Die Rede Hitlers vom 1. April 1939 in Wilhelmshaven und der Überfall auf Polen


Video/Audio: Hitlers Rede vom 01.04.1939 in Ausschnitten

 

von Hartmut Peters

Die Plakette zum „Hitler-Tag“ am 1. April 1939 in Wilhelmshaven (Jeversches Wochenblatt, 30.3.1939)

Wer nach Daten in der Geschichte Wilhelmshavens sucht, die nicht nur regionale Bedeutung haben, wird sofort im November 1918 fündig. Vor gut 100 Jahren fegte der Aufstand der Matrosen das Kaiserreich hinweg, beendete den Krieg und legte das Fundament für die erste deutsche Demokratie. Auf der negativen Seite steht spiegelbildlich der 1. April 1939, doch ist die historische Bedeutung dieses Tages bisher relativ unbekannt geblieben.

Am Geburtstag Bismarcks hielt Hitler – nach dem effektvoll inszenierten Stapellauf der „Tirpitz“ – auf dem Rathausplatz eine über den Rundfunk übertragene Rede, die auch im Ausland mit gespanntem Interesse erwartet wurde. Vor  den 80.000 Zuhörern ging Hitler nur kurz auf den Wohnungsbau in der auf Hochtouren laufenden Rüstungsschmiede Wilhelmshaven ein. Sinn der Veranstaltung war die Vorbereitung der Kündigung des Flottenabkommens mit Großbritannien und ein deutliches Signal über den Kanal sowie in die deutschen Lande, dass NS-Deutschland vor Krieg nicht zurückschrecken würde. Am 1. April 1939 vollzogen NS-Führung und Wehrmacht in der Jadestadt einen wesentlichen Schritt hin zum Zweiten Weltkrieg und präsentierten den Augen der Welt ein kriegsbereites Deutschland.

In das kollektive Gedächtnis aber hat sich vor allem der Stapellauf des Schlachtschiffs „Tirpitz“ eingeprägt. Sicherlich ist dafür die raffiniert geschnittene Ufa-Wochenschau mit verantwortlich, die  bis heute ihre Zuschauer findet. Auch gilt die „Tirpitz“ mit ihren 251 Metern Länge noch heute als das größte jemals in Europa fertiggestellte Kriegsschiff.

Die historische Rede Hitlers auf dem in eiliger, professioneller Aktion zu einer Art Parteitagsgelände pompös umgestalteten Rathausplatz ist dagegen fast in Vergessenheit geraten. Beifang des „Hitler-Tags“  war die Vorführung der Modelle von Wilhelmshaven als „Stadt der 300.000“, die die Stadtpolitiker stolz im Rathaus präsentierten, und die Übergabe der Ehrenbürgerurkunde an den „Führer“ im Ratssaal.

Als den Nationalsozialisten Anfang 1933 die Macht zuviel, konnten sie auf ein kleines, bereits in der Weimarer Republik weitgehend verdeckt laufendes Rüstungsprogramm zurückgreifen, das auf Revision gewisser Bestimmungen des Versailler Vertrags hinauslief. Bezeichnend für das, was kommen sollte, war bereits Hitlers Ansprache vor den Repräsentanten der Reichswehr am 3. Februar 1933 in Berlin gewesen.  Gleich zu Beginn des „Dritten Reichs“ verkündete er hier, dass die Wiedergewinnung der poltischen Macht Deutschlands das wichtigste Ziel seiner Politik sein werde und die Voraussetzung hierfür der zügige Aufbau der Streitkräfte sei. Die Erweiterung und Aufrüstung der von Hitler als wichtigste Einrichtung des Staates bezeichneten Reichswehr – bald „Wehrmacht“ genannt -, erhielt höchste Priorität. Allen Beteiligten war klar, dass es über kurz oder lang auf eine militärische Revision der territorialen Ergebnisse Versailles hinauslaufen würde. Als Beginn des Krieges strebten die Planer den Anfang der 1940er Jahre an.

