Audiokommentare

4) Antisemitismus vor 1933 - Diskriminierung
Käthe Löwenberg-Gröschler

Stadtrundgang

Bildarchiv

Friedrich Levy: Chronik eines Heimkehrers (Remigrant)

Print Friendly, PDF & Email

Notizen zur „Chronik eines Heimkehrers (Remigrant)“ von Fritz Levy

Von Hartmut Peters

 

Fritz Levy (1901 – 1982) schrieb seine Flugschrift „Die Chronik eines Heimkehrers (Remigrant)“ im Jahre 1962 und brachte sie anschließend als Hektographie in verschiedenen Folgen in Umlauf. Die „Chronik“ stellt die längste zusammenhängende Darstellung des „letzten Juden von Jever“ als Autor dar. Sie war noch in den 1990er Jahren in Jever weit verbreitet, obwohl wahrscheinlich nur wenige der vielen Sammler der Flugblätter diesen allgemein als Hauptwerk geltenden Text vollständig besitzen. Inhaltliche Versatzteile sind auch immer wieder nach 1973, meist in leicht abweichenden Formulierungen, für Flugblätter verwendet worden, wie z.B. die Episode auf der Post oder die Ausführungen über Studienrat Dr. Oskar Hempel.

Die „Chronik“ zeichnet ein bedrückendes Bild der isolierten Situation Levys inmitten der antisemitischen Ressentiments einer auf Verdrängung programmierten Bevölkerung, die durchsetzt ist von Alt-Nazis, deren soziale Wortführerrolle fast ungebrochen erscheint. Der Text verdeutlicht in seinen zeithistorischen Bezügen (z.B. Nieland-Affäre, Grüner Plan) die entsprechende mikrogeschichtliche Ebene der 1950er Jahre in Jever. Levy ist darüber hinaus als zurückgekehrter vertriebener Jude für Jever selbst ein herausragendes historisches Ereignis. Der Text mutet an wie eine ethnologische Sonde in die Mikrohistorie Jevers, die der Ich-Erzähler Levy in einer Mehrfachrolle als Katalysator, Opfer und Analytiker der Antisemitismen anlegt. Da die Schilderungen sehr häufig der inzwischen verschwundenen Alltagskultur des Wirtshauses entstammen, erfahren wir gleichzeitig Seltenes über politische Inhalte dieses fast nicht verschriftlichten, oralen öffentlichen Raumes zu einem ansonsten mit Schweigen gefüllten Thema.

Levy hatte sich fast mit dem gesamten Arsenal des Antisemitismus bis hin zu Mordabsichten auseinanderzusetzen: die rassistische Dichotomie Deutscher-Jude („wir – ihr“), „der reiche Jude“ als „Blutsauger“, die angebliche sexuelle Überpotenz „der Juden“, die Stigmatisierung von Argumentation als „jüdische Wortklauberei“, „der Jude“ als körperlich nicht arbeitend, die angebliche Ablehnung „der Juden“ selbst in einem Land wie England und die Entmenschlichung auf Rohstoff für die Fabrikation von Seife. Auch in seinem Leserbrief an „Die Welt“ deckt Levy eine tendenziös antisemitische Berichterstattung dieser Zeitung über eine Meinungsumfrage auf.

Es wird deutlich, wie sehr Levy seinen Wortwitz benötigte, ja ständig schärfen musste, um den antisemitischen Anwürfen standhalten zu können, ohne seine Selbstachtung zu verlieren, verprügelt oder des Lokals verwiesen zu werden. Gleichfalls können wir heute erkennen und anerkennen, welcher Mut notwendig war, die Chronik mit ihren kaum verschlüsselten Angaben zu lebenden Personen zu veröffentlichen, und wie viel analytische Kraft Fritz Levy besaß. Je deprimierender für ihn seine Situation in Jever wurde, desto mehr stilisierte er sich zu Superlativen wie „nordischer Albert Schweitzer “ oder „reichster Mann Europas“. Diese in ihrer Phantasie fröhlich-schmerzvollen Ausführungen kommen auf der Textebene aber nicht größenwahnsinnig daher, sondern bilden kreativ-argumentative Konstrukte und notwendige Gegengewichte zu der feindlichen, in der Tendenz für einen Juden und unangepassten Menschen lebensgefährlichen sozialen Lebenswirklichkeit Jevers dieser Jahre.

Levy ist manchmal auch auf sprachlicher Ebene schöpferisch, indem er eine Sorte von Alt-Nazis „Fibelforscher“ tauft, Attribute wie „wechselstromig“ zur Verdeutlichung von menschlichem Verhalten einsetzt oder zum Nomen „Beispiel“ das transitive Verb „beispielen“ bildet. Der Lateinunterricht am Mariengymnasium wird an den häufig harten Fügungen, einer Vorliebe für den Genetiv und dem mediopassiven (deponentialen) Gebrauch mancher Verben sichtbar. (Das Letzte könnte auch aus Unterricht im Altgriechischen stammen, den Levy aber wahrscheinlich nicht mehr hatte, bevor 1916 das Gymnasium verließ.) An drei Stellen bezieht sich Levy auf Standards des Literaturunterrichts, wie sie bis in die 1970er Jahre galten (Bürger, Schiller, Uhland). Wir erfahren, dass Levy selbstverständlich Printmedien wie „Die Welt“, „Der Spiegel“ und „Revue“ las, was im Übrigen durch den schriftlichen Nachlass bestätigt wird.

Die „Chronik“ stellt in ihren ersten beiden Teilen weitgehend chronologisch ab dem Jahr 1950 dar. Dann wird sie zu einer „Chronik der laufenden Ereignisse“ im Entstehungsjahr 1962, die durch thematisch bezogene Reflexionen und zeitliche Rückblenden angereichert ist. Dieses erzähltechnische Verfahren der Kombination von Ereignis und Reflexion findet sich ein Jahrzehnt später in der dann ausschließlich verwendeten Kurzform des ein- oder zweiseitigen Flugblatts wieder. Levy bildet auch schon Verschiebungen hin zur dokumentarischen Fiktion wie in „Der Geheimtäter“ von ca. 1972, z. B. in der Überschrift von Teil III. „Der schärfste Nazidompteur, der reichste Mann Europas berichtet diese Dokumentargeschichte“.

Vor dem Aufkommen des Fotokopierens in den Endsechziger Jahren, das lange auch recht teuer war, stellte der mechanische Umdruck, auch als Hektographieren bezeichnet, die preiswerte und gebräuchliche Möglichkeit der Vervielfältigung unterhalb des Drucks dar. Die Flugschrift entstand in einem älteren Verfahren mit Metallmatrizen, das eine höhere Auflage als der bis in die 1980er Jahre an Schulen gebräuchliche Spirit-Karbon-Umdruck (mit blauen Buchstaben) zuließ. Es ist zu vermuten, dass Levy sein handschriftliches Manuskript von kundiger Hand abtippen und vervielfältigen ließ. Die erste Auflage könnte bei 300 Exemplaren gelegen haben. Später folgten dann fotokopierte Auflagen. Dem Herausgeber liegt leider keine vollständige Version Der „Chronik eines Heimkehrers“ vor. Es fehlen der Teil IV., ein Abschnitt aus Teil I. und der Schluss von Teil V. Wir bitten die Leser dieser Website, die fehlenden Abschnitte zur Ergänzung zur Verfügung zu stellen.

Der Text folgt den vorliegenden Typoskripten. Zu beachten ist, dass es leichte Textabweichungen zwischen verschiedenen Auflagen der „Chronik“ geben kann. Offensichtliche Fehler in Sprache und Rechtschreibung sind ohne Kenntlichmachung korrigiert.

 

Friedrich Levy: Chronik eines Heimkehrers (Remigrant)

Die erste Seite der hektographierten "Chronik" mit handschriftlicher Ergänzung von Fritz Levy: "Persilscheine gab ich, wer wollte." Foto H. Peters

Die erste Seite der hektographierten “Chronik” mit handschriftlicher Ergänzung von Fritz Levy: “Persilscheine gab ich, wer wollte.” Foto H. Peters

Teil I

1951-1952 Während der ersten Jahre meiner Rückkehr aus der Verbannung aus Übersee tänzelte absolut jede Person um mich herum. Ohne darum zu fragen oder es überhaupt wissen zu wollen, wollte niemand ein Nazi gewesen sein, so dass ich schließlich häufig bemerkte: „Dann war ich eben der einzige Nazi, denn einer zum mindesten muss es ja gewesen sein.″ Persilscheine gab ich, wer wollte. [Nationalsozialistisch belastete Personen konnten durch Aussagen von Opfern oder ehemaligen Gegnern bei der Entnazifizierung entlastet werden.]

