Die Vertreibung der Juden aus Jever in der NS-Zeit

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Vortrag – 7. Nov. 2013 – Aula Mariengymnasium Jever – redigierte Version v. 30.01.2015

HARTMUT PETERS

Die Vertreibung der Juden aus Jever in der NS-Zeit: Darstellung anhand neuer Aktenfunde

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Voraussetzungen des Nationalsozialismus und des Antisemitismus in Jever
  3. Entrechtung, Demütigung, Arisierung und Vertreibung 1933 – 1938
  4. Der Pogrom von 1938 und die Zeit danach
  5. Der gefundene Ordner – ein Überblick
  6. Die Vertreibungsaktion vom 26. Jan. bis 15. März 1940
  7. Welche neuen Erkenntnisse ermöglicht der Aktenfund?
  8. Schluss
  9. Quellen- und Literaturhinweise

Liebe Schülerinnen und Schüler, sehr geehrte Damen und Herren!

1: Einleitung

Vor 75 Jahren steckten Bürger dieser Stadt die Synagoge in Brand, zwangen alle jüdischen Einwohner in das Gefängnis, demütigten und schlugen sie – und plünderten sie aus. Vieles geschah auf offener Straße.

1938-11-10-Straßenfront

SA-Leute und Schulkinder vor der Synagoge von Jever am Morgen ihrer Zerstörung, 10. Nov. 1938

Auch Jugendliche reihten sich in Aktionen der NS-Aktivisten ein. Über 200 Menschen waren aktiv beteiligt. Die jüdischen Männer wurden am Tag danach in das KZ Sachsenhausen bei Berlin verschleppt. Unter der strengen Auflage, umgehend Deutschland zu verlassen und nichts von den erlebten Torturen zu erzählen, kamen sie bis Ende des Jahres wieder zurück. Aber der Tabakwarenhändler Joseph Haas aus der Gr. Burgstraße, der gerade nach Hamburg umgezogen war, um dem antisemitischen Druck der Kleinstadt zu entgehen, starb in Sachsenhausen an den Misshandlungen. Er ist das erste Opfer der 70 von den Nationalsozialisten ermordeten jeverschen Juden.

Vom 7. bis zum 12. Nov. 1938 zerstörten NS-Funktionäre und der Mob der Straße 1.500 Synagogen, verwüsteten 7.000 Geschäfte, raubten Zehntausende von Wohnungen aus – und brachten während dieser Ausschreitungen 400 Menschen um ihr Leben. Die staatlichen Organe verschleppten anschließend 30.000 Juden in die Konzentrationslager. Hier wurden weitere 1.000 ermordet oder Opfer der Bedingungen. Tausende waren schwer verletzt und traumatisiert. Die sog. Reichskristallnacht bezeichnet in der Chronologie der antijüdischen Maßnahmen seit 1933 den Übergang von der Verfolgung der Juden zur ihrer forcierten Vertreibung, Enteignung und räumlichen Konzentrierung. Die vom Staat gewünschten und vor Ort willfährig organisierten Novemberpogrome sprachen den zivilisatorischen Normen Hohn: eine von den Zeitgenossen – selbst vielen Nazis – damals für unmöglich erachtete Dimension von Verfolgung.

Wenn wir aus der Perspektive von heute auf 1938 schauen, erscheinen die Novemberpogrome auf den ersten Blick randständig gegenüber der Ermordung von 6 Millionen Juden ab 1941. Das liegt aber am Holocaust. Mit und ab dem Pogrom ging es um Tod oder Leben, obwohl mancher jüdische Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs es immer noch nicht fassen konnte, dass das „Heimatland“ selbst ihn nicht verschonte. Als die Nationalsozialisten 1941 die Auswanderung stoppten und die europäischen Juden systematisch zu ermorden begannen, hatten sie fast ganz Europa unter ihrer Herrschaft. Auch Länder, in die viele geflohen waren. Der 75. Jahrestag der Pogrome steht am kommenden Samstag bevor.

Der Vortrag stellt zunächst die Chronologie der Vertreibung, die gleichzeitig die Chronologie der Verfolgung ist, in groben Zügen an jeverschen Zusammenhängen dar. Vieles davon ist seit Jahren bekannt und auch publiziert. Zuletzt tauchten jedoch überraschend neue Quellen auf. Sie bestätigen Bekanntes und differenzieren in einer Reihe von Aspekten so genau, dass Unbekanntes ans Licht kommt. Da ist zum einen das Konferenzbuch des Mariengymnasiums 1926 – 1935, das lange als nicht vorhanden galt. Zum anderen ein1945 nicht bereinigter Ordner der Stadt Jever, den Holger Frerichs im Rathaus fand und den umgehend Ursula Hörsch fotografierte. Zum Teil werde ich neue Aspekte schon in die Chronologie der Vertreibung integrieren.

Am Ordner werde ich die Vertreibung der Juden aus Jever 1940 im Detail darstellen und versuchen, die neuen Informationen wissenschaftlich einzuordnen. Fotos und Dokumente habe ich auf 20 reduziert. Abschließend hoffe ich auf Diskussion. Strukturen an passenden Beispielen stehen im Mittelpunkt. Ausschließlich die Namen von Opfern zu nennen, hieße die Täter zu schützen und die personellen und strukturellen Kontinuitäten zu verschweigen. Die Nennung von Tätern meint nicht, dass sie die einzigen waren. Ich werde Ihre Zeit etwa 90 min. beanspruchen.

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2: Voraussetzungen des Nationalsozialismus und des Antisemitismus in Jever

1933 lebten ca. 560.000 Juden im Reich, etwa die Hälfte verließ bis 1941 das Land. Sie bildeten alles andere als eine Einheit, sondern bestanden aus jüdisch-religiösen, christlich-religiösen oder konfessionslosen, deutsch-national oder auch zionistisch orientierten, liberalen, konservativen, orthodoxen, mehr oder minder stark assimilierten Gruppen, Familien oder Individuen, unterschieden nach sozialen und regionalen Merkmalen usw. Die Gemeinsamkeit lag in dem Wahnsystem der „jüdischen Rassemerkmale“, die auch solchen Menschen zugeschrieben wurden, die keine Beziehung zu Tradition, Kultur und Religion des Judentums hatten, die nach mehreren Generationen vielfach gar nichts mehr von jüdischen Vorfahren wussten -und fast immer „arischer“ aussahen als die NS-Führungsclique.

Die Führung der NSDAP Jever 1929: In der Mitte der Ortsgruppenleiter und Studienrat Karl Gottschalck, rechts daneben Friedrich Lange, der Chefredakteur des „Jeverschen Wochenblatts“, anschließend der NSDP-Kreisleiter und Turnlehrer Eduard Siebrecht. Die anderen „alten Kämpfer“ (Bildunterschrift) sind Kaufleute, Landwirte und Angestellte.

Die Führung der NSDAP Jever 1929: In der Mitte der Ortsgruppenleiter und Studienrat Karl Gottschalck, rechts daneben Friedrich Lange, der Chefredakteur des „Jeverschen Wochenblatts“, anschließend der NSDP-Kreisleiter und Turnlehrer Eduard Siebrecht. Die anderen „alten Kämpfer“ (Bildunterschrift) sind Kaufleute, Landwirte und Angestellte.

Die Juden hier in Jever waren in einem besonderen Maße assimiliert. Sie lebten in keinem Ghetto, unterschieden sich nicht in Kleidung, Haartracht und Sprache und waren politisch-formal seit langem gleichgestellt. Viele hatten trotz aller guten Nachbarschaft, ihrer persönlichen Freundschaften und vielfältigen Geschäftskontakte außerhalb der Synagoge ein Gruppenbewusstsein, das ja immer auch durch die Diskriminierungen bestätigt wurde. Im Prinzip aber waren sie – nur ca. 0,5% der Bevölkerung – Einwohner wie alle anderen. Ein heute schwer nachvollziehbarer, wissenschaftlich völlig haltloser Rassismus legte mit Schädelmesslehre und Stammbaum fest, wer „Jude“ sei. Dieser biologistische Antisemitismus wurde vom althergebrachten christlichen Antijudaismus z.B. eines Martin Luthers unterfüttert. Antisemitismus und rassistische Ressentiments bestehen allerdings auch heute noch ohne NS-Rasseideologie. Der medial hochgekochte Antiziganismus der letzten Tage – „Roma rauben blonde Kinder“ – und die Abwehr von Flüchtlingen und Einwanderern besonders aus „Schwarz“-Afrika deuten auf den Stand der Dinge.

Anfang 1933 ergatterten die Nationalsozialisten und die mit ihnen verbündeten, ebenfalls fast durchweg antisemitischen Deutschnationalen – im Einverständnis wichtiger Eliten und der Bevölkerungsmehrheit – die Staatsmacht. Die NS-Herrschaft machte umgehend die gesellschaftlich verwurzelten Vorurteile gegen die Juden zu einem zentralen Bestandteil des sofort einsetzenden gewaltstaatlichen Handelns. Für Jever gilt ganz besonders, dass das heute mythische Jahr „1933“ nicht den Beginn, sondern lediglich eine neue, weil nun staatliche Qualität des Antisemitismus einleitete. „Republik ohne Republikaner“ ist zwar ein erhellendes Schlagwort für den ersten demokratischen deutschen Staat, die Weimarer Republik. Allerdings fehlt der Hinweis auf den gemeinsamen Nenner der rechten Demokratiegegner, auf den Kitt des Antisemitismus.

