von Hartmut Peters
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- M* an den Fürstenhöfen der Region seit 1559
- Die versklaven Menschen Lydia und Carl in Wittmund (1751)
- Der M* im Wappen des jeverschen Arztes Paul Heinrich Gerhard Moehring (1760)
- Das „Mediterrane Forum“ von Jever (1800)
- Handel mit Kolonialwaren und koloniale Klischees (ab 1813)
- „Völkerschauen“ in Jever, Wilhelmshaven und Oldenburg (ab 1860)
- Die „Hunnenrede“ von Kaiser Wilhelm II. und ihr regionales Umfeld (1900)
- Schwarzer Pastor trotzt den Nazis: die „Affäre Kwami“ (1932)
- Jazz an der Jade und der Kulturkampf der Weimarer Republik (1919 – 1933)
- Mingus, Roach, Shepp und die anderen: Schwarze Musik im postfaschistischen Wilhelmshaven
- Literatur und Quellen
1) Einleitung

Worum geht es? Im Unterschied zum Vortrag habe ich im Titel aus Gründen eines breiteren Verständnisses die Bezeichnung „nicht-weiße Menschen“ gewählt, gemeint sind damit BIPoC.
Black, Indigenous, People of Color – ist ursprünglich eine solidarische, politische Selbstbezeichnung. Der aus den USA stammende Begriff vereint Menschen, die in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft von Rassismus betroffen sind, und hebt spezifische Erfahrungen von Schwarzer und indigener Diskriminierung hervor.
- B – Black (Schwarze Menschen): Bezeichnet Menschen mit afrikanischen Bezügen, die Rassismuserfahrungen machen.
- I – Indigenous (Indigene Menschen): Bezieht sich auf Menschen, die von kolonialer Verdrängung und spezifischer Unterdrückung betroffen sind.
- PoC – People of Color: Ein Sammelbegriff für alle nicht-weißen Menschen, die Rassismus erleben
Der Begriff dient dazu, diskriminierende Fremdbezeichnungen sichtbar zu machen und Solidarität zu zeigen. Es handelt sich also nicht um eine (neutrale) Beschreibung von Hautfarbe, sondern um eine bestärkende Selbstbezeichnung. Um nicht selbst die historisch gewachsenen, sprachlichen Diskriminierungsmuster zu perpetuieren, werde ich manche Wörter nicht wiederholen, sondern z.B. durch N* oder M* ersetzen. Ich werde auch extrem rassistische Quellen nur sparsam im Fließtext zitieren, obwohl nicht alle Leser und Leserinnen die damals in Zeitungen übliche Frakturschrift mühelos entziffern können.
BIPoC haben vor 1945 vermutlich nur selten im untersuchten Raum gewohnt und gelebt, zusätzlich ist ihre Anwesenheit bis heute marginalisiert. Deshalb auch stehen meist lediglich Informationen über ihre bis in die frühe Neuzeit zurückgehende Wahrnehmungsgeschichte durch Weiße im Fokus. Solches ist Ausdruck der vorgefundenen Konstellationen. Die Geschichte der BIPoC ist nicht nur für unsere Region noch zu schreiben. Forschungen zu „Black Europe“ begannen erst vor etwa 30 Jahren. Warum?
Menschen dunkler Hautfarbe und/oder afrikanischer Herkunft wurden durch die „großen nationalstaatlichen Narrative“ des 19. Jahrhunderts, die bis heute bestimmen, marginalisiert und ausgeschlossen, und zwar mit Mechanismen, die auch zum „Vergessen“ von anderen Gruppen führten. Vorstellungen des Eigenen und „des Fremden“ bildeten – und bilden! – implizit die Grundlage der historischen Identitätsbilder von Nationen als ethnisch, kulturell, religiös oder sozial- und herrschaftspolitisch abgeschlossene Einheiten. (vgl. Kuhlmann-Smirnov, S. 16f.) Diese Konstruktionen gilt es zu dekonstruieren.
Noch ein Wort zu der Bezeichnung „Fundstücke“ im Thema: Es handelt sich nicht um einen Vortrag im streng wissenschaftlichen Sinne. Sensibilisierung ist meine Absicht – für ein Thema, das historisch untrennbar mit Rassismus und Kolonisierung verbunden ist. Und das dringend gesellschaftlicher und kultureller Dekolonisierung bedarf. Ich halte mich an die Chronologie und gehe nur punktuell und im Thema „Jazz“ auf die Zeit nach 1933 ein.
2) M* an den Fürstenhöfen der Region seit 1559

Ein früher Nachweis eines M* findet sich in den wenigen Hofrechnungen, die aus der Zeit der Regentin der Herrschaft Jever, Maria von Jever (1500 – 1575), überliefert sind. Den Fund und seine Interpretation verdanken wir Antje Sander. (Sander, S. 119) Der M*, wie er ausgeschrieben in der Quelle heißt, „präsentierte seine Dienste“ (Zitat), und zwar am 21. Dezember 1559, also in der Weihnachtszeit. Zu diesem Zeitpunkt steckte der transatlantische Sklavenhandel noch in seinen Anfängen, die großen Kompanien wurden erst wesentlich später gegründet, wie auch die Zeit der sogenannten Kammer-M* erst 100 Jahre später begann.
Die Formulierung „präsentierte seine Dienste“ deutet auf eine selbständige Darbietung oder ein Vorsprechen hin. Der „M“ könnte als Musiker, Akrobat oder als prestigeträchtiger Diener aufgetreten sein – und wurde dafür bezahlt. Sklavenarbeit war auf europäischen Boden offiziell nicht zugelassen. Es ist zu diesem historischen Zeitpunkt gut denkbar, dass dieser Mann seine Dienste eigenständig im Rahmen eines adligen Netzwerks anbot.
Die Weihnachtszeit ist ein interessanter Aspekt: In der Ikonographie des 16. Jahrhunderts war es bereits fest etabliert, einen der Hl. Drei Könige (meist Kaspar) als Mauren darzustellen. Krippenspiele sind für den Hof von Maria nachgewiesen. Einen „echten“ Afrikaner für die Rolle des Königs aus dem Morgenland zu engagieren, wäre ein Prestigegewinn gewesen.
Mutmaßungen über seine Herkunft: Amsterdam liegt recht nahe, Maria war mehrfach dort. Der Hafen wie auch Antwerpen entwickelte sich gerade zum zentralen Umschlagsplatz für Waren aus Übersee, über portugiesische Händler kamen bereits vor dem großen Boom der niederländischen Westindien-Kompanie dorthin Afrikaner. Auch Emden erscheint möglich. Als einer der wichtigen Häfen der Reformationszeit hatte es Kontakte zu den Niederlanden und England. Hier sind M* früh als freie Seeleute oder Diener von Kaufleuten nachgewiesen.

Schreiten wir zu den nächsten Schlössern. Eine geostete Karte von 1671 der Grafschaft Aldenburg, bestehend aus der Herrlichkeit Kniphausen und dem Amt Varel. Dieses Gebiet hat eine ganz besonders verwickelte dynastische Geschichte, die jetzt aber nur am Rand eine Rolle spielt.

Herr über dieses Gebiet war ab 1654 Reichsgraf Anton I. von Aldenburg (1633 – 1680), der illegitime Sohn des Grafen von Oldenburg und Delmenhorst, Anton Günther. Anton I. von Aldenburg heiratete 1680 in zweiter Ehe eine französische Adelige.

Auf Schloss Varel hing lange ein großformatiges Gemälde. Es zeigt die zweite Frau von Anton I. als Braut: Charlotte Amélie de La Trémoille, bald Gräfin von Aldenburg (1652 – 1732). Die Hochzeit fand 1680 in Kopenhagen statt. Noch in demselben Jahr starb Anton I. in Varel, Monate später gebar die Witwe den gemeinsamen Sohn Anton II. von Aldenburg. Über das Gemälde, um das sich lange die abenteuerlichsten Legenden rankten, gibt es dankenswerter Weise seit 20 Jahren eine wissenschaftliche Monografie von Silke Köhn.
Ab Mitte des 17. Jahrhundert holten sich zahlreiche Fürsten in Europa Schwarze Kammerdiener an ihren Hof, „Hof“- oder „Kammer“-M* bezeichnet. Dabei handelte es sich um meist männliche Bedienstete, die in verschiedenen Ländern – meist in Afrika – versklavt und von Sklavenhändlern nach Europa verschleppt worden waren. Am Hof verrichteten sie neben den übrigen Aufgaben eines Dieners vor allem Repräsentatives: Mit solchen Dienern betonten Herrscher den Reichtum und Einfluss ihrer eigenen Stellung.
Für die Schwarzen Kammerdiener bedeutete die Anstellung oft eine finanzielle Absicherung und einen sozialen Aufstieg. Ihre Biografien zeigen jedoch, dass die Integration schnell an Grenzen stieß. Letztendlich mussten sie sich der Zurschaustellung als „Exoten“ fügen. Unabhängig von ihrer persönlichen Anerkennung am Hof verblieben die Schwarzen Bediensteten in einer Zwangslage: Auch ohne die vollständige Gültigkeit der bis heute geläufigen Bezeichnung „Sklave“ – die Forschung debattiert noch – war ihr europäischer Rechtsstatus in der konkreten Lebenspraxis ungefähr derselbe. Schwarze Kammerdiener und Musiker galten in der Regel als „Besitztümer“ ihrer Herrschaften. Sie konnten bestellt, verkauft oder verschenkt werden.
Zwar waren sie meist nah an der Elite (als Pagen an Höfen), lebten aber in der Rolle der Fremdheit. Durch rassistische Vorurteile und eine objektifizierende Haltung der Mehrheitsgesellschaft wurden sie in eine „exponierte Marginalität“ gedrängt, wie es in der Forschungsliteratur formuliert wird. Auch eine Taufe bedeutete nicht unbedingt die Aufhebung der rassistischen Hierarchie.
Die Figur des M* wurde zu einem festen Topos der höfischen Kultur, z.B. als M*-König oder bei Festumzügen. Oft wurden sie als „Statisten“ an der Seite von Herrschern porträtiert, um Machtdistanz und Reichtum zu demonstrieren.
Silke Köhn schreibt zu dem Gemälde: „Eine abweisende Haltung der Edeldame gegenüber ihrem afrikanischen Diener ist im Bild nicht abzulesen, dennoch trennen beide Welten: Während das Gewand der Dame bis zum Boden reicht, …, trägt ihr Diener überhaupt kein Schuhwerk. Damals wie heute steht Barfüßigkeit für Armut, Unterentwicklung und Wildnis. Die damalige Mode verbot … den Damen, überhaupt ihre Schuhe zu zeigen. Die Barfüßigkeit des Dieners (hebt) den Standesunterschied noch deutlicher hervor. Bemerkenswert ist auch das Größenverhältnis beider Figuren, das nicht kohärent ist, ebenso das undefinierte Alter des afrikanischen Jungen oder Jugendlichen“ . (Köhn, S. 32)
Ob sich nun aber am Vareler Hof 1680 tatsächlich ein M* aufgehalten hat, belegt dieses in Kopenhagen entstandene Gemälde allerdings nicht. Die Quellenlage ist extrem schlecht. Dennoch gelingt es Anne Kuhlmann-Smirnov in ihrer fulminanten Studie „Schwarze Europäer im alten Reich“, drei M* für den „Hof Oldenburg“ dieser Zeitepoche nachzuweisen. Darunter für 1656/57 einen für die „Hofhaltung“ im Schloss Varel. (S. 351).