1955 In der Wirtschaft „Zur Börse″ stehen bei meinem Eintritt an der Theke vier bis fünf Personen. Ohne dass irgendein Wort gefallen war, sagte der Schmiedemeister E.S. zu mir: „Dich hätten sie auch man vergasen sollen und vor dem hättest du kastriert werden müssen!″ Nun war ich schon bekannt für meine gewaltige Schlagfertigkeit und jetzt war ich doch zu konsterniert und verlegen für den Gegenschlag. Es vergingen einige lautlose Sekunden und ich erklärte dann dem Angreifer und den staunenden, betretenen Anwesenden: „Das kann ich sehr gut verstehen, dass du mich umbringen möchtest, denn deine Frau liebt mich so gewaltig, dass ihre Augen kullern, wenn sie mich sieht und mir nachguckt. Früher haben sich Eifersüchtler duelliert, jetzt hättest du mich gerne rassistisch ermordet.″

Daraufhin wurde mein Angreifer kalkweiß und musste sich am Tresen stützen, um nicht umzufallen. Ich bemerkte noch, dass auch er eine Nazigröße gewesen ist und wie so viele sich 1945 versteckte.

1952 Ein Bauer J. tänzelte ebenfalls um mich herum und schmuste mich mit der Erinnerung, dass er 1938 ein Paket Seife von mir gekauft hätte, die ihm in der späteren knappen Zeit so gute Dienste geleistet hätte.

1956 Am Tage des Dienstag-Marktes besuchte ich die Schütting-Wirtschaft [am Alten Markt, 1975 abgebrochen] und stehe am Tresen. Inmitten der zahlreichen Gäste befand sich dieser Bauer J. Und sofort pöbelte er mich nazistisch-antisemitisch an. Ich enthielt mich jeder Worte und reagierte in keiner Weise auf seinen Schmutz. Dies ging eine Weile und, als er mich überhaupt nicht in Bewegung bringen konnte, erreichte seine Tapferkeit den Höhepunkt mit folgenden Worten: „Ich habe auch Judenseife zu Hause, die ich gut gebrauchen konnte.″

Was er damit meinte, wusste nach Wort, Ton und Gebärden ein jeder. Aber ich enthielt mich noch der Worte um abzuwarten, dass er noch deutlicher wurde. Nämlich wenn ich mich nun geäußert hätte, hätte ich nur die üblichen Naziausreden erwarten können: „So habe ich das nicht gemeint″ etc. Also prahlte er nun mit lauter Stimme, dass er die Kisten mit der Judenseife noch zu Hause hätte mit dem Aufdruck „Seife aus Judenkadaver″.

Jetzt stellte ich mich dem nazi-arischen Helden und sagte ihm und dem Publikum: „So, aber ich habe vor kurzem meinen Garten umgeschlötet″ – bei dem Wort „schlöten″, was schwere Erdarbeit bedeutet, fiel mir der Bauer ins Wort und sagte: „Schlöten, das tust du nicht, weil ein Jude nicht arbeitet.″ Darauf hätte ich erwidern können, dass ich mit ihm und jedem Bauer wetten wolle, dass ich es in der Schlötarbeit mit jedem aufnehme. Aber erstens hatte ich nicht daran gedacht und zweitens wollte ich mal wieder meiner Wege gehen, denn diese tagtäglichen Antisemitereien nahmen genug meiner Zeit und meiner Nerven in Anspruch. – Also, ich verbesserte mich und sagte: „Auch gut, ich war beim Umgraben meines Gartens und dabei sagte mein Nachbar Lessenich zu mir: `Fritz, du solltest man alle Nazis mit untergraben, dann wären diese Verbrecher verschwunden.´“ – ″Nein″, sagte ich darauf, ″das ist sinnlos, denn Nazis sind milzbrandgifitig und fressen und stecken immer weiter an.″ Und weiter sagte ich jetzt zum Bauern und zur Öffentlichkeit: „Juden konnte man noch zur Seife gebrauchen, aber Nazis wären auch hierfür nicht zu gebrauchen, da sie schlimmer sind wie Milzbrand oder Rauschbrand.″

1959 Der Schlachtermeister Lothar Ehmer war Pächter meines Schlachtbetriebes und es besuchte ihn der vorgenannte Schmiedemeister E.S. Dieser sagte nun ohne weiteres zu mir: „Levy, dass sie dich immer noch nicht kastriert haben“ – und es endlich mal passieren müsste. Er freute sich seiner Worte und sagte alles in Gegenwart des Schlachtermeisters Lothar Ehmer. Sofort gab ich ihm zur Antwort: „Deine Frau stammt ja vom Juden Gold ab, und so musst du dich ja zuerst kastrieren lassen und dann will ich es auch machen.″ Wieder musste er die Flucht ergreifen und L. Ehmer bestaunte und besprach meine treffende Schlagfertigkeit. Zu alledem muss ich die besondere Gemeinheit und Feigheit des S. herausstellen, weil er mich mit meinem Schlachterkollegen und Pächter entzweien wollte und ich ihn vom eigenen jüdischen Hofe nicht fortjagen durfte.

1960 Ich kam in das Büro des Kassenverwalters Tr. im Rathaus meines Heimatortes. Dem Kassenverwalter Tr. gegenüber saß an dessen Schreibtisch der schon vorgenannte Schmiedemeister E.S. Im Tonfall ironischer Entschuldigung sagte ich: „He tövt all up mi″. (Er wartet schon auf mich). In künstlicher Erregung sagte nun der Schmiedemeister zu mir: „Was hast du da gesagt?″. Nun wollte er mich zwingen zu Kreuze zu kriechen und mich zu entschuldigen für das Wort „he″ (er) um damit mein „respektloses″ Benehmen anzuprangern. Ebenfalls wollte er seinem Freunde und mich gleichfalls rassisch belauernden Stadtbeamten die Handhabe verschaffen, mich gebührend abzufertigen. Dieser besonderen Eigenschaft der Nazis des Zukreuzekriechens bei vorhergehender Revolvertätigkeit bin ich gegenteilig veranlagt. Ich wiederholte „he“. Schnurstracks sagte nun dieser Naziheld: „Er (he) ist ein Kaninchenbock.″ Im selben Moment war der Kassierer Kn. hinzugekommen. Nun erklärte ich: „Sieh mal an, was sich dieser Mensch erlaubt, euern Chef bezeichnet er als Kaninchenbock. Dass ihr euch das gefallen lassen müsst.″ Jeder musste nun lachen, nur nicht der Schmiedemeister, dem ich wiederum seinen eigenen Schmutzkübel über seinen eigenen Kopf geschüttet und in seine schmutzigen Schranken verwiesen hatte.

1960 Beim Friseur sagte mir der etwa 20jährige Malergeselle Tj.: „Du bist ja gar kein Deutscher″, worauf ich ihm zur Antwort gab: „Du bist ein Judenknecht″. Er schrie nun, dass ich ihn beleidigt hätte, worauf ich sagte: „Aber du darfst mich vor dem beleidigen und mir sagen, was du Lust hast, und alles, was ich sage, will ich sogar noch beweisen.″ Mit diesem, wie sich später herausstellte, sehr aufgeweckten jungen Mann traf ich weiter des Öfteren in der Bahnhofswirtschaft H. [Harms]zusammen. Wir unterhielten uns auch über die Friseurdebatte und er wünschte den Beweis von mir, wieso ich ihn als „Judenknecht″ bezeichnet hätte. Ich begann mit den Worten, dass ich es beweisen [… Rest fehlt auf dem Typoskript]

