Bericht des GröschlerHauses für das Jahr 2016

Im Jahr 2016 kamen über 1.000 Besucher in das GröschlerHaus Jever, das Zentrum für jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland-Wilhelmshaven in der jeverschen Großen Wasserpfortstraße. Bei Veranstaltungen, die nicht im GröschlerHaus selbst stattfanden, wurden ca. 500 Personen gezählt. Die Steigerung um gut das Doppelte zum Vorjahr im GröschlerHaus führt Hartmut Peters vom gleichnamigen Arbeitskreis auf das zunehmende Interesse der Schulen der Region, spezielle Veranstaltungen und den sogenannten Bildungstourismus zurück:

„Immer mehr Lehrer wollen Geschichte auch konkret vermitteln, z.B. an einem außerschulischen Lernort. Und das bieten wir am Standort der 1938 zerstörten Synagoge, wo glücklicherweise die Keller-Mikwe erhalten blieb. Der jüdischen Friedhof, den wir außerdem anbieten, ist eine Zeitreise in eine Epoche, die erstaunlich gut bei jungen Menschen ankommt, die sonst eher wenig an Grabsteine denken. Dann kommen verstärkt die Touristen, die bei ihrem Tag Jever nicht nur Schloss und Brauhaus interessiert, sondern auch die Zeitgeschichte der Region, in der sie ihren Urlaub verbringen.“

Auf einen besonderen Zulauf stieß die im Juni eröffnete und vom Arbeitskreis erarbeitete Fotoausstellung über die Synagogen in Nordwestdeutschland „Nur Bilder blieben.“ Es war der erste Überblick über die vom nationalsozialistischen Deutschland und ihren lokalen Handlangern beim Novemberpogrom von 1938 verübten Zerstörungen von Synagogen in Nordwestdeutschland.

Christel Schwarz überreichte am 8. März 2016 im GröschlerHaus einem Vertreter des Gemeinderats von Zetel das Beispiel einer Gedenktafel für seine 1943 aus Zetel nach Auschwitz deportierten Familienangehörigen. (Foto C. Hinz)

Bis auf den letzten Platz besucht war die Veranstaltung mit dem Sinto Christel Schwarz aus Oldenburg, der im März 2016 über die Deportation seiner Großeltern, seiner Mutter und weiterer Familienangehöriger von Zetel nach Auschwitz im Jahre 1943 berichtete. Im Anschluss fand eine längere Diskussion darüber statt, dass der Gemeinderat von Zetel die Einrichtung einer Gedenktafel für die fast alle in Auschwitz ermordeten Zeteler Sinti ablehnt.

Als weitere wichtige Stationen des Jahres sind zu nennen: die öffentliche Bekanntgabe der Entdeckung des Verstecks der Jüdin Erna Hirche auf dem Dachboden des ehemaligen Kinos im „Concerthaus“ am Alten Markt, die Aufführung des Films „Die Sonne geht nicht wieder auf“ unter Anwesenheit des Filmemachers Farschid Ali Zahedi zusammen mit den „Kinofreunden Jever e.V.“ und der von vielen als Sensation empfundene Fund einer Architekturaufnahme der jeverschen Synagoge, von der bisher nur sehr schlechtes Fotomaterial vorlag.

Hier versteckte sich 1943 die Jüdin Erna Hirche, die den Holocaust überlebte. Die Entdeckung des Verstecks 2015 wurde nach vergeblichen Kontaktversuchen mit dem Hauseigentümer erst ein Jahr später veröffentlicht. (Foto H. Peters)

Hartmut Peters legte auf Anfrage der Stadt Schortens dieser 2016 eine schriftliche Expertise über die nationalsozialistische Belastung zweier Offiziere der Wehrmacht vor, nach denen in Upjever seit der NS-Zeit zwei Straßen heißen. Der Text führte, als er von Ratsmitgliedern veröffentlicht wurde, zu erregten Diskussionen vor allem unter den Anwohnern der Straßen, zu einer öffentlichen Veranstaltung im Bürgerhaus, auf der der Potsdamer Militärhistoriker Dr. Vogel neben Peters weiteres belastendes Material vortrug, und schließlich zur Umbenennung der beiden Straßen. Der Vorschlag von Peters, die Straßen nach Stanislaw Maczek und Josef Rosensaft zu benennen, fand allerdings keine Berücksichtigung.

Außer mit den „Kinofreunden Jever e.V.“ und der Stadt Schortens arbeitete der Arbeitskreis GröschlerHaus, der eine Arbeitsgruppe innerhalb des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins e.V. darstellt, vor allem mit Dr. Antje Sander und Holger Frerichs vom Schlossmuseum Jever zusammen, außerdem mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. Oldenburg und den Schulen der Stadt.

Ansteigendes Interesse erfährt auch die Website des GröschlerHauses www.groeschlerhaus.eu, die sich zu einem Internetmagazin mit gegenwärtig 130 Artikeln über Friesland und Wilhelmshaven von u.a. Holger Frerichs, Werner Menke und Hartmut Peters entwickelt hat. Integriert ist die Rubrik www.erinnerungsorte-friesland.de, die bisher 25 geographische Punkte der Region mit einem besonderen Bezug zur NS-Ära darstellt. Der hier zuletzt eingestellte Beitrag ist ein Forschungsbericht von Holger Frerichs über den Mord an einem polnischen Zwangsarbeiter 1944 auf einem Gehöft bei Jever. Im Jahre 2016 kam die Website auf 38.000 Klicks, während es im Jahr davor 16.000 waren. Der virtuelle Zwilling des GröschlerHauses wird von Lehrern in den Geschichtsunterricht einbezogen, hat inzwischen regelmäßige Nutzer auch im Ausland und bekommt immer wieder Anfragen, die von den Mitarbeitern der Seite beantwortet werden.

Für das Jahr 2017 erhofft sich der Arbeitskreis den Umbau der Räumlichkeiten, die Erweiterung der analogen und digitalen Angebote, die weitere Vernetzung mit vergleichbaren Initiativen sowie einen guten Start in die geplante Publikationsreihe „Schriften zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Juden im Landkreis Friesland“.