Nicht jedem in der militärischen Führungsgruppe war hingegen zu diesem Zeitpunkt klar, dass Hitler und die NS-Ideologen nicht nur den Status einer europäischen Großmacht anstrebten, wie das Kaiserreich ihn vor dem Ersten WK besessen hatte. Sie verfolgten das weit darüber hinausgehende Ziel eines rassisch begründeten Weltimperiums mit Basis auf der europäisch-asiatischen Landmasse. Hitler wollte die Phrase vom „Volk ohne Raum“ nicht nur im Mund behalten, sondern in die Tat umsetzen, und zwar im Osten Europas,  und damit gleichzeitig den Sowjetkommunismus erledigen. Dieses Vorhaben, zügig ab 1939 umgesetzt, führte dann nicht nur zum Völkermord an den europäischen Juden, Sinti und Roma, sondern auch zur brutalen Tötung vieler Millionen Polen und Sowjetbürger. Diese galten den Nazis wie die Juden als minderwertig, sollten aber im Gegensatz zu diesen nicht ganz ausgerottet werden, sondern als Sklavenvölker niedere Dienste für die „arische Herrenrasse“ verrichten.  Die Wehrmacht führte so an der Westfront einen „normal“-brutalen Krieg mit Kriegsverbrechen, im Osten aber war sie wesentlicher Bestandteil eines Rasse- bzw. Vernichtungskriegs in kolonialer Absicht.

Die im Vertrag von Versailles zugestandenen 115.000 Soldaten wurden  aufgrund der 1935 eingeführten Wehrpflicht – einer der vielen Brüche dieses Vertrags  durch das neue Regime – bis 1939 zu einer 1,1 Millionen Mann starken „aktiven Truppe“ erweitert. Diese stieg bei Kriegsbeginn durch Mobilmachung auf 4,5 Millionen Soldaten an. Solche Steigerung  gilt als ein in der Kriegsgeschichte bisher einmaliger Vorgang. Im Haushaltsjahr 1938 umfassten die direkten Rüstungsausgaben (also ohne Personalkosten o.ä.) 18% des Bruttosozialprodukts, Tendenz stark ansteigend.

Solche kaum fassbare Aufrüstung aller Teilstreitkräfte für die kriegerische Gewinnung von „Lebensraum für das deutsche Volk“ im Osten war das eine Standbein der politischen Agenda des NS-Terrorregimes. Die brutale Herrschaftsabsicherung nach innen und die mörderische „Rassenhygiene“ durch Gestapo, SS und Vernichtungslager das andere.

Wilhelmshaven-Rüstringen (ab 1937 Wilhelmshaven) und der umgebende Landkreis Friesland galten damals als die größte Baustelle der Welt überhaupt. Anlass war der Ausbau als Standort von Reichsmarine-Schiffen, von entsprechenden Rüstungsschmieden und Hafenanlagen, von Flugabwehr und Luftschutzanlagen  sowie von Wohn- und Verwaltungsgebäuden und vergleichbaren Einrichtungen. Die NS-Planer störten sich nicht an Verwaltungsgrenzen, sie überplanten in Kriegslogik den gesamten Raum.

Hitlers Kontakte zur Marinestadt Wilhelmshaven waren hervorragend. Der 1. April 1939 war bereits sein siebter Besuch an der Jade, aber es sollte sein vorletzter bleiben. Nach einer ersten Visite 1929 war er bereits im Mai 1932 hier von Offizieren  des Panzerkreuzers „Köln“ wie der Messias Großdeutschlands empfangen worden. Auch als Reichskanzler kam er gerne zurück, am liebsten bei Stapelläufen. Schiffe an sich faszinieren viele Menschen, Kriegsschiffe demonstrieren Macht. Und die modernen Kamera- und Filmschnitttechniken werteten die Stapelläufe propagandistisch für die vor jedem Spielfilm laufenden „Wochenschauen“ aus. All das floss am 1. April 1939 beim größten Kriegsschiff dieser Epoche zusammen und erlebte auf dem Rathausplatz mit aggressiven Botschaften Hitlers an England eine enorme politische Zuspitzung. Schon der Schiffsname war eine Spitze, trug er doch den Namen des Motors der gegen England gerichteten Wilhelminischen Marinerüstung vor dem 1. Weltkrieg:  Großadmiral Tirpitz. Ilse von Hassel, eine Tochter von Tirpitz, nahm die Taufe vor.