Es war zur Zeit der Nieland-Affäre in Hamburg. [1957 – 1959; Friedrich Nieland, Verfasser einer antisemitischen Hetzschrift, wurde außer Verfolgung gesetzt; beteiligt am Gerichtsbeschluss war der nationalsozialistisch belastete Landgerichtsrat Dr. Enno Budde.] Man muss wissen, dass, egal welche Angelegenheit es ist, ich darüber angesprochen werde. So sagte mir der Metjengerdes -Nachfahre P.: „Fritz, was sagst du über die Nieland-Sache. Der Bürgermeister Brauer [Metjengerdes, Gaststätte an der Bahnhofstraße; Max Brauer, Erster Bürgermeister Hamburgs] fährt nach Adenauer, um sich zu beschweren über das Gerichtsurteil und den Richter Budde. Adenauer hat auch noch Grippe und wie kann ein Bürgermeister die Unabhängigkeit des Richters angreifen?″ Dazu erklärte ich: „Es wäre schön gewesen, wenn du mich klar und bündig und ohne Kommentar nach dieser Angelegenheit Nieland gefragt hättest. Mit deinem zusätzlichen Kommentar könntest du mich ja schon in meiner Urteilsmeinung beeinflusst haben, aber höre doch, was ich dir jetzt sage: Du und ihr alle honoriert die Richterunabhängigkeit nur nach eurer Gunst und Laune. Als der Lehrer Zind in Karlsruhe zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, habt ihr „ach und weh“ geschrien über solche Gemeinheiten. [Der Offenburger Studienrat Ludwig Zind wurde 1958 in einem Präzedenzfall wegen antisemitischer Äußerungen und Beschimpfungen verurteilt.] Zur Sache Nieland ist es nun so: Wenn ich klar und deutlich euch dasselbe sage, was er in vielen Pamphleten geschrieben hat, so fühlt ihr euch beleidigt !″.

″Wieso denn das?″, wollte P. nun wissen. „So,″ sagte ich, ″du und jeder deiner Sorte, seid Judenknechte, denn Nieland, einer eurer neuen Führer, hat in seinem Programm ausgeführt, dass an allem, was in der Welt vorginge, die Juden schuld wären und jedes Ding und jede Partei würden von Juden inszeniert. Auch Auschwitz usw. hätten die Juden arrangiert. Folglich gibt’s ja keine freien arischen Menschen mehr, ein jeder ist von Juden abhängig und damit ein Judenknecht.″ Dies ist dein und eure eigene Nazi-Sprache und Nazi-Totalität und so habe ich euch mit euren eigenen Worten bewiesen, dass du und die anderen nichts anderes als Judenknechte seid.″

27. Febr. 1962 22:30 Uhr ging ich in ein Gasthaus und sah am Tresen drei Herren, darunter der gewesene Sub.Ag. G. Es wurde sich nicht um einander gekümmert und nach einer Minute war ich dabei fortzugehen. Nun rief dieser Sub.Ag. G.: „Dich hätten sie auch man vergasen sollen″, und wie ich zurückblickte, wiederholte er: „ Du musst noch vergast werden″. Ich ließ mich nicht aufhalten und ging fort. Zwei Tage später sprach ich darüber mit dem Gastwirt und wir waren einer Meinung, dass gegebenenfalls die beiden Begleiter die Worte des G. nicht gehört hätten. Und der Wirt darf auch nichts gehört haben wegen Gefährdung seiner Existenz. Dies bestätigte und respektierte ich selbstverständlich in jeder Weise. Diese letzte Naziterrorgeschichte soll zugleich alle diejenigen beantworten, die mich zur Anzeige animieren.

Teil II

Im selben Gasthaus unter den Ewig-Gestrigen und der Jugendvergiftung gastiert täglich ein Herr mit folgender Geschichte:

1957 Mit meinem jungen nachbarlichen Ehepaar der Familie Berthold (Fritz) Lischke, der Frau Paula und deren fünf Kindern hatte ich mit der Zeit ein recht gutes Verhältnis. Eines Tages ruft mich die Frau Paula und erzählt mir, dass sie ein Telegramm bekommen hätte, welches sicherlich ein Irrtum sei, weil der Inhalt sie gar nichts anging: „Fritz, wenn du willst, bringe das Telegramm bitte zur Post, damit es seine richtige Adresse findet.″

Also ging ich mit dem Telegramm zur Post und lieferte es ab an einem Schalter. Es vergingen kurze Sekunden und es kam zum Vorschein der Postbeamte G. und brüllte mich an, dass ich mir das Telegramm angeeignet und widerrechtlich aufgebrochen hätte etc. Eine Frau Paula Lischke gäbe es gar nicht in meiner Nachbarschaft und ich hätte nur gelogen. Alle meine fürs erste ruhigen Erklärungen nützten nichts und leider wie üblich kollektivierten sich die Kollegen meines Angreifers mit ihm und stürmten auf mich ein. Trotzdem blieb ich souveräner Beherrscher der Situation und erklärte, dass dieser Beamte G. mir schon einmal einen Brief unterschlagen hätte und mich dabei als Fälscher hingestellt hätte. Das war im Jahre 1953 geschehen.

In diesem Jahre brachte mir der Postbote einen Brief mit der Anschrift Albert Levy und dabei war er als Neueinwohner unsicher über die Ablieferung dieses Briefes an mich. Albert war mein Bruder, der 1931 verstorben war. [Albert Levy, 1895 – 1931, Selbstmord in Jever] Ich ließ den Postboten den Brief wieder mitnehmen mit dem Bescheid, dass ich es anderen Tages bei der Post erledigen wolle. Als ich am folgenden Tage den Brief anforderte, fauchte mich derselbe Schalterbeamte G. an, dass mir der Brief gar nicht gehöre und ich ihn nur unterschlagen wolle und er genau wüsste, dass mein Bruder Albert schon vor 20 Jahren verstorben sei. Damals, 1953, war ich noch nicht akklimatisiert bzw. auf die alt-neue Naziwelle eingestellt und ging betreten von dannen. Es darf aber doch klar sein, dass ein Schreiben an meinen verstorbenen Bruder mir auszuhändigen war oder zumindest nicht mir nichts dir nichts hätte zurückgeschickt werden dürfen. Meine Familie war vernichtet; so wäre ich in meiner Einsamkeit froh gewesen über irgendwelche Botschaften.

Der hiesigen rassistischen Atmosphäre war ich 1957 inzwischen Herr geworden und sparte in der Telegrammangelegenheit nicht mit den notwendigen Anschuldigungen, die umso notwendiger waren bei dieser neuen Diskriminierung bzw. Verleumdung. Zu alledem habe ich der Frau Lischke und besonders auch der Post nichts anderes als geholfen. Die Streitsache verzog sich über einige Minuten, wo ich schließlich diesem Beamten G. und einigen anderen Beamten verbot, mich je wieder anzusprechen oder mich zu bedienen. Ich sollte noch zum Postdirektor kommen, was ich ablehnte, da er ja zu mir kommen könnte. Zu guter Letzt war bei der Paketannahme Frau Dr. Bremer, meine Nachbarin, die nun selbstverständlich bestätigte, dass Frau Paula Lischke in dem nächsten Haus von ihr wohnte. Es stellte sich auch heraus, dass noch eine Frau Paula Lischke in Jever wohnte in einer anderen Straße.

Wie nun diese Verleumdung zusammengebrochen war, befand sich beim Schreibpult der Herr B. Dieser sprach mich jetzt an mit den höhnischen Worten: „Levy, was macht dein Harem ?″ – „Was mein Harem macht?“, war meine Antwort: „Mein Harem müsste ja sehr auf der Höhe sein, weil ich der einzige Volljude hier bin und deshalb die Mädels um mich verlegen wären.″ – Dann: ″Was sollen die Mädels denn mit dir anfangen, mit dir Stürmerfigur !″ [Anspielung auf die antisemitischen Zerrbilder von Juden in dem NS-Blatt „Der Stürmer“] Mit diesen Worten wusste er nicht ein und aus, seine gekauften Zähne klapperten und bibbernd blieb er stehen.

Bei Fahrradbegegnungen sagte ich: „Herr Arier″. So kamen wir zusammen beim Eingang des Metjengerdes-Gasthauses, Nachfolger E. Hier erklärte er dem Publikum, dass Levy vor kurzem bei der Post einen solchen Krach gemacht hätte, dass, wenn er Postangestellter gewesen wäre, er die Polizei gerufen hätte. Ich gab kund, dass er jetzt noch zur Polizei gehen könne, um alles zu ″denunzieren″ oder ob ich es für ihn tun solle. Bei diesem Menschenauflauf erschien der Wirt und verbot mir kurzerhand die Wirtschaft. Alles wie im Nazireich, der Verbrecher wird freigesprochen usw.