Bei unserem Residenzhopping landen wir jetzt in Aurich. Für den Hof der Cirksena im Schloss zu Aurich hat Kuhlmann-Smirnov zwischen 1682 und 1733 sechs M* nachgewiesen. Auf der Zusammenstellung sehen Sie auch die Grundlagen der akribischen Quellenarbeit – und die großen Lücken in der Kenntnis über die M*. Die innerhöfische Zwangsmigration ist erkennbar und typische Folge der Europa umspannenden adeligen Netzwerke. Interessant ist die Herkunft des später getauften und umbenannten „Anthon“ von der dänischen Jungferninsel St. Thomas via Kopenhagen.


Auf der Lütetsburg östlich der Stadt Norden residierte um 1700 einer der Protagonisten des deutschen Sklavenhandels. Friedrich Ernst Freiherr zu Inn- und Knyphausen (1678 – 1731) war Präsident der Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie sowie Kommandeur des zur Machtdurchsetzung zugeordneten Marinebataillons. Dieses hatte bei Emden den Sitz. Wir sehen auf dem Gemälde von 1707 einen Sklavenhändler, der sich mit einem Schwarzen Menschen auf einer Ebene mit einem ebenfalls repräsentativen italienischen Windspiel zur Schau stellt. Der spätere preußische Hofmaler Antoine Pesne (1683 – 1757) hat dem Hund mehr Gesicht gegeben als dem Diener.
Der brandenburgisch-preußische Sklavenhandel war ein kurzes, aber intensives Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte. Es ist im öffentlichen Bewusstsein fast vergessen. Der Große Kurfürst gründete 1682 das Fort „Groß Friedrichsberg“ an der Goldküste (heutiges Ghana) als Stützpunkt und beteiligte sich am Versklavungshandel, der als „Dreieckshandel“ organisiert wurde.
Für diesen wurden – überwiegend in Emden und Kopenhagen – unter kurbrandenburgischer Flagge fahrende Schiffe mit für den Tauschhandel geeigneten Gütern beladen. Im afrikanischen Stützpunkt übernahmen die Schiffe dann von Zwischenhändlern verschleppte Menschen. Diese wurden auf den Westindischen Inseln als Plantagen-Sklaven verkauft. Auf der dänischen Insel St. Thomas hatte die Kompanie dafür eine eigene Niederlassung angemietet. Auf dem Rückweg nach Europa waren die Schiffe hauptsächlich mit Zucker und Baumwolle beladen, aber auch Schwarze kamen so nach Europa. Bis zur Aufgabe der Compagnie 1714 aus wirtschaftlichen Gründen wurden über 23.000 Menschen ihr Opfer.
3) Die versklavten Menschen Lydia und Carl in Wittmund (1751)

Ein Blick ins ostfriesisch-preußische Wittmund, und zwar in das Jahr 1751. Der Privatgelehrte Wiard Hinrichs hat bei seinen intensiven Quellenstudien vor einigen Jahren den vermutlich ersten Beleg über Schwarze Menschen unserer Region abseits der Hofkultur gefunden (vgl. Kuhlmann-Smirnov, S. 140 f.). Der Wittmunder Bürger Heyke Specht (1697 – 1775) ließ sich um 1720 auf St. Thomas als Zuckerrohrpflanzer nieder, kehrte aber 1751 in Begleitung seiner Ehefrau sowie der beiden versklavten Menschen „Magd Lydia“ und „Sohn Carl“ nach Wittmund zurück. Carl verstarb alsbald in Wittmund, während Lydia 1755 „auf ihr inständiges Bitten“ – wie es in der Quelle heißt – nach St. Thomas zurückgeschickt wurde.
Kuhlmann-Smirnov vermutet auf der Basis vergleichbarer „Fälle“, dass Lydia eine Geliebte Spechts und Carl das gemeinsame Kind war und der Tod ihres Sohnes Lydias Aufenthaltsbasis in Europa zerstörte. Auf St. Thomas wurde sie für 300 Reichstaler verkauft. Ihr erschütternder Lebensweg sollte im Rahmen des Projekts „FrauenLeben in Ostfriesland“ weiter erforscht und dokumentiert werden.
4) Der M* im Wappen des jeverschen Arztes Paul Heinrich Gerhard Moehring (1760)

Den Hinweis auf das Exlibris mit Familienwappen des jeverschen Arztes und Gelehrten Paul Heinrich Gerhard Moehring (1710 – 1892) sowie Gedanken zur Interpretation verdanken wir Matthias Bollmeyer (vgl. Bollmeyer, S. 314). Moehring gilt als einer der „Weisen“ des Jeverlands. Wie immer in der Heraldik bedeutet das, was man sieht, nicht unbedingt das, was es bedeutet. Der Kopf eines M* mit verbundenen Augen und die drei miteinander verbundenen Fußfesseln auf dem Schild unter der Helmzier könnte man als Ausdruck eines Triumphes über die muslimischen Mauren deuten. Aber weit gefehlt! Es handelt sich im Kern um ein sogenanntes „redendes Wappen“, um ein visuelles Wortspiel zum Namen Moehring. Solches Verfahren, um den Familiennamen unmissverständlich und in Abgrenzung zu anderen Familien darzustellen, war im aufstrebenden Bildungsbürgertum des 17. Jahrhunderts nicht selten.
Der Familienlegende nach soll der M* auf die nordafrikanische Abstammung des Stammvaters der Familie Moehring in Zerbst hinweisen. Aber das erscheint unwahrscheinlich. Viele Mitglieder der Familie waren im Zerbster Staatsdienst tätig. Die Fesseln können auf das durch sie verwaltete Recht hindeuten. Wie auch die Binde über den Augen in eine ähnliche Richtung weist oder in Kombination mit den Fesseln „Bindung an Gott“ bzw. die Überwindung der „Fesseln der Welt“ meinen könnte. Die linke Seite des Wappens hatte Moehring erst hinzugefügt, als er 1736 in die Leopoldinische Akademie der Naturforscher in Schweinfurt berufen wurde und deshalb sein Familienwappen um das Akademie-Wappen (doppelte Schlange des Äskulap als Symbol der Ärzteschaft) sowie weitere Elemente ergänzte.
5) Das „Mediterrane Forum“ von Jever (1800)

Dieses wandfüllende Gemälde entstand ungefähr im Jahr 1800 durch den örtlichen Kunstmaler Eberhard Christian Dunker (1735 -1817) und zierte ursprünglich den Salon des Auftragsgebers, eines Großkaufmanns in einem Haus der Neuen Straße, Ecke Schlachtstraße. 1931 wurde es dem Schlossmuseum geschenkt, als das Haus abgebrochen wurde. Es wird als „Mediterranes Forum“ bezeichnet.
Diese Idealvedute gilt als eine Allegorie auf die Weltoffenheit. Sie präsentiert die Vorstellung, dass durch Handel und Kommunikation die Grenzen zwischen „eigen“ und „fremd“ durchlässig werden können – verpackt in die damals modische Ästhetik der Antike. In einem öffentlichen Raum – nicht hinter verschlossenen Türen – begegnen sich unterschiedliche Kulturen, dargestellt durch Menschen unterschiedlicher Kleidung. Sie sind im Gespräch oder warten gelassen in einem friedlichen Austausch zwischen Völkern und Religionen.


Der europäische Herr mit Stock und Zeigefinger scheint allerdings den Takt anzugeben. Dass ein solches Bild in Jever in einem Privathaus hing, zeigt: Der Zeitgeist der Aufklärung hatte auch die Provinz erreicht. Jever war damals durch die Herrschaft von Anhalt-Zerbst (und damit zum Russland von Katharina der Großen) und durch ein selbständiges Bürgertum kulturell durchaus belüftet. Am Rande der „Orientalen“, „Levantiner“ oder „Türken“ steht ein Schwarzes Mädchen – als ob es nicht dazu gehören solle.

