Bismarcks Nachleben in Wilhelmshaven und Jever

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mit einem Nachtrag

Mythos Bismarck

Von Karl Hofvogel

Das Denkmal von 1905 – 1939 in Wilhelmshaven-Heppens auf dem Bismarck-Platz: Der Reichskanzler mit Pickelhaube, Reiteruniform, Reitersäbel und Schwarzem Adlerorden. (Georg Meyer-Steglitz, 1905)

Dieses Denkmal stand 1905 – 1939 in Heppens auf dem Bismarck-Platz: Ein Reichskanzler mit Pickelhaube, Reiteruniform, Reitersäbel und Schwarzem Adlerorden. Georg Meyer-Steglitz, 1905

Wie kein Politiker wurde der Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck (1815 – 1898) schon zu Lebzeiten, vor allem aber in den Jahren nach seinem Tod, kultisch verehrt. In einer nationalen Aufwallung entstanden landauf und landab Hunderte von Denkmälern, Türmen, Säulen und Eichen. Über 10.000 Straßen, Plätze, Stadtteile, Gasthäuser, Apotheken, Geschäfte und ein saurer Hering bekamen seinen Namen. Nicht alles blieb erhalten, doch Bismarcks Name markiert auch noch im 21. Jahrhundert den Alltag der Deutschen wie kein anderer Politiker der Neuzeit und ist für manche Zeitgenossen nach wie vor ein Zauberwort für die angeblich so „gute alte Zeit“.

Die Bismarck-Stiftung betreibt eine eigene Netzseite für Bezeichnungen mit „Bismarck“ – unsere Region ist schwer „bismarckiert“: In Varel die notorische Straße und die Gaststätte (2), in Hohenkirchen die Straße und die Eiche (2). Mit satten jeweils 5 Bismarckierungen liegen Jever und Wilhelmshaven gleichauf: die Straße, die Gaststätte, die Eiche, das Museum und der Verein bzw. die Straße, der Platz, die Apotheke, die Geschäftszeile und der Feinschmeckerladen. Die letzten drei sprießen sekundär von der Ortsbezeichnung ab. Das spricht für die Kraft der Mar(c)ke Bismarck ®.

Das für 2015 geplante Denkmal. Der Reitersäbel soll noch durch ein Buch ersetzt werden. Der gestaltende Künstler wird geheim gehalten. (Stand 10. Febr. 2015)

Das geplante Denkmal. Der Reitersäbel soll noch durch ein Buch ersetzt werden. Der gestaltende Künstler wird geheim gehalten. (Stand 10. Febr. 2015)

Bei den Spitzenreitern jedoch verbleibt es nicht bei nominalem Schall und Rauch, nein, es regiert die Tat! So sieht der 1. April, der Tag, an dem man gerne andere an der Nase herumführt, hier noch andere Aktivitäten, denn es ist der Geburtstag des „Eisernen Kanzlers“. Ein ganz großes Geschenk will ihm jetzt die Stadt Wilhelmshaven zum 200. machen. Am 1. April 2015 soll auf dem Bismarck-Platz in Heppens ein neues, mit Sockel 5 m hohes Bismarck-Denkmal ausgepackt werden. So hat der Rat der Stadt für seine 80.000 Einwohner beschlossen. Das hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. In Heppens shit happens.

Bismarck war ein wirksamer Politiker, ohne Zweifel. Er erzwang mit blutigen Kriegen gegen die europäischen Nachbarn die kleindeutsche nationale Einheit von 1871 und begründete den Sozialstaat, aber er war auch schon im Kaiserreich als Demokratieverächter und preußischer Dominator der anderen deutschen Länder umstritten. Manche sehen sogar einen Weg von Bismarck über Hindenburg zum Gefreiten aus Braunau. Ist Bismarck nun plötzlich tauglich, in einer dem Frieden verpflichteten Demokratie auf den Sockel gestellt zu werden? Mit welcher Begründung kommt ein Stadtrat zu einer solchen Entscheidung? Oder handelt es sich um einen bizarren Auswuchs der allerorts um sich greifenden Möblierung von städtischen Räumen? Ein Wunschmal für die „gute, alte Zeit“?