Einige Zeit später kam ich ins jeversche Rathaus, wo mich der Angestellte R. aufhielt mit den Worten: „Es hat sich jemand über dich beschwert, du hast mal wieder eines deiner Kraftworte gebraucht!″ Ich wusste was los war mit der Naziroutine: Erst jemanden überfallen und, wenn sie dann ohne Revolver verlieren, beklagen sie sich noch beim Publikum und noch unglaublicher Weise bei der Behörde. Dem Rathausangestellten R. gab ich zur Antwort, dass ich diese mir vorgeworfenen Kraftworte gerne wiederholen wolle und dazu noch eine schriftliche Bestätigung. Darauf sagte der Beamte, dann könnte ich wohl mal eine Zeit lang ins Gefängnis kommen.

„Dann bin ich mal diese Zeit lang von euch Verbrechern isoliert,″ war meine Klarstellung. Ob ich das noch mal sagen wolle, wollte er nunmehr wissen. „Sicherlich!“ war meine Fortsetzung und auch diese Worte lege ich ebenfalls noch schriftlich nieder. (Dies ist auch irgendwann passiert). Der Leser ersieht, dass er mir eine Beamtenbeleidigung unterstellen wollte. Beim Erzählen dieser Sachlage fragte ich meine Zuhörer über ihre Meinung, ob er sich zu recht oder unrecht beleidigt hätte fühlen können. Praktisch jeder Mann bejahte eine Beleidigung. Dann gab ich die Lösung dieser Quiz-Frage und wies daraufhin, dass der Beamte begonnen hatte, mit einer Gefängnisandrohung, was ich meinerseits als eine Beleidigung hätte betrachten können, und ich also nur die entsprechende gebührende Antwort gegeben habe. Zum anderen hätte er als städtischer Schiedsrichter zuerst meine Darstellung bzw. Verteidigung anhören müssen, um sich dann evtl. eine Meinung zu bilden. Dann erklärte ich auch noch den Zuhörern (zuvor hatten die meisten meine Ausführungen als Beweis anerkannt), dass ihnen gar nicht bewusst sei, wie sehr sie im Untertanengeist verkrampft wären. Inwieweit die Voreingenommenheit, dass ich als Jude doch Schuld hätte, hinzukommt, sei dahingestellt.

Selbstverständlich hat diese Beschwerde führende körperliche und geistige Stürmerfigur im gemeinsamen Gasthaus nach einigen zahmen Versuchen Zurückhaltung geübt – besonders aber nur im Hinblick darauf, dass ich in jedem Gefecht und auch in jeder Schlacht jede Anzahl Gegner zerschmetterte wie in Uhlands Gedicht der tapfere Schwabe im Türkenland. [Ludwig Uhland „Schwäbische Kunde“]

Auch bin ich ohnehin charakterlich gerne geneigt zu verzeihen (nicht zu vergessen), wozu ich aber auch hierzulande zweifelsfrei gezwungen bin, da ich diesen täglichen Gast dem Gastwirt nicht vergrämen durfte, um nicht selbstverständlich selber hinausgeschmissen zu werden, wie im nunmehr hiesigen 1017jährigen Reich. Dieser der Stürmerfigur Verwandter ist ein betonierter Viehkaufmann mit einem guten Händlerkunden aus dem Rheinland. Auch dieser gab sich zu Anfang meiner Heimkehr als wüster Anti-Nazi aus, besonders in Bezug auf Goebbels und dessen gleiche Heimatstadt. [Goebbels wurde in Rheydt geboren.] Auch dieser Herr hatte sich seit etlichen Jahren gedreht, wo es aber für mich sicher ist, dass in Jever die drahtziehenden Provokanten sitzen. Seit zwei oder drei seiner letzten Besuche hält auch dieser jetzt den Mund, nachdem er mit naziverschwommenen Redensarten immer wieder versucht hatte, mich zu verblöden bei zahlreichem Publikum, und ich im Handgelenk es ihm anscheinend endgültig heimgezahlt habe.

Dieser bis zu meiner Schulter reichende Herr sagte mir dann doch noch mal mit hämischer Siegermiene: „Moses, wie geht′s dir, bist du noch hier. ″ – „Wie du siehst″, war meine Antwort, „Moses war der große Mann in Ägypten und beinahe in Palästina und Joseph war auch eine Größe in Ägypten“, usw. Joseph war nämlich der Name dieses Rheinländers und sein Lachen war ihm mal wieder vergangen. Da ich sehe, dass diesmal die mündliche Pointe zu wenig zum Ausdruck kommt, bringe ich noch folgende Geschichte:

Bei entsprechenden Angriffen und manchmal von mir aus erzählte ich auch dem obigen Publikum, dass gemäß einem Artikel in der „Welt“ ich als Bundesminister in Bonn erwünscht bin. Allgemeines ungläubiges Erstaunen und ich müsse es beweisen. Darauf erklärte ich, dass meine Berufung als Bundesminister durch Volksbefragung bewiesen wird durch nachfolgenden Artikel, welchen ich meinem Publikum zu lesen gebe:

Meinungsforscher: Juden in der Regierung unerwünscht.

Eine Mitarbeit von Juden in der Bundesregierung ist, wie die Meinungsforscher des DIVO-Instituts Frankfurt bei einer Repräsentativerhebung feststellten, bei einer großen Bevölkerungsgruppe nicht erwünscht. Von den Befragten äußerten 41 % Bedenken gegen eine mögliche Mitarbeit von Juden in der Bundesregierung. 39 % wandten sich gegen die Berufung von Emigranten ins Bundeskabinett. Gegen eine mögliche Mitarbeit früher führender Nationalsozialisten haben nach den Ergebnissen der Umfrage 63 % der Befragten etwas einzuwenden. (Die Welt, Nr. 181, Seite 3, Frankfurt/M., 6. August 1961).

Nachdem alle diesen Artikel durchgelesen haben, sind sie erstaunt und manche fragen entrüstet, wieso ich das Gegenteil vom Zeitungsartikel behaupten könne. Ich antwortete nun, dass die Leute gar nicht wissen, was sie lesen, und sich zudem von Überschriften oder von ihrem eigenen Wunsch als Vater des Gedankens leiten lassen. Den Beweis meiner Behauptung zeigt ja gerade dieser Artikel und ich gebe nun folgenden Schriftsatz zur Durchsicht und als klaren Beweis:

Fritz Levy, Jever, Schlosserstr. 25 21. Aug. 1961

An die „Die Welt″ Hamburg

Sehr geehrte Redaktion ! ″Juden in der Regierung unerwünscht″ v. 6.8.1961 dürfte als Überschrift unrichtig sein. Da 41 % der Befragten sich gegen die Juden in der Bundesregierung äußerten, bleiben 59 % Befürworter oder Nichtgegner. Ihre Überschrift hätte also zumindest tendenzfrei bleiben dürfen!

Ich erwähnte [im Brief an „Die Welt“; hier von Levy offenbar nicht im originalen Wortlaut wiedergegeben] eine Debatte, wo schließlich der Gegner sich ein „englisches Alibi″ heranholte und sagte: „Die Engländer sind ja auch gegen die Juden″. Dieser Teilwahrheit, eigentlich schlimmer als Lügen, stellte ich darauf die relativ ganze Wahrheit entgegen. „The Labour Party´s Daily Herald″ stellte 1955 bei einer Leserumfrage fest, dass sich 12 % der Leser als „activs dislike″ (aktive Gegner) der Juden kennzeichneten, „foreigners“ wurden zu 57 % abgelehnt. Am allermeisten unbeliebt waren die Deutschen mit über 60 %: „Man kann ihnen nicht trauen und, wenn man es mal versucht, so erlebt man nur böse Überraschungen. You always get hurt if you do! – Immer läuft es böse aus”. Die Meinungsumfrage las ich in “Association of Jewish Refugees in Great Britain”, September 1955.

Da in Ihrer „Welt“-Statistik sich 63 % gegen Nazis in der Regierung und 39 % gegen die Emigranten aussprachen und dazu noch 41 % gegen Juden in der Regierung sich erklärten, so kann man leicht „ausrechnen″, dass kein Deutscher in der Regierung erwünscht ist!? Danach ist es also notwendig, Ausländer für die Regierung wie schon auf dem manuellen Arbeitsmarkt auch aus dem Ausland einzuführen.