Über 200 Jahre nach seiner Entstehung trat das „Mediterrane Forum“ – gut verpackt und mit einer Kunstspedition – eine Reise an. Diese führte es im Jahr 2011 jedoch nicht ans Mittelmeer, sondern auf persönlichen Wunsch von Bundespräsident Christian Wulff (CDU) in dessen Dienstzimmer im Berliner Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Staatsoberhaupts der Bundesrepublik Deutschland. Wulff hatte das Bild im Jahr 2004 im Schlossmuseum Jever gesehen, als er noch niedersächsischer Ministerpräsident war, und die besondere Symbolkraft der Darstellung erkannt. Deshalb bat er das Schlossmuseum Jever und den Heimatverein Jever ihm das Gemälde für die Dauer seiner Amtszeit zu überlassen.
Rolf Seelheim, Chefredakteur der Nordwest-Zeitung, kommentierte: „Das Gemälde steht damit geradezu symbolisch für eines der wichtigsten politischen Anliegen des Bundespräsidenten – das friedliche Miteinander von Christen, Juden und Muslimen.“ (NWZ, 06.10.2011) In der Tat griff Bundespräsident Wulff in die Debatte um das Buch „Deutschland schafft sich ab” von Thilo Sarrazin ein. Sarrazin kritisierte darin die Integration von Muslimen in Deutschland. In seiner Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 formulierte Wulff: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Diese Aussage wurde damals von vielen als angebracht empfunden, Wulff erntete jedoch gleichzeitig scharfe Kritik, meist aus den eigenen politischen Reihen. Die Stippvisite des „Mediterranen Forums“ in Berlin – Wulff trat im Februar 2012 zurück -wirft ein nüchternes Schlaglicht darauf, wie utopisch die Botschaft des Gemäldes auch mehr als 200 Jahre später noch ist.
6) Handel mit Kolonialwaren und koloniale Klischees (ab 1813)

In Jever waren früh Tabakhändler tätig. Das belegen landesherrliche Konzessionen aus dem späten 17. Jahrhundert sowie ein fürstlich-ostfriesisches Verbot vom November 1732, das es den jeverschen Händlern verbot, ihren Tabak an Sonntagen durch die Residenzstadt Aurich zu fahren. (vgl. Meiners) Das Firmenschild von 1813 des jeverschen Tabakfabrikanten Carl Wilhelm Ingenohl in der St. Annenstraße führt in die Zeit des sich immer weiter ausdehnenden Handels mit Produkten aus den unterworfenen Ländern, den sog. Kolonialwaren.
Jever war kurz zuvor unter die russische Oberhoheit zurückgekehrt, deshalb befindet sich auf dem Schild der russische Doppeladler. Tabak war ein sehr nachgefragtes Genussmittel und die lokale Verarbeitung des Rohmaterials aus Übersee ein lukratives Geschäft. Die pfeiferauchenden, klischeehaft als „Wilde“ dargestellten native Americans geben dem Firmenschild seinen exotischen Charakter und dem beworbenen Produkt seine Authentizität. Die Hand der linken Figur zeigt auf die damals beliebte Tabaksorte „Portorico“ – Empfehlung aus erster Hand.

Die Anzeige bietet auch die Tabaksorte „Canaster“ an, ein Wort, das heute noch als „Knaster“ für irgendwie Rauchbares im Umlauf ist. Ingenohl war zeitweise mit sieben Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt und an einem Handelshaus in Amsterdam beteiligt. So konnte er den Zwischenhandel umgehen. Die Stadt war damals der zentrale europäische Umschlagplatz für Kolonialwaren, insbesondere für Rohtabake aus Amerika und Südostasien, die beispielsweise die Niederländischen Kolonial-Kompanien auf ihren Sklavenplantagen produzieren ließ. So landete das Ausbeutungsprodukt schnell auch in jeverschen Pfeifen. Zigarren und Zigaretten wurden erst später üblich.


Bleiben wir zunächst beim Tabak. Der auf Wangerooge geborene, und später in Amsterdam lebende Peter Wilhelm Janssen (1821 – 1903) gründete 1869 in Rotterdam zusammen mit einem Teilhaber eine Tabakgesellschaft für das Sultanat Deli auf Sumatra. Der konzessionierende niederländische Staat ließ den privaten Plantagenbesitzern freie Hand. Diese agierten als Arbeitgeber, Polizisten und Richter gleichzeitig. Offene Gewalt gegen die Hunderttausende aus China und Sumatra geholten, in der Praxis rechtslosen Vertragsarbeiter („Kulis“ genannt) war häufig. Durch die menschenverachtende Ausbeutung weit weg kam Janssen zu einem sagenhaften Reichtum – und konnte sich zu Hause als Philanthrop betätigen.
1895 stiftete er der Stadt Jever ein damals so genanntes „Jugendheim“, heute würde man wohl Jugend- und Kulturzentrum sagen. Janssen wurde deshalb umgehend Ehrenbürger von Jever und 1931 auch Namensgeber des anliegenden Wegs. Die Idee, einen Raum für Bildung jenseits von Gaststätten-Hinterzimmern und Schulen zu schaffen, war 1895 ihrer Zeit weit voraus. Das stattliche Haus beim Mariengymnasium Jever wurde 1972 ohne mit der Wimper zu zucken abgerissen und durch einen Bungalow für den Schulhausmeister, das heutige Christian-Heinrich-Wolke-Haus, ersetzt.

Unter Kolonialwaren verstand man überseeische Waren, die aus den Kolonien europäischer Mächte importiert wurden: Tabak, Kaffee, Tee, Kakao, Gewürze, Südfrüchte und vieles mehr. Mit der Industrialisierung und besseren Handelswegen wurden diese „feineren“ Waren für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich. Überall in Stadt und Land entstanden kleine Fachgeschäfte, selbst im abgelegenen Förrien (Wangerland), das damals keine 200 Einwohner zählte, häufig auch im Mix mit Bäckerei, sonstigen Waren und Gaststätten als sozialem Treffpunkt.


Überall im Kaiserreich, das ab 1884 eigene Kolonien erwarb, boomten die Kolonialwarenläden. 1907 wurde beispielweise die EDEKA als „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“ gegründet. („KA“ steht phonetisch für das K von Kolonialwarenhändler.) In Jever boten vermutliche ein Dutzend Geschäfte gleichzeitig das koloniale Sortiment an. Auf dem Foto von 1936 können wir in den Laden von Anton Backer schauen. Er befand sich in einem noch heute existierenden Haus schräg gegenüber vom GröschlerHaus. Die Läden verschwanden in einem Mix aus wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wandel bis etwa Mitte der 1970er Jahre überall in Deutschland aus dem Stadtbild, wie auch fast alle „Feinkostläden“.
Übrigens zeigt die Postkarte von 1953 auf der rechten Straßenseite die zu diesem Zeitpunkt noch erhalten Ziergartenmauer vor der 1938 zerstörten und abgetragenen Synagoge von Jever. Die Mauer wich 1954 dem Bau eines Geschäfts- und Wohnhauses auf dem Synagogen-Grundstück, in dem sich seit 2014 das GröschlerHaus befindet. Auf der Postkarte von 1953 sehen Sie über dem Balkon die Aufschrift „Kolonialwaren“ und auf dem Schild können Sie den berühmt-berüchtigten Sarotti-M* entdecken.

Der Sarotti-M* ist ein Klassiker des „Schoko-Kolonialismus“. Er erfüllte dieselben Funktionen wie die native Americans bei Tabak-Ingenohl. Er romantisierte in diskriminierender Fremdbezeichnung die Ausbeutung in den Herkunftsländern und reproduzierte rassistische Stereotype. Erst 2004 verbannte ihn die die Marke Sarotti besitzende Firma Stollwerck aus der aktuellen Werbung und ersetzte ihn durch den „Sarotti-Magier“.

Ehrenbürger Janssen stiftete 1897 dem Jugendheim einen modernen Projektionsapparat. Nun fanden monatlich dort gut besuchte Lichtbildvorträge statt. Bei einem Vortrag über „Deutsch-Ost-Afrika“ sahen die Teilnehmer 1898 in kolonialer Perspektive auf die unterworfenen Gebiete – ein Beispiel unter vielen. Die rasant fortschreitende Foto- und Drucktechnik prägte ab 1880 entscheidend das Bild der BIPoC bei der Bevölkerung und vermittelte Klischee auf Klischee. Auch das Mariengymnasium Jever setzte zu dieser Zeit im Unterricht einen großen Apparat wie das Jugendheim ein.


