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Sande: Der Ausländerfriedhof Sande

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von Holger Frerichs (Schlossmuseum Jever)

1. Entstehung, Lage und Beschreibung

Die größte Anzahl von Gräbern ausländischer Staatsbürger auf dem Gebiet des Landkreises Friesland, die durch das „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ (Gräbergesetz) geschützt sind, befindet sich auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof der Gemeinde Sande. Diese letzten Ruhestätten liegen auf einem gesonderten Abschnitt des sogenannten „Neuen Friedhofs“, und zwar auf einem Gräberfeld, direkt am Friedhofsweg, das als Feld C oder auch als „Ausländerteil“ bezeichnet wurde und wird. Angelegt wurde es im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges, als durch das nationalsozialistische Regime mehrere tausend ausländische Staatsbürger, Männer und Frauen, in und um Sande an verschiedenen Stellen zur Zwangsarbeit eingesetzt und in verschiedenen Gefangenenlagern (Kriegsgefangene) sowie Wohnlagern (zivile Arbeitskräfte) untergebracht waren.

Im einem kurz nach dem Kriegsende 1945 entstandenen Abschnitt in der Chronik der Kirchengemeinde Sande wird der historische Kontext zur Entstehung des Gräberfeldes ohne weiteren Bezug auf Zwangsverschleppung oder ähnliche Begleitumstände so beschrieben: „Der Kirchort Sande war durch Kriegsgefangene und Ausländerarbeiter und – arbeiterinnen immer mehr international geworden. In dem großen Lager [gemeint ist das große aus mehreren Gebäuden bestehende damalige Ausländer-Wohnlager in Sande-Neufeld, H. F.] sollen zeitweise 21 Nationen vertreten gewesen sein. Auf der Straße war an den Sonntagen reger Verkehr, viel mehr als Deutsch vernahm man aber fremde, besonders ostische Sprachen. (…). Die Ausländer-Gräber auf dem Friedhof wuchsen immer weiter an. Einzelne starben an Krankheiten oder durch Unfälle. (…). Der Friedhof umfasst einen abgegrenzten geschützten Ausländerteil. (…).“ [1]

Feld C auf dem Friedhof Sande (aufgenommen vom Friedhofsweg in Blickrichtung Kapelle, Foto: H. Frerichs, März 2013).

Feld C auf dem Friedhof Sande (aufgenommen vom Friedhofsweg in Blickrichtung Kapelle,
Foto: H. Frerichs, März 2013).

Ein kurzer Text auf einem 1963 auf dem Feld C errichteten und 1969 beschrifteten steinernen Hochkreuz verkündet: „Hier ruhen 102 ausländische Kriegsopfer“. Eine erkennbare Einteilung von Grabstellen, eine sichtbare Auflistung von Namen, biografischen Daten und Herkunftsländern der Toten oder eine den historischen Kontext erläuternde Geschichts- und Erinnerungstafel sind nicht vorhanden. Am Rand des Gräberfeldes C ist weiterhin ein Gedenkstein mit kyrillischer Inschrift und Sowjetstern aufgestellt, dessen Inschrift durch Witterungseinflüsse kaum noch lesbar ist. Seit Inkrafttreten des bundesdeutschen Gräbergesetzes (erste Fassung von 1952) war und ist die politische Gemeinde Sande verantwortlich für die ordnungsgemäße Pflege und Erhaltung der Grabanlage. Sie erhält dafür eine entsprechende Ruherechtsentschädigung bzw. Pflegepauschale, die aus Bundesmitteln stammt und über das Land Niedersachsen der Gemeinde zufließt. In Sande hat die Gemeindeverwaltung die Durchführung der Pflege und Erhaltung der Grabanlage dem Träger des Friedhofes, der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, übertragen.

