Eine vergessene jüdische Dichterin aus Varel: Anna Joachimsthal-Schwabe (1892-1937)

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von Holger Frerichs (Schlossmuseum Jever)

Sie entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Varel und verbrachte ihre Kindheit, Jugend und Schulzeit in ihrer Heimatstadt. 1913 heiratete sie einen jüdischen Kaufmann aus Dresden und folgte ihm in die Elbmetropole. In Dresden gehörte sie ab Beginn der 1920er Jahre zu den prägenden Gestalten der jüdischen Literaturszene in der Stadt. Sie starb 1937 im Alter von nur 44 Jahren. Erst 2004 erinnerte man sich in einer Ausstellung über „Dresdens jüdische Künstler“ im dortigen Stadtarchiv wieder öffentlich an ihr literarisches Werk und Wirken. 2004 und 2007 wurde von der Dresdener Gleichstellungsbeauftragten angeregt, eine Straße nach ihr zu benennen. In Dresden „unbekannt“ war damals der Geburtsort der Dichterin, die Stadt Varel. In ihrer friesländischen Heimatstadt ist sie völlig in Vergessenheit geraten: Anna Joachimsthal-Schwabe, geborene Schwabe.

Die Familie von Anna Joachimsthal-Schwabe in Varel

Anna, ihr zweiter Vorname lautete Minna, wurde am 8. Juli 1892 in Varel geboren und war die Tochter des jüdischen Kaufmannes Robert Moses Schwabe, der bis 1916 ein Textil-Kaufhaus in der Neuen Straße 1 betrieb. Ihre Mutter Elisabetha Schwabe war eine geborene Landau, Tochter einer jüdischen Bankiersfamilie aus Bingen. Anna gehörte zum Familienverband der „Textil-Schwabes“ in Varel: Ihr Vater war ein Bruder von Gustav-Schwabe-Barlewin, dem langjährigen Vorsteher der Vareler Synagogengemeinde und Besitzer eines Großhandels und Textil-Kaufhauses in der Haferkampstraße 10.

Elternhaus von Anna Joachimsthal-Schwabe in Varel, Neue Straße 1. Sie lebte dort bis zu ihrer Heirat 1913. Postkarte um 1900. Heimatverein Varel.

Elternhaus von Anna Joachimsthal-Schwabe in Varel, Neue Straße 1. Sie lebte dort bis zu ihrer Heirat 1913. Postkarte um 1900. Heimatverein Varel.

Über  ihre Schulzeit ist bisher nichts bekannt. Anna heiratete am 3. November 1913 den aus Dresden stammenden jüdischen Kaufmann Hans Joachimsthal, geboren am 21. Juni 1886. Das Ehepaar wählte nach der Heirat Dresden als Lebensmittelpunkt, dort wurden 1914 und 1916 ihre Töchter Ruth und Erika geboren.

Annas Bruder Erich Schwabe fiel im März 1915 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges und wurde in Nordfrankreich beigesetzt. Sein Name findet sich vor der Vareler Schloßkirche auf dem 1926 eingeweihten Ehrenmal für Gefallene des Weltkrieges. Diese Inschrift überstand die NS-Zeit unbeschadet. Annas Vater starb im Mai 1916, die Mutter im Juni 1921. Beide sind in der noch erhaltenen Familiengrabstätte auf dem jüdischen Friedhof Varel-Hohenberge bestattet. Das Grundstück samt Haus in der Neue Straße 1 erwarb 1934 der Vareler Kinobesitzer Fritz Plöger. Nach dem Ende der NS-Herrschaft wurde Anfang der 1950er in einem Restitutionsverfahren die Frage erörtert, ob dieser Verkauf bereits durch den Einfluss der nationalsozialistischen Herrschaft geprägt bzw. der damalige Kaufpreis angemessen war. Die „Jewish Trust Corporation“ (JTC) trat hierbei als Rechtsnachfolger von Joachimsthal-Schwabe auf, da seinerzeit im Zuge der Amtshilfe über die Behörden in Dresden/DDR keine Informationen über den Verbleib des Ehepaares Joachimsthal-Schwabe sowie der Kinder Ruth und Erika zu erlangen waren. Das Verfahren endete mit einem Vergleich, Plöger blieb nach Entrichtung einer „Ausgleichsabgabe“ Eigentümer des Hauses.