Stereobilder waren die „Virtual Reality“ des 19. Jahrhunderts. Sie wurden mit Spezialkameras aufgenommen; die Betrachter benötigten Brillen, um den dreidimensionalen Effekt zu erleben. Sie sehen hier unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitende Tagelöhner(„Kulis“) und ihre Kinder in der britischen Kronkolonie Ceylon um 1900 aus dem Fundus des Mariengymnasiums Jever. Erhalten haben sich hier in einer Abstellecke über 300 Bilder, überwiegend vom damaligen Weltmarktführer Underwood & Underwood, und zwei Brillen. Blick in die Welt der Kolonialwaren- und –Menschen, aber natürlich auch auf „Sehenswürdigkeiten“ wie z.B. die Pyramiden vor Aufkommen des Films und des Massentourismus.
Die Inhaber des sehr erfolgreiche Massenmediums „Kaiser-Panorama“ verkauften um 1900 in den großen Städten an bis zu 25 Personen gleichzeitig Sitzplätze zur Betrachtung stereoskopischer Bilderserien durch Guckloch-Brillen Ein Umlauf der hinter einer Holzvertäfelung automatisch im Kreis transportierten Bildserien dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Die Apparatur aus dem Mariengymnasium war sozusagen ein „Kaiser-Panorama für Arme“.
7) „Völkerschauen“ in Jever, Wilhelmshaven und Oldenburg (ab 1860)

Wohl zuerst beim zentralen jeverschen Schützenfest von 1860 konnte unsere Region – Wilhelmshaven existierte ja noch nicht – die in die Welt gesetzten Klischees über BIPoC sozusagen leibhaftig aufsaugen. Die Schützenfeste dieser Ära dauerten eine Woche, waren der gesellschaftliche Treffpunkt des Jahres und zogen nahezu alle Einwohner an. Im Jeverschen Wochenblatt erschien direkt neben den Anzeigen der Festkomitees mehrfach Werbung des Impresarios „W. Steiner“:
„Nicht zu übersehen! Unterzeichneter erlaubt sich, das hiesige sowie auswärtige Publikum besonders darauf aufmerksam zu machen, daß er während des Dauer des diesjährigen Jeverschen Schützenfestes seine 6 (lebenden) Menschen-Racen, auf vielseitiges Verlangen zum zweiten Male, zur Schau ausstellen wird.“ Mit „lebenden“ grenzt Steiner sich von Konkurrenten auf Jahrmärkten und deren zur Schau gestellten Puppen oder ausgestopften Präparaten ab.
W. Steiner preist unter anderem an: „Damen von der Landenge von Panama ( …), ( …) schnee-weißes feines krauses Haar bis zu den Hüften herabhängend und röthliche Augen. Diese Damen nennt man daher Heliophobus, weil sie nur sehr wenig bei Tage, dagegen aber besser des Nachts sehen. (… ) Bei einer jeden Vorstellung werden die Wilden vermittelst ihrer Waffen nach kriegerischer Art ihr Exercitium zeigen“. Rassismus als Spektakel.Jever erlebte 1860 einen frühen Vorboten der „Menschenschauen“ oder „Menschenausstellungen“, die ab 1875 vor allem mit dem Namen des Hamburger Unternehmens Hagenbeck verbunden sind, Millionen von Gaffern anzogen und in Europa erst in den 1950er Jahren endgültig verschwanden.


Das Jeversche Wochenblatt schrieb über die „Kongo-N*-Karawane“ in Brunstermanns Gasthof am Bahnhof von Jever: „Besonders kann jeder den Zweifel verscheuchen, dass er gefärbte Weiße, wie sie auf Jahrmärkten und bei ähnlichen Gelegenheiten nur zu häufig vorkommen, vor sich hat. Die Kleidung und die Vorführung veranschaulichen so recht das Leben der unzivilisierten afrikanischen Völkerstämme. Auch die ethnographische Sammlung ist sehr interessant.“ (JW, 23.2.1893)
Diese Meldung über eine kleine Völkerschau ist aufschlussreich, da sie auf die rassistische Praxis des Blackfacing auch in Deutschland hinweist. Der Ursprung liegt in den US-amerikanischen Minstrel Shows ab Mitte des 19. Jahrhunderts, die auch in Europa Erfolg hatten. Weiße Darsteller malten sich mit Ruß oder Schminke die Gesichter schwarz an, ließen die Augen- und Mundpartie oft hell aus und stellten Schwarze Menschen als einfältig, tollpatschig oder „lustig-primitiv“ dar. Im Mittelpunkt standen musikalische Darbietungen, die afro-amerikanische Elemente aufgriffen und extrem karikierten. So wurde die angebliche Überlegenheit der weißen Amerikaner zementiert, Sklaverei und Rassentrennung verharmlost und – in Europa – das mit dem Kolonialismus verbundene Überlegenheitsgefühl ausgelebt.
Auch in Jever tauchte Minstrel-Show-Ähnliches auf. Am 6.1.1905 zum Beispiel berichtete das JW über ein Abonnementskonzert der Kapelle der Kaiserlichen 2. Matrosendivision aus Wilhelmshaven im jeverschen Concerthaus am Alten Markt, das im Wesentlichen aus ungarischen Rhapsodien bestand. „Nach Erledigung des Programms wurde ein [musikalischer, H.P.] humoristischer Vortrag geboten (eine vergnügte N*hochzeit), und es braucht wohl kaum hervorgehoben werden, dass diese „N*-Musik“ den beabsichtigten Erfolg hatte, das heißt große Heiterkeit erzielte.“
Die Völkerausstellungen waren häufig Teile von Zirkusveranstaltungen und von „passenden“ Tierschauen begleitet. Ein Bespiel ist das mehrtägige Gastspiel des in der europäischen Unterhaltungswelt der Vorkriegszeit fest verankerten und renommierten Zirkus Oscar Carré über Pfingsten 1914 in Wilhelmshaven. Das Unternehmen hatte seinen Hauptsitz in Amsterdam, operierte in ganz Mitteleuropa und war insbesondere für seine Pferdedressuren berühmt. Neben den BIPoC der Völkerschau präsentierte es in Wilhelmshaven an der heutigen Mozartstraße auch eine sogenannte „Abnormitätenschau“.
Das Wilhelmshavener Tageblatt berichtete mit deutlichem Zungenschlag über den Aufbautag: „Die Sonderzüge des Zirkus Carré trafen heute früh hier ein, worauf sich auf unserem Bahnhof ein buntes Leben entwickelte. Die Singhalesen, Japaner, Chinesen, Marokkaner, Beduinen und Cowboys trugen bei ihrer Ankunft ihre Nationaltracht und zeigten ein farbenprächtiges Bild, das durch die Elefanten, Kamele und die Trampeltierherde, die Lamas, Edelhirsche, Bären, Löwen, Bisons, Yaks, Antilopen und die große Pferdemenge in eigenartiger Weise vervollständigt wurde.“ (30.5.1914)
Die Völkerschauen dienten dazu, die koloniale Weltsicht zu rechtfertigen. Indem man nicht-europäische Menschen als „wild“, „primitiv“ oder „naiv“ und häufig im Kontext mit „wilden“ Tieren darstellte, sollte die vermeintliche Überlegenheit der „weißen Rasse“ untermauert werden. Sie waren ein besonders menschenverachtendes Kapitel der europäischen Unterhaltungsindustrie und Wissenschaftsgeschichte. Anthropologen nutzten die Schauen, um rassistische Theorien zu verbreiten.


Am Höhepunkt des deutschen Kolonialismus, im Jahr 1905, fand in Oldenburg eine große dreimonatige Landes-, Industrie- und Gewerbe-Ausstellung statt. Die Landesausstellung war gleichzeitig Schauplatz eines angeblichen „Somali-Dorfes“, das zur Steigerung der Besucherzahlen mit 65 Personen aus Britisch-Somaliland nach Oldenburg gebracht wurde. Die Attraktion „ostafrikanische Dorf“, sein „Alltag“ und spezielle „Vorführungen“ zogen Zuschauer aus dem weiten Umkreis an, eine Million Besucher sahen die Gesamtausstellung.
Veranstaltungen wie diese, abwertend auch „Menschenzoo“ genannt, dienten auch dazu, die deutsche Kolonialpolitik zu rechtfertigen, indem man die „Zivilisierungsbedürftigkeit“ fremder Völker suggerierte. Die Männer, Frauen und Kinder wurden bei solchen Schauen, ihrer Individualität beraubt und zu „Exponaten“ degradiert. Über die Betroffenen weiß man bis heute nur wenig. Es besteht großer Forschungsbedarf. Die Teilnehmer schlossen häufig Verträge ab, sahen eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Einmal in Europa angekommen, hatten die Menschen kaum eine Chance, eigenständig zurückzukehren, da sie von den Veranstaltern, Impresarios genannt, abhängig waren. Viele starben an Krankheiten, gegen die sie keine Immunität besaßen.
Lange mochte sich niemand in Oldenburg an dieses verstörende Kapitel der Landesgeschichte erinnern, oder man sah darin lediglich eine kuriose Anekdote. Erst 100 Jahre später, im Jahr 2005, erfolgte eine erste Aufarbeitung in Buchform, und zwar bezeichnender Weise vorangetrieben durch den damaligen Direktor des Landesmuseums für Natur und Mensch, Mamoun Fansa. Er wurde in Syrien geboren.
8) Die „Hunnenrede“ von Kaiser Wilhelm II. und ihr regionales Umfeld (1900)