2. Falsche Zahl und fehlende namentliche Kennzeichnung der Toten

Vorschriftswidrig an der geschlossenen Grabanlage in Sande ist, dass – bis auf den für zwei Tote errichteten separaten Grabstein – keinerlei Hinweise auf die Namen, Geburts- und Sterbedaten sowie die Herkunftsländer der Toten zu finden sind. Dies war und ist nach dem bundesdeutschen Gräbergesetz bzw. den entsprechenden Verwaltungs- und Durchführungsvorschriften  gesetzlich zwingend notwendig, soweit die entsprechenden Daten der Opfer bekannt sind. Diese Angaben liegen in Sande ausnahmslos bei allen Bestatteten vor. Sogenannte „unbekannte Tote“ befinden sich nicht in den dortigen Gräbern. Diese auch aus humanitären Erwägungen heraus beklagenswerte Missachtung der Individualität und Würde von Toten ist umso bemerkenswerter, als z. B. bereits schon 1969 – bei einer Besichtigung des Friedhofsteiles durch die für die Durchführung des Gräbergesetzes damals zuständige Bezirksregierung in Oldenburg – deutlich auf das Erfordernis der namentlichen Kennzeichnung hingewiesen worden ist. Es blieb jedoch bis heute bei der pauschalen Inschrift auf dem Hochkreuz. Die hier angegebene Zahl 102 stimmt im Übrigen nicht überein mit der für diese Grabanlage abgerechneten Anzahl von 93 öffentlich gepflegten Gräbern.

3. Belegungsgeschichte bis zum Kriegsende 1945

Bei den während der NS- bzw. Kriegszeit bis Anfang Mai 1945 fortlaufend auf dem „Ausländerteil“ bestatteten Toten handelte es sich um Staatsangehörige sowohl aus westeuropäischen Staaten (Niederlande, Belgien, Frankreich, Italien) wie auch um Osteuropäer aus Polen, der Slowakei und der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR). Die einzige Massenbestattung im Zeitraum bis zum Mai 1945 war die Beisetzung von 16 Holländern und 2 Franzosen, alles zivile Zwangsarbeiter, die bei einem britischen Luftangriff auf Wilhelmshaven am 18. Februar 1943 im Lager Sande-Neufeld durch einen Bombentreffer umkamen. Von diesem in der Ortsgeschichte auch heute noch gut erinnerten Ereignis ist eine Fotografie überliefert, die unmittelbar nach der Bestattung im Februar 1943 entstanden sein muss.

Grab der beim Luftangriff vom 18. Februar 1943 umgekommenen und auf dem „Ausländerteil“ bestatteten Holländer (Aufnahme privat, Februar 1943, Sammlung H. Frerichs).

Grab der beim Luftangriff vom 18. Februar 1943 umgekommenen und auf dem „Ausländerteil“ bestatteten Holländer (Aufnahme privat, Februar 1943, Sammlung H. Frerichs).

Bei den meisten sonstigen Bestattungen vor dem Kriegsende im Mai 1945 handelte es sich ebenfalls um zivile Zwangsarbeiter. Genauere biografische Hintergründe, Todesursachen bedürfen noch der weiteren Klärung. Fünf der bis Mai 1945 bestatteten Toten waren sowjetische Kriegsgefangene, zu denen der Autor bereits gesonderte Forschungen vorgenommen hat. Obwohl bereits seit August 1941 ein Arbeitskommando sowjetischer Kriegsgefangener im nicht weit vom Friedhof entfernten Lager „Sander Mühle“ aufgestellt worden war und allein dort bis Ende 1941 mindestens 19 Gefangene starben, wurden diese, wie andernorts dokumentiert, nicht auf dem Friedhof Sande bestattet, sondern in Wilhelmshaven. Erst für den Herbst 1944 ist für den Friedhof Sande die erste Bestattung eines sowjetischen Kriegsgefangenen (Fedor Scholochow) nachweisbar, der zuletzt im Arbeitskommando Nr. 6216 X C in Wilhelmshaven-Wiesenhof war und am 6. Oktober 1944 im Marine-Lazarett Sanderbusch starb. Für ihn ist auch eine Personalkarte der Wehrmacht mit Lichtbild überliefert.

Ausschnitte aus der Personalkarte des sowjetischen Kriegsgefangenen Fedor Scholochow, gestorben am 6.10.1944 in Sanderbusch und auf dem Friedhof Sande bestattet (www.obd-memorial.ru).

Ausschnitte aus der Personalkarte des sowjetischen Kriegsgefangenen Fedor Scholochow, gestorben am 6.10.1944 in Sanderbusch und auf dem Friedhof Sande bestattet (www.obd-memorial.ru).