Anregung, die Schumacher- und die Edertstraße in Upjever in Stanislaw-Maczek- bzw. Josef-Rosensaft-Straße umzubenennen

Ergänzung / 31.1.2017: Am 16. Juni 2016 beschloss der Rat der Stadt Schortens auf Antrag der Fraktion der Grünen mit den Stimmen der Grünen, der SPD, der FDP, einem Teil der BfG und der Stimme von Bürgermeister Böhling die Umbenennung der Schumacherstraße und der Edertstraße in Upjever. Dagegen stimmten CDU und UWG.  Am 27. August 2016 beschloss der Stadtrat mit den Stimmen von SPD, FDP und Grünen gegen die Stimmen von CDU und der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) die neuen Namen „Am alten Fliegerhorst“ (Schumacherstraße) und „Zum Upjever Forst“ (Edertstraße) mit Geltung zum 1. Oktober 2016. Zwei neue Planstraßen in dem Siedlungsgebiet sollen „Zu den Krickmeeren“ und „Zum Engelsmeer“ heißen. Hiermit heißen die Straßen der für die Region historisch bedeutenden Siedlung nach Flurnamen. Die Namen waren –  wie alternative andere auch – von Bürgern vorgeschlagen worden. Selbst nach dieser Entscheidung hielt bei Teilen der Bevölkerung die Kritik an der Tilgung der alten Namen an.

Von Hartmut Peters, Februar/Mai 2016

Während der Ära des Nationalsozialismus benannte die damalige Administration die beiden Straßen der Flugplatzsiedlung Upjever nach Militärs, die auf dem Militärflugplatz, dessen Aufbau bereits unmittelbar nach der sog. „Machtübernahme“ 1933 in Angriff genommen worden war, eine Rolle gespielt hatten. Carl-Alfred Schumacher und Hermann Edert sind z.T. stark mit der NSDAP und dem ohne Umschweife geplanten und schließlich 1939 vollzogenen Angriffskrieg verbunden. Trotz der immer bekannten und immer wieder in zeitlichen Abständen seit den 1980er Jahren öffentlich kritisierten Verbindung der Personen zum NS-Regime und zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Deutschlands gegen die europäischen Nachbarn sind die Straßennamen bis heute gültig. Das erstaunt und hinterlässt ein mehr als schales Gefühl bei vielen, die die Geschichte kennen.

 

Carl-Alfred Schumacher (links) und Hermann Göring (vorn) am 27. Februar 1940 auf dem Flugplatz von Upjever (Archiv H. Peters)

Carl-Alfred Schumacher (links) und Hermann Göring (vorn) am 27. Februar 1940 auf dem Flugplatz von Upjever (Archiv H. Peters)

Carl-Alfred Schumacher (1896 – 1967) trat bereits am 1. November 1930 in die NSDAP ein, das frühe Eintrittsdatum weist ihn als überzeugten Anhänger aus.  Er verband anschließend sein Wirken zunehmend eng mit dem verbrecherischen Kriegshandeln von NS-Deutschland, bis er schließlich zum Zeitpunkt des Endkampfes und der totalen Niederlage 1945 im inneren Zirkel der Luftwaffe und der Nationalsozialistischen Führungsoffiziere (NSFO) angekommen war. Der ehemalige Weltkriegs-Eins-Pilot wurde unmittelbar nach der „Machtübernahme“ der NSDAP im März 1933 unter gleichzeitiger Ernennung zum Oberleutnant durch Berlin für die aufzubauende Luftwaffe reaktiviert. Es ist wichtig zu wissen, dass Hitler bereits zu diesem Zeitpunkt und im Verein mit Führungskräften der Reichswehr den Angriffskrieg zur Revision der Versailler Verträge in konkrete Planung setzen ließ. Wilhelmshaven als  Marinestadt bekam für den Kriegsplan eine besondere Bedeutung und wurde zur größten Waffenschmiede des Reichs ausgebaut. In diesem Zusammenhang militariserten die nationalsozialistischen Planer fast flächendeckend auch das friesländische Hinterland der ihre Einwohnerzahl nunmehr fast verdoppelnden Großstadt. Ab 1937 wirkte Schumacher, nunmehr Major, eine Zeit als Staffelkapitän beim 1936 in Betrieb genommenen Flugplatz Upjever und dann als Flugplatzkommandant. Er nahm anschließend Teil an der Annexion des Sudetenlands Ende 1938 und der Besetzung und Zerschlagung der Tschechoslawakei im März 1939. Stationiert im annektierten Pilsen, wirkte er am Überfall auf Polen im September 1939  mit. Jetzt Oberstleutnant, wurde Schumacher  nach der polnischen Niederlage Ende 1939 Kommodore des Jagdgeschwaders 1, dessen Stab sich in Jever befand. Nun war er am Krieg gegen das mit Polen verbündete England beteiligt. Schumachers Gruppe gelang es in der ersten Phase des Luftkriegs, Vorstöße englischer Bomber auf das deutsche Küstengebiet abzuwehren. Nach einem  aus deutscher Sicht erfolgreichen Gefecht über der südlichen Nordsee am 18. Dezember 1939 wurde Schumacher  als „Held der Luftschlacht über der Deutschen Bucht“ reichsweit gefeiert und Luftwaffen-Chef Hermann Göring inspizierte Ende Februar 1940 den Flugplatz Upjever. Anschließend setzte Schumacher seine Karriere an anderen Einsatzgebieten fort.