Das Jeversche Wochenblatt und die anderen Zeitungen der Region berichteten sehr ausführlich über die Entwicklungen in den Kolonialgebieten, insbesondere natürlich über die „deutschen Schutzgebiete“. Die Vorrangigkeit dieser Thematik erklärt sich auch durch die erstrangige Bedeutung Wilhelmshavens als kaiserliche Marinestadt zur Durchsetzung imperialer und kolonialer Interessen. Hier und in Kiel waren die „Seebataillone“ stationiert, die als mobile Einsatzgruppen in Kolonialkriegen kämpften. Solche Berichterstattung und das über sie deutlich werdende Bild der BIPoC wäre einer eigenen Untersuchung wert, kann aber hier nur an einem Beispiel angerissen werden.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wehrten sich chinesische Rebellen (die sogenannten „Boxer“) gegen den zunehmenden Einfluss ausländischer Kolonial-Mächte in dem zu diesem Zeitpunkt schon sehr geschwächten Kaiserreich China. Als unter anderen ein deutscher Gesandter in Peking und viele christliche Chinesen getötet wurden, entsandte das Deutsche Kaiserreich zusammen mit den damals führenden Weltmächten wie Großbritannien, Frankreich, Russland, Japan und den USA ein „Expeditionskorps“ zur Niederschlagung des Aufstands. Diese Allianz war eine der ersten großen Militärinterventionen der modernen Geschichte.
Zur Verabschiedung eines ersten „Expeditionskorps“ hielt Kaiser Wilhelm II. am 27. Juli 1900 in Bremerhaven – nur Tage später verabschiedete er ähnlich auch in Wilhelmshaven – eine Rede, die als eines der verheerendsten Zeugnisse der deutschen Kolonialgeschichte gilt. Sie markiert den Moment, in dem eine oberste Staatsgewalt in bisher beispielloser Brutalität der Wortwahl Gewaltexzesse nicht nur duldete, sondern ausdrücklich öffentlich einforderte.
„Kommt Ihr vor den Feind, so wißt, Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Wer Euch in die Hand fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“
Der Befehl, Gefangene zu töten, setzte die damals bereits geltenden internationalen Abkommen sowie das allgemein akzeptierte, informelle Kriegsrecht de facto außer Kraft. Reichskanzler Bernhard von Bülow, der neben dem Kaiser stand, merkte sofort, dass solche Worte den Ruf Deutschlands massiv beschädigen würden, und versuchte vergeblich eine „bereinigte“ Version der Rede in Umlauf zu bringen.
Der Vergleich mit den „Hunnen“ und die Schilderung der Chinesen als minderwertig lieferte die ideologische Rechtfertigung für die anschließend tatsächlich begangenen Grausamkeiten gegen chinesische Zivilisten. Die „Hunnenrede“ von Wilhelm II. stellt eine Brücke zu den späteren deutschen Genoziden in Afrika dar, da hier die rassistische Vernichtungslogik erstmals „hoffähig“ gemacht wurde. Die Rede war mithin kein Ausrutscher, sondern die sich einmal ungeschminkt zeigende Wahrheit eines aggressiven Weltmachtstrebens, das ohne moralische Bedenken geopolitische Geltung durchsetzen wollte. Die wenig spätere Vernichtung der Herero und Nama im heutigen Namibia, der Völkermord im heutigen Tansania und all die anderen Verbrechen waren Gegenstand breiter und nicht immer unkritischer Berichterstattung im Jeverschen Wochenblatt, natürlich unter der Bezeichnung „Strafexpeditionen“.

In vielen kleinen Meldungen wurden nicht-weiße Menschen besonders herausgestellt. Die skizzierte Biografie eines Schwarzen Zugführers bei der Berliner Hochbahn – es war übrigens die heutige Linie 1 vom Kudamm nach Kreuzberg – klingt wie die nachträgliche Rechtfertigung seiner Einstellung. Beim Zeteler Markt kam es zu einer Verhaftung neben anderen, aber die diskriminierende Wortwahl ist aufschlussreich.
9) Schwarzer Pastor trotzt den Nazis: die „Affäre Kwami“ (1932)

Der Freistaat Oldenburg wurde seit Juni 1932 von einer NS-Landesregierung regiert, deren Leitung in den Händen des Ministerpräsidenten und NS-Gauleiters Carl Röver (1889–1942) lag. Bereits ein halbes Jahr vor der nationalsozialistischen Machtübernahme auf Reichsebene war der Nationalsozialismus und damit auch seine „Rasselehre“ die ideologische Grundlage der Landesregierung. Das machte u.a. die sogenannte “Kwami-Affäre” deutlich. Diese wurde von den Nationalsozialisten heraufbeschworen, als sie versuchten, die Predigt von Pastor Robert Kwami aus der ehemaligen deutschen Kolonie Togo am 20. September 1932 in der Oldenburger St. Lambertikirche zu verhindern.


Robert Kwami (1879 – 1945) war ein hochgebildeter Theologe, hatte in Deutschland studiert und war Vorsteher der Kirche der Ethnie Ewe in Togo. Er machte von Juni bis Oktober 1932 eine große Vortragsreise durch Deutschland, die von der Norddeutschen Mission in Bremen organisiert wurde. Die Reise Kwamis wurde ein großer Erfolg – für ihn und die Organisatoren. Er hielt in 82 Orten fast 150 Vorträge, viel mehr als ursprünglich geplant. Darunter auch am 21.8.1932 – also Wochen vor Oldenburg – bei einem großen Missionsfest in Schortens im Garten der Schooster Waldschenke und am 6.9.1932 in der Banter Kirche von Rüstringen. Pastor in Schortens zu dieser Zeit war Bernhard Engelbart und in Bant Hugo Harms (1882 – 1973), der später der Bekennenden Kirche angehörte.
In der Landeshauptstadt Oldenburg jedoch läutete die NS-Regierung die große Rassismus-Glocke. Nachdem es ihr durch internen Druck auf die Evangelisch-Lutherische Landeskirche nicht gelungen war, die Predigt zu verhindern, beschwor Röver drei Tage vor der anstehenden Predigt im Oldenburger „Ziegelhof“ die Macht der Straße.

Zitat: „N* bleibt N*, wie der Jude Jude bleibt. (… ) Mit den Leuten, die es wagen, den N* mit den Weißen auf eine Stufe zu stellen, werde man im dritten Reich sehr deutlich Fraktur reden, (…).“ Solche Gewaltandrohung blieb nicht unwidersprochen. In einem von verschiedenen Zeitungen verwendeten offenen Brief an Röver forderte Erich Hoyer (1880 – 1943), Pastor der St. Lambertikirche, die Zurücknahme der Drohung, was aber nicht geschah. Nach etwas Hin und Her erhob der Oberkirchenrat Klage gegen den Ministerpräsidenten und Leiter der NSDAP im Gau Weser-Ems.

Röver wiederholte am 28.9.1932 seine an Rassismus kaum zu überbietenden Ausfälle gegen Kwami auch bei einer Wahlkampfrede in Jever. Die im mit den Nationalsozialisten seit langem kooperierenden Jeverschen Wochenblatt fast wörtlich wiedergegebene Rede in zwei Auszügen:
„Dieser Geruch ist gewissermaßen der Schutz, den uns die Natur gegen Rassenvermischung und Rassenschande gegebenen hat. Es verstößt deshalb gegen das sittliche Empfinden unseres Blutes, wenn wir einen N* in dieser Weise unter uns wirken lassen. Das Höchste, was wir zu verteidigen haben, das ist die deutsche Mutter, die uns geboren hat. Dieses heilige Gefäß unseres Volkstums haben wir rein zu halten.“ Der Schluss der Rede: „Wir sind nicht religionslos, wie man uns von gewisser Seite dies unterstellt. Wir betrachten uns vielmehr als Träger der Religion.“ (JW, 30.9.1932)
„Wir“ meinte – in Abgrenzung zu den Schwarzen – die Weißen und im Kern die vom „Rassegedanken“ überzeugten Nationalsozialisten. Das ist das Konzept der 1932 im Entstehen begriffenen Deutschen Christen, die den traditionellen christlichen Universalismus (die Idee, dass vor Gott alle Menschen gleich sind) weitgehend ablehnten. Sie behaupteten, Gott habe die Menschen bewusst in verschiedene Rassen getrennt. Ihre „völkische Theologie“ erklärte die „Reinhaltung der deutschen Rasse“ zur religiösen Pflicht.
Auf Betreiben der Nationalsozialisten und der starken völkischen Strömungen innerhalb der Ev.-Luth. Landeskirche von Oldenburg übernahmen die Deutschen Christen ab 1933 zügig den Oberkirchenrat. Zum neuen Personal gehörte auch Dr. Georg Müller-Jürgens (1883 – 1971). Er war zum Zeitpunkt der Rede Rövers Bürgermeister von Jever, wohnte ihr bei und trat zum 1. Oktober 1932 in die NSDAP ein. Müller-Jürgens war die führende Kraft der Deutschen Christen in Jever und wurde 1935 in den Oldenburger Oberkirchenrat berufen. Röver war offiziell Protestant, favorisierte aber stark wie viele andere NS-Größen die völkisch-germanische Mythologie.

Am 20.9.1932 hielt Pastor Kwami – äußerlich ungestört – seine beiden Vorträge in der Lambertikirche mit überwältigenden Teilnehmerzahlen von insgesamt an die 3.000 Menschen.
Er schrieb etwas später: „Es war fast am Ende meiner Arbeit in Deutschland. Ich freute mich sehr, dass Gott mir geholfen hatte und alles besser gelungen war, als ich es gedacht hatte. Da plötzlich traten Feinde gegen mich auf in der Stadt Oldenburg, und erschreckten mich mit dem Verbot in ihrer Stadt zu reden. Wenn ich es doch wagen sollte, dann würde ich etwas erleben.“ Die Oldenburger Kirchenleute fragten den sich zu diesem Zeitpunkt in Bremen aufhaltenden Kwami, ob er unter diesen Umständen noch nach Oldenburg kommen wolle. Kwami: „Ich gehe, denn ich bin in Gottes Hand. (…) Und man hat mich in keiner weiteren Stadt mit größerer Freude empfangen als in Oldenburg. Menschen, die sonst nicht zur Kirche gehen, kamen, so dass die Kirche brechend voll war.“ (zit. n. Hennings, S. 36)