Andererseits waren die Nazis mit 63 % unerwünscht gegenüber nur zu 41 % die Juden. Es waren also 22% mehr gegen die Nazis als gegen die Juden in der Regierung. Dementsprechend müssten früher führende Nazis aus der Regierung verschwinden und jedenfalls einige Juden in die Bundesregierung hineinkommen. Da ich nun zufällig Jude und Emigrant bin, könnte ich besonders qualifiziert sein. Sachlich betrachtet, bin ich nichts anderes als ein echter Heimkehrer. Im Stile obiger Meinungsumfrage hätte auch erfasst werden müssen, wie viel Prozent sich gegen Katholiken, Evangelische, Flüchtlinge, Einheimische usw. in der Regierung geäußert hätten.

Diese Zeilen überlasse ich Ihnen zur Veröffentlichung als Leserbrief.

Hochachtungsvoll, Fritz Levy

_______________

″Die Welt″ antwortete mir mit dankender Ablehnung. Dazu sagte jetzt jeder meiner Zuhörer, dass diese hätte geschehen müssen als sachliche Berichterstattung. In der Hauptsache aber musste nun wohl oder übel jeder einsehen, dass mein Beweis geglückt war, als Minister in der Bundesregierung gewünscht zu sein.

Spaßeshalber und um den Sinn und besser den Unsinn vieler sogenannter Meinungsforschungen zu charakterisieren, erklärte ich dann dem Publikum, dass auch ich nun eine Meinungsumfrage abhalten wolle. Jeder ist nun in Erwartung, wobei ich eine Zigarre in der Hand habe und jede Person um Feuer frage. Einige haben Streichhölzer oder Feuerzeug, während andere manchmal bedauern, mich nicht mit Feuer bedienen zu können. Nun erklärte ich, dass die Meinungsumfrage schon beendet ist, da ich nun genau weiß, wer als Feuerbesitzer Militarist ist, und die anderen seien Pazifisten.

1962 Zu allem Überfluss nun brachte „Der Spiegel“ (Nr. 8, 21.2.1962, Seite 27) ein Schaubild mit einer Meinungsumfrage über Evangelische, Katholische, die Juden usw. über deren zu wenig oder zu viel Einfluss etc. Danach haben Juden zu 15 %, Kath. zu 12 %, und Ev. zu 25 % der Befragten zu wenig Einfluss. Ulkhalber erklärte ich abschließend, dass die mich bestätigende ″Spiegel″ -Umfrage rein zufällig ist und der „Spiegel“ von mir nicht beauftragt wurde.

Teil III.

Der schärfste Nazidompteur, der absolut reichste Mensch Europas berichtet diese Dokumentargeschichte.

– – – – – – – – – –

Eine der ständigen Standard-Begrüßungen meiner Kombattanten besagt, dass jeder ein absolutes Wissen hat über das viele und noch laufend ankommende Geld. Milde ist noch eine Redewendung: „Fritz (Levy), ich habe gehört, dass du schon wieder 80.000,- DM bekommen hast“ oder bzw. zugleich „Du kriegst im Monat über 1.000,- DM″. – „Das kann stimmen″ antworte ich. Als einziger hat mein früherer Mitarbeiter W. S. gemerkt, dass ich mich auch noch an die Wahrheit gehalten habe, weil meine Antwort nur sein Gehörthaben bestätigt hatte.

Öfter aber noch erzählen diese Superleute : „Levy, wir müssen arbeiten, damit du Geld bekommst″ und jeder versteht, dass ich einer der Blutsauger Deutschlands bin. Andere fügen hinzu :“Levy kann nicht, hat keine Lust und hat nicht nötig zu arbeiten″. Meine Antwort : „Ich darf, verflixt noch noch mal, gar nicht arbeiten″ – „Weshalb ?″, diese Wissbegierigen! – „Ja, wenn ich auch noch arbeitete, wäre ich ein ganz großer Lump. Das Geld habe ich euch schon weggenommen und so muss ich euch doch die Arbeit lassen, um euch nicht alles wegzunehmen.“

Wenn mein Reichtum allzu sehr mir vorgehalten wird, so gebe ich meine Superbestätigung mit der Behauptung „Ich bin sogar der reichste Mann Europas″. Dem staunenden und fragenden Publikum behaupte ich weiter, dass ich alles beweisen wolle und jeder könne eine Wette mit mir machen mit kleinem und großem Geld, wenn mein Beweis nicht glückt. Oft kommt der Einwand: „Du hast nun sicherlich eine der jüdischen Spitzfindigkeiten.″ Dem setze ich entgegen, dass gerade im Gegenteil mein Beweis gar nicht deutscher möglich sei bzw. das gerade Gegenteil vom jüdischen materialistischen Geist ist.

Der Beweis: Wir haben alle in der Schule drei Reichtumsbildungspunkte gelernt:

1. Der größte Reichtum ist Herzensbildung. Durch Gerichtsprotokolle und allgemeinen Leumund bin ich der herzensbeste Mensch, den es gibt. Auf einige Zweifel sich Gebende biete ich 1.000,- DM, falls schon diese erste Behauptung nicht stimmt und man mir den Gegenbeweis liefern kann. Meine Gerichtsprotokolle gebe ich immer denen, die sie noch nicht gelesen haben.

2. Der zweitgrößte Reichtum ist Geistesbildung und in diesem Punkt kann ich hierzulande mit jedem wetteifern und auch anderswo bekomme ich einen genügend hohen Rang.

Wenn ich nun diese beiden größten Reichtumspunkte erfüllt habe, benötige ich keinen Pfennig Geld mehr, um somit der reichste Mann Europas zu sein.

Nun verstummt vorläufig ein Jeder und die mich schon lange genug Kennenden bestätigen, dass ich mit meinem Beweis zweifelsfrei der reichste Mann Europas sei. Ich schalte noch ein, dass die Wette immer offen bleibt für jedermann und ich äußerst froh wäre, wenn ich die Wette verlieren könnte. Oft genug aber auch gegenüber meinen sonstigen Wettangeboten kommt jemand mit der Auswegphrase, wetten täten nur die Juden etc. Mit Jude sein bin ich gerne einverstanden, aber auch ich wette lieber, um für meine Worte gerade und evtl. zahlen zu müssen gegenüber den vielen Gegnern, die gegenteilig ihre Lügen nicht ertappt wissen wollen und somit die Wette nicht bezahlen wollen, und seien es auch nur -,50 oder 1,– DM. Aber um einen Eid zu schwören auf jede Kleinigkeit, der sie nichts kostet, aber ihnen noch Zeugengeld einbringt, sind ihnen oft genug gefährliche und unsichere Behauptungen Nebensache. Es gibt mehr arische Meineide als es überhaupt Juden gibt. Auch Engländer sind bekannt für Wettfreudigkeit und die Einführung dieser Sitte wäre der Wahrheitsliebe äußerst förderlich.

Nobelfriedenspreis

Diesen Preis möchte ich erwerben. Die Berechtigung dafür ergibt sich aus obigen Ausführungen und jederzeit aus meiner bestätigt zu findenden alltäglichen Humanität in Wort und Tat.

Bei den Gerichtsverhandlungen mit den vielen Zeugen und unzähligen ebensolchen direkten Bekundungen bin ich erst dahinter gekommen, welch qualitativer Mensch ich bin, und habe damit mein verlorenes Selbstbewusstsein wiedererhalten um dem nunmehr etwa 30jährigen Nazikrieg verstärkt weiter standzuhalten und ihn bald genug zu besiegen. Ich erlaube mir die ganz besondere Qualifizierung, die darin liegt, dass meine Humanitätsliebe und die Liebe des wirklichen Lebens- und Lebenslassens von mir realisiert wird in voller Uneigennützigkeit ohne jeden sogenannten öffentlichen Auftrag und sogar leider oft genug noch gegen die öffentliche Meinung und Gewalt. Jeder Mensch hat bei mir Einkehr, ärmlich aussehende Menschen hole ich zu mir herein und diese fühlen sich bald genug familienzusammengehörig. Auch und besonders Zigeuner sind immer meine Freunde und bei Diffamierungen stelle ich ausdrücklich heraus, dass die Zigeuner noch besser als die Juden seien. Die Worte von der Erniedrigung und Erhöhung sind leider zu wenig vorbildlich. Mit mir würde der Friedensnobelpreis einem unbekannten, jederzeit helfenden Heimatsoldaten erteilt werden und würde großer Ansporn sein für noch so viele gute Herzen und Geister.