Nach dem Nordsee-Gefecht besuchte NS-Prominenz das Jagdgeschwader Upjever. V. r.: Kreisleiter Flügel, Schumachers Adjutant Müller-Trimbusch, Schumacher, Gauleiter Röver, Miinisterpräsident Joel (Oldenbg. Staatszeitung, 27.12.1939)

Nach dem Nordsee-Gefecht besuchte NS-Prominenz das Jagdgeschwader Upjever. V. r.: Kreisleiter Flügel, Schumachers Adjutant Müller-Trimbusch, Schumacher, Gauleiter Röver, Miinisterpräsident Joel (Oldenbg. Staatszeitung, 27.12.1939)

Im Januar 1944 erreichte Schumacher den Rang des Generalmajors. Ab Oktober 1944 wirkte er als mitstimmender Offizier am von Berlin nach Torgau an der Elbe verlegten Reichskriegsgericht und war nachweislich an Todesurteilen gegen Verweigerer beteiligt und Zeuge bei Hinrichtungen mit dem Fallbeil.  Am 30. Januar 1945 wurde er Chef des Führungsstabes der Nationalsozialistischen Führungsoffiziere (NSFO) im Oberkommando der Luftwaffe im Reichsfuftfahrtministerium Görings und hatte diese Funktion bis Kriegsende inne. Die NSFO sollten nach der Niederlage von Stalingrad im „totalen Krieg“ die Übereinstimmung von Soldatentum und „nationalsozialistischer Weltanschauung“ herstellen, um so Aggressivität und Opferbereitschaft für den „Endsieg“ zu stärken. Die auf Weisung von Hitler vom Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, des 1946 in Nürnberg hingerichteten Wilhelm Keitel, erlassene Verfügung über die „weltanschauliche Führung“ vom 6. Februar 1944 listet die Auswahlkriterien auf: „a) bedingungsloser Nationalsozialist, b) besonderer Persönlichkeitswert, c) hervorragende Frontbewährung, d) Erfahrungen und praktische Fähigkeiten in der politisch-weltanschaulichen Führung und Erziehung.“ (Bundesarchiv RW 6/490) Schumacher erfüllte ganz offenbar diese Kriterien und war so als Führungsoffizier geeignet.  Zur Verdeutlichung: Generalmajor Schumacher war nicht nur ein NSFO, wie es auch der deutlich niederrangigere Franz-Josef Strauß war, sondern Chef aller NSFO der Luftwaffe. Betrachtet man Schumachers Karriere  vom Erstarken der NS-Bewegung um 1930 über das „1000jährige Reich“  bis zur totalen Niederlage von 1945, weist ihn sein kohärentes Handeln als überzeugten und zunehmend fanatischen Mitorganisator der Kriegspläne Deutschlands, des die gesamte Welt verheerenden Krieges und im besonderen Maße als bedingungslosen Nationalsozialisten und Verfechter des „Endsieges“ aus.

Carl-Alfred Schumacher am 19.12.1939 bei der Reichspressekonferenz in Berlin anlässlich des "großen Luftsiegs über der deutschen Bucht", rechts Reichspressechef Otto Dietrich

Carl-Alfred Schumacher am 19.12.1939 bei der Reichspressekonferenz in Berlin anlässlich des „großen Luftsiegs über der deutschen Bucht“, rechts Reichspressechef Otto Dietrich

Von Mai 1945 bis April 1947 in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft, wurde Schumacher  im August 1948, also nach der Währungsreform,  als sog. „Mitläufer“ entnazifiziert. „Entnazifizierung“  ist insofern zutreffend, als dieses nur ursprünglich direkt nach Kriegsende 1945 scharfe Schwert zu diesem Zeitpunkt faktisch gleichbedeutend mit der Schaffung der formalen Voraussetzung war, sich in das weitere Berufsleben reintegrieren zu dürfen. Aus der Zeit stammt die  anschaulich-volkstümliche Bezeichnung „Persilscheine“ für die zur „Reinwaschung“ vom Schmutz der NS-Zeit vorzulegenden Ehrenerklärungen.  Die Aufnahme von ehemaligen NS-Aktivisten in die Funktionselite der Bundesrepubik bahnte sich an und damit das, was Historiker „die zweite Schuld“ nennen: das bis in die 1990er Jahre reichende Kartell  der an Verschweigen und Verdrängen der NS-Zeit Interessierten.  Es ist zweifelhaft, ob Schumacher 1948 den Entscheidern alle Fakten seines Lebenslaufs offenbarte. (Leider ist die Entnazifizierungsakte bisher nicht aufgefunden worden.) Zeitweise wieder wohnhaft in Jever, schloss sich Schumacher wie viele vormalige NS-Funktionsträger dem Parteienbund BHE/DP an (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten, Deutsche Partei), über das er 1953 in den Niedersächsischen Landtag gelangte. Von den 33 Abgeordneten der BHE/DP-Fraktion im Landtag waren zu diesem Zeitpunkt 28 zuvor Mitglied der NSDAP gewesen. Selbst in den problematischen Reihen des BHE waren nur wenige konkret mehr belastet als Schumacher. Viele Abgeordnete der CDU und der FDP und selbst einige der eher unverdächtigen SPD hatten eine mehr als nur karteitechnische NS-Vergangenheit.  1958 wechselte Schumacher von dem sich auflösenden BHE zur kränkelnden DP und schied, zuletzt kurzzeitig wie einige andere ehemalige BHEler  in die CDU-Fraktion aufgenommen,  1963 aus dem Landtag aus.

Major Hermann Edert, ca. 1937 auf dem Flugfeld von Upjever (Archiv H. Peters)

Major Hermann Edert, ca. 1937 auf dem Flugfeld von Upjever (Archiv H. Peters)

Die Edertstraße heißt so, weil unter einem Major Hermann Edert (geb. 1901) ab Juli 1936, anschließend an die Einweihung des Flugplatzes am 1. Mai 1936, der Stab des zentralen Jagdfliegergeschwaders aufgebaut wurde und unter Edert als Horstkommandanten ein weitere Ausbau der Infrastruktur und wohl auch, soweit gegenwärtig bekannt,  die Fertigstellung der Flugplatzsiedlung erfolgte. Edert war ab 1919 Mitglied des rechtsradikalen Freikorps „Brigade Hermann Ehrhardt“ und im März 1920 in Berlin am gescheiterten Kapp-Putsch gegen die Reichsregierung beteiligt gewesen, bevor er zeitweise regulärer Marinesoldat wurde. 1933 trat er in die NS-Luftwaffe ein.  In Jever blieb Edert 1937 nur bis zum September. Er empfahl seinen Stellvertreter Schumacher als Nachfolger. Im Krieg war er unter anderem als Pilot und in der Pilotenausbildung tätig und wirkte ab 1943 im Range eines Oberst als Chef des deutschen Verbindungsstabes in der verbündeten ungarischen Luftwaffe. Vermutlich ist Edert weit weniger belastet als Schumacher. Er, dessen persönliche „Leistung“ – in welcher Hinsicht auch immer – unbedeutend ist,  erschöpft sich als Galionsfigur und Repräsentant einer Traditionspflege, die die Nationalsozialisten bei der Namensgebung der Straße zu begründen suchten und die heutigen Maßstäben, zumal ziviler Kommunen, widerspricht.