Die Affäre weitete sich publizistisch aus, selbst in England, den Niederlanden und den USA berichteten Zeitungen. Der Zuspruch, den die Kirche in Oldenburg erhielt, ist jedoch differenziert zu betrachten. Paul von Lettow-Vorbeck (1870 – 1964) war als kaiserlicher Offizier unter anderem an der genozidalen Kriegsführung Lothar von Trothas 1904 gegen die Herero beteiligt und hatte mit seiner Strategie der verbrannten Erde in Deutsch-Ostafrika im Ersten Weltkrieg Hunderttausende von Toten zu verantworten.
Er mischte sich öffentlich folgendermaßen in die Kwami –Affäre ein: „Mir erscheint eine Predigt des schwarzen Pastors Kwami eigentlich gerade von unserem nationalen Standpunkt aus als recht erwünscht. Der Mann wirkt doch für das Deutschtum, wie überhaupt die Eingeborenen der ehemals deutschen Kolonien eine so ergreifende Anhänglicheit an uns bewahrt haben. Ich meine, das sollten wir fördern und nicht ablehnen.“ (zit. n. JW, 19.9.1932).
Auch andere, weniger rassistische Zeitgenossen als von Lettow-Vorbeck sahen im eloquent Deutsch sprechenden Kwami ja gerade die angebliche Überlegenheit der deutschen Kulturarbeit in Afrika manifestiert, die einen so gebildeten Vertreter wie Robert Kwami als, so würde man heute sagen, „Vorzeige-Schwarzen“ hervorgebracht hatte. Dieser „koloniale Rassismus“ traf auf einen rowdyhaft und ungehobelt erscheinenden Ministerpräsidenten, dessen extremistisch-biologischer Rassismus offenbar von vielen Zeitgenossen noch nicht verstanden war. (vgl. Hennings, S. 44 ff.)
Durch Druck der regierenden Nationalsozialisten auf die Ermittlungsbehörden wurde die Anzeige noch im Jahr 1932 eingestellt. Die Kwami-Affäre gilt heute als einer der wenigen Momente, in denen die evangelische Kirche vorder Machtübernahme der NS-Ideologie durchaus erfolgreich die Stirn bot und als Vorbote des späteren Kirchenkampfs. Für Röver, der auch parteiintern als ungeschickt gerügt wurde, war das nur ein kurzfristiger Prestigeverlust, den er ab 1933 wieder wettmachte. Er wurde wie Hitler und Hindenburg sehr bald Ehrenbürger Jevers. Und sein rassistischer Wahn, den er auch in Jever so offen geäußert hatte, wurde NS-Staatsraison, an allen Schulen gelehrt und die ideologische Grundlage der mörderischen Verfolgung der Juden, Sinti und Roma und anderer Bevölkerungsgruppen.
10) Jazz an der Jade und der Kulturkampf der Weimarer Republik (1919 – 1933)


Abschließen möchte ich mit Schlaglichtern auf den Jazz, seine Rezeption und seine Akteure in unserer Region. Jazz ist weit mehr als nur ein Musikgenre. Er ist ein monumentales Zeugnis kollektiver Widerstandskraft und individueller Kreativität und eine der bedeutendsten kulturellen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Er entstand aus der systematischen Unterdrückung der Afroamerikaner und gilt heute als die universelle Sprache der Freiheit. Sein afroamerikanischer Ursprung und seine globale Wirkung beeinflussen die musikalische Welt bis heute.
In den Anzeigen und Berichten der Zeitungen des Raums Friesland / Wilhelmshaven tauchte das Wort „Jazz“ zuerst 1919 auf, zunächst als ein zu lernender Tanz und ab 1923 zunehmend häufig als angekündigte Musik bei Unterhaltungsveranstaltungen unterschiedlicher Art. Hintergrund ist der Siegeszug der Schallplatte, die ab 1917 die kurz zuvor in New Orleans entstandene „Musik des 20. Jahrhunderts“ tendenziell überall hörbar machte, der ab 1924 aufkommende Rundfunk und die nach Kriegsende die Hauptstädte Europas begeisternden amerikanischen Show-Orchester (Josefine Baker, Sam Wooding u.a.) mit Jazz-Solisten wie z.B. Sidney Bechet. Als 1925 der Charleston mit das erste Welt-Pop-Phänomen wurde und 1927 das neue Massenmedium Tonfilm den Jazz integrierte („The Jazz-Singer“ mit Al Jolson), wurde zum Ende der Weimarer Republik der Jazz die modernste, energetischste Musik der Zeit, bot die perfekte Demonstration für die neue Technik, war Inbegriff von Urbanität, Tempo, Fortschritt und Entertainment.
Der „Jazz“, der in Rüstringen, Wilhelmshaven und Jever von örtlichen Tanzmusik-Combos und Marinekapellen gespielt wurde, unterschied sich deutlich von dem Originalsound, den wir heute mit den klassischen Aufnahmen von King Oliver, Louis Armstrong oder Jelly Roll Morton im Ohr haben. Jazz an der Jade war in den 1920er Jahren eine Mischung aus Schlagern und deutlich synkopierten Rhythmen in schnelleren Tempi. Auch die ansässigen Marineorchester erweiterten ihr Repertoire um zeitgemäße Schlager und Synkopen auf der Basis eines tanzbaren Foxtrott. Man spielte vom Blatt, Improvisation spielte kaum eine Rolle.
Die Musikindustrie der USA erkannte zwar das Potential von Künstlern wie Armstrong vermarkteten es aber lange in der streng nach Hautfarben getrennten amerikanischen Gesellschaft nur unter dem afroamerikanische Publikum („Race Records“). Solche Diskriminierung brach erst um 1940 auf. In Deutschland kamen Armstrong-Platten kurz vor der NS-Zeit auf den Markt – und wurden dann häufig wie Heiligtümer verehrt.
Gastspiele afroamerikanischer Musiker sind an der Jade nicht belegt. Für das Künstlerfest des Schauspielhauses am 7.2.1925 wurde „eine waschechte N**-Jazz-Band“ angekündigt, aber die Formulierung lässt sich auch als Hinweis auf Blackfacing lesen (Wilhelmshavener Tageblatt, 5.2.1925). Es fehlte sicher nicht an örtlichem Interesse, aber an einem zahlungskräftigen Varieté-Theater für die teuren, in Berlin gastierenden Show-Bands von Paul Whiteman oder Jack Hylton, in denen auch manchmal Afroamerikaner mitwirkten. Es sollte noch 50 Jahre dauern, bis die originalen Schöpfer – und nicht die Plagiatoren – ihre Musik hier spielen konnten und dafür auch bezahlt wurden.

Während in Jever und Sillenstede Jazzbands die Bevölkerung unterhielten und die Veranstalter für ihre Inserate Geld ausgaben, polemisierte die Redaktion des Jev. Wochenblatts permanent gegen den Jazz, am 4.2.1928 so:
Jazz
Frisch auf, mein Volk, die N*hörner winseln,
Aus dunklem Kraal beleckt dich schon Kultur!
Laß schleunigst dir noch schwarz den Bauch bepinseln,
Dann hebe stolz und froh die Hand zum Schwur
Und juble laut, so laut du jubeln kannst,
Indes du nach des N*s Pfeife tanzt:
„Sei´s trüber Tag, sei´s heit´rer Sonnenschein,
Ich bin ein Kaffer, will ein Kaffer sein!“
Solch rassistisches Schmähgedicht bediente den völkischen Teil der Leserschaft. Für das konservative Bildungsbürgertum standen die Behauptungen des jeverschen Kirchenmusikers Karl Hildebrand:
„Aus dem Schlamm der Jazzmusik ist keine Reinigung und Erhebung des Seelischen zu erwarten und zu gewinnen. Wir brauchen in dem rasenden Tempo unserer Zeit unbedingt Augenblicke […] des seelischen Erlebnisses und daher ist die edle Musik von Volkslied bis zur höchsten Kunst die beste Lösung für alle, denen ein besseres Ich noch nicht verlorenen gegangen ist.“ (JW, 14.12.1927) Hildebrand wurde nach 1933 von den Deutschen Christen in Jever aus der Kirchenmusik verbannt, weil er als „Halbjude“ galt.
In der Tendenz tolerant klang es aus den Spalten des Wilhelmshavener Tageblatts und der der SPD nahestehenden Zeitungen Republik und Volksblatt, die redaktionell sachlich über Jazzveranstaltungen berichteten und in ihren regelmäßigen Kolumnen durchaus zur Differenzierung fähige Beobachter des Berliner Kultur- und Jazzlebens zu Wort kommen ließen.
Der Kolumnist „Diogenes“ sparte nicht mit bissigen Bemerkungen über Auswüchse der Sensationsgier der Zeit. Er spießte zum Beispiel eine Meldung über eine in die Schlagzeilen geratene junge Frau aus den USA auf: „Denn Fräulein Dorothee in San Francisco hat ihre Mutter erschlagen. So schrecklich das ist, es kommt vor. Aber – sagen die Ärzte – die Dorothee erschlug ihre Mutter unter dem Druck einer furchtbaren Krankheit: der „Jazzomanie“. Was das ist? Ja, das ist so: die Dorothee will Jazz tanzen gehen. Die Mutter erlaubt ihrs nicht. Und da schlägt die Dorothee die Mutter tot und geht doch Jazz tanzen.“
Diogenes reimt dann eine Moritat auf den (angeblichen) Vorfall:
Das war die schöne Dorothee
Die tanzte schon um Fünf zum Tee.
Sie tanzt´ am Abend; und die Nacht
Hat stets sie tanzend zugebracht.Wenn andre sich im Bett verschanzt,
Hat sie getanzt und nur getanzt.
Der Speis´- und Trank- und Schlafersatz
War ihr der Jazz, war ihr der Jazz!Das letzte gab sie zum Versatz,
Um Jazz zu tanzen, immer Jazz!
Bis endlich im Gehirn zerplatzt
Ein Etwas ihr – sie war verjazzt!Und die verjazzte Dorothee,
Die einst von Herzen rein wie Schnee,
Schlug ihre eigne Mutter tot;
Weil solche ihr den Jazz verbot.Nach dem Bericht des Morgenblatts
Tanzt sie jetzt im Gefängnis Jazz …
O Mütter, macht der Einsicht Platz:
Kein Tanz – `ne Krankheit ist der Jazz!Und wen die Jazz-Manie befällt,
Für den gibt’s nischt mehr auf der Welt:
Nicht Mutter, Tante oder Schatz –
Bloß Jazz und immer wieder Jazz!Und wer das hindern will, der hat´s
Bald mit dem Tod gebüßt. – Oh, Jazz!
(Wilhelmshavener Tageblatt, 14.2.1925)
Aber auch in diesen Zeitungen wurden immer wieder Stimmen laut, die beipielsweise Jazz als „Katzendreck“ (Wilhelmshavener Tageblatt, 10.10.1928) bezeichneten oder in den „Roaring Twenties“ den Verfall der deutschen Kultur ausmachten:
„Diesem Tiefsten und Wichtigsten scheu aus dem Weg zu gehen und immer wieder tropische Kulissen davor zu bauen, – das ist Jazz. Wir haben Beethoven gefeiert. Nicht wir allein, die ganze Welt hat diesem deutschesten Tonriesen gehuldigt. Aber das hindert uns nicht, uns von Orchestern und Grammophonen mit Kakophonien beleidigen zu lassen, die wir angeblich als Musik empfinden und begeistert beklatschen. — Jazz. Ein Volk, aus dem die graziösesten Walzerkomponisten hervorgegangen sind, hampelt nach dem satanischen Rhythmus solcher Ohrenpein mit ausgerenkten Gliedern übern*te Grotesken. — Jazz . Nicht hinsehen! Nicht daran denken! Opium! Kokain! Jazz, Jazz! Lärm, Verwirrung, Ablenkung, Sinnenreiz, Betäubung um jeden Preis! Von dieser Willenlosigkeit Verzweifelter lebt der Sieger Jazz!“ (Kolumnist „Spieglein“, Wilhelmshavener Tageblatt, 16.7.1927)
Der Jazz war dazu geeignet, das Schlachtfeld des Kulturkampfs in den „Goldenen Zwanzigern“ zu werden. Die Nationalsozialisten und ihre konservativen Verbündeten verteufelten ihn, denn die afroamerikanisch inspirierte Musik stand für Aufbruch, Urbanität, Internationalismus und Individualismus und widersprach damit ihren politischen und gesellschaftlichen Zielvorstellungen. Dagegen galt es den Hebel anzusetzen. Den Nazis galt der Jazz gar als Werkzeug der „Zersetzung“ der „deutschen Kultur“ durch „jüdisch-bolschewistisch“ lancierte „artfremde N*-Musik“. Er widersprach mit seinem swing – also in dem mit den Mitmusikern individuell vereinbarten, körperlichen Zeitgefühl – der NS-Norm des entindividualisierten, totalitär lenkbaren Volkskörpers.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Jazz verboten und unterdrückt, war aber nicht tot zu kriegen. Das ist ein komplexes Kapitel für sich, über das der Historiker Heiko M. Pannbacker an dieser Stelle bereits 2019 einen Vortrag gehalten hat. Der Autor der berüchtigten Broschüre und Ausstellung von 1938, Hans Severus Ziegler (1893 – 1978), arbeitete nach 1945 übrigens unbehelligt als Erzieher und Lehrer auf Wangerooge im Internat des Arztes und Bürgermeisters Dr. Siemens. Als Ziegler starb, veröffentlichten die „Ehemaligen Schüler des Inselgymnasiums Wangerooge“ in der Tageszeitung Die Welt eine große Todesanzeige.
11) Mingus, Roach, Shepp und die anderen: Schwarze Musik im postfaschistischen Wilhelmshaven