In Jever agierte ab 1919 eine Ortsgruppe des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“, des größten und tätigsten antisemitischen Verbands in Deutschland, der die Demokratie Weimars radikal ablehnte. Unter den 34 Mitgliedern finden sich Angestellte, Gewerbetreibende, Bauern, Beamte – darunter gleich 5 Studienräte des Mariengymnasiums und auch noch der Direktor des Lyzeums – und weitere Persönlichkeiten, wie der spätere Ehrenbürger Jevers Adolf Ahlers. Der militante Kampfbund wurde 1922 wegen seiner Verwicklung in den Mord am jüdischen Außenminister Rathenau verboten. Evangelische Geistliche Jevers und der umliegenden Gemeinden bekannten sich offen zur braunen Bewegung. Der durch aggressive antisemitische Reden bekannte Studienrat am Gymnasium Dr. Oskar Hempel wurde in der Folge der Beschwerde des Vorsitzenden der Synagogengemeinde, Hermann Gröschler, nur kurzfristig strafversetzt. 1.700 Jeverländer setzten sich 1924 in Unterschriftenlisten erfolgreich für die Rückkehr der „für das kulturelle Leben … unersetzlichen Persönlichkeit“ (so der Resolutionstext) ein. In Sillenstede unterhielten die ersten Nationalsozialisten zur Vorbereitung des Umsturzes ein Waffenlager beim Gemeindevorsteher Pielstick.

Die Region war soziostrukturell ideal für die Nationalsozialisten. Der überdurchschnittlich hohe Anteil der kleinbürgerlich-kleinstädtischen und ländlich-bäuerlichen Selbständigen, mit dem Vorherrschen des Landvolks und nur wenigen Industriearbeitern, war die Grundlage dafür, dass unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Krise die Demokratie hier zwischen 1924 und 1933 so zertrümmert werden konnte. Bedeutsam sind auch der extrem hohe Anteil der traditionell anpassungswilligen Protestanten, der kommunikative Abstand eines ländlichen Raumes zu einer Großstadtkultur und ganz besonders die bedingungslose Unterstützung der NS-Bewegung durch wichtige Teile der örtlichen Eliten aus Bildung, Kirche, Verwaltung, Wirtschaft und Medien.

Max Biberfeld (1911 – gest. in Israel) wurde bereits 1928 am Mariengymnasium zur Zielscheibe antisemitischer Pöbeleien. Das Foto zeigt den späteren Orangenfarmer 1986 zusammen mit seiner Frau Ora im Garten seines Hauses in Israel.

Max Biberfeld (1911 – gest. in Israel) wurde bereits 1928 am Mariengymnasium zur Zielscheibe antisemitischer Pöbeleien. Das Foto zeigt den späteren Orangenfarmer 1986 zusammen mit seiner Frau Ora im Garten seines Hauses in Israel. (Foto A.C. Naujoks)

Das „Jeversche Wochenblatt“, die bürgerliche Monopolzeitung des Jeverlands, war seit dem Gründungsjahr 1792 eine ehrbare Zeitung gewesen. Als jedoch Verleger Enno Mettcker 1919 den einschlägig beleumundeten Friedrich Lange zum Chefredakteur ernannte, bekamen die Rassisten ein Forum. Lange förderte mit allen publizistischen Mitteln die NS-Bewegung, deren Ortsgruppe er mitbegründete, und Mettcker war einverstanden. Konsequenz: Bereits bei den RTW 1924 erzielten die Nationalsozialisten 22,6% in Stadt und Amt Jever – fast viermal so viel wie im Schnitt der Republik. Die DNVP kam auf 30,5%. Die Hitler-Hugenberg-Koalition von 1933 hätte hierzulande bereits 1924 die Mehrheit besessen.

Auf der anderen Seite standen Demokraten wie Prof. Heinrich Ommen oder der Schriftsteller, Lehrer und Maler Georg von der Vring und Teile der SPD die offen für die Demokratie und die jüdischen Bürger eintraten. Der erwähnte Gemeindevorsteher Gröschler und der Viehhändler Erich Levy setzten sich mit Eingaben an die Behörden, Klagen bei den Gerichten und Leserbriefen zur Wehr. Dass die Anzahl der jüdischen Einwohner ab 1920 deutlich zurückging, lag sicherlich in der Hauptsache am wirtschaftlichen Niedergang dieser Jahre. Doch bereits weit vor 1933 war auch das politische Klima mit ein Grund, Jever lieber den Rücken zu kehren. Bekanntes Beispiel hierfür ist Georg von der Vring, der als Demokrat, Pazifist und Antirassist angefeindet wurde und 1928 unter fluchtartigen Umständen in die Schweiz ging.

Der Lebensweg des ehemaligen Schülers des Mariengymnasiums Max Biberfeld ist eng mit Erfahrungen hier in diesem Gebäude verbunden. Am MG lehrten damals der NSDAP-Ortgruppenleiter Dr. Karl Gottschalck, der notorische Judenhasser Dr. Hempel, der NSDAP-Kreisleiter Siebrecht und zwei weitere Nazis. Die Demokraten, darunter Dr. Heinrich Ommen, hielten sich im Lehrerzimmer auf, die Nazis frequentierten einen Nebenraum und betrieben dort ein informelles Parteibüro. Das war der heutige Kulissenraum des Faches Darstellendes Spiel. Max Biberfeld, Sohn einer Kaufmannsfamilie in der Neuen Straße, charakterisierte diese Zeit folgendermaßen: „Was ich am Mariengymnasium 1928/29 als Jude auszustehen hatte, hat mir einen Schock fürs Leben versetzt, andererseits mir das Leben gerettet, weil ich nach 1933 bald auswanderte, da ich wusste, was ich zu erwarten hatte.“ Lehrer ließen antisemtische Gedichte aufsagen, Schüler steckten Mitschülern Zettel mit rassistischen Parolen an oder legten Papptafeln mit Hakenkreuzen ans Fenster. Biberfeld wechselte nach Rüstringen, studierte Landwirtschaft, wanderte 1936 nach Palästina aus und wurde Orangenfarmer. Seine Eltern mussten ihr zunächst erfolgreiches Kaufhaus 1937 in der Folge des NS -Drucks aufgeben und wurden 1941 nach Riga deportiert. Biberfeld nennt als Peiniger außer den Lehrern den Mitschüler Otto Uechtritz. Dieser diente als General Hitler, dann der Bundeswehr und der Oldenburgischen Landschaft bis 1987 als Präsident. Auch an der Stadtknabenschule errang um das Jahr 1931 herum eine ähnliche Mafia von NS-Lehrern die Überhand.

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3: Entrechtung, Demütigung, Arisierung und Vertreibung 1933 bis 1938

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 feierten noch am selben Abend Parteileute, SA, Stahlhelm und Kriegerverein unter mit einem musikbegleiteten Fackelzug. „Die Bevölkerung war in Massen auf den Beinen“, berichtete das Jeversche Wochenblatt. Wie überall erlangte auch in Jever die NSDAP in den folgenden Monaten die absolute Macht, rechnete mit den politischen Gegnern und Juden ab und schaltete gleich. Anders als in den noch nicht nationalsozialistisch regierten Ländern konnte im Land Oldenburg, das bereits seit Mai 1932 einen NS-Ministerpräsidenten besaß, aber sofort der Staatsapparat für diese Zwecke genutzt werden. Im jeverschen Stadtrat hatten die Nazis bereits seit 1931 das Überwicht. Anders als z.B. in Varel kam es in Jever jedoch zu keinen „wilden“ Ausschreitungen gegen die Juden in diesen Übergangsmonaten.

Anzeige im Jeverschen Wochenblatt vom 31. März 1933

Anzeige im Jeverschen Wochenblatt vom 31. März 1933

Zum Vorzeichen dessen, was noch kommen sollte, wurde bereits der 1. April 1933. Im Rahmen der ersten reichsweit organsierten Gewaltmaßnahme gegen die Juden rief auch die Ortsgruppe der NSADP zum Boykott der jüdischen Geschäfte auf. „Kein Deutscher kauft noch bei einem Juden! An den Pranger alle Verräter!“ drohte die Ortsgruppe per Anzeige. Am Markt wurde tatsächlich das mittelalterliche Folterwerkzeug aufgebaut. JW: „Der Boykott … setzte … auch hier heute morgen um 10 Uhr ein. Als Wache zog eine Anzahl SA-Leute auf und besetzte die Eingänge zu den verschiedenen jüdischen Geschäften. Die Inhaber schlossen die Geschäfte sofort freiwillig. Von den Wachen wurden an den Eingängen Plakate angeheftet: `Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Von „Freiwilligkeit“ konnte natürlich nicht die Rede sein.