An Wilhelmshaven behagte Hitler aber gar nicht, dass hier 1918 der sozialistische Aufstand der Matrosen ausgebrochen war. Deshalb stand die Stadt für ihn auch für den angeblichen „Dolchstoß“ aus der Heimat auf „das im Felde unbesiegte Heer“, für Versailles und das ganze verhasste „System“ der Demokratie. Auch blieb Hitler zunächst skeptisch bezüglich der kriegerischen Erfolgschance der unter Aufbietung aller Ressourcen auf Kiel gelegten und pro Einheit extrem teuren Schlachtschiffrüstung. Er ließ sich dann aber durch Admiral Erich Raeder überzeugen.

Der 1. April 1939 fiel in eine Zeitspanne, die ganz Europa in Atem hielt und auch von den USA mit großer Spannung beobachtet wurde. Die Drähte der Diplomaten und Nachrichtendienste glühten. Ein Ereignis folgte dem anderen in vorher nicht für möglich gehaltener Dramatik.  Hitler hatte  zu diesem Zeitpunkt – aus seiner Sicht – große Erfolge vorzuweisen. Anfang 1936 ließ er unter Bruch des Versailler Vertrags das Rheinland remilitarisieren, ohne dass Frankreich einschritt. Anfang 1938 wurde Österreich in das Deutsche Reich eingegliedert.

Die nachfolgende Sudentenkrise war ein von „Großdeutschland“ provozierter Konflikt mit dem Ziel, die staatliche Existenz der Tschechoslowakei zu zerstören und die böhmischen und mährischen Gebiete in das Reichsgebiet einzuverleiben. Durch das Münchener Abkommen vom Oktober 1938 wurde die Regierung der Tschechoslowakei gezwungen, die Sudetengebiete an das Deutsche Reich abzutreten. Während Großbritannien und Frankreich durch diese Appeasement-Politik eine militärische Konfrontation zu vermeiden wähnten, steuerte das NS-Regime mit einer zunehmend offensiven Expansionspolitik den Zweiten Weltkrieg an. Nach der von den Nazis forcierten Abspaltung der Slowakei von der Tschecho-Slowakischen Republik besetzten am 15. März deutsche Truppen den tschechischen Rumpfstaat und errichteten das „Protektorat Böhmen und Mähren“. Hiermit war das Appeasement der westlichen Staaten krachend gescheitert, das Münchener Abkommen ein Scherbenhaufen.  Am 20. März 1939 verlangte Deutschland ultimativ von Litauen die Herausgabe des 1919 verlorenen Memelgebiets. Litauen beugte sich dem am 22. März.

Jetzt konnte sich niemand mehr der Illusion hingeben, Hitler sei nur ein nationalistischer Politiker, der Volksdeutsche in ein vergrößertes Reich heimholen wollte. Die Lage auf dem Kontinent war insgesamt besorgniserregend, hatte doch gerade General Franco ein faschistisches Spanien errichtet. Das nächste Opfer der territorialen Expansion Deutschlands würde Polen sein, und zwar über die Forderung einer Landverbindung („Korridor“) zur Freien Stadt Danzig. Klar war auch, dass die Polen sich, anders als die Tschechen, militärisch wehren würden. Unklar war nur noch, wie groß dieser Krieg werden würde bzw. ob England und Frankreich sich das erneut würden bieten lassen. Premierminister Chamberlain, der von Hitler in München so sehr getäuscht worden war, gab dann am 31. März 1939 im britischen Unterhaus Polen eine Garantie: Sollte das Land angegriffen werden, werde Großbritannien militärische Hilfe leisten. Frankreich schloss sich dem an.

Hitler erfuhr von der Garantieerklärung für Polen am Abend des 31. März, als er schon in seinem Sonderzug saß, der ihn nach Wilhelmshaven brachte. Die Erklärung konnte Hitler von Anfang an nicht abschrecken. Im Gegenteil, sie provozierte ihn. Er merkte, dass sein Kalkül  auf eine imperiale Allianz mit England nicht aufgehen würde. In einem seiner berüchtigten Anfälle wütete er in Gegenwart von Admiral Canaris gegen die Engländer und versprach, ihnen „einen Teufelstrank zu brauen.“  Er gab unverzüglich Weisung zur Ausarbeitung eines Angriffsplans zur Zerschlagung Polens, den Plan „Fall Weiß“. Da der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, und fast alle anderen Spitzen der Wehrmacht ebenfalls in Wilhelmshaven waren, wurde die Stadt zur Kulisse des Countdowns zum Zweiten Weltkriegs.