Dichterin in Dresden

Titeleinband der 2. Auflage des Gedichtbandes von Anna Joachimsthal-Schwabe. Repro Holger Frerichs.

Titeleinband der 2. Auflage des Gedichtbandes von Anna Joachimsthal-Schwabe. Repro Holger Frerichs.

Inhaltsverzeichnis des Gedichtbandes von Anna Joachimsthal-Schwabe. Repro: Holger Frerichs.

In ihrem Gedicht „Frauenleben“ schien sie prophetisch ihre eigene Geschichte des „Vergessenwerdens“ voraus zu ahnen. Repro: Holger Frerichs.

In ihrem Gedicht „Frauenleben“ schien sie prophetisch ihre eigene Geschichte des „Vergessenwerdens“ voraus zu ahnen. Repro: Holger Frerichs.

Anna Joachimsthal-Schwabe prägte seit Beginn der 1920er Jahre die jüdische Literaturszene in Dresden: 1922 begann sie in ihrer Wohnung Bergstraße 34 (später Bayreuther Straße 34) künstlerische Abende zu veranstalten. Sie rezitierte dabei eigene Gedichte und schuf Möglichkeiten für andere junge Künstler, sich vorzustellen. In Dresdner Zeitungen erschienen Würdigungen dieser Veranstaltungen. In den Tagebüchern von Victor Klemperer findet sich unter dem Datum 8. und 11. November 1925 ein Bericht über eine Lesung von Klaus Mann in ihrem Haus.
1931 erkrankte Anna und musste ihre öffentlichen Aktivitäten immer mehr einschränken. 1932 erschien noch ein Presseartikel über ihren gut besuchten Dichterabend im Kunstsalon Sinz. 1934 war sie Mitglied im Ausschuss für die Gründung einer jüdischen Schule. So wie sie sich als religiöse Zionistin stets für Gemeindebelange einsetzte, unterstützte sie auch sozial Benachteiligte. 1935 wurde im Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden erstmals ein Gedicht von Anna veröffentlicht. Danach erschienen dort regelmäßig vor allem ihre religiös orientierten Texte. Anna starb am 2. Februar 1937 in Berlin. Ein Grabstein auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden erinnert an die Künstlerin. Unklar ist bis heute, ob sich dort tatsächlich ihr Grab befindet oder ob die Tafel nach 1945 aufgestellt wurde. Zu Lebzeiten hatte Anna die Veröffentlichung eines Sammelbandes ihrer Gedichte immer zurück gestellt. Nach ihrem Tod erschien 1937 im Philo-Verlag in Amsterdam der Gedichtband „Gedichte von Anna Joachimsthal-Schwabe“. Eine zweite, erweiterte Auflage wurde im Auftrag ihres nach Großbritannien emigrierten Ehemannes bei Kayser in Hamburg gedruckt.

Im Central Archives of the History of Jewish People (CAHJP) in Jerusalem ist ein Typoskript überliefert, das bezeugt, dass man sich in jüdischen Kreisen auch drei Jahre nach ihrem Tod noch an sie erinnerte: „Anna Joachimsthal-Schwabe. Worte des Gedenkens gesprochen am 13. April 1940 in Jerusalem“. Der Verfasser war Manfred Sturmann, ein jüdischer Dichter und Emigrant aus Hitler-Deutschland. Über Hintergrund und Umstände der Rede von Sturmann, der offenbar anschließend eine Lesung von Anna Joachimsthal-Schwabes Gedichten folgte, ist nichts weiter bekannt. Vermutlich wurde diese Rede nie publiziert.