Hermann Gröschler wurde im März 1933 aus dem Stadtrat ausgeschlossen und verlor seine Ehrenämter als Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Jever und als Vorstandsmitglied der Städtischen Sparkasse bzw. Landessparkasse zu Oldenburg, die ihn und seine Familie auch gleichzeitig aus der im Besitz der Sparkassen befindlichen Wohnung warf. Der in der Amtsverwaltung Jever tätige Jurist Dr. Paul de Levie, ein Absolvent des Mariengymnasiums, wurde im Mai ein Opfer des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Die Kinderärztin Dr. Sophie Prag, die erste Abiturientin des Mariengymnasiums, verlor als Jüdin ihre Krankenkassenzulassung. In der Konsequenz der Berufsverbote emigrierten beide Akademiker noch 1933 nach England bzw. Peru. Die Karstadt AG entließ zum 1. April 1933 ihre sämtlichen 650 jüdischen Angestellten fristlos, weil sie „keine vollwertigen und gleichberechtigten Staatsbürger“ mehr seien. Darunter Trude Weinstein aus der St. Annenstr., die zu diesem Zeitpunkt bei Karstadt Bremen als Kontoristin arbeitete und danach keine Anstellung mehr finden konnte. Sie ging 1936 nach Palästina. Das Herausdrängen aus der Erwerbsgesellschaft betraf Selbständige, was für die weitgehend als Händler eingesessenen Juden verheerend war, wie noch näher zu zeigen ist, und Arbeitnehmer aller Ausbildungsniveaus, für die bald gar keine oder nur sehr schlecht bezahlte Tätigkeiten möglich waren.

Hermann (1880 – 1944 KZ Bergen-Belsen) und Änne Gröschler ( 1888 – 1983 Groningen, Holocaust-Überlebende) konnten ihre Kinder aus Deutschland herausbringen.

Hermann (1880 – 1944 KZ Bergen-Belsen) und Änne Gröschler ( 1888 – 1983 Groningen, Holocaust-Überlebende) konnten ihre Kinder aus Deutschland herausbringen.

Wie über Restriktionen im Bildungsbereich schon ganz früh Vertreibungsdruck aufgebaut wurde, lässt sich am Beispiel Jever klar zeigen. Besondere Bedeutung hatte für deutschen Juden seit langem die möglichst gute Schulbildung der Kinder. Man strebte die Mittlere Reife (heute: Realschulabschluss) an, die in Jever das Mariengymnasium und das Lyzeum anboten. Bereits April 1933 wurde durch das Ministerium in Oldenburg der Übergang jüdischer Kinder auf weiterführende Schulen nur in ein und dieselbe Klasse und nur dann erlaubt, wenn die Väter Frontkämpfer des WK I waren. Das Protokoll der Gesamtkonferenz des MG vom 18. Mai 1933 zeigt an, dass die Verfügung als zu weich empfunden wurde.

Nunmehr saß der „alte Kämpfer“ Gottschalck als neuer Schulleiter der Konferenz vor, sein Vorgänger Schwarz war degradiert worden. Hempel hatte seine Ernennung zum neuen Leiter des Gymnasiums Oldenburg bereits in der Tasche und Siebrecht war zum Schulrat auserkoren. Die Demokraten Heinrich Ommen und Karl Peters dagegen waren aus dem Dienst entfernt worden.

„Der Direktor bemerkt, dass … 4 nichtarische Schüler für die Sexta angemeldet sind, während alle anderen Klassen von jüdischen Schülern frei sind. In einer längeren Aussprache kommt allgemein die Ansicht zum Ausdruck, dass 4 jüdische Schüler in in einer Klasse eine starke Belastung darstellen und dass Schritte unternommen werden müssen, diese Belastung zu vermeiden; insbesondere müsse nachgeprüft werden, ob die Väter … wirklich Frontkämpfer gewesen sind.“ Die Konferenz beschließt bei 2 Enthaltungen auf Antrag von Studienrat Julius Krauß das Ministerium zu bitten, „… eine Zusatzverfügung zu erlassen, die … die Zahl der Juden in einer Klasse auf einen beschränkt.“ „Siebrecht beantragt, die nichtarischen Schüler auf keinen Fall am Wehrsport teilnehmen zu lassen.“ Im Effekt wurden alle vier jüdischen Schüler, die ihre Aufnahmeprüfungen längst bestanden hatten, nicht aufgenommen.

Gottschalck – wohl die wirksamste Persönlichkeit der NS-Zeit in Jever zusammen mit dem Bürgermeister Martin Folkerts – wurde nach dem Krieg kurz interniert. Er unterrichtete dann als Nutznießer der Adenauerschen Integration von NS-Belasteten bis 1967 am Gymnasium Norden und bildete Referendare aus. Krauß engagierte sich in verschiedenen Partei-Ämtern „gegen die Verjudung unserer Kultur“. Nach kurzer Internierung ging er 1953 in den Ruhestand – als Lehrer am Mariengymnasium. 1962 erhob ihn die Ev. Kirchengemeinde in Anerkennung seiner Verdienste zum „Ehren-Kirchenältesten“.

Für jüdische Eltern war schnell offensichtlich, dass für ihre Kinder keine weiterführende Schulausbildung mehr möglich sein würde, außer – kaum bezahlbar – auf den jüdischen Privatschulen der Großstädte. Ähnliche Entwicklungen für die Hauptschulen waren zu befürchten. Im Übrigen bestand nach wie vor Schulzwang! Die soziale Diskriminierung im Schulalltag war ohnehin gegenwärtig. Wer das Anspruchsniveau, die finanziellen Mittel und die Kontakte hatte, versuchte häufig schon deshalb die Familie aus Deutschland heraus- oder zumindest die Kinder im Ausland unterzubringen.

An der Familie Hermann und Änne Gröschler, Albanistraße, lassen sich solche Zusammenhänge zeigen. Gröschler war zusammen mit seinem Bruder Julius Inhaber einer Firma, die seit Jahrzehnten Bettfedern produzierte und mit Altstoffen handelte. Das Ehepaar brachte 1935 den 13jährigen Sohn Walter, einer der am Mariengymnasium Abgelehnten, zum Onkel nach Jerusalem. Tochter Käthe konnte 1934 ein Medizinstudium nicht mehr aufnehmen und ging deshalb mit 19 Jahren in die Niederlande. Tochter Gertrud fand nach ihrer Ausbildung keine Anstellung und emigrierte 1936 mit 18 nach England. Die Eltern blieben aus Verantwortung gegenüber der jüdischen Gemeinde und flohen erst nach dem Pogrom zu Käthe in die Niederlande.

Der Viehhändler Philipp Sternberg aus der Schlosserstraße mit seinen Söhnen Gert, der nicht auf das Mariengymnasium durfte, und Rolf, der von der Volksschule musste. Die Familie Sternberg wanderte 1939 nach Argentinien aus.

Der Viehhändler Philipp Sternberg aus der Schlosserstraße mit seinen Söhnen Gert, der nicht auf das Mariengymnasium durfte, und Rolf, der von der Volksschule musste. Die Familie Sternberg wanderte 1939 nach Argentinien aus. (Archiv H. Peters)

Andere Familien hatten nicht die Mittel, ihre Kinder ins Ausland zu bringen, scheiterten an den bürokratischen Hürden, wollten die Familien nicht auseinanderreißen oder hofften – wie übrigens fast alle – auf ein Nachlassen des existenzzerstörenden Drucks. Eine Hoffnung die 1938 vollends illusorisch wurde. Die 1933 ebenfalls abgewiesenen Heinz Isaac und Gert Sternberg konnten zeitweilig die Mittelschule in Wittmund besuchen und mussten dann auf eine jüdische Schule nach Hannover. 1938 wurden die letzten noch an öffentlichen Schulen verbliebenen jüdischen Schüler relegiert und nur noch zu jüdischen Schulen zugelassen. Gert Sternbergs Bruder Rolf sollte auf die jüdische Volksschule in Oldenburg. Eine Notmaßnahme des Landesrabbiners zur Sicherstellung eines Mindestmaßes an Bildung, für das häufig kranke Kind und die Familie aber eine zusätzliche Belastung. Der Vorgang ist im neu gefundenen Aktenordner dargestellt. Die Familien Isaac und Sternberg gelang es schließlich, nach Südamerika zu emigrieren.

Die Juden Jevers waren innovative Faktoren des 1872 einsetzenden, aber nur bis 1914 dauernden Wohlstands der Geestrandstadt Jever gewesen.1933 war die jüdische Gemeinde im Verhältnis ärmer und in der Tendenz überaltert, aber durchaus intakt. Die Haushalte lebten etwa zu 60% vom Vieh- und Pferdehandel, die Übergänge zu Weidewirtschaft und reinen Schlachtereien waren fließend. Ein weiterer Teil erzielte das Einkommen als Händler z.B. von Tabak- und Bekleidungswaren. Handwerker und Nichtselbständige waren selten. Wie schon angerissen, waren deshalb Maßnahmen gegen den freien Handel besonders wirksam.