Ich hoffe, mich nicht unerlaubt ausgedrückt zu haben, dass die Friedensnobelpreisträger oft genug nur durch ihren gut bezahlten Job dazu gekommen sind und nur dadurch der Öffentlichkeit bekannt wurden. Bei mir darf ich auf genügende Bestätigung meiner inneren Berufung für Humanität, Liebe und Freundschaft hinweisen. Es bestehen sicherlich keine Zweifel, dass die Friedensgeldsumme meiner Menschentätigkeit ungeahnten Auftrieb geben wird mit Erfolgen, wie sie die Welt vielleicht noch nicht gesehen hat. Man verzeihe mir etwaige Überheblichkeiten, aber man denke an Lessings Humanitätskampf . Und weshalb auch nicht soll man für den Frieden keine scharfe Klinge führen wie sonst nur bei Gewaltangelegenheiten?

Die beginnenden 1930er Jahre wollte ich meine humanitäre Passion merkantil und allgemein nützlich auf eine breite Basis stellen und in Amerika schrieb ich in dieser Sache der kalifornischen Regierung in Stockton . Selbstverständlich musste zeitumständegemäß alles irreal bleiben. Aber ich stelle die sehr vage Theorie auf, dass beim normalen Geschichtsverlauf ich in den Kreis der möglichen Friedenspreisträger hätte geraten können. Das unsäglich traurigste aber ist es, dass durch die letzten zehnjährigen heimatlichen Verfolgungen mit der Vernichtung meiner persönlichen und wirtschaftlichen Existenz meine neuen humanitären Bestrebungen auf breiter Basis blockiert wurden. Allerdings im noch verbliebenen engen Wirkungskreis habe ich noch genug mehr getan als die anderen Zeitgenossen und das „Lied vom braven Mann″ ist in wiederholten Fällen für mich verwendbar. [Gottfried August Bürger „Lied vom braven Mann“]

19. März 1962 Die „Gegenprobe″ ergab sich sehr umfassend an diesem Tage abends nach 20 Uhr. Mein direkter Nachbar, der etwa 25jährige E.J., sagte in der Debatte, dass er mich gar nicht als Juden ansehe, um damit als selbstverständlich zum Ausdruck zu bringen, dass ich ein einwandfreier Mensch wäre. Meine Antwort war deutlich, dass ich Jude bin und zu sein habe für jedermann, ob er wolle oder nicht. Weiter sagte er, die Juden haben selbst Schuld, und sprach von Wiedergutmachung etc. Daraufhin fragte ich ihn, wie viele Juden er kenne. „Nur dich“, war seine Überlegung. Daraufhin, folgerte ich für ihn, müsste er ja alle Juden für gut erkennen, weil sonst bei wirklichen oder angeblich schlechten Juden alle anderen Juden für schlecht und schuldig gesprochen würden. Er beispielte noch Auerbach, München und dessen zweijährige Gefängnisstrafe. Hierzu sagte ich ihm, dass Auerbach diese Gefängnisstrafe nach einem arischen Meineid erhalten hätte, was sich aber erst nach Auerbachs Selbstmord herausgestellt hatte. [Der Opferanwalt Philipp Auerbach in der amerikanischen Zone wurde 1952 nach einer antisemitischen Medienkampagne verurteilt. Jedes von Juden begangene Delikt war zu dieser Zeit eine Art Rechtfertigung für die Verbrechen der Nazis. ]

Diesen Fibelforschern (dieser von mir geprägte Ausdruck soll diejenigen kennzeichnen, die obstinat ihre idealen Rezessiv-Verbrecher bleiben im Gegensatz zu den Bibelforschern, die fanatisch lieber Verbrechen erleiden, als ihrer Mission abtrünnig zu werden) brachte ich manchmal in Erinnerung, dass vor 10 bis 15 Jahren sie diese Bibelforscher umflirteten, persilscheinhalber und mit Erfolg, aber jetzt diese Leute wieder despektieren und ihres Hauses verweisen bzw. rausschmeißen. Manch Nazifunktionär kam noch mit dem Vorwurf, dass die Juden „das auserwählte Volk“ sein wollten, und abgesehen von der Nazi-Antireligiosität erklärte ich dann sachlich, dass vergleichbare Hymnen auch andere Gemeinschaften besäßen wie „Deutschland über alles“, „England beherrsche die Meere“, „Amerika, Gottes eigenes Land“, „Gottesgnadentum“ etc. Denn ich müsste eventuell Hitler loben, weil er mich verjagt hat und ich somit sauber bleiben konnte, aber ihr müsst Hitler verfluchen, weil er euch zu Verbrechen verleitet hat.

Einer meiner letzten Trümpfe, allerdings vergeblichen Trümpfe, ist meine Behauptung, dass die Fibelarier das größte Pech haben. Deren fragenden Worten und Mienen gebe ich die Aufklärung, dass sie bzw. wir hier einen Menschen haben, der alle guten Eigenschaften besitzt, weil er der beste zu Fuß, per Rad und mit dem Kraftfahrzeug ist. Die Erzählungen hierüber sind legendär. Diese Person hat vor nichts Angst, redet eine klare und deutliche Sprache und niemandem nach dem Mund, ist geistesgegenwärtig, hilft und vermag praktisch jedem zu helfen in vielleicht jeder Angelegenheit. Er hat eine typisch deutsche bzw. arische Volksgestalt und ausgerechnet dieser Mensch muss eine Jude sein, der Jude Fritz Levy, und niemand anders als meine eigene Person. Auch diese meine Behauptung muss nunmehr jeder bestätigen bzw. kann jedem Fremden sofort bewiesen werden.

Des jungen Kontroverseurs Vater war „alter Kämpfer“ und in Paris tätig. Vor kurzem musste ich ihn für die Bundeswehr beleumunden und hob ihn derart in den Klee, dass er Feldwebel werden konnte. Am selben Tage morgens 10 Uhr wurde im Gasthaus debattiert, dass ich am Freitag in Feldhausen den zweiten Preis im Preisskat, eine Woche zuvor in Dose den ersten Preis und am Sonnabend den sechsten Preis erhalten hatte. Ich erzählte, dass ich dabei beseipelt [eingeseift, betrogen] worden wäre, ansonsten ich bei den ersten Preisträgern gewesen sei. Dazu sagte der Händler F.H. hämisch lächelnd, warum ich denn überhaupt hinginge, wo ich unerwünscht wäre. Meine Antwort war, dass ich eben kein arischer Feigling bin und dass es immer nur Terroristen sind, die die Umwelt einschüchtern etc. Tatsächlich ist Skatspielen meine einzige nervenerholende Tätigkeit, inmitten der behördlichen Misshandlung und Lahmlegung praktisch aller bürgerlichen Tätigkeiten. Tatsächlich habe ich hierorts den Ruf als weitaus bester Skatspieler und weitaus größter Preisträger. Es wird mir gegenüber auch nicht ermangelt, dass ich mit Betrug hantiere. Welches ich zynisch damit beantworte, dass es eben eine Kunst sei zu betrügen, ohne dass es jemand merkt. Aber wenn solche Verleumdung seröse Formen annimmt, zerschmettere ich auch diese Lügner mit sachgezielten Worten. Auch fügte ich dem vorigen Händler F.H. noch hinzu, dass in Wirklichkeit ich der beliebteste Mensch sei und bei einer Wahl ich des Landrats Stimmenzahl übertreffen würde. Die Anwesenden guckten betreten und mussten mir wiederum zustimmen. Dem ungläubigen Leser verschweige ich die hiesige, entsprechende Situation aus parlamentarischen Gründen, weil ich auch nur positiv schreiben möchte. Tatsächlich wollte ich im Jahre 1961 als Kandidat an der Stadtratswahl teilnehmen (mir auch vielfach empfohlen), aber die behördlichen Verfolgungen ließen mir weder Zeit noch Ruhe. Zweifelsfrei wäre ich ohne rassische Machenschaften lange genug schon der erkorene Volksführer gewesen. Der Heimat hätte ich als heutiger Eulenspiegel im und als Original gegolten und wäre sicherlich Exportartikel geworden nach allen Winden des Vaterlandes und vielleicht des weiteren Globus, möglicherweise ein nordischer Albert Schweitzer.