Vier weitere sowjetische Kriegsgefangene wurden noch kurz vor Kriegsende, zwischen Februar und April 1945, in Sande bestattet, wobei hier mangels überlieferter personenbezogener Wehrmachtsunterlagen bisher ungeklärt blieb, aus welchem Arbeitskommando sie stammten.

4. Bestattungen und Umbettungen nach dem Krieg

Auch nach dem 8. Mai 1945 fanden auf dem Ausländerteil des Friedhofes Sande weiterhin Bestattungen von Ausländern statt. Es handelte sich nun in der Regel um sogenannte „Displaced Persons“, also befreite ehemalige Zwangsarbeiter bzw. Kriegsgefangene, die noch auf eine Rückführung in die Heimat warteten bzw. sich aus anderen Gründen weiterhin in Sande aufhielten. Zu einem erneuten Massenbegräbnis auf dem „Ausländerteil“ kam es dabei am 11. Juni 1945, nachdem am 9./10. Juni 22 sowjetische Staatsbürger, ehemalige Kriegsgefangene (in der Gräberliste sind sie mit Status „Militärperson“ aufgeführt), an einer Methylalkoholvergiftung gestorben waren. In der Kirchenchronik ist dazu folgender Absatz zu finden:

„22 Ukrainer [ob es sich tatsächlich ausschließlich um sowjetische Staatsbürger ukrainischer Herkunft handelte, ist zweifelhaft; dazu sind noch Nachforschungen anhand der Geburtsorte erforderlich; H.F.] wurden in zwei Malen als Opfer von Methylalkohol-Vergiftung beerdigt. Bei der Beerdigung durch den hiesigen Pfarrer wurde diesem ein gesammelter Geldbetrag übergeben, von dem nach Abzug der Gräber-Kosten der Restbetrag in Höhe von 553 Reichsmark vom Kirchenrat belegt und für Instandhaltung der betreffenden Gräber bestimmt wurde. (…).“ [2] Zwölf der Opfer dieses Unglücks wurden in neun Gräbern, zehn Personen in sieben Gräbern bestattet.

Auch das bereits beschriebene einzige Grab, das durch einen gesonderten Grabstein mit Namen gekennzeichnet ist, stammt aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Es handelt sich um zwei am 5. August 1945 gestorbene sowjetische Offiziere, die sich offenbar als Mitglieder der sowjetischen Militär- bzw. Repatriierungskommission in Sande aufhielten und durch einen Verkehrsunfall zu Tode kamen. Die Sander Kirchenchronik vermerkte dazu: „Eine außerordentliche Beerdigung veranstalteten die russischen Kriegsgefangenen aus dem großen Lager, das sie nach der Kapitulation füllten, als ihre zwei Offiziere durch Autounfall tödlich verunglückten. In großer Zahl nahmen Militär und Zivil der Russen teil, zu Hunderten nahmen sie den Weg durch den Pfarrgarten und dicht gedrängt voll war der Weg zum Friedhof und dieser selbst. Ein Geistlicher ist, soweit bekannt, nicht an der Bestattung beteiligt gewesen. In zwei Tagen, die vor dem Abzug zur Verfügung standen, [3] wurde von den Russen ein Denkmal auf die Grabstelle gesetzt und eine Umfassung hergestellt, beides wirklich aus dem Rahmen des übrigen Friedhofs fallend. (…).“ [4]

Bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre wurden bei mehreren Umbettungsaktionen die sterblichen Überreste fast aller Niederländer, eines Belgier, neun Franzosen und eines Italiener – unter Beteiligung von Gräberkommissionen bzw. Dienststellen aus den Herkunftsländern – exhumiert und in die jeweilige Heimat überführt bzw. andernorts auf deutsche Sammelgrabanlagen umgebettet. Darunter waren z. B. die beim Luftangriff vom Februar 1943 getöteten sechzehn Holländer und zwei Franzosen.