Auszug aus dem Typoskript:

  • Sicher kennen nur wenige unter Ihnen den Namen Anna Joachimsthal-Schwabe, aber jenen, die ihn kennen, wird es nur Bestätigung des Wesens dieser Frau sein, wenn ihr Name so gut wie unbekannt geblieben ist. (…). Diese Gedenkstunde hat keine literarische Intention. (…). Doch wir wollen das Bild einer Jüdin zeichnen, einer Jüdin, deren Geist und Wesen sich in einer Atmosphäre der Kultur, des Glaubens an Recht, der Achtung des Menschentums und der Ehrfurcht vor den ewigen Werten prägte, in einer Atmosphäre also, (…) die heute bereits der Geschichte angehört und deren bild- und geisthafte Spuren von Barbarenfüssen ausgetreten werden. Eine solche feine Spur ist das schmale Gedichtbändchen der Anna Joachimsthal-Schwabe, (…). Die Kurve ihres ä u s s e r e n Lebens ist nicht sonderlich bewegt: sie wurde 1892 in Oldenburg geboren, wuchs in der Stille eines kleinen Landstädtchens auf, bereitete sich auf den Schauspielerberuf vor, heiratete 1913, wird Mutter von zwei Kindern, führt in Dresden ein Haus, in welchem Künstler jeder Gattung Freundschaft und Verstehen finden. (…). Im Jahre 1931 erkrankt Anna Joachimsthal-Schwabe. Sie fühlt, dass der Krankheitskeim tödlich ist, (…). Plötzlich nimmt die Kurve ihres i n n e r e n Lebens eine andere Wendung, und indes die körperliche Qual grausam wächst, erfährt ihre Seele eine unendliche Vertiefung und Verklärung, als sähe sie auf den Grund des Lebensborns.(…). Ihr Leib verfällt mehr und mehr dem Siechtum (…). So gebändigt lebt sie weiter sechs qualvolle Jahre, aber in diesen Jahren erlebt die Sprecherin – die sie zeitlebens mit großem Können gewesen – i h r e Sprache, und wird zur Dichterin. Sie lässt in Ruhe den Tod auf sich zukommen. (…). Sie, die vor ihrer Krankheit so lebensfroh war, sie, die ihren beiden Töchtern ältere Schwester und Freundin war (…), sie ist nun abgeklärt, wie nur ein mensch je abgeklärt war. (…). Sie war eine helfende und anregende Freundin der Dichter und Künstler, obwohl vor ihrem Tode kaum einer, auch selten nur einer der von ihr Beschenkten wusste, dass sie selbst eine Dichterin war. Sie hatte die seltene Gabe, Unbekanntes und Wertvolles in Kunst und Dichtung aufzuspüren und anderen, weiteren Kreisen zuzuführen. (…). Ich glaube, oder ich darf sagen: ich weiss es, dass niemals ein hartes oder gar ungerechtes Wort ihre Lippen verliess, wie es unmöglich war, dass diese große Jüdin mit ihrem Geschick haderte oder an ihrem Gotte verzweifelte. (…). So möge sie nun aus ihren Gedichten selber zu ihnen sprechen.“

Ehemann und Töchter emigrierten nach England bzw. Palästina

Über den weiteren Lebensweg von Ehemann Hans und der Töchter Ruth und Erika liegen bisher folgende Informationen vor: Erika Joachimsthal flüchtete während ihres Studiums aus Deutschland. Mit einem Schiff gelangte sie am 13. Juni 1939 von Bremen nach Southhampton, ihr eigentliches Ziel war London. Erika heiratete 1941 in Manchester Raymond C. Seymour und hatte vier Töchter. Wann sie starb, ist noch unbekannt. Ehemann Hans folgte zu einem bisher nicht bekannten Zeitpunkt seiner Tochter Erika, vermutlich ebenfalls noch vor Kriegsbeginn 1939, nach Großbritannien. Er nannte sich nach seiner Einbürgerung John M. (Michael) Steele, seine letzte bekannte Anschrift war in London. Annas Ehemann starb dort am 14. März 1962.

