kriegsverwundung, die zu einer Amputation des linken Beines führte. Nach mehrmonatigem Lazarett-Aufenthalt kehrte er nach Jever zurück und arbeitete zunächst bis 1919 wieder im väterlichen Betrieb.

Zu Beginn der Weimarer Republik wagte Erich levy den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit: Er erwarb ein Grundstück mit repräsentativem Haus in der Blumenstrasse 2 und war seit Mai 1919 als Viehhändler und Weidewirt auf eigene Rechnung tätig. Am 8. Dezember 1920 heiratete Erich Levy die Tochter eines protestantischen Kaufmannes aus Bremen: Louise (genannt „Ruth“) Seecamp.

Nach der Heirat trat seine Ehefrau vom christlichen zum jüdischen Glauben über.

1933 bis 1945: Verfolgung in Jever und „Judenhaus“ in Berlin

Ab 1933 wurde Erich Levy wie auch seine Ehefrau Opfer der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Augrund der Hetze und Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäftsinhaber musste er schließlich sein Gewerbe aufgeben. Im Herbst 1937 wurde er kurzzeitig von der Geheimen Staatspolizei in „Schutzhaft“ genommen. Nach der Pogromnacht vom November 1938 wurde er drei Wochen ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.

Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges stellte ihn die Gestapo im November 1939 unter „Hausarrest“ in seiner Wohnung in der Blumenstrasse.

Im März 1940 wurde das Ehepaar Levy, wie die übrigen noch in Jever lebenden Juden – durch eine Aktion der Staatspolizeistelle Wilhelmshaven in Zusammenarbeit mit Landratsamt Friesland und Stadtverwaltung Jever – aus ihrer Heimatstadt vertrieben.

Das Paar musste nach Berlin umziehen, wo sie bis zur Befreiung im April 1945 unter Gestapo-Aufsicht in einem „Judenhaus“ in der Tarnowitzerstr. 1 in Karow im Berliner Bezirk Pankow lebten. Das Ehepaar war in Berlin weiteren entwürdigenden Schikanen und Kontrollen ausgesetzt. Ehemann Erich musste ab September 1941 den „Judenstern“ tragen, eine ebensolche Kennzeichnung prangte am Haus Tarnowitzerstrasse. Das Paar erhielt nur unzureichende Lebensmittelzuteilungen und Heizmaterial. Erich Levy hatte trotz seiner schweren Kriegsbeschädigung zeitweilig Zwangsarbeit im Tiefbau abzuleisten, seine Frau war in Berliner Uniformfabriken dienstverpflichtet.

Den Deportationen von jüdischen Bürgern aus der Reichshauptstadt in die Ghettos und Vernichtungslager „im Osten“ entgingen die Levys nur, weil die Ehe trotz der zum Judentum übergetretenen Louise Levy eine sogenannte „Mischehe“ war: Nach den „Rassegesetzen“ der Nazis galt Louise Levy wegen ihrer vier nichtjüdischen Großeltern trotz ihres Übertritts zum jüdischen Glauben als „Arierin“.

1945 Rückkehr nach Jever

Nach der Befreiung Berlins kehrte das Ehepaar Levy Ende August 1945 aus Berlin-Pankow nach Jever zurück. Erich Levy bemühte sich um Rückgabe bzw. Entschädigung für sein in der NS-Zeit gestohlenes Eigentum und nahm sein früheres Gewerbe wieder auf. Er musste sich in teils jahrelangen zermürbenden Entschädigungsverfahren um Gerechtigkeit in eigener Sache bemühen. Erich Levy trat in Wiedergutmachungsangelegenheiten auch als Bevollmächtigter vieler anderer vertriebener jeverscher Juden auf. Dabei schlugen ihm in Jever wieder die gleiche antisemitisch motivierte Ablehnung und Haß entgegen wie vor 1945. Die geistigen Brandstifter, Akteure und Profiteure der Judenverfolgung in Jever waren oftmals rasch „entnazifiziert“ und wieder anerkannte Bürger an maßgeblichen Stellen im öffentlichen Leben. Die fortgesetzte „Herrschaft der Tätergeneration“ führte jahrzehntelang zum Verschweigen, Verdrängen und Verharmlosen der NS-Verbrechen, nicht nur in Jever.