Hitler und sein enger Mitarbeiter Martin Bormann am 1. April 1939 auf dem Hauptbahnhof von Wilhelmshaven (Postkarte, Sammlung H. Peters)

Der 1. April 1939 war ein Samstag, das Wochenende vor Ostern, es waren Schulferien. Man kann wohl sagen, dass fast die gesamte Bevölkerung der Region für die beiden Großereignisse „Tirpitz“ und Rede auf den Beinen war. Hinzu kamen angekarrte Claqeure, die mit einstudierten beifälligen Sprechchören an den „richtigen“ Stellen die Rundfunkübertragung entsprechend  würzen sollten – und das dann auch taten.  Auf der Tribüne am Rathaus nahmen 1.850 Sudetendeutsche – auch ihr „Reichsstatthalter“ Konrad Henlein war dabei – sowie ebenfalls gerade „heim ins Reich geholte“ Österreicher und Memel-Deutsche Platz. Die Quellen sprechen von insgesamt 6.000 volksdeutschen Besuchern. 136 Sonderzüge rollten seit vier Uhr morgens nach Wilhelmshaven oder auch nur bis Sande – der Rest wurde marschiert.

Hitler selbst traf um 11 Uhr mit dem Sonderzug am Hauptbahnhof ein, in seiner Begleitung befanden sich unter anderem Reichspressechef Otto Dietrich und nahe Mitarbeiter wie z.B. Martin Bormann. Auf dem Bahnsteig erwarteten ihn u.a. Keitel, Walther von Brauchitsch, der Oberbefehlshaber des Heeres, Erich Raeder, Generaloberst Erich Milch vom Luftfahrtministerium, Reichsführer SS Heinrich Himmler, NS-Reichsleiter Robert Ley  sowie regionale NS-Größen wie z.B. der Gauleiter Carl Röver. Weitere prominente Gäste – dann auch beim Stapellauf – waren u.a. der Reichsstatthalter von Österreich, Arthur Seyß-Inquart, SS-Gruppenführer Ernst Kaltenbrunner sowie Hans Frank, der nach der Niederschlagung und Aufteilung Polens Leiter des „Generalgouvernements“ mit Sitz in Krakau werden sollte. Die Liste liest sich wie ein „Who´s Who“ des verbrecherischen Kerns der NS-Führungskaste. Fast alle Genannten wurden in den Nürnberger Prozessen verurteilt, so sie sich nicht selbst nach der Niederlage umgebracht hatten.

Tausende hatten schon Stunden auf dem Bahnhofsvorplatz gewartet und bejubelten den Diktator, der zunächst eine Ehrenformation abschritt, bevor er mit seinem Mercedes durch die mit Menschen dicht gesäumten Straßen der Stadt zur Marinewerft gefahren wurde. Die Zeitungen hatten Verhaltensregeln veröffentlicht. „Das Werfen von Blumen in die Wagen des Führers und seiner Begleitung ist strengstens untersagt.“ Vom Großen Hafen dröhnten 21 Schuss Ehrensalut von den Kriegsschiffen „Admiral Spee“ und „Scharnhorst.“ Auf Geheiß der Partei hatten viele „Volksgenossen“ ihre Häuser und Wohnungsfenster auf eigene Rechnung mit Blumen geschmückt, viertausend Meter Girlanden sollen von den Gärtnern der Stadt aus Tannengrün gewickelt worden sein.

Hitler absolvierte ab halb Zwölf den Stapellauf der „Tirpitz“ in der Werft, hierbei waren 75.000 Menschen anwesend, die sich Eintrittskarten kaufen mussten, während die spätere Rede frei zugänglich war, für die Tribünen gab es Platzkarten. Allerdings wurde von „allen“ das Tragen einer „Erinnerungsplakette“ zum Preis von einer halben Reichsmark „erwartet.“  (Jeversches Wochenblatt, 30.3.1939) Nach dem eindrucksvollen Schauspiel des Zuwasserlassens fuhr Hitler mit seinem Tross zum Baugelände der 4. Hafeneinfahrt und des dort entstehenden Großhafens, das ausführlich besichtigt wurde. Danach ging es an Bord des in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Brücke festgemachten Schlachtschiffs „Scharnhorst.“ Hier beförderte Hitler Raeder in Anwesenheit „sämtlicher Admirale der Kriegsmarine und aller Verbandsführer und Kommandanten“  (JW, 3. April 1939) zum Großadmiral.