Straßennamen sind Ausdruck von Ehrung. Schumacher- und Edertstraße erzeugen ein Bild geschichtlicher Kontinuität, das nicht das der Stadt Schortens von heute bleiben darf. Auch erfolgte die Bennenung der Straßen seinerzeit offenbar durch die Wehrmacht und nicht durch die Kommune (damals Oestringen). Der Beschluss der Beibehaltung der Namen wäre der öffentliche Beschluss der Benennung der Straßen. Im übrigen distanziert sich die Bundeswehr im Rahmen ihrer Traditionsaufarbeitung seit Jahren von Namen, die durch die menschenverachtende Ideologie und Praxis der NSDAP und den völkerrechtswidrigen Aggressionskrieg belastet sind. Das sollte in einem noch viel höheren Maße für eine zivile Kommune gelten. Die Bundesrepublik will „dem Frieden der Welt“ (Grundgesetz, Präambel) dienen.

Ich schlage zur Abhilfe des offensichtlichen öffentlichen Missstands vor, die Straßen nach zwei Persönlichkeiten zu benennen, die einen Bezug zur deutschen Geschichte und zum Flugplatz Upjever besitzen, die zweitens ehrenswert sind und deren Namen auf einem Straßenschild drittens für eine gelebte Erinnerungskultur in Schortens stehen würden: Stanislaw Maczek und Josef Rosensaft.

 

Generalleutnant Guy Simonds, Kommandant „First Canadian Army“, General Stanislaw Maczek und ein unbekannter Soldat am 19. Mai 1945 auf dem Flugfeld von Upjever (Archiv H. Peters)

Generalleutnant Guy Simonds, Kommandant „First Canadian Army“, General Stanislaw Maczek und ein unbekannter Soldat am 19. Mai 1945 auf dem Flugfeld von Upjever (Archiv H. Peters)

Stanislaw Maczek (1892 – 1994): Zu den Besonderheiten unserer Regionalgeschichte gehört, dass Einheiten der polnischen Westarmee, eingebunden in die britischen Armee, am 6. Mai 1945 Wilhelmshaven und den nördlichen Teil von Friesland vom Nationalsozialismus befreiten. Die 1. Polnische Panzerdivision unter dem Kommando von General Stanislaw Maczek hatte bereits zuvor, nach ihrer Landung in der Normandie 1944 bei der Schlacht von Falaise, einen wichtigen Teil zur Niederringung des NS-Terrorregimes geleistet. Stanislaw Maczek nahm im Mai 1945 in einer Heidmühler Villa Quartier und weilte am 19. Mai 1945 zusammen mit weiteren anderen hohen Militärs auf dem Flugfeld von Upjever, wo ein Feldgottesdienst und eine Ehrung polnischer und britischer Soldaten stattfanden. In den Kasernen des Flugplatzes waren die polnischen Soldaten untergebracht.

General Stanislaw Maczek mit dem General of the Army Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, 1944/45 (Archiv H. Peters)

General Stanislaw Maczek mit dem General of the Army Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, 1944/45 (Archiv H. Peters)

Maczek genoss unter Alliierten wie Eisenhower und Montgomery großes Ansehen. Seit der Wende 1990 hat auch Polen den nichtkommunistischen Maczek, der Ehrenbürger der Niederlande ist und in Breda begraben liegt, mehrfach geehrt. 1994 erhielt er die höchste Staatsauszeichnung Polens, zahlreiche Straßen und Schulen heißen nach ihm. Während für das polnische Geschichtsbewusstsein der Anteil der Westarmee an der Niederschlagung des Nationalsozialismus und der Befreiung der Heimat von der deutschen Okkupation selbstverständlich ist und die Einnahme der wichtigen Marineregion Wilhelmshaven eine besondere Rolle spielt, ist diese Episode Deutschen nahezu unbekannt. Das ist umso bedauerlicher, als ohne den Einsatz von Soldaten wie diesen Deutschland nicht vom Terrorregime des Nationalsozialismus befreit worden wären, da alle Widerstandsbewegungen scheiterten.

 

Josef Rosensaft (Mitte, heller Mantel) zusammen mit den letzten Emigranten aus dem DP Camp Upjever auf dem Bahnhof von Jever im August 1951 (Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Josef Rosensaft (Mitte, heller Mantel) zusammen mit den letzten Emigranten aus dem DP Camp Upjever auf dem Bahnhof von Jever im August 1951 (Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Josef Rosensaft (1911 – 1975): Bei Bergen-Belsen denkt man an das 1945 befreite Konzentrationslager und die dort von den entsetzten britischen Soldaten vorgefundenen Leichen der Opfer. Selten denkt man an das hier nach dem Abriss der verseuchten Baracken eingerichtete größte Camp Nachkriegsdeutschlands für jüdische Displaced Persons (DPs), in dem außer den Befreiten auch die Überlebenden vieler anderer Lager bis zu ihrer Auswanderung oder Repatriierung Unterkunft fanden. Fast unbekannt aber ist, dass die Geschichte des „Bergen Belsen D.P. Hohne Camp“ in den Personalbauten des ehemaligen NS-Flugplatzes Upjever zu Ende ging. Das „Resettlement Transit Camp Jever“ gehört zu den wichtigen Erinnerungsorten nicht nur Frieslands, sondern weit darüber hinaus, denn hier wurde das Kapitel der Geschichte der Holocaust-Überlebenden der britisch besetzten Zone Deutschlands und ihrer Selbstverwaltung 1950/51 abgeschlossen.