Obwohl die rechtlichen Grundlagen – die staatlichen Unrechtslinien – noch nicht erlassen waren, versuchten die örtlichen Nazis schon in der Anfangsphase des „Dritten Reichs“ mit Nachdruck, den Juden die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen und sie zum Verlassen der Stadt zu bewegen. Oktober 1934 brachten sie an den Ausgängen der Stadt Transparente mit dem Aufdruck „Wer beim Juden kauft, ist unser Feind!“ an. In Jever hießen die Plakate „Kauft nicht in jüdischen Geschäften! Die Juden sind unser Unglück!“ und ähnlich. In den folgenden Jahren, auch nicht unterbrochen wegen der Olympischen Spiele in Berlin, häuften sich Aktionen dieser Art; z. B 1935 „Wer vom Juden frißt, der stirbt daran!“ Verschiedene Geschäfte brachten das Schild „Juden sind hier nicht erwünscht!“ an, das die Marktkommission 1936 für den Viehmarkt beim Bürgermeister durchsetzte (Vorgang im Ordner). Nächtliche Farbschmierereien mit „Jude. Vorsicht!“ sind dokumentiert.

Die 3jährige „Halbjüdin“ Eva Hirche vor dem Schild „Die Juden sind unser Unglück“. Das antisemitische Schild befand sich am Alten Markt, direkt vor der Graft.

Die 2jährige „Halbjüdin“ Eva Hirche vor dem Schild „Die Juden sind unser Unglück“. Das antisemitische Schild befand sich am Alten Markt, direkt vor der Graft. (Foto A. Hirche, 1935)

Gleich drei gläserne Schaukästen mit dem aggressiv antisemitischen Schmutzblatt „Der Stürmer“ wurden in diesen Jahren in verschiedenen Straßen der Stadt angebracht, jede Landgemeinde hatte ebenfalls einen. Die „Stürmer“-Kästen präsentierten die aktuelle Ausgabe unter festen Inschriften wie „Deutsche halt rein Rasse und Blut, der größte Schänder ist der Jud!“ Zur Einweihung marschierten NSDAP, SA und HJ mit „Kampfliedern“ und dem Ruf „Juda verrecke!“ durch die Straßen (JW). Hitlerjungen fotografierten nichtjüdische Kunden jüdischer Geschäfte, die in den Kästen an den Pranger gestellt wurden.

Interessanterweise zogen viele Bauern trotz stetigen Drucks und der Gefahr, als „Judenknecht“ an den Pranger gestellt zu werden, ihre seit Generationen vertrauten Geschäftsbeziehungen den von den Nazis protegierten „arischen Viehverteilern“ (NS-Jargon) vor. Ab April 1938 bewirkten neue Verordnungen und Gesetze dann das praktische Berufsverbot für die jüdischen Viehhändler. Die ausbleibende Kundschaft ruinierte die Selbständigen, die häufig umgehend in die Großstädte wegzogen oder ihre Emigration betrieben, was sich aber manchmal über Jahre hinziehen konnte. 1933 besaßen Juden in der Stadtgemeinde Jever 30 Häuser und Hausgrundstücke sowie ca. 75 Hektar Marsch- und Ackerland. Was danach privat verkauft wurde, wurde ab 1943 staatlich enteignet.

Die Geschäftsaufgaben führten zunächst zu einer schleichenden „Arisierung“ des privaten und landwirtschaftlichen Grundbesitzes, bevor 1938 die staatlichen Arisierungsmaßnahmen und die Zwangsverkäufe massiv begannen. Die Häuser und Grundstücke kamen unter diesen Bedingungen natürlich weit unter dem eigentlichen Marktwerk in den Verkauf. Die Aneignung jüdischen Besitzes ab 1933 mag manchmal auch auf „anständige“ Art und Weise vor sich gegangen sein. Häufig aber wurden den Juden unter Ausnutzung ihrer Notlage äußerst niedrige Abfindungen aufgezwungen. Die nichtjüdischen Geschäftsleute vor Ort profitierten von der Vertreibung, denn es fiel ja Konkurrenz weg. Manche „arische“ Gewerbetreibende griffen nachweislich zum Mittel der Denunziation, um den Prozess zu beschleunigen. Prominente Nazis kauften den weggedrängten Juden Land ab und profitierten persönlich von den Folgen ihrer eigenen Aktionen. Bürgermeister Folkerts verhinderte den Verkauf von Grundstücken an seines Erachtens nicht Geeignete, weil sie „Judenknechte“ oder „jüdisch versippt“ seien. Die Belege befinden sich u.a. im Ordner.

Jever profitierte stark von den Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten.

Jever profitierte stark von den Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten.

Das alles geschah in einer Stadt, die überdurchschnittlich von den gewaltigen Kriegsvorbereitungen der Nazis profitierte. Die Einwohnerzahl schnellte von 6.150 im Jahre 1933 auf 7.140 im Mai 1939 hoch. In sechs Jahren um 16%! In Upjever errichteten 1935/36 bis zu 3.000 Arbeiter einen Flugplatz zum Schutz der größten Rüstungsschmiede des Reichs, WHV. Jever wurde so wieder Garnisonstadt und kaufkräftige Offiziere zogen zu. Ein großes Amtsgebäude wurde gebaut, auch für die künftige Rolle als Verwaltungssitz des geplanten Wohnsiedlungsgebiets zwischen Jever und WHV, das zur „Stadt der 500.000“ ausgebaut werden sollte. Jever fühlte sich nach Jahren der Depression wieder als aufstrebende Stadt. Die Zustimmung zum NS-Regime dürfte hoch gewesen sein.

Änne Gröschler hat 1944 ausführlich notiert, welche persönlichen Kränkungen sie erlitten hat. Auszüge ihres Berichts: „Mein Lebensmittelhändler, der die Liebenswürdigkeit selbst gewesen war – `Frau Gröschler hier, Frau Gröschler da´- unser Nachbar, hatte als erster das Schild „Juden haben keinen Zutritt!“ Er war jetzt einer der gefährlichsten Hetzer am Ort. Einmal hatte ich dringend etwas in einem Eisenwarengeschäft nötig. Der Inhaber war lange in derselben Partei im Stadtrat mit meinem Mann und ganz befreundet mit ihm. Darum wagte ich es ja gerade, zu ihm zu gehen. Er sagte: „Ich kann Ihnen keine Ware verkaufen.“ – „Der früher beste Freund meines Sohnes sah fort, wenn ich ihm begegnete“- „Wir grüßten versehentlich eine Frau, eine Anhängerin Hitlers. `Was wagen Sie sich!“ Sie schrie, schimpfte, jagte hinter uns her.“

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4: Der Pogrom von 1938 und die Zeit danach

Die Fenster der Synagoge wurden häufig eingeworfen. Bürgermeister Folkerts zwang die jüdische Gemeinde „im Interesse eines ordentlichen Stadtbilds“ immer wieder zur Reparatur und plünderte sie so aus. Da die Gemeinde kaum mehr Geld hatte, war so bereits vor 1938 die Synagoge als geistiger und sozialer Mittelpunkt nicht durchweg nutzbar. Zum Pogrom erfahren wir über den Ordner neu, dass dem Bürgermeister am Tag nach der Brandstiftung einfiel, einen Antrag an den Vorstand der Landesbrandkasse zu stellen, „der Feuerlöschpolizei für ihre gute Leistung eine Prämie zu bewilligen.“ Da sie in „lobenswerter Weise alle Anordnungen schlagkräftig und mit Erfolg durchführte“, wie der Landrat den Antrag unterstützte. Im Klartext: Die Entzündung des Feuers schlauchbereit abzuwarten, die Synagoge nicht zu löschen und die sehr nahen, umliegenden Häuser vor dem mit Benzin entfachten Feuersturm zu bewahren, damit die Synagoge und nicht die Altstadt niedergebrannt werde. 100,– RM wurden bewilligt.

Julius (1884 – 1944 Auschwitz) und Hedwig Gröschler (1894 – 1944 Auschwitz) mit ihren Söhnen Hans und Fritz, die durch die Kindertransporte 1938 ins rettende England kamen und später in der britischen Armee gegen NS-Deutschland kämpften, während ihre Eltern ermordet wurden (Foto von 1933).