Früher bzw. normalerweise wäre ich nicht solch ein Jäger nach Skatpreisen gewesen, aber von meiner Überlegenheit wollte und musste ich allseitig zeigen und beweisen, weil die Gegner keine Mittel unversucht ließen, meine räuberischen Leckerbissen und meine Humanität zu verfälschen, um mit mir es zu machen, wie es im jetzigen Revue-Roman ″Entmündigt″ erzählt wird. [von Heinz Konsalik, in „Revue“ 1961/1962]

Dass ich mit dem privaten Gegner fertig werde, dürfte jedermann klar sein, aber für den Behörden-Popanz gebe ich einige Beispiele: Im November 1961 habe ich mein Auto abgemeldet und bekam vom Finanzamt noch eine Steuerrechnung über 24,– DM. Ich versuchte einen Erlass und wider Erwarten gab mir ein Beamter einen Hinweis und ließ mich entsprechend unterschreiben. Ich bekam ein Schreiben für Zeugen meiner Angaben. Dieses überbrachte ich mit zeuglichen Unterschriften. Ein neuer Beamter wollte nun, dass ich die Namen notarialieren [notariell beglaubigen] lassen sollte. Ich merkte selbstverständlich, dass ich wieder verschaukelt werden sollte, und ein anderer Beamter wollte mit seiner vorherigen, absoluten Ablehnung keine Steine aus seiner Krone verlieren. Es wurden sogar noch die üblichen „judenfreundlichen″ Worte gesprochen, doch ich wusste mein Testament und so wurde der vierundzwanzig DM-Feldzug doch von mir gewonnen. In dieser Kontroverse wollte der Beamte mich mit dem Worte ″Sachte!″ beeindrucken, was ich aber auf seine Person zurückwies, und auch einem anderen, schon ganz auf mich eingestellten Beamten zeigte ich meinen Kursus und so musste mein Gegner einlenken. Nach meinem Erfolg verschlug es mir doch wieder die Sprache mit seiner Behauptung seines alleinigen Verdienstes dafür.

Ich bringe noch einige bittere Beispiele: Ich war gehalten, meine behördlichen Gegner wie rohe Eier zu behandeln – im Gegensatz zu mir, ihrem Schuhabputzer. Auch bei der Stadtbehörde in Jever war ich sehr darauf bedacht, jede Gelegenheit zu vermeiden für ein Lex Levy (1933 Lex Lubbe). Das von der Stadt Jever mir erteilte Rathausverbot wäre von diesen noch gerne nachträglich legitimiert worden. [Lex Lubbe – umgangssprachlich für das „Gesetz über Verhängung und Vollzug der Todesstrafe“ vom 29.3.1933, das gegen den Rechtgrundsatz nulla poena sine lege für den mutmaßlichen Reichstagsbrandstifer Marinus von der Lubbe beschlossen wurde.]

Nun beginne ich mit einer witzigen Sache betreffs der Stadt Jever. Der Jever-Behörde-Zwangsvollstrecker kam zu mir mit einer Vollstreckung, wo ich ihm sagte, dass ich die Sache schon mit seinem Chef abgefertigt hatte. Selbstverständlich wollte er es nicht glauben und wir gingen zum Telefon und ich sagte zum Stadtdirektor, dass sein junger Mann … Hier fiel der Stadtdirektor mir in die Rede, dass der Beamte kein junger Mann, sondern ein 25 Jahre bewährter Mann wäre. Ich lachte nur innerlich und entschuldigte mich noch und meine Angaben wurden auch bestätigt. Ich habe hier einzuschalten, dass Personennamen ich durchweg gar nicht im Kopf habe. 1. weil ich in Gedanken zu sehr bei der Sache bin und 2. weil mein zwölfjähriger Aufenthalt in heißer Zone mich auch alte Bekannte namentlich fremd werden ließ.

Eine Zeit später kam ich in das Zimmer des zweiten Stadtbeamten G., an dessen Seite eben derselbe Zwangsvollzieher saß. Diesen sprach ich an mit „junger Mann“. Worauf der G. mich räsonnierte [beschimpfte]. Dazu gab ich ihm klar und deutlich zu verstehen, dass mein persönliches Verhältnis zu dem Zwangsvollstrecker niemand anders anginge als uns beide ganz alleine usw. Janssen, der Zwangsvollstrecker, war jedes Mal amüsiert und es gab manchmal auch bei anderen Zuhörern Gelegenheit zum Lachen. Die Gegner haben Freibrief für Alles und Jedes und unsereiner für das Gegenteil.

Eines Tages komme ich in das Büro des jeverschen Bauingenieurs J. und ich sehe das Zimmer voller Menschen. Sofort drehte ich mich um und hörte beim Weggehen noch gerade das Wort dieses Herrn J.: „Mach, dass du rauskommst!“ Solche Worte besagen im Allgemeinen gar nichts, aber ich war die nächste Zeit besonders auf der Hut und war bedachtsam wie ein Einbrecher. Einige Zeit später kam es auch bei einer an sich selbstverständlichen, ruhigen Begegnung mit dem Stadtinspektor M., dass dieser mich anlächelte und mir zynisch wohlgelaunt sagte :“Du bist ja kürzlich rausgeschmissen worden″ . Er war voller Erwartung, dass ich zerknirschen würde. Daraufhin gab ich zur Antwort, dass der Rausschmeißer J. ganz recht getan hätte, er wäre wenigstens ehrlich gewesen, einen Verbrecher rauszuschmeißen, denn einen größeren Verbrecher wie mich kann es ja gar nicht geben, weil ich zu Land und Leuten zurückgekehrt sei, wo und die meine Verwandten ermordet hätten. Ich halte es auch noch für erwähnenswert, dass dieser ″Rausschmeißer″ J. zuvor hin und wieder und nach diesem Vorfall bei jeder Wirtshausbegegnung jetzt mehr denn je einen ausgab, zumindest Doornkaat und Zigarre.

10.März 1962 Abends am diesem Tage, etwa 21 Uhr bis 24:30 Uhr, war ich inmitten zahlreichen Publikums, eine Zeit lang wurde Skat gespielt, etwa gegen 23 Uhr begann ein Herr A. wieder mit seinen Touren: „Fritz Levy, wir müssen arbeiten und du kannst leben von unserem Geld″. Ich gab selbstverständlich alles zu und die antisemitische Politik ging weiter und diesem Startschuss wurde sich mehr und mehr angeschlossen. Selbstverständlich ließ ich mich nicht provozieren auch bei immer idiotischeren und verbrecherischen Angriffen. Auch irgendeine Schwäche ließ ich mir nimmer merken und durfte ich auch in keinster Weise zeigen. Ich vergleiche die Situation mit einem Rudel von Haifischen, die ihren Artgenossen schon bei winziger Verletzung und Blutgeruch blutrünstig werden und ihn zerreißen. Ziemlich zu guter Letzt wurde mir die Frage vorgelegt, was ich täte wenn ich eine Peitsche in der Hand hätte. Es bedarf wohl keiner Frage, dass solche Frage Unsinn und unbeantwortbar ist. Ich wollte mich damit ausreden, dass ich nie einen Stock oder derartiges bei mir hätte, da ich befürchtete, dass mir der Stock fortgenommen würde und ich Schläge damit bekäme. Die menschlichen Haifische waren mit dieser Antwort nicht zufrieden und wollten weiter wissen, was ich mit einer Peitsche täte, wenn ich sie zur Hand hätte. Nun fand ich doch die Antwort und sagte ihnen, dass ich die Peitsche dem ins Gesicht schlüge, dem ich sie weggenommen hätte und wiederholte dieses Wort ein paar Mal. Es sei noch hinzugefügt, dass die teilweise bulligen Rassisten mich provozieren wollten und bei von ihnen erwarteter Antwort beleidigt getan hätten, um damit körperlich gewalttätig zu werden. Ich habe auch noch hinzuzufügen, dass einer aus der Arena, der schon öfter an mir gescheitert war, schließlich an meine Seite trat mit „Levy, ich halte zu dir″. Und wir beide trinken einen zusammen und er bestellte eine Lage nach der anderen für uns beide. Noch jemand lockerte sich in der Front und ich bin taktisch klug genug, alles für mich auszuwerten.