Pflege des jüdischen Erbes

Erich Levy nahm sich dessen ungeachtet des geschändeten jüdischen Friedhofs in Jever an. Er ließ umgestürzte Grabsteine wieder aufrichten und ließ 1960/61 Gedenksteine für die verfolgten und ermordeten Juden und für die beim Pogrom im November 1938 zerstörte jeversche Synagoge setzen.

Auch für die Wiederherstellung der jüdischen Friedhöfe in der Umgebung (Heidmühle, Varel, Neustadtgödens u.a.) engagierte er sich: So erhielt z.B. die Gemeinde Varel-Land von ihm aus eigener Tasche eine höhere Geldsumme, um die gröbsten Schäden und Zerstörungen auf dem Friedhof in Varel-Hohenberge zu beseitigen.

1946 wurde Erich Levy auf Beschluss des Stadtrates als „Vertrauensmann für das in der Stadtgemeinde liegende jüdische Eigentum und für alle sonstigen jüdischen Angelegenheiten“ eingesetzt.

Erwähnenswert ist, dass ihm kurz nach seiner Rückkehr 1945 einige Objekte aus der 1938 zerstörten jeverschen Synagoge übergeben wurden, die nach der Pogromnacht ins Schlossmuseum gelangt waren: Dazu zählten die beiden Tafeln aus der Vorderfront der Synagoge, ein Schofar (rituelles Musikinstrument aus Tierhorn) und eine Zedaka-Büchse für wohltätige Spendensammlungen. Die Tafeln wurden später in einem der erwähnten Gedenksteine auf dem Friedhof eingefügt, die übrigen Objekte übersandte er an seinen Bruder Franz Levy in Haifa. Über deren genauen Verbleib wird im Schlossmuseum noch geforscht.

Erich Levy unterstützte bis zu seinem Tod den Jüdischen Nationalfonds in Israel (KKL). Er spendete dem KKL u.a. eine umfangreiche Baumanpflanzung im Menasche-Wald im Norden Israels und ließ dort zur Erinnerung an seine Familie und die jüdische Gemeinde Jevers einen Gedenkstein setzen.

Grabstelle auf dem jüdischen Friedhof

Seine Ehefrau Louise starb nach langem Leiden im Alter von 64 Jahren am 5. Juni 1960 in Jever. „In Demut und tiefster Gottergebenheit hat sie ertragen, was ihr verbrecherische Menschenhand angetan“, formulierte ihr Mann in seiner Traueranzeige. Sie ruht auf dem jüdischen Friedhof Jever. Ihr Mann hatte dazu eine kleine Grundstücksparzelle neben dem damaligen Friedhofsgelände erworben, die heute Bestandteil des Friedhofsgrundstückes ist.

Erich Moritz Levy wurde 76 Jahre alt.

Er starb am 4. Oktober 1967 in einem jüdischen Altenheim in Hannover (Lola-Fischel-Haus). Dort hatte er wegen zunehmender Gebrechlichkeit die letzten Monate seines Lebens verbracht. Er wurde in Jever neben seiner Ehefrau bestattet.

Grabstelle des Ehepaares Levy auf dem jüdischen Friedhof in Jever.  Foto: Holger Frerichs, Schlossmuseum Jever.

Auf der Grabplatte befinden sich hinter den Namen und Lebensdaten deutsche und hebräische Inschriften. Der deutsche Text für Louise (Ruth) Levy: „Du warst die edelste Verkörperung von Leibe und Treue.“
Der hebräische Text in deutscher Übersetzung: „Ruth Bath Awraham, ein auf all ihren Wegen keusches Weib, Treue und Einigkeit kennzeichneten ihren Wandel.“
Der deutsche Text für Erich Levy: „Er verlor im 1. Weltkrieg das linke Bein, war der älteste Sohn eines angesehenen Bürgers der Stadt Jever, ein äusserst fleissiger und tüchtiger Mann, der anspruchslos und erfolgreich seinem Berufe nachkam. Von 1933 bis 1945 war er grossen Enttäuschungen und Demütigungen ausgesetzt. Die Einweisung in ein KZ und Zwangsaufenthalt in Berlin blieben ihm nicht erspart. Seine grosse Verbundenheit mit der Heimat und seinem Berufe veranlaßte ihn, sofort nach der Befreiung im Jahre 1945 nach Jever zurückzukehren. Seine ganze Liebe gehörte dem Aufbau des Staates Israel.“ Der hebräische Text in deutscher Übersetzung lautet u.a.: „Ein schlichter und aufrichtiger Mann, der sein Land liebte; Als der Letzte aus seiner Gemeinde vermachte er seinen Besitz Israel und seinem Volke; Seine Gerechtigkeit besteht für immer; Und das Gedächtnis seines Namens sei zum Segen! (…) Verschieden E.R.H. [am Vorabend von Neujahr nach jüdischem Kalender] 728 und begraben am 4. Thischrej 728. (…).“