Erst nach der Befreiung vom Nationalsozialismus im Jahr 1945 konnten die „Musik des 20. Jahrhunderts“ und seine Schöpfer in Deutschland öffentliche Anerkennung finden. Es gab aber auch steifen Gegenwind der alten Kräfte. Doch mehr und mehr wurden die Schwarzen Künstler selbst Akteure ihrer Karrieren und ihre Schöpfungen etwas weniger durch die weiß-dominierte Musikindustrie kommerziell ausgebeutet.
Louis Armstrong war der erste afro-amerikanische „Superstar“, der seit den 1930er Jahren weltweit geliebt wurde. Er erfand Mitte der 1920er Jahre das Jazz-Solo. Armstrong bewies als erster, dass ein einzelner Musiker durch seine Persönlichkeit, Kreativität und Virtuosität ein ganzes Genre schaffen kann. Das prägt die gesamte Popmusik bis heute.
Armstrong bekam erst 1952 seine erste Erwähnung im Jeverschen Wochenblatt überhaupt und spielte etwas später dann wie andere Größen – z.B. Miles Davis mit John Coltrane – leibhaftig in der 1954 errichteten Weser-Ems-Halle in Oldenburg! Dieser wahrliche Kultur-Tempel wird (im Jahr 2026) gerade abgerissen. Jazz und die Identifizierung mit seinen meist Schwarzen Exponenten wurde Ausdruck von Gegenkultur im postfaschistischen Deutschland. Auch in Wilhelmshaven, wie in vielen anderen Städten, entstand Anfang der 1950er Jahre ein Jazzclub, mit einem ehemaligen Bunker als Spielstätte. Verschiedene Bands des von Amateuren technisch beherrschbaren Oldtime-Stil bildeten sich.
Eine neue Qualität erreichte die Entwicklung in Deutschland durch den horizontöffnenden Impuls der 1968er Revolte. Örtliche Initiativen, die den Gedanken und der Musik der Zeit öffentlichen Raum gaben, öffneten auch dem Jazz und darunter den kulturellen und politischen Exponenten der afroamerikanischen und südafrikanischen Bürgerrechtsbewegungen die Spielstätten abseits der großen Festivals. Für den gesamten deutschen Nordwesten hat sich hier das 1970 begründete „Blue Note“ am Bordumplatz und das diesem Club im August 1976 nachfolgende, viel größere Kommunikationszentrum (heute „Kulturzentrum“ umgetaufte) Pumpwerk Ruhm erworben. Das Pumpwerk Wilhelmshaven war einmal – ein Mekka von Jazz, subversiven Gedanken und Kommunikation darüber in wüster Einöde weit und breit mit Ausnahme Bremens. Der Dank geht an die Macher und Ermöglicher wie Tasso Olbertz, Udo Bergner und Dr. Ingo Sommer.