Tochter Ruth besuchte das Gymnasium in Dresden und emigrierte 1933 nach Palästina. Kurz nach ihrer Heirat mit dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Peter Freund kehrte sie 1937 nach Deutschland zurück, vermutlich anlässlich des Todes ihrer Mutter Anna. Dies war eigentlich verboten, weshalb Ruth, die nun Freund-Joachimsthal hieß, verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert wurde. Auf persönliche Intervention bei der Gestapo durch ihren Schwiegervater Dr. Ismar Freund wurde sie wieder freigelassen. Im Herbst 1938 wurde ihr Ehemann Peter verhaftet. Nachdem auch er wieder freigelassen wurde, konnte das Paar in die USA auswandern, wo Peter Freund eine Rabbinerstelle angenommen hatte. Das Paar wanderte später erneut nach Palästina ein. Peter Freund leitete ein Vervielfältigungsbüro und arbeitete später als Verleger im angesehenen Verlagshaus Torshish. Ruth Freund-Joachimsthal war im Bibliotheksdienst und wie ihre Mutter als Lyrikerin tätig. Ruth starb 1995 in Jerusalem, über Kinder ist bisher nichts bekannt.

2004/2007: Dresden erinnerte sich der Künstlerin

Erst 67 Jahre nach ihrem Tod begann die Stadt Dresden, sich an die vergessene jüdische Dichterin zu erinnern: Unter dem Titel „Dresdens jüdische Künstler“ zeigte das dortige Stadtarchiv von September bis Dezember 2004 eine Ausstellung über elf jüdische Künstler. Es handelte sich um Schriftsteller, Maler, Komponisten, Regisseure, Musiker und Schauspieler, die zu verschiedenen Zeiten in Dresden gelebt und gewirkt hatten. Die Ausstellung versuchte, die Biographien und Werke dieser Menschen vor dem Vergessen zu bewahren. Zu den vorgestellten Personen zählte auch Anna Joachimsthal-Schwabe. Der Geburtsort Varel blieb allerdings ungenannt bzw. war „unbekannt“. Der Ausstellungskatalog erschien im Februar 2005.

Grabstein von Anna Joachimsthal-Schwabe auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresden (NTR 07/01.2). Sammlung Holger Frerichs.

Grabstein von Anna Joachimsthal-Schwabe auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresden (NTR 07/01.2). Sammlung Holger Frerichs.

Im November 2004 und im November 2007 veröffentlichte die Gleichstellungsbeauftragte in Dresden zwei Broschüren, die das Thema Frauen-Straßennamen in Dresden aufgriff. Es wurde eine Auswahl verdienstvoller Frauen vorgestellt, die bei zukünftigen Straßenbenennungen berücksichtigt werden sollten. Dazu zählte auch Anna Joachimsthal-Schwabe. Auch in diesen Broschüren galt der Geburtsort von Anna weiter als „nicht bekannt“. Zu einer Straßenbenennung kam es in Dresden bisher noch nicht.

Weiterer Forschungsbedarf und Erinnerungsarbeit in Varel

Wer sich auf die Spuren der vergessenen Vareler Künstlerin begeben will, stößt bisher auf große Lücken: Weder in Varel noch in Dresden ist z.B. ein Foto der Künstlerin bekannt. Dies gilt auch für Fotos ihrer Familie in Varel oder von Ehemann und Töchtern in Dresden.

Wie schon in Dresden geschehen, sollte auch die Stadt Varel diese jüdische Künstlerin wieder in den Reigen der erinnerungswürdigen Vareler Kulturschaffenden aufnehmen. Die Literaturfreunde in Friesland mögen sich dieser Dichterin und ihres Werkes annehmen, die Rezeption ihrer Gedichte kann die „Erinnerungsarbeit“ zur jüdischen Geschichte in Varel weiter befördern. Zusätzliche biografische Forschungen sind weiterhin erforderlich. Eine ausführlichere Darstellung zur Familie Robert Schwabe und zu Anna Joachimsthal-Schwabe wird vom Verfasser vorbereitet. Zwei Exemplare ihres Gedichtbandes sind in der Bibliothek des Schlossmuseums Jever bzw. des Heimatmuseums in Varel (Heimatverein Varel e.V.) einzusehen.

Copyright: Holger Frerichs (Schlossmuseum Jever)

Weitere Beiträge aus Varel (N. Ahlers) zu Anna Joachimsthal-Schwabe:

https://varelertief.wordpress.com/2016/06/22/eine-lyrikerin-aus-varel-anna-joachimsthal-schwabe-1892-1937/

https://varelertief.wordpress.com/2016/08/22/gedichte-im-schatten-der-krankheit/

Forschungsstand: 16.10.2016