Julius (1884–1944 Auschwitz) und Hedwig Gröschler (1894–1944 Auschwitz) mit ihren Söhnen Hans und Fritz, die durch die Kindertransporte 1938 nach England kamen und später in der britischen Armee gegen Deutschland kämpften, während dieses ihre Eltern ermordete. (Foto von 1933)

Bis Mitte 1936 war die Zahl der jüdischen Einwohner bereits auf 78 zurückgegangen und lag 1938 zum Pogromzeitpunkt bei knapp 50. Die folgenden reichsweiten Gesetze und Verordnungen gegen die Juden führten 1938/39 zur Schließung der letzten Betriebe, zum Zwangsverkauf fast aller Wohnhäuser, Grundstücke und landwirtschaftlichen Liegenschaften. Der Schock der Gewalttaten und der Druck der nun legalisierten und bürokratisch perfektionierten Ausplünderung führten zu intensivsten Bemühungen, aus Deutschland zu flüchten. Das war nur selten umgehend möglich, da vor einer Auswanderung, selbst vorausgesetzt, man hätte ein Aufnahmeland gefunden, hohe Hürden in Deutschland selbst zu überwinden waren. Deshalb entschlossen sich viele Eltern, auf das Angebot internationaler Hilfsorganisationen einzugehen und ihre Kinder vorzuschicken. Diese „Kindertransporte“ wurden von England aus organisiert. Unter improvisierten Umständen entkamen Ende 1938 auch sechs Jugendliche aus Jever. Ich glaube, wir können uns vorstellen, was es heißt, unter solchen Umständen von Eltern getrennt zu werden. Bob Gale war 15, als er mit dem „Kindertransport“ nach England kam, der vierte der hier am Mariengymnasium 1933 Abgewiesenen. Mit 18, schnellstmöglich, trat er der Britischen Armee bei, kämpfte unter Einsatz seines Lebens gegen NS-Deutschland und für das Wiedersehen mit den Eltern. Nach dem Sieg erfuhr er in Hamburg, dass sie in Auschwitz umgebracht worden waren. Das erzählte er 1985 eher beiläufig bei seinem Besuch auf Einladung von Schülern des Mariengymnasiums. Auch die Eltern der anderen Jugendlichen wurden ermordet.

Der Raubzug gegen die Vermögenswerte der Juden sollte die wegen der Hochrüstung drohende Pleite des NS-Staates abwenden. Zu vertreiben und gleichzeitig auszuplündern berücksichtigte allerdings nicht, dass Mittellose nun einmal kein Reisegeld haben und bald kein Staat Mittellose aufnehmen wollte. Zurück blieben deshalb die Ärmeren, Älteren und Alleinstehenden. Sie durften ab Juli 1939 nur noch bei dazu bestimmten wenigen Kaufleuten ein – bis zweimal die Woche für wenige festgelegte Minuten einkaufen. Einzelne Kaufleute lehnten es ab, sie zu bedienen. Ende 1939 lebten in Jever noch 36 Juden, in Häusern, die zum Zwangsverkauf standen, oder bei anderen Juden zur Miete, da Nichtjuden nicht mehr an Juden vermieten durften. Vier alleinstehende Frauen wohnten im Altersheim der Gemeinde an der Mönchwarf – direkt neben den Trümmern der Synagoge. Die Konzentrierung auf nur noch wenige Adressen führte zum „Judenhaus“ in der Mühlenstraße 4.

Anfang 1940 wurden durch eine konzertierte Aktion der Behörden fast alle Juden im Bereich des Geheimen Staatspolizeiamts Wilhelmshaven (Wilhelmshaven, Land Oldenburg und Regierungsbezirk Aurich) vertrieben, insgesamt etwa 800 Menschen. Darunter waren auch 47 aus dem Landkreis Friesland, davon 33 aus Jever. Sie kamen unter deprimierenden Umständen in Berlin, Bremen, Dortmund und Hamburg meist in Massenunterkünften unter. Der Hausrat wurde in der Gaststätte „Zum Birnbaum“ zum Spottpreis verhökert. – Den Ablauf der Zwangsumsiedelung werde ich detailliert am Ordner darstellen. –

Helene Klüsener geb. Schwabe beging am 9. Februar 1945 vor ihrer Deportation nach Theresienstadt Selbstmord.

Helene Klüsener geb. Schwabe beging am 9. Februar 1945 vor ihrer Deportation nach Theresienstadt Selbstmord. (Archiv H. Peters)

Der „arisch verheiratete“ Erich Levy musste zur Zwangsarbeit nach Berlin, obwohl er im 1. WK ein Bein verloren hatte. Zurück blieb seine zum Judentum übergetretene Frau Ruth, die den Nazis zwar nicht als „Jüdin“ galt, aber mit Schikanen verfolgt wurde, weil sie sich nicht scheiden ließ. Mancher jubilierte, dass Jever jetzt „judenfrei“ sei. Allerdings klammerten die Vertreibungen – zunächst – zwei „arisch verheiratete“ Jüdinnen aus. Erna Hirche wurde im März 1940 verhaftet und später wegen angeblicher Brandstiftung und Sabotage 10 Monate ins Gefängnis gesteckt. In Wirklichkeit hatte ein antisemitischer Anschlag zu dem Zimmerbrand geführt. Sie und Helene Klüsener erhielten Anfang Februar 1945 den Deportationsbefehl nach Theresienstadt. Jeder wusste, was das bedeutete. Beide Frauen kämpften um ein Versteck, ohne Erfolg – trotz der inzwischen mehr als absehbaren Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Frau Klüsener hatte als Hebamme ungezählten Familien bei Geburten zur Seite gestanden. Sie ging in den Freitod. Frau Hirches Selbstmord scheiterte. Sie erlebte den Tag der Befreiung, der in Jever am 6. Mai 1945 eintraf, allein dank glücklicher Umstände.

Zwischen 1933 und 1945 wohnten in Jever und im Jeverland 135 Juden. 40 von ihnen gelang die Flucht ins außereuropäische Ausland – damit dauerhaft. Die häufigsten Länder waren England, Argentinien, Chile, die USA und Palästina. 67 sind als Opfer anzusehen. 7 überlebten innerhalb des NS-Machtbereichs. 18 starben vor Beginn der Deportationen. Drei Schicksale konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Von den Emigranten leben heute nur noch zwei. Prof. Dr. Rolf Sternberg aus NYC will im März 2014, dann bald 88jährig, seine Geburtsstadt erneut besuchen.

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5: Der Ordner – ein Überblick

Der Ordner trägt auf der Rückseite Zahlen, wie sie seit der Neuordnung kommunaler Registraturen im Jahre 1936 verwendet wurden. Sein Inhaltstitel heißt „Judenpolizei“. Das meint, dass polizeilich oder administrativ bezogene Vorgänge zum Thema Juden abgelegt sind. Es handelt sich um die entsprechende Dienstakte des Bürgermeisters der Stadt Jever mit ersten Ablagen 1937 und letzten 1945.

Ein Foto des Ordners kurz nach seiner zufälligen Auffindung auf dem Dachboden des jeverschen Rathauses im Jahre 2012. Der Inhalt steht jetzt im Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg der Forschung zu Verfügung.

Der Ordner kurz nach seiner zufälligen Auffindung auf dem Dachboden des jeverschen Rathauses im Jahre 2012. Der Inhalt steht jetzt im Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg der Forschung zu Verfügung. (Archiv H. Peters)

Seit der Gemeindeordnung von 1935, die das sog. Führerprinzip durchgesetzt hatte, war ein Bürgermeister Chef der Stadtverwaltung und des gleichgeschalteten Stadtrats und allein höheren staatlichen Instanzen gegenüber verantwortlich. Martin Folkerts, Jevers Bürgermeister von 1935 bis 1945, trat bereits 1929 der NSDAP bei und besaß somit das Prestige des „alten Kämpfers“. Schon 1930 wählten ihn die Jeveraner in den Stadtrat. Nach einem Zwischenspiel beim Reichsnährstand in Oldenburg bedachte die Gauleitung den erst 33jährigen Verwaltungsfachmann mit dem Bürgermeisteramt. Sein Vorgänger Dr. Müller-Jürgens, ein früher Förderer der NS-Bewegung, stieg zum Ev. Oberkirchenrat in OL auf. Martin Folkerts war übrigens auch Vorsitzender des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins e.V. von 1935 bis 1972, nur mit Unterbrechung durch die nach 1945 erfolgte kurze Internierung. Er galt in der Nachkriegszeit sehr lange als ehrenwerter Bürger, der in der NS-Zeit nur seine Pflicht als Stadtoberhaupt getan habe. Schon in den 80er Jahren wurde indes dargelegt, dass dieser angebliche Biedermann aus eigenen Stücken ein aktives Rädchen der NS-Maschinerie war und speziell die Juden mehr unter Druck setzte, als es von ihm als Funktionsträger erwartet wurde.

Der Ordner, ca. 400 Blatt, wirft ein Licht auf die Rolle einer Stadtverwaltung bei der Vertreibung und verdeutlicht, dass auch der Bürgermeister einer Kleinstadt trotz der Einbindung in Weisungsketten Handlungsspielräume besaß. Eingeordnet sind Schriftstücke unterschiedlicher Herkunft. Die Geheime Staatspolizei Wilhelmshaven, federführend in der Verfolgung der Juden, der LK Friesland und die Stadt Jever stehen im ständigen Kontakt. Wir finden gleichfalls viele Schreiben und Erklärungen der Juden und sogar Privatbriefe an Friedrich Levy, die dieser zum Nachweis seiner Auswanderungsbemühungen einreichte.