Es spielten in Wilhelmshaven (Auswahl): George Adams (3x), Nat Adderley, Art Ensemble of Chicago, Walter Bishop jn., Art Blakey (2x), Arthur Blythe, Lester Bowie (2x), Anthony Braxton, Marion Brown, Dave Burrell, Andrew Cyrille, Jack DeJohnette (2 x), Betty Carter, James Carter, George Coleman (2x), Tommy Flanagan, Dexter Gordon (3x), Johnny Griffin (4x), Roy Hargrove, Barry Harris, Beaver Harris, The Heath Brothers, Joe Henderson (2x), Billie Higgins, Freddie Hubbard, Abdullah Ibrahim / Dollar Brand (4x), Shannon Jackson (4x), Elvin Jones (6x), Oliver Lake, Harold Mabern, Miriam Makeba, Charles Mingus, Al Mouson (3x), David Murray (2x), Charles McPherson (2x), Horace Parlan (3x), Odean Pope, Don Pullen, Joshua Redman, Sam Rivers, Max Roach, Gonzalo Rubalcaba, Woody Shaw (2x), Archie Shepp (6x), Alan Silva, Sun Ra, Art Taylor, Cecil Taylor, Clark Terry, James Blood Ulmer (3x), Cleanhead Vinson, Mal Waldron, Jimmy Witherspoon, Frank Wright und viele andere. Ein Auftritt von Miles Davis platzte kurz vor Vertragsunterschrift. Die Original Jazz Heroes machten nicht nur Musik, sondern verkörperten gleichzeitig ihre selbst erkämpfte Rolle als Künstler in einer nach wie vor überwiegend rassistischen Gesellschaft.
Ausdruck der Universalität ihrer Musik waren u.a. Chet Baker (2x), Carla Bley, Gary Burton, Larry Coryell, Klaus Doldinger, Gil Evans, Bill Frisell, Maynard Furguson, Jan Gabarek, Paul Horn, Lee Konitz (2 Auftritte), Joe Lovano, Charlie Mariano, Paul Motian (2x), John Scofield, Ralph Towner, Phil Woods und Joe Zawinul sowie die komplette Jazz-Avantgarde Europas von Brötzmann über Mangelsdorff bis Schlippenbach und Zoller.
Max Roach, Charles Mingus, Archie Shepp, Miriam Makeba, Abdullah Ibrahim und Sun Ra sind für das Thema von besonderem Interesse. Ihr musikalischer und kompromissloser Kampf gegen Rassismus, Unterdrückung und für die Bürgerrechte vereint sie. Sie sahen ihre Musik als Kunst, politische Waffe und Ausdruck schwarzer Identität gleichzeitig. Sie lehnten überwiegend den Begriff „Jazz“ als eine aufgezwungene Kategorie ab und sprachen stattdessen lieber von Black Classical Music. Gemeinsam ist auch ihr Bestreben, abseits der ausbeuterischen Musikindustrie eigene ökonomische Strukturen zu entwickeln und so ihre Kunstform aus den Händen der Konzerne zurückzuerobern.
- Max Roach (1924 – 2007) : Veröffentlichte 1960 das bahnbrechende Album We Insist! Freedom Now Suite. Gemeinsam mit der Sängerin Abbey Lincoln vertonte er die Geschichte der Sklaverei bis hin zur damaligen antikolonialen Unabhängigkeitsbewegung in Afrika. In Wilhelmshaven, am 15.7.1984, spielte er eine Sequenz daraus. Roach war wohl der wichtigste Schlagzeuger der Jazzgeschichte und gleichzeitig Schöpfer des Rollenmodells intellektueller, musikalischer Anführer.
- Charles Mingus (1922 – 1979): In der Musik dieses bedeutenden Komponisten und Bassisten spiegelt sich die Wut und die Entschlossenheit der afroamerikanischen community wider. Sein bekanntestes politisches Statement ist das 1959 komponierte Stück „Fables of Faubus“, das er wegen der Ablehnung der Plattenfirma Columbia erst später veröffentlichen konnte. Es war eine wütend- spöttische Reaktion auf den Gouverneur von Arkansas, Orval Faubus, der die Nationalgarde eingesetzt hatte, um die Integration schwarzer Schüler zu verhindern. Mingus spielte und sang es am 7.9.1976 in Wilhelmshaven.
- Archie Shepp (geb. 1937) : Seine Kunst ist untrennbar mit der historischen musikalischen Tradition und dem Freiheitskampf der Black Community verbunden. Der studierte Literaturwissenschaftler und Professor emeritus für „Black Studies“ gilt als führender Intellektueller des Black Arts Movements. Anfangs war sein Saxophon eine der radikalsten Stimmen des Free Jazz und der Black Power Bewegung. Mit dem Album „Fire Music“ (1965) und „Malcolm, Malcolm – Semper Malcolm“, Hommage auf den kurz zuvor ermordeten Malcolm X, sprengte er die ästhetische Isolation des Jazz auf. Das Album „Attica Blues“ (1972) reagierte auf die blutige Niederschlagung des Gefängnisaufstands in Attica, N.Y. Shepp war jetzt einer der ersten Musiker, der die Avantgarde mit den Wurzeln schwarzer Musik wie Blues und Spirituals zurückverknüpfte. Zusammen mit Max Roach spielte er 1979 das Album „South Africa – Goddamn!“ ein. Roach und Shepp zeigten sich oft solidarisch mit den Befreiungsbewegungen in Afrika und verbanden den Kampf in den USA mit dem auf dem afrikanischen Kontinent (Pan-Afrikanismus).
Shepp trat zwischen 1976 bis 1995 sechsmal in Wilhelmshaven auf. Hier rezitierte er im Stück „Revolution“ auch sein Gedicht „Mama Rose“:
They all sayin´ that Malcolm´s dead and every flower is still.
Well I just wanna tell you Mama Rose, we are the victims.
You know what am I gonna say to my sons?
Well I´m gonna tell them that death clocks the Potomac in a scarlet show!
Well, I want you to take this ex-cannibal´s kiss and turn it into a Revolution! (Auszug)
– Miriam Makeba (1932 – 2008): Als sie 1963 in ihrer historischen Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen dazu aufrief, Sanktionen gegen das Apartheid-Regime in Südafrika zu verhängen und den inhaftierten Nelson Mandela freizulassen, verlor sie ihre Staatsbürgerschaft. Im Exil wurde die Sängerin zur weltweit berühmten „Mama Africa“. Mit Liedern in afrikanischen Sprachen bewahrte sie die Würde und Identität der schwarzen Bevölkerung, die das Regime auslöschen wollte, und thematisierte im „Soweto Blues“ den blutig niedergeschlagenen Schüleraufstand von 1976. Sie verwandelte Schmerz in Kunst und ihr Exil in eine globale Kampagne für Freiheit. Auf Bitte von Mandela ging sie 1990 nach Südafrika zurück. Am 28.5.2000 trat sie im Pumpwerk auf.
- Abdullah Ibrahim (geb. 1934): Der Pianist und Komponist (aka Dollar Brand) wurde durch das rassistische Apartheid-Regime am Kap ins Exil gezwungen und spielte viermal in Wilhelmshaven. Seine Komposition „Mannenberg“ war die inoffizielle Hymne des Anti-Apartheid-Kampfes. Er spielte sie auch im Pumpwerk.
Ende der 1980er Jahre schloss sich selbst Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) öffentlich den Stimmen an, die zunehmend das Ende des Regimes und die Freilassung des seit 25 Jahren eingekerkerten ANC-Führers Nelson Mandela forderten. Dr. Fritz Blume jedoch – Chefredakteur des Jev. Wochenblatts – sprach sich in gleich zwei Leitartikeln entschieden gegen dessen Freilassung und für die Rassentrennung aus. Dennoch wurde er später Ehrenbürger Jevers und eine Straße nach ihm benannt.
Bei Mandelas Amtseinführung als Präsident von Südafrika im Jahr 1994 spielte Abdullah Ibrahim. Der Mann, der das Land in die Freiheit führte, begrüßte den Musiker, der im Exil die Schwarze Kultur des Landes am Leben hielt. Und Ibrahim speilte seinen berühmten „Homecoming Song.“

Sun Ra (1914 – 1993), geboren als Herman Poole Blount in Birmingham, Alabama, in einem Südstaat der USA. Birmingham war ein besonders berüchtigtes Zentrum des Ku-Klux-Klan, der dort bis in die 1950er Jahre Lynchmorde durchführte. Der Arrangeur und Pianist behaupte ab 1950 konsequent, nicht von der Erde, sondern vom Planeten Saturn zu stammen und nannte sein Orchester „Archestra“. Das war keine exzentrische Show, sondern ein radikaler Akt von Selbstermächtigung und autonomer Identitätsstiftung. In einer Zeit, in der die Rassentrennung in den USA herrschte, entzog er sich dem irdischen Rassismus, indem er sich als „Alien“ definierte und eine komplette, ägyptisch aufgeladene Mythologie um seine Person mit selbst entworfener Musik, Kunst und Philosophie vereinte.
Sun Ra legte den Grundstein für den später so genannten, inzwischen berühmten „Afrofuturismus“. Wakanda von Black Panther, Janelle Monáe, George Clinton, Octavia E. Butler und anderen bahnte er den Weg. Es geht hierbei um die Wiedergewinnung der eigenen Geschichte und um Heilung von den Traumata Sklaverei und Kolonialismus durch das Erschaffen neuer Welten. Afrofuturismus ist angewandte Utopie: Schwarze Menschen überleben hier nicht mehr nur irgendwie, sondern entwerfen schöpferisch und intensiv ihr Leben und ihre Kunst selbst. Das zeigte der fulminante Auftritt der Band am 7.5.1988 im Pumpwerk, dem eine Probe von zwei Stunden vorangegangen war.

Sun Ra und das Archestra übernachteten in einem Hotel an der Valoisstraße beim Hauptbahnhof. Ausgerechnet. Victor Valois (1841 – 1924) war aktiv an den kolonialen Einsätzen der Kaiserlichen Marine in Afrika beteiligt und in der imperialen Marinestadt Wilhelmshaven hochgeschätzt. Die Valoisstraße gibt es bereits seit der Kaiserzeit, 1996 benannte die Stadt Wilhelmshaven auch noch den angrenzenden Platz nach dem Admiral. Außerdem wurde das traditionsreiche Hotel Loheyde, in dem in den 1920er und dann wieder in den 1960er Jahren viel Jazz gespielt wurde, in Hotel Valois umbenannt.
In seinem Film „Space ist the Place“ von 1972 landet Sun Ra mit seinem Raumschiff auf der Erde, um schwarze Menschen zu befreien und sie mit Hilfe von Musik auf einen anderen Planeten zu transportieren. Er besuchte 1988 auch Wilhelmshaven. Bald 30 Jahre später wird es bemerkt.
Literatur (Auswahl)
Bollmeyer, Matthias: Die Jürgensbibliothek: Eine noch nicht erschlossene Gelehrtenbibliothek aus der Goethezeit. – In: Peters, Hartmut (Hg.): Die Bibliothek des Mariengymnasiums Jever – ein Kosmos für sich. – Jever: Förderverein Bibliothek, 2020, S. 314 – 321
Dreesbach, Anne: Gezähmte Wilde. Die Zurschausstellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870 -1940.- Frankfurt/M: Campus, 2005
Fansa, Mamoun (Hg.): Das Somali-Dorf in Oldenburg 1905 – eine vergessene Kolonialgeschichte? – Oldenburg: Isensee, 2005
Hennings, Ralph: Die Kwami-Affäre im September1932. – Oldenburg: Isensee 2017
Kemper, Peter: The Sound Of Rebellion. Zur politischen Ästhetik des Jazz. – Reclam: Leipzig, 2023
Köhn, Silke: Die Braut von Fikensolt: Das Portrait der Prinzessin Charlotte Amélie de la Trémoille, Gräfin von Aldenburg (1652-1732). – Oldenburg: Isensee, 2005
Kuhlmann-Smirnov, Anne: Schwarze Europäer im Alten Reich: Handel, Migration, Hof. – Göttingen: V&R, 2013
Martin, Peter: Schwarze Teufel, edle Mohren. – Hamburg: Junius, 1993
Meiners, Uwe: Firmenschild eines jeverschen Tabakfabrikanten. Kaleidoskop 38. – In: www.schlossmuseum.de/sammlungen
Sander, Antje: Herrschaft und höfischer Alltag zur Zeit Fräulein Marias von Jever. – In: dies. (Hg.): Das Fräulein und die Renaissance: Maria von Jever 1500 – 1775. – Oldenburg: Isensee, 2000, S. 97 – 124 („Mohr“, S. 119)
Landesbibliothek Oldenburg: Digitale Zeitungssammlung (Jeversches Wochenblatt, Wilhelmshavener Tageblatt, Republik, Vorwärts)
Digitales Archiv der Nordwest-Zeitung, Schlossmuseum Jever, Wikipedia, Bibliothek des Mariengymnsiums Jever, Privatarchiv Jazz H. Peters
Repros, wenn nicht anders angegeben: H. Peters; JW – Jeversches Wochenblatt
(Online-Version des zu diesem Zweck veränderten und deutlich erweiterten Powerpoint-Vortrags „Fundstücke zur Geschichte der BIPoC in FRI/ WHV“ vom 5.3.2026 im GröschlerHaus Jever, Manuskriptabschluss 22.3.2026)