Der in Bedzin bei Krakau geborene Josef Rosensaft überlebte Auschwitz und Bergen-Belsen, wo er nach der Befreiung in das „Zentralkomitee der befreiten Juden in der britisch besetzten Zone“ gewählt wurde. Er war der wichtigste Verhandlungspartner der Briten in allen die Interessen der jüdischen DPs betreffenden Fragen, insbesondere der Auswanderung nach Palästina bzw. Israel. Als das DP Camp Bergen Belsen aus militärischen Gründen aufgelöst wurde, setzte der streitbare Rosensaft die Verlegung der letzten ca. 1.500 noch nicht ausgewanderten, traumatisierten und häufig physisch kranken Überlebenden nach Upjever durch, weil er in den von den abgezogenen dänischen Besatzungstruppen in einem guten Zustand hinterlassenen Gebäuden, insbesondere im Krankenhausbau,  die besten Bedingungen sah. Hier befand sich zuletzt der Sitz des genannten Zentralkomitees. Rosensaft wohnte zeitweise in Upjever und organsierte 1951 die Auflösung vor Ort.

Auf Hinweis von Dr. Thomas Rahe, dem Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, wurde vorab der Sohn Menachem Z. Rosensaft, NYC, gefragt, ob er einverstanden wäre, wenn ein solcher Straßenname von der Stadt beschlossen würde. Denn auch eine Ablehnung durch die Familie wäre denkbar. Mr. Rosensaft: „Having a street in Upjever – known to the DP´s as Jever – named for my father is a beautiful and meaningful gesture of which I approve wholeheartedly. [..] Needless to say, if at all possible, I would like to attend the ceremony.” (30.1.2016)  Der 1948 in Bergen-Belsen geborene Rosensaft ist der Gründer des „International Network of Children of Jewish Holocaust Survivors“, Vorsitzender des „Holocaust Survivors´ Memoirs Project“ zusammen mit Yad Vashem, Israel, und seit 2008 Chefjustitiar des World Jewish Congress (WJC). Seine Mutter Hadassah Rosensaft geb. Bimko (1912 – 1997) überlebte wie ihr Ehemann Auschwitz und Bergen-Belsen. Sie war eine treibende Kraft für Gründung und Aufbau des „United States Holocaust Memorial Museum“ in Washington, D.C.

Hadassah, Menachem und Josef Rosensaft 1963 im Arbeitszimmer von David Ben-Gurion, Jerusalem (Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Hadassah, Menachem und Josef Rosensaft 1963 im Arbeitszimmer von David Ben-Gurion, Jerusalem (Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Seit mehreren Monaten wird im Rahmen des Projekts „Erinnerungsorte im Landkreis Friesland“ des Kulturverbunds Schloss-Museum Jever und des Arbeitskreises GröschlerHaus die Geschichte des „Resettlement Transit Camp Jever“ erforscht, eine Publikation und eine Ausstellung sind geplant. Es gibt konstruktive Kontakte zur Bundeswehr und die Idee, auf dem Flugplatz eine Dauerausstellung zum DP-Camp zu integrieren. Die Initiativen erfolgen in Absprache mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen und mit der Oldenburgischen Landschaft.

Kontakte zu Familienangehörigen von Stanislaw Maczek in Edinburgh, Schottland, sowie zu Veteranen-Organisationen dort, in Breda und in Polen können aufgebaut werden oder bestehen bereits. Aus Sicht polnischer Veteranenverbände wäre es in erster Linie für die Stadt Schortens eine Ehre, wenn eine ihrer Straßen den Namen Maczeks tragen dürfte. Es ist anzunehmen, dass zur Einweihung der ersten Maczek-Straße Deutschlands ebenfalls Besuch erwartet werden darf, obwohl bereits in Polen, den Niederlanden und Belgien Straßen und Schulen an den General erinnern. In Edinburgh wurde vor einigen Monaten in einem öffentlichen Park ein Denkmal eingeweiht.

Die Stadt Schortens wäre nach meiner Auffassung gut beraten,  mit dieser NS-Altlast so umzugehen, dass dauerhaft Erinnerungskultur entsteht. Die Straßenumbenennungen, so wie aufgezeigt, bieten die  Chance, Anfänge von Erinnerung nun auch in der zweitgrößten Stadt Frieslands zu begründen,  auf überörtliches Interesse zu stoßen und nicht zuletzt ein historisch verbindendes Signal an  die polnische Partnerstadt Pieszyce zu senden. Ich gebe hier nur einen Vorschlag zur Diskussion: Die gewählten Repräsentanten sind  für das Bild, das die Stadt Schortens in diesem Bereich bisher nicht gezeichnet hat oder nun vielleicht zeichnen wird, verantwortlich. Die Namen beizubehalten ist faktisch der Beschluss über die Benennung von Straßen mit NS-Belasteten.  Die Straßen nun aber stattdessen mit z.B. Flurbezeichnungen zu benamen, wäre an dem Ort der  historischen Flugplatzsiedlung irreführende Geschichtsglättung. Der inzwischen aufgekommene Name „Waldsiedlung“ klingt bereits jetzt nach Entsorgungspark – für ein von der Stadt Schortens bisher nicht aufgeschlagenes Kapitel ihrer Geschichte.

Die Stadt  sollte die Anwohner selbstverständlich dabei unterstützen, ihre neuen Adressen möglichst kostenneutral übernehmen und einpflegen zu können. Schortens hat es ja auch geduldet, dass die Namen von Hitler bis heute „einfach so durchgelaufen“ sind.

