Rede von Jürgen Ploeger-Lobeck anlässlich des 87. Jahrestags des Pogroms gegen die Juden der Stadt Jever

Herr Jürgen Ploeger-Lobeck, der Schulleiter des Mariengymnasiums Jever, hielt am 9. November 2025 bei der Gedenkstunde anlässlich des 87. Jahrestags des Pogroms gegen die Juden der Stadt eine vielbeachtete Rede. Diese gibt die Redaktion von groeschlerhaus mit freundlicher Genehmigung des Redners hier wieder. Zur Gedenkstunde, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, den Kirchen Jevers und der Stadt Jever organsiert wurde, kamen rund 150 Menschen vor dem GröschlerHaus und der sich hier befindenden Gedenktafel für die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörte Synagoge Jevers zusammen.

Liebe Anwesende,

wieder einmal stehen an diesem Ort, an dem einst die Synagoge Jevers stand, Menschen am 09. November zusammen und wieder einmal erinnern wir daran, dass am gleichen Datum des Jahres 1938, also vor 87 Jahren an dieser Stelle – wie an so vielen anderen Stellen des damaligen Deutschlands – die Synagoge gezielt und vor aller Augen demoliert und in Brand gesteckt wurde. Ernsthafte Bemühungen, die brennenden Synagogen vor den Flammen der Zerstörung zu retten, gab es praktisch nirgendwo. Im Gegenteil wurde darauf geachtet, dass sie ein vollständiger Raub der Flammen wurden. Die Feuerwehr passte aber gut auf die benachbarten Gebäude auf und verhinderte ein Übergreifen der Flammen. Dafür wurde sie hinterher in Jever sogar offiziell besonders belobigt und mit einer Prämie bedacht. Etwa 1.500 in der Hauptsache jüdische Deutsche wurden in dieser Nacht ermordet, unzählige in Lager oder Gefängnisse gesteckt, in denen weitere gequält und getötet wurden. 1.500 Synagogen wurden zerstört. Beschimpft, verprügelt und durch die Straßen gehetzt wurden unzählige jüdische Deutsche in dieser Nacht – und dies war nur der grausame Vorgeschmack auf das, was die NS-Deutschen noch tun sollten.

Schulleiter Jürgen Ploeger-Lobeck während seiner Rede. Foto: H. Peters

Und die ganz normalen nichtjüdischen Menschen? Was taten die in dieser Nacht? Wenn sie nicht selber als Täter mitmachten, schauten sie weg – oder zu, manche begeistert, manche vielleicht im Geheimen entsetzt, nach außen aber undurchschaubar; die allermeisten nichtjüdischen Menschen trugen diese von den Nazis zynisch so titulierte „Reichskristallnacht“ inhaltlich in ihrer Menschenverachtung voll und ganz mit. So auch hier in Jever; oder besser: gerade hier in Jever.

Ich sage gerade hier in Jever, denn die Wahlergebnisse für völkisch-nationalistische Parteien hatten im Jeverland schon früh Sphären erklommen, die weit oberhalb der Reichsergebnisse lagen. Antisemitismus war bei uns schon vor 1933 an vielen Stellen spürbar, danach wurde er allgegenwärtig. „Wer den Juden kennt, kennt den Teufel“ – so konnte man auf einem Spruchband 1936 in der Stadt lesen; einem Spruchband von vielen. Das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ war an gleich drei Stellen in der Jever in öffentlichen Kästen ausgestellt. Und mit dem Jeverschen Wochenblatt hatte man eine Tageszeitung, die schon in den 20er Jahren antisemitisch, völkisch-nationalistisch im Sinne der Nazis hetzte. So verwundert es auch nicht, dass es in einer Ausgabe des Wochenblatts kurz nach dem Novemberpogrom von 1938 wörtlich heißt: „Jeder bodenständige Einwohner hat sich allezeit mit Abscheu abgewandt von diesem widerlichen und uns innerlich wie äußerlich fremden Treiben der Juden. […] Vielleicht dauert es nicht mehr lange und der letzte Jude hat unserer Heimat endgültig den Rücken gekehrt. Dann hat ein 250jährges unrühmliches Gastspiel endlich sein Ende gefunden.“ Stärker kann man seine ruchlose Menschenfeindlichkeit rhetorisch nicht betonen, und klarer lässt sich der ausgemachte Feind nicht markieren und ins Fadenkreuz nehmen. Leider gelang es der nationalsozialistisch denkenden und handelnden Mehrheit der Deutschen das im Zitat vom endenden unrühmlichen jüdischen Gastspiel geäußerte Ziel bis 1945 fast vollständig zu erreichen.