Das alles ist Thema in der Diskussion von Radio NDR 1 Niedersachsen „Jetzt reicht´s: Streit um das Bismarck-Denkmal in Wilhelmshaven“ (13. Jan. 2015 in der VHS Wilhelmshaven). Wer sich für deutsch-nationale Gedankengänge, undurchsichtige Absprachen von Parteien, obrigkeitsstaatliche Vorstellungen von Öffentlichkeit und das Kunstverständnis in unserer Region interessiert, wird hier bestens bedient. Insgesamt auch eine kurzweilige, da kontroverse Geschichtsstunde über Bismarcks historische Leistungen, darüber, ob die Revolutionäre von 1918, die das Kaiserreich beendeten, „Meuterer“ gewesen seien und ob Kritiker nicht besser emigrieren sollten. Wie jemand sagte: „Bismarck lebt!“

Am Start waren Reiner Beckershoff (Club zu Wilhelmshaven, Verein der Getreuen Bismarcks zu Jever), Werner Bohlen-Janßen (CDU, Ratsherr der Stadt Wilhelmshaven, Organisator des Denkmals), Ursula Aljets (frühere SPD-Ratsfrau, Historikerin) und Hartmut Peters (GröschlerHaus Jever, Politologe). Aus dem Publikum kamen u.a. zu Wort: August Desenz (früherer CDU-Ratsherr, Stifter des Denkmals), Wilfried Adam (SPD, Ex-MdL) und Wilhelmshavens Altoberbürgermeister Eberhard Menzel (SPD).

Der Bismarck-Platz in Wilhelmshaven um 1915 auf einer zeitgenössischen Postkarte.

Der Bismarck-Platz in Wilhelmshaven um 1915 auf einer zeitgenössischen Postkarte.

Die ursprünglich fast einheitliche Randbebauung des Bismarck-Platzes wurde zusammen mit dem Standbild 1944 vollkommen zerstört und nach dem Krieg wenig vorteilhaft ersetzt (Foto 2015).

Die einmal fast einheitliche Randbebauung des Bismarck-Platzes wurde zusammen mit dem Standbild 1944 vollkommen zerstört und nach dem Krieg wenig vorteilhaft ersetzt (Foto 2015).

Der Kiebitzbecher in seiner ersten Abbildung („Oldenburger Volksbote“, 1883). „ … meinen Dank bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen könnte,“ verheißt das Dankschreiben, mit dem Bismarck ein Treffen mit einem der „Getreuen“ in Aussicht stellte.

Der Kiebitz-Pokal des Vereins der „Getreuen“, Nachbildung, Foto von H. Burlager

Der Kiebitz-Pokal des Vereins der „Getreuen“, Nachbildung, Foto H. Burlager

Der 1. April, der Tag, an dem man andere gerne an der Nase herumführt, besaß einst auch für das Geburtstagskind selbst eine ganz spezielle Bedeutung und hat sie für Jever bis heute behalten. Es geht um Vogeleier und eine intime Beziehung. Wo auch immer Bismarck sich gerade aufhielt, ob in Friedrichsruh vor den Toren Hamburgs oder in Berlin – am 1. April empfing er aus Jever 101 Eier des frühen Brüters Kiebitz. Das ist die Anzahl der Schüsse beim Kaisersalut. Manchmal indes, wenn der Winter zulange blieb, trafen die Eier im fein gearbeiteten Kistchen erst später auf Bismarck. Der Eierlauf war ein Geschenk des Bismarck-Fan-Clubs „Getreue von Jever“, zwischen 1871 und 1898 insgesamt 2.828 Stück. Damals wusste man noch nichts von Cholesterin. Jemand hatte erzählt, Bismarck liebe Kiebitzeier. Das war ein Distinktionsgewinn. Die lebende Legende der deutsch-nationalen Einigung, zeitlebens der Völlerei zugetan und von Leibschmerzen geplagt, wurde ansonsten mit Schinken, Wurst und vielleicht auch Fisch gemästet. Errechnete 1.313 Eier später revanchierte sich der „Eierne Kanzler“ mit einem eiförmige Pokal aus Silber mit Platz für ei-nen Liter Likör unter dem Kiebitzkopf-Deckel. „Gestatten Sie mir, meinem Danke wenigstens durch ein Ei Ausdruck zu geben, von einem Berliner Kiebitz gelegt,“ so Bismarck im Begleitschreiben 1883. Das Original befindet sich heute im privaten Bismarck-Museum Jever, welches zu der kleinen Eierpackung von Einrichtungen dieser Art weltweit gehört.

Am 1. April 1895, am 80. Geburtstag des inzwischen Alt-Kanzlers, pflanzten die Jeveraner feierlich eine von Bismarck aus seinem Wald geschickte Eiche auf den Kirchplatz. „Deutsche Eiche aus dem Sachsenwalde, wachse und gedeihe und werde einmal ein alles überragender Recke wie dein großer Geber in geistiger Größe seine Zeitgenossen überragt!“ hob die Weiherede an. Danach kümmerte der Baum eher vor sich hin. Das abhanden gekommene Gitter wurde 2013 durch den Ehrenbürger Jevers und Ehrenpräses der „Getreuen“ Dr. Fritz Blume erneuert.