Im Oktober 1960 kam es schließlich zu einer letzten großen Zubettungsaktion auf den Ausländerteil des Friedhofes Sande: Auf verschiedenen anderen Friedhöfen im Landkreis Friesland wurden insgesamt 28 zumeist polnische und sowjetische Staatsbürger exhumiert und nach Sande überführt. Einer dieser „Umgebetteten“ war der am 5. März 1922 im polnischen Kreis Kutno geborenen Stefan Fijalkowski, der am 28. September 1944 auf dem Oesterdeichshof im Wangerland von der Geheimen Staatspolizei exekutiert und zunächst in Tettens bestattet wurde. Über sein Schicksal berichtet diese Website an anderer Stelle. Weiterhin sei erwähnt der im März 1944 im Marine-Lazarett Sanderbusch gestorbene sowjetische Kriegsgefangenen Pjotr Chudjakow. Er war zuletzt im Arbeitskommando „Kriegsmarine Breddewarden“ eingesetzt und wurde wohl aus diesem Grund zunächst auf dem Friedhof Fedderwarden bestattet. Im Oktober 1960 wurde er ebenfalls auf den Friedhof Sande umgebettet.

Ausschnitt aus der Personalkarte I des sowjetischen Kriegsgefangenen Pjotr Chudjakow, gestorben am 3. März 1944 im Marine-Lazarett Sanderbusch, zunächst aber in Fedderwarden bestattet und nach dem Krieg auf den Ausländerteil Friedhof Sande umgebettet (www.obd-memorial.ru).

Ausschnitt aus der Personalkarte I des sowjetischen Kriegsgefangenen Pjotr Chudjakow, gestorben am 3. März 1944 im Marine-Lazarett Sanderbusch, zunächst aber in Fedderwarden bestattet und 1960 auf den Ausländerteil Friedhof Sande umgebettet (www.obd-memorial.ru).

Ein im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Arolsen überlieferter undatierter Friedhofsplan, der von der Kirchengemeinde spätestens im Mai 1950 erstellt worden sein muss, [5] zeigt noch die Verteilung der Grabstätten auf dem Friedhof Sande und die Herkunftsländer der Bestatteten zu diesem Zeitpunkt (88 Personen, darunter 41 Tote aus der UdSSR, 24 Holländer und 11 Polen).

Friedhofsplan Sande, undatiert, erstellt vor Juni 1950, Archiv Internationaler Suchdienst Bad Arolsen (ITS/ARCH/HIST-Ordner Friedhofspläne 18).

Friedhofsplan Sande, undatiert, erstellt vor Juni 1950, Archiv Internationaler Suchdienst Bad Arolsen (ITS/ARCH/HIST-Ordner Friedhofspläne 18).

Mit den 28 Zubettungen vom Oktober 1960 ist die „Belegungsgeschichte“ dieses Friedhofsteils abgeschlossen, bis heute gab es keine weiteren Um- oder Zubettungen. Auf dem Ausländerteil des Friedhofes Sande verblieb eine – wegen Unstimmigkeiten in den Gräberlisten noch exakt zu klärende – Anzahl von Bestatteten, die fast zur Hälfte aus der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR) stammen. Der Friedhof Sande war und ist der zahlenmäßig größte und wegen der Umbettungen von 1960 in gewisser Hinsicht auch zentrale Begräbnisort im Landkreis Friesland für ausländische Opfer aus der Zeit der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges. Weitere Grabanlagen dieser Art im Landkreis Friesland, allerdings mit einer im Vergleich zu Sande weitaus geringeren Anzahl von Gräbern, befinden sich noch auf der Insel Wangerooge, in Bockhorn und in Varel.

5. Erinnerungsarbeit nach 1945

Nach dem Ende der NS-Herrschaft wurde die Anwesenheit und die Begleitumstände der Zwangsarbeit tausender ausländischer Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen sowie Kriegsgefangener in Sande verdrängt oder vergessen. Örtliche Honoratioren, politisch Verantwortliche der Gemeinde oder auch die lokalen Heimatkundler unternahmen für die folgenden Jahrzehnte keine ernsthaften Versuche zur Aufarbeitung der NS-Geschichte. Auch der „Ausländerteil“ des Friedhofs, die einzig sichtbare Erinnerung an die NS-Gewaltherrschaft in Sande, geriet rasch ins Abseits.