Auch das Mariengymnasium, als dessen Schulleiter ich hier heute sprechen darf, bildete nicht – wie ich es mir heute wünschte – eine rühmliche Ausnahme. Ganz im Gegenteil! Schon in den 20er Jahren befand sich die inoffizielle Parteizentrale der NSDAP Jevers im Bühnenraum neben der Aula des MGs, dessen Kollegium schon da von Nationalsozialisten durchsetzt war. Ende der 20er Jahre vertrieb man mit Georg von der Vring den vermutlich loyalsten Republikaner im Kollegium, der in der Aula am Verfassungstag eine glühende Rede gegen den Krieg und für die Weimarer Demokratie hielt – sehr zum Missfallen der meisten seiner Lehrerkollegen, die ihn ihren Groll spüren ließen. Der Zeichenlehrer, Romancier und Naturlyriker verließ schließlich 1929 entnervt das MG und Jever. Er kehrte nicht wieder zurück.

Der an der Synagogengedenktafel niedergelegte Kranz. Foto: H. Peters

In unserer Aula hing passenderweise ein paar Jahre später in den 30er Jahren das Porträt Hitlers in zentraler Position, Maria von Jevers Porträt wurde an die Seite verbannt, heute hängt es in meinem Büro. Wie das Mariengymnasium tickte und welche Geisteshaltung es vertrat, wurde schon vor 1933 ganz offenbar, denn es war nicht nur das Kollegium antisemitisch, sondern auch Eltern und Schüler. So schrieb der vorher in Hannover und Wilhelmshaven beschulte Max Biberfeld 1978 in einem Brief an Schüler*innen des MGs über seine Zeit am Ende der 20er Jahre hier: “Was ich im Mariengymnasium als Jude auszustehen hatte, hat mir einen Schock fürs Leben versetzt, andererseits das Leben gerettet, weil ich nach 1933 bald auswanderte, da ich wusste, was ich zu erwarten hatte.“ Nachdem er das MG schnell wieder in Richtung Wilhelmshaven verlassen hatte, wurde er in Münster Diplom-Volkswirt und siedelt 1936 nach Palästina über. Er pflegte über 30 Jahre nach Kriegsende intensiven brieflichen Austausch mit der Schüler*innengruppe unter der Leitung von Hartmut Peters, die die mit aller Macht verdrängte Geschichte des MGs und die des jüdischen Jevers ans Licht der Öffentlichkeit und ins Bewusstsein der Menschen brachte. Max Biberfeld empfing auch gastfreundlich Schüler*innen aus Jever bei sich zu Hause, wollte aber Deutschland und Jever nicht wiedersehen. Kein Wunder, starben doch seine beiden Eltern im Ghetto von Riga bzw. im KZ Stutthof. Die Familie wohnte übrigens in dem Haus, in dem heute Mode Wübbenhorst untergebracht ist.

Nach 1933 erlaubte sich die Gesamtkonferenz des Mariengymnasiums gegen die ersten neuen Vorgaben der Nazis vorzugehen. Die Nazis hatten verfügt, dass alle Juden einer Schule nur noch in einer einzigen Klasse zu unterrichten seien, um den Kontakt zu den „arischen“ Schülern zu minimieren. Die Gesamtkonferenz des Mariengymnasiums jedoch protestierte dagegen – aber nicht etwa, weil den Lehrern die Vorgabe unangemessen oder gar unmenschlich erschien, nein! Sie wollten die vier trotz des schon lange grassierenden Antisemitismus am Mariengymnasium verbliebenen jüdischen Schüler gleich ganz loswerden, statt sie nur innerhalb der Schule auszusondern; die Gesamtkonferenz wollte die vier gleich gar nicht mehr beschulen. Die Intervention der Schule zeigte den bei den Nazis so beliebten vorauseilenden Gehorsam und war vermutlich nicht zuletzt deshalb im Handumdrehen erfolgreich. Und so wurden Hans und Walter Gröschler sowie Heinz Isaac und Gert Sternberg trotz bestandener Aufnahmeprüfung nicht am MG aufgenommen, eben einfach nur weil sie Juden waren. Der frisch zum Direktor beförderte Nationalsozialist Gottschalck konnte sich nun rühmen, das MG schon 1933 „judenfrei“ gemacht zu haben – herzlichen Glückwunsch!

Heute als sein Nachnachfolger sage ich Ihnen, dass mir kein Kapitel der Schulgeschichte derart unangenehm und befremdlich ist wie die Rolle des MGs zur Zeit des Nationalsozialismus und die 15 Jahre davor. Man kann sich kaum dazu verhalten, so falsch, so grausam, so gezielt menschenfeindlich war die ganze fürchterliche Episode. Das MG war leider eines dieser vielen Rädchen im großen Räderwerk der nationalsozialistischen Deutschen, das zig Millionen Menschen schließlich in den Tod, sechs Millionen in den Holocaust führte. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass es diese Geschichten der würdevollen Haltung von Menschen am MG gäbe, die vielleicht ihren jüdischen Mitschülern beistanden und sich solidarisch mit ihnen zeigten oder von Lehrkräften, die Unterstützung für ihre jüdischen Schüler anboten. Diese Geschichten gibt es jedoch zu meinem Bedauern nicht.