Im Überblick:

  1. Der Vertreibungsdruck in seinen Ausprägungen besitzt – themenbedingt – den Hauptanteil. Hierbei überwiegen Schriftstücke zum Zwangsverkauf, weil einige Verkäufe nicht wunschgemäß abliefen

  2. Die Emigrations- und Umzugsbemühungen sind breit dokumentiert – Friedrich Levy hat diesbezüglich einen eigenen Abschnitt

  3. Die katastrophalen Bedingungen der Zurückbleibenden, die von der städtischen, für Juden reduzierten Fürsorge unterstützt wurden, wird deutlich

  4. Die Kollateralschäden der Niederbrennung der Synagoge und die „prämierungswürdige Leistung“ der Feuerwehr

  5. Die „Neuaufstellung einer Judenkartei“ im Februar 1945 durch die Gestapo Wilhelmshaven (Die alte war mit der Dienststelle durch Fliegerbomben zerstört worden.)

  6. Die Vertreibungsaktion 1940 umfasst 40 Blätter des Ordners.

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6: Die Vertreibungsaktion 26. Januar bis 15. März 1940

Am Freitag, dem 26. Januar 1940, fand im Kreisamtsgebäude an der Lindenalle in Jever eine denkwürdige Konferenz zwischen 4 Personen auf Betreiben der Geheimen Staatspolizei in Wilhelmshaven statt. Anwesend waren

  1. Kriminal-Sekretär Kirchner von der Gestapo WHV

  2. Landrat des Landkreises Friesland, vertreten durch den Regierungsrat Dr. Walther Drückhammer

  3. Bürgermeister Martin Folkerts, Jever

  4. Friedrich Lange, kommissarischer Ortsgruppenleiter der NSDAP und Chefredakteur des „Jeverschen Wochenblatts“

Die von Julius Gröschler am 26. Jan. 1940 von den Behörden erzwungene Erklärung.

Die von Julius Gröschler am 26. Jan. 1940 von den Behörden erzwungene Erklärung.

Man traf sich „ … zu dem Zwecke, gegen die im Landkreis Friesland wohnenden Juden vorzugehen, damit ihre Abwanderung ins Binnenland und ihre Auswanderung beschleunigt durchgeführt wird. Darüber hinaus sollen die Juden mehr als bisher in ihren eigenen Häusern zusammengelegt werden … Zu der Besprechung war der Jude Gröschler geladen, ihm wurden die erforderlichen Auflagen gemacht.“ Diese „Auflagen“ werden aus einem weiteren Schriftstück, einem von Julius Gröschler unterschriebenen Protokoll, deutlich: „Ich bin Vorsteher der jüdischen Synagogengemenide Jever … Ich habe dafür Sorge zu tragen, dass

  1. die Auswanderung der Juden aus dem Kreise Friesland vorangetrieben wird,

  2. sofern die Auswanderungsmöglichkeit nicht besteht, verpflichte ich mich, dass die Mitglieder der mir unterstellten Synagogengemeinde in eine andere Stadt verziehen. …

  3. Ich verpflichte mich, dafür Sorge zu tragen, dass die in Jever ansässigen Juden sich auf wenige jüdische Wohnungen bzw. Häuser beschränken und werde innerhalb von 14 Tagen einen geeigneten Umzugsplan bei der Ortspolizeibehörde in Jever einreichen.“

Ich bin darüber belehrt worden, dass ich in Schutzhaft genommen und einem Konzentrationslager zugeführt werde, wenn ich die mir aufgetragenen Punkte nicht zur Erledigung bringe. Den Vorschlag zum Umzug … habe ich bis zum 10.2.1940 einzureichen.“

Gröschler wusste aus der eigenen Erfahrung nach dem Pogrom, als er in Sachsenhausen einsaß, was KZ bedeutete. Bei „etwaigen Schwierigkeiten“ ( sic !) kann sich Gröschler an die Gestapo Wilhelmshaven, „vertreten durch den Landrat in Jever“, wenden. Als ob nicht die massive Verfolgung und die unter Erpressung zustande gekommene Verpflichtung keine „Schwierigkeiten“ wären. Der Landrat hält im Übrigen für Friesland die Federführung, an die Gestapo und an ihn muss Folkerts in der Folge berichten.

Protokoll mit den abgehakten Terminen der auf das Rathaus am 29. Jan. 1940 geladenen Juden, abgezeichnet von Bürgermeister Folkerts.

Protokoll mit den abgehakten Terminen der auf das Rathaus am 29. Jan. 1940 geladenen Juden, abgezeichnet von Bürgermeister Folkerts.

Umgehend – für kommenden Montag, 29. Jan. 1940 – werden die jüdischen Haushaltsvorstände auf das Rathaus, Zimmer 12, geladen. Nicht geladen werden 7 über 70 Jahre alte, mittellose und meist alleinstehende Frauen, um deren Umsiedlung sich der Vorsteher der Synagogengemeinde offenbar direkt zu kümmern hat. Eine Auswanderung ist für diese Menschen unmöglich, da kein Land der Welt sie aufnehmen würde. Im akribisch festgesetzten und handschriftlich abgehakten Viertelstundentakt zwischen 15:00 bis 18:00 Uhr müssen 11 Personen vor dem Bürgermeister Folkerts und dem kommissarischen NS-Ortsgruppenleiter Lange Protokolle unterschreiben, die nach einem Schema aufgebaut sind, z. B.:

„Es erscheint auf Vorladung der Jude Adolf Israel Weinberg, wohnhaft in Jever, Mühlenstr. 4 bei B. Josephs. Ihm wurde mitgeteilt, dass der Kreis Friesland Kriegsgebiet sei und dass er denselben deshalb in kürzester Zeit zu verlassen habe.“ Dann wird die spezielle Auswanderungs- oder Umzugssituation, die der Betreffende zu offenbaren hat, protokolliert. Weinberg stellt die Auswanderungsbemühungen seiner Familie seit 1934 dar, die bisher immer wieder an den zu geringen Mitteln gescheitert sind. Alle ins Rathaus Vorgeladenen werden abschließend dringend, z. T. unter Drohung mit dem KZ, aufgefordert , Jever zu verlassen und bis zum 10. Febr. auf dem Rathaus Bericht abzuliefern. Es ist dasselbe Ablieferungsdatum wie bei Gemeindevorsteher Gröschler, doch der sollte seinen „Plan“ bei der Polizei einreichen, vermutlich um den Dienstweg zur Gestapo WHV zu verkürzen. Folkerts schickt die auf dem Rathaus aufgenommenen Protokolle am 31. Jan. zur inhaltlichen Prüfung durch die Gestapo nach Wilhelmshaven. Willi Josephs und Rudolf Gutentag waren am 29. Jan. verreist und konnten Ihre Erklärungen erst am 31. Jan.abgeben.

Am 10. Febr. gibt Gröschler bei Folkerts seinen Bericht ab. Er hat Unterstützung bekommen: Die Abwanderung werde von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland geregelt, die „diesetwegen mit der Gestapo in Wilhelmshaven Rücksprache genommen hat.“ Dennoch ist das Konkrete vor Ort weiterhin von ihm zu leisten und Gröschlers Darlegungen zeugen von seinen Bemühungen um die Alten und Schwachen, für die er Unterbringung in Hamburg und Berlin aufgetan hat. Der Bericht geht zur Gestapo.

Der Rahmen dieser Vertreibungsaktion und die Rolle der Reichsvereinigung wird deutlich, wenn man bereits bekannte Dokumente mit heranzieht. Höchstwahrscheinlich wurden am 26. Jan. oder einem anderen zeitnahen Datum auch in den anderen Kreisen des Gestapo-Bereichs Wilhelmshaven Verpflichtungen der Gemeindevorsteher mit derselben Methode wie in Jever erzwungen. Für die Evakuierung aus dem Kreis Aurich, i. e. ganz Ostfriesland, ist solches nachgewiesen. Hierfür wurden Wolff Wolffs und Jakob Wolffs haftbar gemacht. Ihre Erklärung ist mit der von Julius Gröschler für den LK Friesland – bis auf die Ortsbezeichnungen – identisch. Sie wurde ebenfalls durch Ladung auf ein Landratsamt durchgesetzt. Wolff Wolffs fuhr am nächsten Tag nach Berlin zur Reichsvereinigung, die ihrerseits die Leiter der Bezirksstellen in Hamburg und Hannover in Bewegung setzte. Diese Delegation sprach spätestens am 31.1. bei SS-Sturmbannführer Bruno Müller in Wilhelmshaven vor, der anschließend dem Reichssicherheitshauptamt unter anderem berichtete: „Als Haupthinderungsgrund (für den Wegzug, H.P.) besteht das Zuzugsverbot für Juden in verschiedenen Städten. Die Vertreter der Reichsvereinigung haben von uns die Zusage der Unterstützung bei allen auftretenden Schwierigkeiten erhalten.“ (Reyer 1995, Diekhoff 1989)

Protokoll der Befehle und Drohungen, die Adolf Weinberg am 29. Jan. 1940 erhielt und unterschreiben musste. Weinberg wurde 1943 zusammen mit seiner Frau Resi und seinem 10jährigen Sohn Wolf in Auschwitz ermordet.