Erst nach fast 60 Jahren, im Jahre 2002, unternahmen Schüler der 9. Klassen der Haupt- und Realschule Sande unter Leitung des Lehrers Klaus Gelfert den Versuch, die NS-Zeit Sandes aufzuhellen, wobei u.a. auch der Friedhof ins Blickfeld kam. Ihr Projektergebnis „Verschleppt und ausgebeutet – NS-Zwangsarbeiter“ wurde im Rahmen eines Schülerwettbewerbes zur politischen Bildung mit einem Buchpreis ausgezeichnet. Die Ausarbeitung wurde in der „Wilhelmshavener Zeitung“ (Beilage „Heimat am Meer“, 4.5.2002) veröffentlicht.

2008 besuchte ein niederländisches Filmteam von RTV Noord unter Leitung von Liefke Knol Sande und den Friedhof, um u.a. dort Aufnahmen zu drehen und Interviews zu machen. Es ging thematisch dabei vor allem um niederländische Zwangsarbeiter in Sande und die Ereignisse rund um den Luftangriff vom Februar 1943. Ein Bericht dazu erschien im „Jeverschen Wochenblatt“ vom 15. März 2008.

Im Mai 2008 organisierte auf dem Friedhof Sande ein Verein von übergesiedelten, deutschstämmigen Russen (federführend Galina Schäfer und Alwina Huck) einen ökumenischen Gedenkgottesdienst unter Beteiligung von zwei Priestern der russisch-orthodoxen Kirche in Oldenburg und Pastor Gerd Pöppelmeier von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sande. Darüber berichtete u.a. das „Jeversche Wochenblatt“ (15. Mai 2008). Die Teilnehmerinnen eines örtlichen Integrationskurses unter der Leitung von Dieter Schäfer hatten zuvor in einer freiwilligen Aktion die Grabanlage auf dem „Ausländerteil“, die sich in einem beklagenswerten Zustand befand, grundlegend gereinigt und in Ordnung gebracht sowie mit Blumen geschmückt. Anschließend fand ein aus Sicht der Teilnehmer sehr bewegendes Treffen der Beteiligten im Sander Rathaus statt.

Ökumenischer Gedenkgottesdienst auf dem „Ausländerteil“ des Friedhofs Sande im Mai 2008 (Foto: privat, Sammlung H. Frerichs).

Ökumenischer Gedenkgottesdienst auf dem
„Ausländerteil“ des Friedhofs Sande im Mai 2008 (Foto: privat, Sammlung H. Frerichs).

Nach einem Bericht des „Jeverschen Wochenblattes“ (9.5.2015) über die vorschriftswidrig fehlenden individualisierten Grabkennzeichnungen ergriff die Kirchengemeinde Sande (Pastor Gerd Pöppelmeyer) die Initiative, um im Kontext des vom Schlossmuseum Jever initiierten Projekts „Erinnerungsorte im Landkreis Friesland“ den Ausländerteil des Friedhofs als öffentlichen Erinnerungsort ins Gespräch zu bringen. Unter Mitwirkung der Leiterin des Schlossmuseums, Dr. Antje Sander, des Autors dieses Textes, des Bürgermeisters der Gemeinde Sande, Stephan Eiklenborg, der Gemeindeverwaltung sowie zukünftig weiterer Personen und Institutionen (Lehrer, Vertreter des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge) sollte ausgelotet werden, welche Umgestaltungsmöglichkeiten auf dem Friedhof bestehen und wie zukünftig eine generelle Erinnerungsarbeit über die NS-Zeit in Sande – wissenschaftlich fundiert und begleitet – stattfinden und zeitgemäße Formen annehmen kann. Von Interesse sind dabei außer den „Ausländergräbern“ auch weitere zeitgeschichtlich wichtige Orte in Sande wie das Kriegsgefangenenlager Sander Mühle, das ehemalige Zwangsarbeiter- bzw. Ausländerlager Sande-Neufeld II und die Stätte der pogromartigen Ausschreitungen Sander Einwohner gegen das Sander Ehepaar Ulrich und Mia Cornelssen im November 1938.

Es ist für den „Ausländerfriedhof“ geplant, das Gräberfeld mit einer Informationstafel zu versehen. Nach der nun dringlich erforderlichen Klärung von genauer Zahl und Identität (Name, Vorname, Nationalität, Geburts- und Sterbedatum) soll den heute dort noch Bestatteten z.B. durch eine Namenstafel wieder ein „Gesicht“ gegeben werden.