Die nicht gebaute Bismarck-Warte Jevers in einem der zahlreichen Vorentwürfe. Sie war gegenüber von (heute) „Famila“ am Anfang der Straße nach Sillenstede geplant. Dort sollen sich noch die Fundamente befinden.

1902 gönnte sich Jever dann die „Bismarckstraße“. Zum 100. Geburtstag 1915 planten die „Getreuen“ die Einweihung einer 18 m hohen Bismarckwarte mit Feuerschale aus Bronze am Stadteingang. Die Vorarbeiten waren schon weit gediehen, als der Erste Weltkrieg alles zunichte machte. Impulse, die Warte doch noch zu bauen, sind erst in jüngerer Zeit wohl endgültig gestorben. Aber der „Getreuen-Verein“ lebt. Er gilt heute als drittältester Stammtisch Deutschlands und trifft sich einmal im Monat im Bismarck-Zimmer der Gaststätte „Haus der Getreuen“ zum Kommers. Wie man Mitglied der Honoratiorenrunde wird und dann auch aus des toten Vogels Gral trinken darf, gehört zu den ethnischen Rätseln des indigenen Jever. Frauen sind nur zum Servieren oder zum Bericht über den Festvortrag zugelassen, der jährlich – am 1. April, über Bismarck – meist von einem Auswärtigen gehalten wird. Durch die Zeitungsspalten erspäht man dann auch schon mal Kritisches über das Wirken des Kanzlers als Mannes seiner Zeit.

Aber zurück zu den 101 Eiern. Lange waren sie schon ins Reich der Legende gerollt, als  sie 87 Jahre nach der letzten Lieferung gen Friedrichsruh plötzlich und unerwartet wieder in Jever aufschlugen. Es war aber keine Retoure aus Friedrichsruh, sondern ein Gastgeschenk des Verkehrsvereins aus dem friesischen Harlingen (NL), das im erweiterten Rahmen der „Getreuen“ abgepult wurde. Welche Natur- und Artenschutzgesetze denn damit aufgepickt worden wären und ob die Eier nun roh oder gekocht die Grenze überschritten hätten, erhitzte anschließend die ob des Frevels sich plusternden landkreisfriesischen Vogelschützer. Ingo Hashagen, damals Stadtdirektor, seit 2003 Präses der „Getreuen“, zu dem dicken Ei: „Wir haben gekochte Kiebitzeier bekommen, die Eier waren warm, als die Holländer sie uns schenkten. Darauf schwöre ich jeden Eid.“ (NWZ v. 3. Mai 1985)

Bismarck im Kreise der „Getreuen“ in der Gr. Wasserpfortstraße vor dem NS-Propaganda-Laden „Deutsche Buchhandlung“, im Hintergrund die 1938 zerstörte Synagoge. Anlass für den Umzug „lebender Bilder“ aus der Geschichte war das 400jährige Stadtjubiläum von 1936.

Obwohl in aller Munde, war der Leib Bismarcks selbst nur einmal in Jever: 1869 auf einer Dienstreise als Kanzler des Norddeutschen Bundes von der Namensgebungsfeier Wilhelmshavens nach Ostfriesland zusammen mit dem preußischen König. Wegen der großen Hitze verlangte Bismarck auf dem Alten Markt einen Humpen Bier, den er in einem Zug geleert haben soll. Das damalige, zumindest verbal, ungenießbare „Fetköter-Bier“ hat sich bekanntlich zu seinem Vorteil in „Jever“ umgetauft. Aber nicht des Humpens halber, sondern wegen seiner treuen Eier in Verein und Museum ist Bismarck in Jever lebendiger, als es die Wilhelmshavener jemals schaffen werden, selbst wenn sie mit ihrem neuen Standbild an Jever an Bismarckierungen vorbeiziehen!

Hier muss fast jedes Auto durch: Jevers „Bismarck-Schneise“ Richtung Elisabethufer. Links das „Bismarck-Museum“, rechts das „Haus der Getreuen“.

Hier muss fast jedes Auto durch: Jevers „Bismarck-Schneise“ Richtung Elisabethufer. Links das „Bismarck-Museum“, rechts das „Haus der Getreuen“.