Quellenhinweise

Frerichs, Holger: Der Bombenkrieg in Friesland 1939 – 1945.- Jever 1997, S. 16 f. [Schumacher]

Präsident des Niedersächsischen Landtags: Die NS-Vergangenheit späterer niedersächsischer Landtagsabgeordneter.- Hannover 2012, S. 202 f. [Schumacher; Text steht auch im Internet]

Zapf, Jürgen: Fliegerhorst Upjever.- Zweibrücken 2004 [Edert, Schumacher]

Reichert, Olaf: „Wir müssen doch in die Zukunft sehen…“: Die Entnazifizierung in der Stadt Oldenburg 1945 – 1947.- Oldenburg 1998 [zu den Hintergründen der Entnazifizierung]

Stiftung niedersächsische Gedenkstätten: Bergen-Belsen: Katalog der Dauerausstellung.- Göttingen 2009 [Rosensaft]

Graul, Jens: Wilhelmshaven: Captain Edward Conder RN und der Neuanfang 1945.- Wilhelmshaven 2014 [Maczek]

zu: Carl-Alfred Schumacher; Josef Rosensaft; Stanislaw Maczek / Einträge bei Wikipedia in unterschiedlicher Qualität

Dr. Vogel: Hermann Edert und Carl Schumacher: Zwei deutsche Militärbiographien in der Zeit des Nationalsozialismus (Vortrag im „Bürgerhaus Schortens“, 25. Mai 2016)

www.gröschlerhaus.eu insbesondere die Artikel

https://www.groeschlerhaus.eu/erinnerungsorte/schortens-das-dp-camp-fuer-holocaust-ueberlebende-auf-dem-flugplatz-upjever-beendete-195051-bergen-belsen/

https://www.groeschlerhaus.eu/forschung/jever-und-jeverland/zeitgeschichte/das-kriegsende-in-jever-1945-und-der-massenprotest-gegen-die-verteidigung-der-stadt/#8

https://www.rafjever.org/gafpic115a.htm.  [zeigt den Blick der „Jever Steam Laundry“ der RAF (Royal Airforce) Jever auf die britische Zeit der Siedlung ab 1951]

Betr.: Gedenktafel für die Familie Frank in Zetel

Hürth, den 3.12.2015

An die Gemeinde 26340 ZETEL/ Herrn Bürgermeister Heiner Lauxtermann

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

heute las ich den Artikel von Hans Begerow in der Nordwest Zeitung „Zetel verweigert Denkmal für KZ-Opfer“. Die darin enthaltene Information, dass die Gemeinde Zetel ein Mahnmal für die 1943 deportierte und fast vollständig ermordete Familie Frank ablehnt und stattdessen auf eine Gedenktafel für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft in der Gemeinde verweist, empört mich aufs Äußerte.
Ich habe mich in zwei Büchern mit der NS-Verfolgung von Sinti und Roma in Nordwestdeutschland auseinandergesetzt. Die Buchttitel habe ich Ihnen als Kopien beigelegt. Ihren Ausgang nahmen diese Forschungen in Bremen. In Bremen befand sich die Zentrale des Kripoleitstellengebiets, die u.a. auch für Oldenburg zuständig war. Im März 1943 wurde auf dem Bremer Schlachthof für kurze Zeit ein Lager eingerichtet, das der Kriminalpolizei als Internierungslager für die Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland diente. Auf dem Schlachthof (!) wurden die Sinti und Roma aus Bremen, aber auch aus Oldenburg und eben auch Zetel zu drei Transporten zusammengestellt, die dann Bremen in Richtung des Vernichtungslagers Auschwitz verließen. Der Schlachthof wurde gewählt, weil er direkt am Bahnhof lag. Auch die Familie Frank aus Zetel kam hierher und trat von hier aus ihren Weg in den Tod in Auschwitz an. Einige Mitglieder der Familie Mechau aus Oldenburg wurden von Dr. Karin Magnussen, einer Bremerin, für medizinische Experimente (sie forschte zu Augenfarben) missbraucht und von Mengele ermordet.
In Bremen steht seit 1995 auf dem ehemaligen Schlachthofgelände, von dem aus die Deportationen im März 1943 aus Nordwestdeutschland aus nach Auschwitz organisiert wurden, ein Mahnmal. Wie kann es sein, dass sich die Gemeinde Zetel dieser notwendigen Erinnerungsarbeit entziehen will, in dem sie sich dem Gedenken an eine Familie, die in der NS-Zeit zu den Bürgern der Gemeinde gehörte, verweigert? Wie kann es sein, dass die Gemeinde Zetel offenbar meint, mit einer sehr allgemein gehaltenen Erinnerungstafel, die unterschiedslos, zusammenhangslos und gesichtslos von „Opfern der Gewaltherrschaft“ spricht, ihrer Verantwortung, die sich aus unserer Geschichte ergibt, Genüge getan zu haben?
Ich fordere Sie auf, sich der Verantwortung zu stellen, die sich aus unserer Geschichte ergibt, so wie es schon viele Gemeinden vor Ihnen getan haben. Ich fordere Sie auf, durch die Nennung der Namen der Opfer dem Ziel der Nationalsozialisten, jede Spur dieser Menschen zu vernichten, entgegenzutreten. Dadurch, dass sich die Gemeinde weigert, diese Namen der Opfer zu nennen, tötet sie diese Menschen ein zweites Mal. Erst die Nennung der Namen entreißt sie dem Vergessen. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ (Talmud).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Hans Hesse, Severinusstr. 18, 50354 Hürth / www.hans-hesse.de

Anmerkung der Redaktion: Hans Hesse ist Autor des Buches „Vom Schlachthof nach Auschwitz: Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland“, das 1999 im Marbacher Tectum-Verlag erschien und auch das Schicksal der Zeteler Sinti dokumentiert. Der Brief kommentiert den Beschluss des Rats der Gemeinde Zetel von Ende 2015, eine Gedenktafel für die in Auschwitz ermordeten Mitglieder der Familie Frank abzulehnen. Hierüber berichten wir in unserem Beitrag „Zetel: Die in Auschwitz ermordete Sinti-Familie Frank“.