Während dessen begann sich der Rathausplatz zu füllen, die großen Rosenbeete waren fast über Nacht eingeebnet worden. Beginn der Großkundgebung war 16:45 Uhr. Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, gab es ein einheizendes Rede- und Musikprogramm.  Um 15:30 Uhr schlossen alle Geschäfte der Stadt bis 18:30 Uhr, gleichzeitig begannen 14 Musikzüge auf den Straßen der Fahrtroute Hitlers aufzuspielen.

Hitler am 1. April 1939 im Wilhelmshavener Rathaus bei der Aushändigung der Ehrenbürgerurkunde (Sammlung H. Peters)

Gegen 17 Uhr kam Hitler am Rathaus an, die Erwartung der Massen stieg. Im Sitzungssaal nahm er aus den Händen von Oberbürgermeister Wilhelm Müller den Ehrenbürgerbrief der Stadt Wilhelmshaven entgegen. Auch warf er einen Blick auf die Modelle und Pläne zum Ausbau der Stadt. Eigentlich jeder Ort, den er besuchte, führte ihm seine städtebaulichen Luftschlösser vor – in der Hoffnung, unterstützt zu werden. Doch Hitler, der größenwahnsinnigste Bauherr von allen, kannte die desolaten Staatsfinanzen. Ihm ging es 1939 nur um die Rüstung und die Refinanzierung der Schulden durch einen Raubkrieg. Um 17:40 Uhr  schritten er und seine Entourage auf dem  Mittelgang durch die schreienden Massen zur gegenüber dem Höger-Bau aufgestellten Tribüne –  eine Dramaturgie wie bei einem Popkonzert. Das Rednerpult war mit Panzerglas abgesichert.

Ein Tross von Journalisten war mit an den Jadebusen gefahren. Es war Hitlers erster öffentlicher Auftritt nach der „Heimholung von Böhmen, Mähren und Memelland“ – wie die völkerrechtswidrigen Annexionen auf Nazi-Deutsch hießen -, noch dazu vor volksdeutschen Bewohnern dieser Gebiete. Welche politischen Signale waren zu erwarten? Und vor allem: Wie wird Hitler auf die Garantieerklärung Chamberlains vom Vortag reagieren, die einen vollständigen Wechsel der britischen Außenpolitik darstellte?

Hitler am 1. April im Wilhelmshavener Rathaus bei der Besichtigung des Modells des geplanten Marineforums, v.l.: Stadtplanungsleiter Wilhelm Hallbauer, Karl Franzius vom Marinestandortbauamt, Oberbürgermeister Wilhelm Müller und Reichsführer SS Heinrich Himmler (Sammlung I. Sommer)

Unmittelbar vor Redebeginn brach die schon im Vorprogramm laufende direkte Radioübertragung in das In – und Ausland auf offenbar spontane Weisung von Hitler ab und wurde vom Berliner Sendezentrum durch eingespielte Musik ersetzt. Der amerikanische Journalist William S. Shiver war für seinen Rundfunksender in diesem Sendezentrum tätig und wurde Zeuge des Vorgangs. Bald erhielt Shiver einen dringenden Anruf seines Chefs aus New York: „Warum ist die Übertragung unterbrochen worden? Es kursieren Gerüchte, Hitler sei einem Attentat zum Opfer gefallen. – Er ist nicht getötet worden? Woher wissen Sie das?“ Shiver: „Weil ich ihn genau jetzt über die Telefonstandleitung nach Wilhelmshaven hören kann. Die Deutschen nehmen die Rede auf.“  (Übersetzung aus Shiver: Berlin Diary) Die Rede wurde zeitversetzt unverändert gesendet und am Montag in vielen deutschen Zeitungen im vollen Wortlaut veröffentlicht. Shriver vermutete: Hitler war in einer so kämpferischen Stimmung, dass  er besser einen Filter für eventuelle spätere Veränderungen vorschob.