Für die antisemitische Haltung und das daraus sich ableitende schändliche Verhalten vieler Menschen am MG zwischen 1918 und 1945 habe ich vor zwei Jahren die Nachkommen der jüdischen Menschen Jevers bei ihrem Besuch in der Schule um Verzeihung gebeten, als diese aus Anlass des 450-jährigen Schuljubiläums zu Gast waren. Es war nur eine Geste, die nichts von dem, was geschehen ist, wiedergutmachen kann.

Für die Gegenwart begreife ich diese schlimmste Episode der Schulgeschichte als Mahnung, solch Verhalten und Haltungen nie wieder möglich werden zu lassen. Dafür tun wir am Mariengymnasium vieles und werden dies auch weiterhin tun. Es ist leider mitnichten so, dass wir nicht auch heute eine zunehmende Radikalisierung an der Schule feststellen müssten. Seien es anarchistische oder kommunistische Tendenzen v.a. bei  Oberstufenschüler*innen, bei denen im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg auch unterschwellig antisemitische Tendenzen zu erkennen waren. Oder seien es Mittelstufenschüler, die eher aus Unkenntnis oder aus Lust an der Provokation Nazisymbolik verwenden. Manchmal sind es auch Eltern, die eine erstaunliche Dickfelligkeit besitzen, wenn es ums eigene Kind und sein Fehlverhalten geht und derartige Auswüchse decken. Doch seien Sie unbesorgt: wir gehen gegen jeden einzelnen uns bekanntwerdenden Fall konsequent vor.

Außerdem bemühen wir uns sehr breitflächig um Aufklärung und Prävention. Allein in diesem Schuljahr schon haben wir in allen Klassen der Jahrgänge 9 und 10 das Klassenzimmertheaterstück „Wer war Fritz Levy?“ zu Gast gehabt. So haben unsere 14-16-Jährigen etwas über den „letzten Juden von Jever“ gelernt.

Wir hatten mit dem Ehepaar Hepburn erneut Nachkommen der ehemaligen jüdischen Menschen Jevers zu Besuch, die sich mit unseren Schüler*innen der 11. Klassen über das Schicksal ihrer Familie, den Hartogs, ausgetauscht haben.

Und auch die Jahrgänge 12 und 13 bekamen in einem Vortrag von Hartmut Peters wertvolle Informationen über die Nazizeit am MG und über das Kriegsende im Jeverland bzw. Wilhelmshaven. Hier haben nach meiner Beobachtung besonders die Bilder Wirkung entfaltet, auf denen die ihnen vertraute Schule als Kulisse für das schaurige Leben im NS-Staat diente.

Just in der letzten Woche hatten wir den Staatsschutz bei uns zu einer Präventionsreihe zu Gast, bei der unsere 8. Klassen besucht wurden und für die Themen Radikalisierung, Extremismus, verbotene, verfassungsfeindliche Kennzeichen und Einfluss von digitalen Medien auf die aktuelle Zunahme dieser Phänomene sensibilisiert wurden.

Sie erkennen, dass wir uns bemühen, die Erinnerung wach zu halten und sie lebendig zu machen, damit Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit am MG und hoffentlich in Jever keine Chance haben.

Seit wenigen Jahren haben wir auch wieder jüdische Schüler*innen an der Schule, worüber ich mich besonders freue. Und ganz neu in diesem Schuljahr gibt es zum ersten Mal seit ca. 90 Jahren wieder jüdischen Religionsunterricht. Dieser wird zwar in Oldenburg erteilt und bedeutet durch die lange Anfahrt eine durchaus signifikante Zusatzbelastung für die teilnehmenden Kinder und deren Eltern, aber doch ist der jüdische Religionsunterricht etwas Großartiges.

Und so können wir am Ende eben doch sagen, dass das „250jährige Gastspiel“, von dem das Wochenblatt kurz nach dem Pogrom am 09.11.1938 schrieb, kein Ende gefunden hat. Das jüdische Leben in Deutschland existiert weiter, und es wächst zahlenmäßig seit Jahren beständig. Heute leben geschätzt etwa 150.000 bis 200.000 jüdische Menschen in Deutschland und damit immerhin wieder etwa ein Drittel der Zahl, die es 1933 war. Allem mörderischen Tun der Nazis zum Trotz! Die Vergangenheit lehrt uns, dass es an uns ist, dafür zu sorgen, dass sich gerade unsere jüdischen Mitmenschen in diesem Deutschland wohlfühlen! Die rauer werdenden Zeiten gemahnen uns zur Aufmerksamkeit. Lassen Sie uns gemeinsam den Blick auf den Frieden zwischen allen Menschen in der Welt heften, besonders fest aber in Deutschland und für uns hier in Jever. Lassen Sie uns gemeinsam alles in unseren Kräften Stehende für diesen Frieden zwischen allen Menschen tun. Shalom chaverim!

Beitrag veröffentlicht am