Seinen gesamten Nachlass, darunter das Grundstück in der Blumenstrasse 2, vermachte er dem Jüdischen Nationalfond. Seit 1970 ist es wieder in Privatbesitz. Sein privates Archiv muss leider als verschollen gelten, von den jeverschen „Heimatkundlern“ zeigte damals niemand Interesse. Anläßlich des Todes von Erich Levy gab es weder in der regionalen Presse noch seitens jeverscher Amtsträger einen öffentlichen Nachruf, eine Würdigung seiner Verdienste unterblieb. Nur der jeversche Schriftsteller Oswald Andrae ließ im November 1968 bei einem Besuch in Israel zur Erinnerung an Erich Levy einen Baum pflanzen.

 

Oswald Andrae ließ im November 1968 in Israel einen Baum zur Erinnerung an Erich Levy pflanzen. Foto: Archiv Hartmut Peters.

Lebenswege der vier Geschwister

  • Erich’s ältere Schwester Else heiratete Max Rosendahl, einen aus Güstrow stammenden jüdischen Viehhändler. Das Paar hatte einen Sohn Hans-Werner und eine Tochter Gerda, die beide rechtzeitig in den 1930er Jahren in die USA bzw. nach Argentinien emigrieren konnten. Dort leben heute die Nachkommen von Else. Nach dem Tod ihres Mannes (1934) wohnte Else Levy zuletzt in Berlin und nahm sich dort am 1. April 1942 vor ihrer drohenden Deportation in ein Vernichtungslager das Leben. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.
  • Sein Bruder Richard verstarb 1924 bereits in jungen Jahren nach mehrwöchiger schwerer Krankheit. Er war ledig geblieben und hatte keine Nachkommen.
  • Erich’s Bruder Franz war mit Aenne Sondheimer aus Darmstadt verheiratet, aus dieser Ehe stammt die Tochter Hannelore. Er emigrierte nach Palästina und lebte seit 1935 in Haifa, wo er zuletzt als Diplom-Ingenieur bei der Schifffahrtsgesellschaft ZIM tätig war. Seine Ehefrau Aenne, die in Deutschland blieb, wurde im Oktober 1941 von den Nazis aus Frankfurt/Main ins Ghetto Lodz deportiert und Opfer der dortigen Lebensbedingungen. Ein „Stolperstein“ in Frankfurt erinnert an sie. Die Tochter Hannelore konnte sich mit der „Jugend-Alijah“ 1940 nach Palästina retten, heiratete und heißt heute Hannah Bramson. Sie und ihre Nachkommen leben in Israel. Aus einer Partnerschaft von Franz Levy in Israel stammt ein weiterer Sohn. Wann Franz Levy in Haifa verstarb, ist noch ungeklärt.
  • Der jüngste Bruder Paul verzog nach Schwaan in Mecklenburg, wo er als Viehhändler und Landwirt tätig war. Er heiratete 1935 Johanna Meyer aus Westerstede, die Ehe blieb kinderlos. Nach dem Tode seines Vaters wurde Paul Levy dessen Alleinerbe. Die Eheleute konnten im Frühjahr 1940 von Schwaan nach Argentinien emigrieren und damit ihr Leben retten, wurden aber des größten Teiles ihres Besitzes beraubt. Paul Levy nahm als argentinischer Staatsbürger den Vornamen Pablo an und war als Industrieller tätig. Das Paar lebte in der Provinz Entre Rios, einer Grenzregion zu Uruguay und neben der Hauptstadt Buenos Aires eines der Zentren deutsch-jüdischer Emigranten. Pablo Levy starb 1965.

Schlossmuseum und GröschlerHaus suchen weitere Hinweise, Fotos und Dokumente zu Erich Levy, seiner Ehefrau Louise (Ruth) und zu Elternhaus und Geschwistern. Entsprechende Mitteilungen bitte an: Schlossmuseum Jever, 04461-96935-49, email: h.frerichs@schlossmuseum.de oder an GröschlerHaus Jever, email: groeschlerhaus@email.de

Text/Copyright: Holger Frerichs (Schlossmuseum Jever), Forschungsstand: 4.10.2017.