Protokoll der Befehle, die Adolf Weinberg am 29. Jan. 1940 unterschreiben musste. Weinberg wurde 1943 zusammen mit seiner Frau Resi und seinem 10jährigen Sohn Wolf in Auschwitz ermordet.

Weiter mit dem Ordner: Spätestens am 31.1. erfährt Folkerts informell von der Delegation der Reichsvereinigung und fragt sofort schriftlich bei der Gestapo nach: „Angeblich soll die Vertretung der Juden in Hamburg bei Ihnen vorgesprochen haben. Hat diese Besprechung zu irgendeiner Regelung geführt? Stimmen die anliegenden Erklärungen der hiesigen Juden?“

Die Antwort erfolgt wohl fernmündlich. Sie führt offenbar dazu, dass in den folgenden Tagen die Juden von der Stadt eine Bescheinigung ausgestellt bekommen, die – gestempelt mit großem Dienstsiegel – die Zuzugsvorbehalte der Großstädte ausräumen soll. Verwaltungskarrierist Folkerts fordert bei der Gestapo zur Absicherung seiner Praxis ein urkundliches Schreiben an, das er schließlich am 7. März auch erhält. Die Gestapo teilt ihm – Folkerts hatte deshalb ebenfalls nachgehakt – außerdem mit, dass die zur Prüfung eingesandten Protokolle der Juden, in denen sie ihre Abwanderungsaktivitäten hatten schildern müssen, „… den Tatsachen entsprechen.“

Beispiel einer solchen „unterstützenden“ Bescheinigung:

„Dem Adolf Israel Weinberg aus Jever wird hiermit bescheinigt, dass die Stadt Jever infolge der in nächster Nähe liegenden militärischen Anlagen und des Kriegshafens Wilhelmshaven als besonders gefährdetes Gebiet zu betrachten ist. Auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei … ist Jever deshalb so bald als möglich von der Familie Weinberg … zu räumen.“ (5. Febr. 1940)

Interessant ist eine Randbemerkung, die Folkerts zwei Wochen nach Gröschlers Bericht, am 23. Febr.1940, handschriftlich notiert: „Die Gestapo W´haven hat nichts von sich hören lassen. Wie erzählt wird, sollen die Juden demnächst an bestimmten Orten zusammengezogen werden (Polen?). Vorher will aber die Gestapo W´haven ihren Bezirk hier schon judenfrei haben.- „

Randbemerkung von Bürgermeister Folkerts vom 23. Febr. 1940. Man hatte bereits Anfang 1940 in Friesland von den geplanten Deportationen „alle[r] Juden“ nach Osteuropa Kenntnis und die Gestapo Wilhelmshaven handelte mit der Vertreibung der regionalen Juden offenbar eigeninitiativ.

Randbemerkung von Bürgermeister Folkerts vom 23. Febr. 1940. Man hatte bereits Anfang 1940 in Jever von der geplanten Deportation „alle[r] Juden“ nach Osteuropa Kenntnis, die Gestapo Wilhelmshaven unrernahm die Vertreibung der regionalen Juden offenbar eigeninitiativ.

Folkerts hatte Recht und offenbar gute Verbindungen. Zu diesem Zeitpunkt hielt die Gestapo offenbar die Vertreibungsaktion im Landkreis Friesland für nicht ausreichend erfolgreich ablaufend und wandte sich an den Landrat. Dieser bestellte Rudolf Gutentag, den stellvertretenden Vorsitzenden der Gemeinde, zum 6. März 1940 ein. Julius Gröschler war zum Zeitpunkt der Ladung umzugsbedingt in Hamburg, am 6. März aber wieder zurück. Es wird ihnen vorgeworfen, „dass die Abwanderungen der Juden aus Jever und Hooksiel bisher entsprechend des Protokolls vom 26.1.1940 nicht durchgeführt seien“. Massive Drohungen folgen: „… falls die Abwanderung nicht alsbald restlos durchgeführt würde, [wird] sein Vermögen sicher gestellt und er [bleibt] solange in Schutzhaft, bis der letzte Jude Jever und Hooksiel verlassen hat.“ Die beiden müssen ihr persönliches Geld für die Zwangsumsiedlung zur Verfügung stellen. Das Schicksal der Gemeindevorsteher, die ja selbst auch versuchen, noch aus Deutschland herauszukommen, wird mit dem Vollzug des Geschäfts der verfolgenden Institutionen Gestapo und Landratsamt verknüpft. Gröschler erklärt am 6. März: „Aller Voraussicht nach werden bis Ende nächster Woche alle in Jever ansässigen Juden Jever verlassen haben, bis auf diejenigen, die mit einem Arier verheiratet sind.“ Das Protokoll und das Begleitschreiben an die Gestapo erhielt Folkerts in Abschriften vom Landrat.

In einem geringen Maße mussten mittellose Juden öffentlich unterstützt werden, wenn die Synagogengemeinde dazu nicht in der Lage war, wie es in Jever inzwischen der Fall war. Juden verhungern zu lassen hätte nur unnötig Mitgefühl in der nichtjüdischen Bevölkerung erzeugt. Diese „Judenfürsorge“ hatte der Stadt, wie aus anderen Unterlagen des Ordners hervorgeht (Übersicht oben, Nr. 3), viel Erfassungsmühe und auch Geld gekostet. Jever war knapp bei Kasse. Folkerts legte mit Datum vom 15. März 1940 nieder: „Die Juden, die bisher noch eine Unterstützung erhalten mussten, sind im Laufe dieser Woche von Jever fortgezogen. Die Zahlung von Unterstützungen ist daher einzustellen. In die Anweisungsliste für das neue Rechnungsjahr sind die Juden nicht mehr aufzunehmen.“

Am 15. März 1940 – nur 49 Tage nach der Konferenz im Kreisamt – war es soweit, wie aus dem abgelegten Schreiben deutlich wird: Jever war „judenfrei“ und hatte weniger Fürsorgegeld zu zahlen.

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7: Welche neuen Erkenntnisse ermöglicht der Aktenfund?

Es sind heute einige Maßnahmen dargelegt worden, die die Ghettoisierung der Juden innerhalb Deutschlands zur Folge hatten, wie Raul Hilberg sie (1990) dargelegt hat. Mit „Ghetto“ meint Hilberg hier nicht mit Mauern umfriedete Bezirke von Städten mit SS-Schergen davor, wie z. B. in Lodz. Sondern einen von der umgebenden Sozialstruktur immanent isolierten Bereich bei gleichzeitiger Zusammenlegung auf weniger oder wenige Aufenthaltsorte. Hiermit werde im Effekt die gesamte nichtjüdische Bevölkerung zu Hilfspolizisten der unterdrückerischen Abtrennung der Juden. Hilberg hat Recht.

Zunächst und laufend wurde ab 1933 definiert, wer überhaupt „Jude“ sei, bis hin zur Kennzeichnungspflicht. Gleichzeitig und laufend wurden die sozialen Kontakte zwischen „Juden“ und „Deutschen“ unterbunden und ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Drittens erfolgten Wohnungsbeschränkungen und Konzentrierungen in einzelnen Häusern wie in Jever die Mühlenstraße 4 oder die Blaue Straße 1. Viertens wurde ein jüdischer Verwaltungsapparat zwangsangeordnet, der keinen Spielraum besaß, wie in Jever der Gemeindevorstand. Wenn die Auswanderung nicht gelang, war das Resultat ein „Ghetto“ selbst in Kleinstädten wie Jever. Die Mühlenstraße 4 war eine Sammelbasis für die spätere Vernichtung der Juden im Osten Europas. Genauso wie der individuell motivierte Zuzug in die großen Städte und der administrative Vertreibungsdruck in Berlin oder Hamburg Ghettos – im Hilbergschen Sinne – dort schon erzeugt hatten. Das „Ghetto Jever“ wurde Anfang 1940 in die größeren „Ghettos“ verlegt, wie der Ordner nachdrücklich zeigt.

Von Jever aus brauchte es so keiner direkten Deportationen in die Vernichtungslager oder in die vorgeschalteten „echten“ Ghettos wie Lodz, Riga oder Theresienstadt. Der jeversche „Waggon“ ging ab Ende 1941 eingereiht in die vielen, vielen anderen von den Großstädten aus und erfasste alle 1940 aus Jever Vertriebenen, so sie nicht vorher starben. Bis auf Werner und Emma Josephs, die es noch nach Paraguay schafften. Die Bewohner des Altenheims Varel wurden 1941 und 1942 direkt in die Vernichtung deportiert, wie es Holger Frerichs dargestellt hat.