Jahresbericht 2015 des GröschlerHauses

21.12.2015

Das GröschlerHaus macht auf sich aufmerksam

  • 750 Besucher im Haus

  • 750 Besucher bei Veranstaltungen „unterwegs“

  • Erfolg der Internetzeitschrift groeschlerhaus.eu

Der Fußgänger-Stopper wird während der Öffnungszeiten hinausgerollt

Der Fußgänger-Stopper wird während der Öffnungszeiten hinausgerollt

Im Kalenderjahr 2015 verzeichnete das GröschlerHaus, Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte von Friesland und Wilhelmshaven, rund 500 Besucher in seinen Räumlichkeiten in der jeverschen Gr. Wasserpfortstraße. Während der allgemeinen Öffnungszeiten kamen neben den Einheimischen auch viele Touristen und Butenjeveraner, um die Ausstellungstafeln und die Artefakte der 1938 zerstörten Synagoge zu betrachten. Häufig entstanden intensive Gesprächen über die jüngere Vergangenheit, eine Reihe von Exponaten und Materialen wurde dem Archiv übergeben. Weitere zusammen rund 250 Besucher zählte der Arbeitskreis GröschlerHaus bei der Lesung aus Texten von Holocaust-Überlebenden am Progrom-Gedenktag 9. November, von Schulklassen und Konfirmandengruppen („außerschulischer Lernort“) und Vereinen, die ihre turnusmäßigenTreffen einmal zur Information ins GröschlerHaus verlegten. Die „Reinschnupperer“ beim Altstadtfest-Flohmarkt und bei der Kürbisnacht der „Langen Meile“ gehen nicht in die Statistik ein. In einigen Fällen schlossen sich vom GröschlerHaus aus zeithistorische Führungen durch Jever und über den jüdischen Friedhof in Schenum an.

Das Werbeschild „Lange Meile“ in der Nähe vom Kirchplatz

Das Werbeschild „Lange Meile“ in der Nähe vom Kirchplatz

Das Werbeschild „Lange Meile“ am Anfang der Gr. Wasserpfortstraße

Das Werbeschild „Lange Meile“ am Anfang der Gr. Wasserpfortstraße

Im Jahr 2015 trat das GröschlerHaus auch aushäusig mit einer Reihe von gut besuchten Veranstaltungen in Erscheinung und erreichte „unterwegs“ in Jever, Schortens und Wilhelmshaven weitere rund 750 Menschen. Der Vortrag über die „Ermordung der Juden in Jever“ am Holocaust-Gedenktag 27. Januar und die Musik-Text-Veranstaltung „Das Fritz-Levy-Kaleidoskop“ am 25. September fanden in Kooperation mit der Bibliothek des Mariengymnasiums vor jeweils rund 170 Besuchern in der Aula statt. Zum Vortrag über „Das Kriegsende in Jever“ am 4. Mai im Graf-Anton-Günther-Saal kamen rund 80 Zuhörer. Der Vortrag-Film-Veranstaltung „Schortens in der NS-Zeit“ – zusammen mit der Initiative „Up Jever lieb ich“ – am 6. Oktober im Bürgerhaus Schortens folgten 130 Schortenser. In Kooperation mit den Kino-Freunden Friesland e.V. liefen in der jeverschen „Film-Palette“ am 29. Januar „Im Labyrinth der Schweigens“ (über Fritz Bauer), am 10. Mai der von einem Arbeitskreismitglied erstellte Dokumentarfilm „Aufrüstung, Krieg und Befreiung in Wilhelmshaven und Jever“, am 7. Oktober „Fritz Levy lebt!“ und am 11. November „Elser: Er hätte die Welt verändert“. In die Filme führten jeweils Arbeitskreis-Mitglieder ein. Am 5. Mai zeigte das Küsten- und Stadtmuseum Wilhelmshaven anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zum Kriegsende vor 100 Personen ebenfalls den genannten Dokumentarfilm des GröschlerHauses. Außerdem arbeiteten wir bei Veranstaltungen mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg e.V., der ev. und der kath. Kirchengemeinde und der Stadt Jever zusammen.

Der vordere Raum im GröschlerHaus mit Blick auf das geöffnete und dekorierte Schaufenster

Der vordere Raum im GröschlerHaus mit Blick auf das geöffnete und dekorierte Schaufenster

Überraschend viel Zuspruch erfährt die Ende Januar 2015 online gegangene Website des GröschlerHauses, die sich zu einer Internetzeitschrift mit gegenwärtig rund 100 Beiträgen über Friesland und Wilhelmshaven von u.a. Holger Frerichs, Werner Menke, Hartmut Peters und Ulrich Räcker-Wellnitz gemausert hat. In groeschlerhaus.eu integriert ist die Rubrik erinnerungsorte-friesland.eu, auf der bisher 20 Orte der Region mit einem besonderen Bezug zur nationalsozialistischen Ära dargestellt sind. Der hier zuletzt eingestellte Beitrag geht über die in Auschwitz ermordete Sinti-Familie Frank aus Zetel. Insgesamt 16.000 Klicks, Tendenz ansteigend, wurden bisher gezählt. Nach Auswertung der Hintergrundstatistiken kann man von ca. 6.500 wirklichen Lesevorgängen und Ausdrucken von Artikeln ausgehen, viele Nutzer informieren sich regelmäßig über die neu eingestellten Seiten. Die Website wird vom Mariengymnasium Jever bereits in den Geschichtsunterricht einbezogen. Der virtuelle Zwilling des GröschlerHauses hat inzwischen Nutzer nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern, wie Statistiken und E-Mail-Anfragen zeigen. Vielfach nutzen ausländische Leser digitale Übersetzungsprogramme.