6. Hinweise zur Forschungslage

Belegungsgeschichte: Die genaue zeitliche und personenbezogene Rekonstruktion aller Bestattungen, Um- oder Zubettungen zwischen 1939 bis 1960 lässt sich archivalisch im Einzelnen gut belegen. Es sind hierzu u.a. überliefert und auswertbar:

  • Zeitgenössische Eintragungen im Begräbnisregister bzw. Grabfeldregister der Kirchengemeinde Sande sowie die z. B. im Pfarrarchiv zu den Um- und Zubettungen überlieferten Dokumente. [6]
  • Namens- bzw. Gräberlisten, die bereits kurz nach Kriegsende im Rahmen der alliierten Suchaktionen nach vermissten Ausländern erstellt wurden (1946 und 1949). [7]
  • In Vorbereitung des Kriegsgräbergesetzes von 1952 erfolgte in Sande eine nochmalige Erfassung der Kriegsgräber, auf deren Grundlage schließlich die Erstellung der ersten amtlichen Kriegsgräberliste. Dokumentiert sind auch die späteren Umbettungen von und nach Sande. [8]

Biografien der Opfer: Zur Klärung ihrer Einsatzorte und Todesursachen sowie eventuell sonstiger weiterer rekonstruierbarer Details zu ihrem Leben und Sterben sind vielfach noch genauere Untersuchungen notwendig, aber auch möglich. Auch die teils irreführende Schreibweise der osteuropäischen Namen, unterschiedliche Angaben zu Geburts- oder Sterbedatum in den deutschen Unterlagen bedarf der gründlichen Überprüfung. Im Einzelfall werden auch in den Herkunftsländern der Opfer die Erschließung von Archivmaterialien, Internetressourcen und die Einbeziehung von dortigen Forschungsinstitutionen notwendig sein.

Copyright: Holger Frerichs, Hoher Weg 1, 26316 Varel. Forschungsstand: 8. Oktober 2017

Quellen:

  • [1] Chronik der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Sande für das 1944 (verfasst nach Kriegsende), Pfarrarchiv Sande.
  • [2] Chronik der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Sande für das 1945 (Pfarrarchiv Sande).
  • [3] Dieser Hinweis auf das unmittelbar bevorstehende Abzugsdatum ist ein Beleg, dass die Repatriierung der sowjetischen „Displaced Persons“, also der ehemaligen zivilen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, im Gebiet Friesland/Wilhelmshaven spätestens Mitte August 1945 zum Abschluss kam.
  • [4] Chronik der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Sande für das Jahr 1945 (Pfarrarchiv Sande).
  • [5] Die Datierung des Planes ergibt sich aus einem Vergleich der Angaben im Friedhofsplan mit den Umbettungseintragungen etc. im Begräbnisregister bzw. Pfarrarchiv der Kirchengemeinde.
  • [6] Beerdigungsregister der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Sande (Feld C, Neuer Friedhof), Pfarrarchiv Sande, Nr. 644. Umbettungen von und nach Sande vgl. z.B. Pfarrarchiv Sande, Nr. 651, 653, 655.
  • [7] Die Unterlagen zu diesen Suchaktionen befinden sich im Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg, Bestand 136, Nr. 273 und 274. Die von den einzelnen Gemeinden/Friedhofsträgern erstellten Listen sind auch im Archiv Internationaler Suchdienst in Bad Arolsen überliefert.
  • [8] Überliefert z. B. in der Registratur Landkreis Friesland, Bestand, Nr. 730-09. Kriegsgräberlisten der Gemeinde Sande. Laufzeit: 1954-1961. Eine entsprechende aktuelle Liste der öffentlich gepflegten Gräber muss auch bei der politischen Gemeinde Sande geführt werden, weitere Ausführungen z. B. auch beim zuständigen Referat des Innenministeriums des Landes Niedersachsen, das diese Aufgabe von den aufgelösten regionalen Bezirksregierungen/Regierungsvertretungen übernommen hat, sowie beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
  • Weitere Quellenangaben im Text; sonstige Nachweise in der Sammlung H. Frerichs, im Landesarchiv Niedersachsen in Oldenburg, im Archiv Internationaler Suchdienst in Bad Arolsen und im Pfarrarchiv Sande.