Der Ordner bietet aufschlussreiche Quellen für alle eben aufgeführten Phasen und bietet im Detail für Jever und z.T. auch darüber hinaus bisher nicht Bekanntes. Über die Vertreibungsaktion 1940 in Weser-Ems finden wir fast nur Neues. Einschlägiges schriftliches Quellenmaterial der handelnden staatlichen oder parteiamtlichen Behörden ist auf der Ebene der umsetzenden Gebietskörperschaften bisher nur im Einzelfall aufgetaucht. Zumindest war in dieser Detailliertheit bisher nicht bekannt, wie die Gestapo, ein Landkreis und eine Stadt den zwangseingerichteten jüdischen Verwaltungsapparat manipulierten und die jüdischen Menschen in die Vertreibung pressten. Ungefähr 850 Juden wurden Anfang 1940 aus dem betreffenden Bereich vertrieben, zu 70% stammten sie aus Aurich, Emden, Leer und Norden.

Herbert Reyer hat 1995 in einem grundlegenden Aufsatz starke Kräfte zur Vertreibung bei Amtsträgern in Ostfriesland selbst und bei der Gestapo Wilhelmshaven nachgewiesen. Es handelte sich nicht um eine von Berlin verordnete Aktion. Auch hat Reyer die handelnden Personen und Behörden in ihren möglichen Motiven – Schaffung von Wohnraum, Einsparung von Sozialleistungen, Vorbereitung des Überfalls auf die Niederlande, behördlicher und persönlicher Geltungsanspruch, Antisemitismus – skizziert und auch Bezüge zu den gleichzeitig ablaufenden Maßnahmen gegen die Juden im besetzten Polen hergestellt. Solche Motive können auch für Friesland und Jever angenommen, aber in diesem Rahmen nur angerissen werden.

Bürgermeister Martin Folkerts (1936)

Bürgermeister Martin Folkerts (1936)

In Jever war wegen der Hochrüstungsphase im Großraum Wilhelmshaven-Friesland Wohnraum Mangelware. Das ist nachweisbar. Die Stadt Jever hatte ein Interesse an weniger Fürsorgeleistungen. Das ist nachweisbar. Jever war Bestandteil des Rüstungskomplexes Wilhelmshaven-Friesland und nach dem Kriegseintritt Englands im September 1939 und im Vorfeld der Norwegen-Operation und des Überfalls auf die Niederlande kriegstechnisch natürlich „sensibles“ Gebiet, wie auch die ostfriesische Halbinsel Grenzgebiet zu den Niederlanden darstellt. Die Ausstellung der Bescheinigungen mit dem Hinweis auf „kriegswichtige militärische Anlagen“ wurde zur Beschleunigung der Vertreibung in ein schon laufendes Verfahren eingefügt, da manche Großstädte die Umzüge nachweislich ablehnten. Mir scheint das Argument der Behörden, dass von den Juden deshalb „Gefahren“ (Spione!) ausgingen, eher eine Rationalisierung antisemitischer Ziele und behördlicher Geltungsansprüche und Interessen zu sein, obwohl mancher Nazi an eine reale Gefährdung durch Juden auch selbst geglaubt haben mag.

Der Landkreis Friesland erlangte ab 1933 durch die Hochrüstung des unmittelbar benachbarten Wilhelmshaven, das zur „Stadt der 300.000“ und zur Marinehauptstadt des erträumten „Germanischen Weltreichs“ ausgebaut werden sollte, eine enorme Aufwertung. Der Landkreis war keine Endstation, sondern eher Startblock von Karrieren, wie man sie an Walther Drückhammer oder Henry Picker nachweisen kann. Das hat sicherlich im Organisationshandeln – wohin dieses gerade auch ging oder gehen sollte – eine Rolle gespielt, wie auch die Stadt Jever selbst sich als Sitz des Landkreisamts, des neuen, prestigeträchtigen Flugplatzes und in der Aussicht auf Weiteres im Speckgürtel von Wilhelmshaven wichtiger als je fühlen mochte.

Nach meiner Auffassung wird der Antisemitismus in seinen verschiedenen Spiel- und Zusammenwirkungsarten immer noch stark unterschätzt. Das ist aber nur schwer nachzuweisen. „Die Juden Jevers sollten weg und sie sollen nie wieder hierher“, sagte mir eine ca. 65 jährige Frau 1984 ganz offen bei einer Umfrage bei geöffneter Haustür. Der Unterton war aggressiv, die Haltung kontrolliert und klar. Die Vertreibung wurde gewollt, Mord nicht ausgeschlossen, mörderisch, ohne sich selbst die Hände blutig machen zu wollen.

Zwei starke Männer im Landkreis Friesland von 1933 bis 1945 waren der langjährige NSDAP-Kreisleiter Hans Flügel in Varel und Martin Folkerts in Jever. Beide waren Antisemiten, aber formal, so wie es aussieht, meist korrekt und grenzten sich damit von Personen ab, die am liebsten gleich zuschlagen wollten und nicht an morgen dachten. Wahrscheinlich haben sie gerade deshalb so effektiv die Juden vertrieben. Flügel, 1985 auf den Holocaust angesprochen, fand kein Wort des Bedauerns. Er verwies auf Luthers Antisemitismus. Hitler kreidete er an, dass er den Krieg zu früh begonnen und ihn deshalb verloren habe. Flügel hatte Ambitionen auf das Amt des Gouverneurs von Kasachstan. Es ist nicht bekannt, wie Folkerts mit seiner Belastung umging. Es hat ihn wohl auch niemand damit konfrontiert.

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8: Schluss

Was bedeutet es, dass solche Dokumente erst jetzt publik werden? Es liegt vermutlich keine willentliche Absicht zu verstecken vor. Doch ist Desinteresse nicht noch schlimmer? Im Effekt behindert man nicht nur das Gedenken und die Forschung, sondern man zieht sich auch als damals verantwortliche Institution aus der Schusslinie. Damit ist es jetzt vorbei. Wer ein eigenes Stadtarchiv nicht will, muss seine Ablieferungspflicht an das zuständige Staatsarchiv erfüllen. Den politisch verantwortlichen Institutionen fehlt der Wille, selbst aufzuarbeiten, was sich in ihren schriftlichen Hinterlassenschaften findet. Es wäre schön, wenn Kreis und Stadt die möglichen und von anderen Kreisen und Städten auch nachgefragten Ressourcen dafür aktivieren würden.

Die regionale politische Geschichte endet nicht 1914. Ich bitte, die Erforschung der Zeit danach nicht nur mit Worten zu unterstützen. Wo ist die Dokumentations- und Arbeitsstelle für das 20. Jahrhundert? Wo sind die festen Mittel wenigstens für Publikationen, Hinweistafeln, Flyer usw., mit denen man die ehrenamtlichen Regionalhistoriker unterstützen könnte? Um jeden kleinen Zuschuss muss man betteln, obwohl man eigentlich öffentliche Arbeit leistet. Verantworten heißt nachhaltige Strukturen schaffen. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Jevers und Varels begann vor über 30 Jahren als Graswurzelbewegung – und ist es heute immer noch. Verantwortung liegt auch bei den Vereinen, Firmen und Banken. Wann arbeitet die Landessparkasse zu Oldenburg den Rauswurf von Hermann Gröschler auf und öffnet ihr Archiv?

Der Verstoß von 1938 gegen das Berufsethos der Feuerwehr war in Jever immer bekannt. In der Festschrift „125 Jahre Freiwillige Feuerwehr“ von 2008 finden wir keinen Hinweis, dafür wird der verantwortliche „Brandmeister“ (sic!) von 1938, wegen seines Einsatzes gegen die alliierten Bomben belobigt. Untertitel: „Wir schützen die Marienstadt gegen Feuer jederzeit“.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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9: QUELLEN- u. LITERATURHINWEISE (unvollständig)

  1. Nds. Landesarchiv Oldenburg: Dep 25 Jev Akz. 39/1997 Nr. 311 („Ordner“)
  2. Privatarchiv H. Peters, Wilhelmshaven
  3. Diekhoff, Johannes: Die Auricher Judengemeinde von 1930 bis 1940.- In: Aurich im Nationalsozialismus.- Aurich 1989, S. 247 – 300 (S. 287, Abb. 13: Erklärung v. 26.1.1940)
  4. Frerichs, Holger: Das jüdische Altenheim in Varel 1937 – 1942.- Jever 2012
  5. Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. Bd. 1.- Frankfurt/M. 1990, S. 165 f.
  6. Meiners, Werner / Peters, Hartmut: Artikel „Jever“.- In. Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Bd. 2.- Göttingen 2005, S. 908 – 928
  7. Peters, Hartmut: Der Pogrom vom 10./11. November in Jever und die Geschichte der jeverschen Synagogen.- In: Meyer, Enno (Hg.): Die Synagogen des Oldenburger Landes.- Oldenburg 1988 (Nachdruck als: ders.: Die „Reichskristallnacht“ in Jever …- Jever 1992)
  8. Peters, Hartmut: Von der Revolte zur Restauration. Jever zwischen der Novemberrevolution 1918 und dem Beginn der Bundesrepublik 1949/51.- In: Ein Blick zurück. Beiträge zur Geschichte des Jeverlandes.- Jever 1986, S. 90 – 138
  9. Reyer, Herbert: Die Vertreibung der Juden aus Ostfriesland und Oldenburg im Frühjahr 1940.- In: Collectanea Frisica. Hg. v. Hajo van Lengen.- Aurich 1995, S.363 – 390