2015 hat das GröschlerHaus auch mit äußeren Veränderungen im Stadtbild auf sich aufmerksam gemacht. Auf den Werbeschildern der Interessengemeinschaft „Lange Meile“ findet sich das Zeitgeschichtszentrum jetzt in der Gesellschaft der Kaufleute wieder. Zuletzt kam ein Stellreiter hinzu, der während der Öffnung die Aufmerksamkeit der Passanten erregen soll. Das Design stammt auch hier von Andreas Reiberg, bei dem sich der Arbeitskreis herzlich bedankt. Das linke Schaufenster der ehemaligen Papeterie präsentiert auf flexiblen Holzkuben, die das Arbeitskreismitglied Hennes Wegener hergestellt hat, ausgelegte Bücher. Die Materialkosten des neuen Außengesichts, die von Gunnar Rott (München) zu Vorzugsbedingungen professionell gemasterte Website und die Archiv- und Kopierkosten des im Aufbau befindlichen Archivs wurden aus den eingegangenen Spendenmitteln bezahlt. Das GröschlerHaus besitzt noch keinen eigenen Etat und wird auch im kommenden Jahr für die tatsächliche Arbeit auf Zuwendungen der Bevölkerung angewiesen sein. Für die Miete stehen öffentliche Institutionen ein. Der Arbeitskreis GröschlerHaus im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein e.V. bedankt sich herzlich beim Landkreis Friesland, der Stadt Jever, dem Zweckverband Schloss-Museum Jever, seinen Kooperationspartnern, bei allen Spenderinnen und Spendern sowie bei allen, die mit Rat und Tat Unterstützung leisten.

Nach Dr. Rolf Keller von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, der das GröschlerHaus im Oktober besichtigte, gibt es im Bundesland nur noch ein anderes dem GröschlerHaus in Anspruch und Vernetzung vergleichbares ehrenamtliches Projekt. Das spricht für den Bürgersinn in Friesland.

Claudia und Rafi de Levie aus Israel besuchen das GröschlerHaus

20.04.2015

Vom 19. bis zum 20. April 2015 besuchten Claudia und Rafi de Levie aus Israel als Gäste des Arbeitskreises Gröschlerhaus Jever. Das Ehepaar hatte bereits 2013 die Stadt besucht und war damals von der Stellvertretenden Kreisrätin Silke Vogelbusch offiziell empfangen worden. Es begab sich jetzt erneut auf die Spuren der Vorfahren. Aufgrund von Informationen des Gröschlerhauses hatten Claudia und Rafi de Levie erst in den letzten Monaten festgestellt, wieweit ihre Vorfahren in Jever zurückreichen. Diese lassen sich nämlich dank erhaltener Dokumente bis in das 18. Jahrhundert nachweisen. Hauptziel der zweiwöchigen Deutschlandreise war allerdings die Stadt Norden, wo Frau de Levie in Schulen referierte.

Claudia und Rafi de Levie vor dem Haus in der Schlosserstraße, in dem die Großeltern von Rafi de Levie, ein sehr erfolgreicher Viehhändlerehepaar,  bis Mitte der 20er Jahre lebten.

Claudia und Rafi de Levie vor dem Haus in der Schlosserstraße, in dem die Großeltern von Rafi de Levie, ein sehr erfolgreicher Viehhändlerehepaar, bis Mitte der 20er Jahre lebten.

Claudia de Levie vor dem eisernen Emblem „JWJ“, das auf den Vorfahren Joseph Wolf Josephs (1792 – 1872) zurückgeht.

Claudia de Levie vor dem eisernen Emblem „JWJ“, das auf den Vorfahren Joseph Wolf Josephs (1792 – 1872) zurückgeht.

Die Eltern der beiden Israelis waren nach 1933 vor den Nationalsozialisten nach Argentinien geflohen. Beide wuchsen in dem Stadtquartier von Buenos Aires auf, wo 1945 der Organisator des Holocaust Adolf Eichmann und andere SS-Mörder untergetaucht waren, was sich natürlich erst Zug um Zug herausstellte. Während der faschistischen und antisemitischen Militärdiktatur der 1970er Jahre, die Tausende oppositionelle Studenten und Bürger umbrachte, die aber Deutschland nicht daran hinderte, an der Herren-Fußballweltmeisterschaft von 1974 teilzunehmen, wanderten die damals ca. 20jährigen nach Israel aus.

Vor dem Gröschlerhaus, das ein Jahr nach dem ersten Besuch 2013 eröffnet und jetzt besichtigt wurde.

Vor dem Gröschlerhaus, das ein Jahr nach dem ersten Besuch 2013 eröffnet und jetzt besichtigt wurde.

Volker Landig vom Arbeitskreis Gröschlerhaus zeigt dem Besuch eine Tafel der Ausstellung „Zur Geschichte der Juden Jevers“

Volker Landig vom Arbeitskreis Gröschlerhaus zeigt dem Besuch eine Tafel der Ausstellung „Zur Geschichte der Juden Jevers“

In Jever standen neben einer privaten Einladung und vielen Gesprächen der Besuch des Gröschlerhauses, der ehemaligen Familienhäuser, des Schloss-Museums und des jüdischen Friedhofs auf dem Programm. Ein Wiedersehen mit Referaten vor Schulklassen des Mariengymnasiums ist geplant. HP

Leo Club Jever “Achtern Diek” spendet 100,– € für das Gröschlerhaus

20.01.2015

Bei der letztjährigen „Weihnachtsmannaktion“ des Leo Clubs Jever „Achtern Diek“ kamen 100,– € zusammen. Das Geld wurde von der seit drei Jahren bestehenden Serviceoganisation dem Arbeitskreis Gröschlerhaus am 20. Januar überreicht. Vielen und herzlichen Dank für das Engagement! Im Gegenzug bot der Arbeitskreis den „Leos und Leas“ eine Führung durch das Gröschlerhaus unter Einschluss der Baureste der 1938 zerstörten Synagoge (Mikwe, Schulraum) an.

Bei der letztjährigen „Weihnachtsmannaktion“ des Leo Clubs Jever „Achtern Diek“ kamen 100,– € zusammen. Das Geld wurde von der seit drei Jahren bestehenden Serviceoganisation dem Arbeitskreis Gröschlerhaus am 20. Januar überreicht. Vielen und herzlichen Dank für das Engagement! Im Gegenzug bot der Arbeitskreis den „Leos und Leas“ eine Führung durch das Gröschlerhaus unter Einschluss der Baureste der 1938 zerstörten Synagoge (Mikwe, Schulraum) an.