Zumal sich die Denkmalsschaffenden der Stadt der Marine, die dem Landei Bismarck als Waffengattung bekanntlich ziemlich egal war, nur einen Bismarck light trauen. Sie haben dem Standbild, das 39 Jahre seinen Dienst verrichtete, bis alliierte Bomben es 1944 zerstörten, die Sporen der Reiterstiefel gezogen, die Pickelhaube abgesetzt und die Kavallerie-Uniform durch den Batman-ähnlichen Krönungsmantel eines Kaisers verdeckt. Den Reitersäbel soll nun der unbekannte Künstler auch noch durch ein Buch ersetzen. (Vermutet wird das Sozialgesetz oder die mehrfach gebrochene Verfassung, je nach Standpunkt.) Mit dem Säbel verliert die Statue ihre konstitutive Ausdruckshaltung der Wehrhaftigkeit gegen äußere und innere Feinde. Die aparte Kostümierung geschieht sicherlich nicht deshalb, weil Bismarck sich zwar vor dem Armeedienst gedrückt, aber mehrere Kriege mit mehreren Hunderttausend Toten angezettelt hat. Nein, die Initiatoren fürchten die öffentliche Meinung, provozieren so aber ein schweres Erdbeben in der Fürstengruft zu Friedrichsruh. Denn Bismarck wollte kein überparteilicher Kanzler-Gott sein. Er war in der Hauptsache unerschrockener Sachwalter seiner reaktionären Klasseninteressen, grenzte Liberale und Sozialdemokraten aus und schreckte auch vor Antisemitismus nicht zurück.

Was bedeutet nun ein barhäuptiger Bismarck mit Schwarzem Adlerorden, Gummistiefeln, Krönungsmantel und Buch in der Hand? Die Ikonographen rätseln, sind sich aber in einem Punkt einig: Ein Buch kommt nur für Lesende, nicht für Schreibende in Frage. Zur Lösung führt ein alter sowjetischer Scherz über die Ausschreibung des Alexander-Puschkin-Denkmals: 3. Platz: Puschkin vor einem Gebirge, 2. Platz: Puschkin beim Duell, 1. Platz: Stalin liest ein Buch von Puschkin. Wer ist der Autor des Buches und wem gilt das neue Denkmal wirklich? Den entscheidenden Hinweis liefert Karl Marx (1852): „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Der Name des Bildhauers wird von den Initiatoren bis zum 1. April noch geheim gehalten. Es ist Martin Sonneborn – ein Denkmal für die Zeitschrift „Titanic.“

 

Bier & Bismarck, zwei Wahrzeichen Jevers

Bier & Bismarck, zwei Wahrzeichen Jevers

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Nachtrag

Politische Satire bleibt unberechenbar, das muss sie auch. Das hatte ich in der obigen Analyse nicht einkalkuliert.

In Reaktion auf den Artikel in dieser Internetzeitschrift verlegte die CDU Heppens, in Wirklichkeit ein untergründiger Arm der Wilhelmshavener Ortgruppe von Sonneborns „Die Partei“, die Einweihung des Denkmals vom 1. auf den 24. April. Offenbar um darauf hinzuweisen, dass in Wilhelmshaven niemand den 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern beachtet. Selbst ich dachte an den gleichzeitigen 81. Jahrestag der Erteilung des Patents für die Elektro-Dreh-Orgel. Gelungen!

Die Ankündigung Buch statt Reitersäbel – ein Theatereffekt, um die der Enthüllung der Statue Beiwohnenden umso härter mit der kriegerischen Wirklichkeit des männlichen Abendlandes zu konfrontieren. Nachdem einige Tage lang, friedlich im Vorfrühlingswind flattend, eine Ganzkörper-Burka auf unsere weiblichen muslimischen Mitmenschen hingewiesen hatte. Gelungen!

Eine blaue Burka in der islamischen Farbe für Unendlichkeit - oder für Wilhelmshaven passenderHimmel und Meer - zierte viel zu kurz den Bismarckplatz.

Die blaue Burka in der islamischen Farbe für Unendlichkeit – für Wilhelmshaven passen Himmel und Meer – zierte viel zu kurz den Bismarckplatz.

Das Bisputin-Denkmal von Wilhelmshaven Wann ist die nächste Enthüllung?

Das Bisputin-Denkmal zu Wilhelmshaven. Wann ist die nächste Enthüllung als Putimarck?

Den an sich schwabbeligen Bismarck mit dem schlanken Körper und dem durch einen angeschraubten Bart nur leicht camouflierten Kopf Putins zu versehen, zeugt von dem weitsichtigen außenpolitischen Konzept der „Partei“ und eben nicht von mangelndem Geld für mehr Bronze. Nicht von ungefähr stammt der Künstler der Bronzestatue aus St. Petersburg, der Heimat Putins! Wer weiß, wozu das Wilhelmshaven noch brauchen kann. Der Bisputin resp. Putimarck von Heppens ist unser monumentaler Rückversicherungsvertrag mit dem wiederauferstandenen Russischen Reich. Chapeau!

Karl Hofvogel, z. Zt. Meisenheim, 20. Nov. 2015