Tatsächlich besitzt Hitler in Wilhelmshaven einen besonders aggressiven, primitiv-pöbelhaften Unterton, wenn man die erhaltene Aufnahme analysiert. Seine Worte wirken wie eine „Kriegserklärung“, ohne es formal zu sein. Sie scheinen die Bevölkerung  auf den Krieg einstimmen zu wollen, gleichzeitig wird die Schuld den Briten zugeschoben und die eigene Friedfertigkeit gebetsmühlenhaft wiederholt. „Das roch nach Krieg“, erinnerten sich Zeitzeugen noch in den 1990er Jahren.

Für den Marsch nach Prag findet Hitler eine atemberaubende Rechtfertigung: Schon tausend Jahre vor ihm sei auf dem Prager Berg einem deutschen Könige gehuldigt worden. Das „Protektorat Böhmen und Mähren“ liege im „Lebensraum des deutschen Volkes“: „Ich habe wieder vereint, was durch Geschichte und geographische Lage und nach allen Regeln der Vernunft vereint werden musste.“ Er negiert das internationale Völkerrecht durch das „Lebensrecht des deutschen Volkes“, durch ein rassistisches, angebliches Naturrecht.

In langen Tiraden setzt er sich höhnisch – aber manchmal auch überraschend mit Kreide im Hals –  mit Großbritannien auseinander. Dieses hätte kein Recht, sich in die  deutsche Einflusssphäre einzumischen. Polen wird verächtlich als „Trabantenstaat“ Englands bezeichnet. Wer für die Westmächte „die Kastanien aus dem Feuer zu holen“ bereit sei, „werde sich die Finger verbrennen.“ Den Briten unterstellt er, sie betrieben die gleiche „Einkreisungspolitik“ gegen Deutschland wie vor dem Weltkrieg von 1914 bis 1918. Aber anders als damals werde Deutschland jetzt rechtzeitig vor Vollzug der „Einkreisung“ einschreiten. Mit dem historischen Vergleich und über den Begriff  „Einkreisung“ sollten Bedrohungsängste geschürt und schon im Voraus alle Schuld an einem Krieg der englischen Regierung zugewiesen werden. Die Sprachregelung findet sich bereits am Montag darauf im „Jeverschen Wochenblatt“ in dieser Schlagzeile: „Deutschland wird einer Einkreisungspolitik nicht tatenlos gegenüberstehen“. Propagandaminister Goebbels und Reichpressechef Dittrich werden noch einige Monate lang  auf der Klaviatur der verfolgten Unschuld spielen.

Hitler unterstellt den Briten, durch ihre Polen-Garantie nicht mehr an dem 1935 abgeschlossenen Flottenabkommen zur beidseitigen Rüstungsbegrenzung interessiert zu sein. Deshalb sei es Deutschland auch nicht mehr. Hiermit leitet er die wenig später erfolgte formale Kündigung des Abkommens ein. Faktisch hatte die Umsetzung des sog. Z-Plans mit dem Ziel der gewaltigen Aufrüstung der Marine das genannte Abkommen bereits einseitig zur Makulatur gemacht. Der Krieg mit Polen war am 1. April 1939 beschlossene Sache, es kam jetzt nur noch darauf an, den Weg dorthin außen- und innenpolitisch zu vernebeln.

Auch Hitlers mörderischer Antisemitismus bricht sich in Wilhelmshaven Bahn: „Staat um Staat wird entweder der jüdisch-bolschewistischen Pest erliegen oder er wird sich ihrer erwehren. Wir haben es getan und haben nun einen nationalen deutschen Volksstaat aufgerichtet. […] Erst wenn dieser jüdische Völkerspaltpilz beseitigt sein wird, ist daran zu denken, eine auf dauerhafte Verständigung aufgebaute Zusammenarbeit der Völker herbeizuführen.“ Hitler spielt hier an auf die Pogrome von November 1938 und die seitdem in einem bisher unvorstellbaren Maße verschärften Verfolgungen, Ausplünderungen und Vertreibungen der Juden. Die Wilhelmshavener Sätze  sind eine Variante der berüchtigten Drohung mit dem Holocaust in der Berliner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939, aber bisher kaum beachtet worden.

Blick vom Rathaus am 1. April 1939 während der Hitler-Rede auf Rathausplatz und Tribüne (Sammlung I. Sommer)
Propagandapostkarte von Hitlers Auftritt auf dem Wilhelmshavener Rathausplatz am 1. April 1939 (Sammlung S. Appelius)

Die Rede endete mit einem frenetisch bejubelten Bekenntnis zur „wiedererlangten militärischen Stärke“ als  „Lebensrecht des deutschen Volkes.“ Und in der Beschwörung „auf diesem Weg weiterzumarschieren“. „Ich vertraue nicht auf Papiere, ich vertraue auf euch, meine Volksgenossen.“ Der „Friede“ müsse notfalls „erzwungen“ werden. „Deutschland, Sieg Heil“! Die erste Strophe des Deutschlandlieds und das Horst-Wessel-Lied wurden abgesungen. Gauleiter Röver schloss die Kundgebung: „Ich gelobe dem Führer zu folgen – komme, was kommen mag.“ Ein gespenstisches Versprechen.

Nach der einstündigen Rede fuhr Hitler zur Nassau-Brücke und ließ sich von dort an Bord des gerade in Dienst gestellten KdF-Kreuzfahrtschiffes  „Robert Ley“ bringen, das auf Schillig-Reede ankerte und an dessen  Jungfernfahrt er teilnahm. Die Passagiere waren über ihren „volksnahen Führer“ begeistert. Auch hierüber wurde eine „Wochenschau“ in Umlauf gesetzt. Wiederum 21 Salutschüsse begleiteten Hitlers Ausfahrt aus Wilhelmshaven.  Die Nazis hatten wegen der auswärtigen Besucher, deren Sonderzüge meist erst nach Mitternacht abfuhren, die Polizeistunde aufgehoben, selbst bis 1 Uhr konnte man zum Friseur gehen. Kapellen, Kantinen und Kneipen hielten die Leute bei Laune.

Am 3. April, noch auf der „Robert Ley“, wies der Diktator per Kabel das Oberkommando der Wehrmacht an, den „Fall Weiß“ so durchzuplanen, „dass die Durchführung ab dem 1.9.1939 jederzeit möglich ist.“ Am 4. April war Hitler wieder in Berlin, eine Woche später unterzeichnete er auf seinem Berghof in Berchtesgaden die „Weisung für einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht für 1939/40“, wie der Angriffsplan offiziell hieß. Am 1. September 1939 eröffnete die in Wilhelmshaven beheimatete „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf die polnische Stellung auf der Westerplatte.

Mit diesen Schüssen und dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann der Zweite Weltkrieg. Wilhelmshaven diente am 1. April 1939 als Kulisse des kalkulierten Countdowns zum Überfall auf Polen und zeigte nach außen das Bild einer zu allem entschlossenen „Volksgemeinschaft“. 1945, sechs Jahre später, lag die Stadt in Schutt und Asche. 80 Millionen Menschen rund um den Globus hatten ihr Leben verloren. Darunter befanden sich 27 Millionen Sowjetbürger, 6 Millionen Polen – und auch 6,4 Millionen deutsche Staatsbürger.

Manuskript von März 2019

 

Literatur (Auswahl)

  • Janßen, Karl-Heinz: „Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich um Arrondierung des Lebensraumes im Osten.“ – In: Die Zeit Nr.35/1989
  • Ian Kershaw: Höllensturz: Europa 1914 bis 1949. – München 2016
  • Hans-Jürgen Schmid: Der befohlene Jubel. 1. April 1939: Hitler beim „Tirpitz“-Stapellauf.- In: Wilhelmshavener Zeitung, 8.10.1994
  • William L. Shirer: Berlin Diary: The Journal of a Foreign Correspondent 1934 – 1941. – New York 1990
  • William L. Shirer: Rise and Fall of the Third Reich: A History of Nazi Germany.- New York 1960
  • Volker Ullrich: Adolf Hitler: Die Jahre des Untergangs 1939 – 1945.- Frankfurt/Main 2018
  • Rede von Adolf Hitler am 1. April 1939 in Wilhelmshaven: Jeversches Wochenblatt, 3. April 1939; Audio-Mitschnitt im Deutschen Rundfunkarchiv; eine komplette englische Version der Rede findet sich unter http://avalon.law.yale.edu/wwii/blbk20.asp
  • Zeitungen: Jeversches Wochenblatt, März/April 1939; Oldenburgische Staatszeitung, 2.4.1939