Den diesem Aufsatz gegebenen zweiten Titel als des „größten Nazidompteurs“ halte ich mit diesen Tatberichten für weitaus genug gegeben.

Aus der Vielzahl noch sonstiger Fälle füge ich das erst kürzlich ereignete Erlebnis hinzu. Etwa 10 Uhr morgens im von mir am meisten besuchten Gasthaus sagte mir die Wirtin angesichts etlicher Gäste: „Dein kleiner Hund hat es aber schlecht. Um halb 7 Uhr ist er schon zum Bahnhof gelaufen. Wie schäbig behandelst du deinen Hund!″ Diese praktisch nicht zu beantwortende , abstrakte Lüge steht im Raum und wie zu widerlegen zusätzlich der besonderen nazistischen Atmosphäre? Dieser an sich irrealen Verleumdung entgegnete ich nach einigen beklemmenden Sekunden: „Wenn jeder Mensch es so gut hätte, wie mein kleiner Hund, dann hätten wir ein Paradies″. Dies ist eine hiesige, anerkannte Tatsache. Ich hatte mich wieder balanciert und wie üblich begann auch die Wirtin wieder mit Schmusen und machte eine Kehrtwendung wie alle dieses Typs um 180 Grad. Diese Begebenheit ist ein neuer Beweis für meine Qualifizierung eines Friedensnobelpreises.

Fritz Levy

Schlosserstr. 25 28. März 1962

Stadtbehörde Jever ./. Fritz Levy

Ausdrücklich betone ich, dass dieses Rathausverbot vom 15. Mai 1957 für die Amtsgerichte und Landgerichte in Jever und Oldenburg ausreichte, dass ich die Prozesse der Stadt Jever gegen mich gewann. Diese überflüssigen naziartigen Prozesse haben aber nur mich genug Zeit, Geld und Nerven gekostet.

Im Herbst – Winter desselben Jahres 1957 vernichtete die Stadtbehörde durch Verfügung meinen Betriebswiederaufbau, welche nach Ablehnung durch die Stadtbehörde Jever vom Kreisamt genehmigt worden war. Diese Obstruktion verstieß gegen die soeben gewonnenen rechtskräftigen Gerichtsbeschlüsse. Der Wiederaufbau beinhaltete eine neue Wohnung, deren ich früher schon etliche produziert hatte, besonders interessant deswegen, weil mein spezifizierter Gegner das Wohnungsamt war. Diese Gestapo übertreffende Verfügung konnte ich erst nach über zweijährigem Kampf außer Kraft gesetzt bekommen. Aber nur mich hat es wieder 1000,– DM, Zeit und Nerven gekostet und für den Betriebswiederaufbau ist mir der finanzielle und moralische Atem ausgegangen. Diese Rechtsbeschlüsse missachtenden Handlungen habe ich in einem neuen Prozess vor dem Verwaltungsgericht in Oldenburg schriftsätzlich zu den Akten gegeben und blieben unwidersprochen. Dieser genannte Prozess endete durch Vergleich, welcher wiederum von der Stadt Jever vergewaltigt wurde.

– – – – – – –

Entschädigungsbehörde ./. Fritz Levy

Dieselbe obige Behandlungsweise bzw. noch schlimmer verfolgte mich die EB. Meine mit der EB ab 1957 laufenden und von mir gewonnenen Prozesse hat sie ebenfalls Gestapo übertreffend und rechtswidrig vergewaltigt. Ebenfalls 1957 auferlegte mir die EB ein Sperrkonto eigenen Geldes rechts- und moralwidrig, weswegen ich Vieh und andere Sachen notverkaufen musste, und somit hat die EB meinen eben begonnenen Viehbetrieb zum wiederholten Male vernichtet. Eines ihrer „Kampf″-Mittel war ihre Nazi-Sippenhaft übertreffende Geißel- Haftung der letzten Verwandten, meiner beiden Nichten im Ausland. Dabei musste ich noch als erbfressender böser Onkel gelten mit neuer Aufspaltung der letzten unserer Familie. Wären mir diese Dinge unterlaufen, so kann sich jeder die Folgen denken bzw. ich wäre der größte Gehirnwäscher. Trotz rechtsgültiger Beweise aller meiner Angaben hat die EB ihre 10jährige Praxis fortgesetzt und mit falschen Feststellungen operiert in Irreführung der Umwelt und Missbrauch ihrer Amtsgewalt. Auch 1000jährig wurden rechtsgültig freigesprochene Menschen gestaponiert. Alle meine Angaben werden von der Wirklichkeit weit übertroffen und ich gebe gerne Belohnung demjenigen, der mir die Anerkennung als Kriegsverbrecher besorgen kann, damit ich auf Staatskosten und in bestimmter Frist die Nazimühle und die unbewältigte Vergangenheit für mich überwältigen kann.

Allen in meinen Memoiren angeführten Widersachern bin ich nicht nachtragend und könnte sogar wissenschaftlich dankbar sein für ihren Beitrag zur Herauskristallisierung von Humanitätspropaganda bei jedermann. Allen meinen, ich glaube, zahlreichen Freunden erkläre ich meinen persönlichen Dank. Aber auch würde ich mich sehr freuen, wenn ich anderswo Beschäftigung, Ferienaufenthalt oder sogar Asyl bzw. neue Wahlheimat angeboten erhielte.

[Die obigen Abrechnungen mit den Behörden hat Fritz Levy auch unabhängig von der „Chronik eines Heimkehrers“ und sehr häufig als Flugblatt in Umlauf gebracht.]

Teil V. [Ein Teil IV. liegt dem Herausgeber nicht vor.]

2. April 1962 Einer der weitaus gefährlichsten aller hiesigen nazihintergründigen Terroristen ist der zugezogene Pensionär und DRP-Stadtratskandidat R. In meinem hauptsächlichen Gasthaus ist er täglicher Gast und trotz aller Aufklärung sind seine Redensarten noch gestern, dem 2. April 1962 : „Fritz Levy strengt sich an ein Deutscher zu sein und wollen wir ihn nicht etwas aufnehmen und ihn probieren ?″ Weiter sind seine Steckenpferde Rudolf Heß und Eichmann, die doch unschuldig seien usw., und der ganze Gästechor stimmt bei, wenn auch dieselben Leute zu anderer Zeit bei anderer Situation das Gegenteil bekunden. Auch ich gehöre schließlich zum Chor, welche Heß und Eichmann für unschuldig zu erklären haben. Ansonsten ist es meine wohlweisliche Taktik, eine Stellungnahme abzulehnen, um nicht doch Gunst und launengemäß nazipöbelhaft verdreht zu werden. Meine stichhaltigste Erwiderung ist durchweg, dass ich zu sehr persönlich interessiert wäre, weil ich selber noch nicht entnazifiziert sei und ich selber gern den Status eines Kriegsverbrechers besitzen möchte, um aus dieser Mühle einmal endlich herauszukommen. Mancher und zuletzt ein Studienrat K. (sein Büro ist voller Bücher wie „Waffenring“ usw.) meinte ironisch, dass ich ja nie entnazifiziert werden brauche und ebenso wenig Kriegsverbrecher sein könnte. Ja, sagte ich ihm, dass es eben mein großes Unglück sei, nicht ein Kriegsverbrecher sein zu können. De jure kann ich leider keiner sein, aber de facto habe ich es weitaus schwieriger als ein Kriegsverbrecher. Obiger Pensionär ist Hahn im Korb hierorts bei praktisch jedermann, inklusive der Prominenz. [Gemeint ist Studienrat Julius Krauß, 1888 – 1978, Leiter der NS-Kulturgemeinde Jever, seit 1962 Ehren-Kirchenältester.]

Heute, 3.April 62, kam ich wiederum mit ihm in eine längere Debatte, wo ich auch noch einen Doornkaat für ihn bezahlte und seine Ausdrücke sich wiederholten mit den Worten „wir Deutsche“, wo ich nochmals sagte, dass er nur für sich sprechen könne, und ich wiederholte, dass genug auch seiner „Wir-Deutschen″ mich bei einer Stimmabgabe wählen würden und ich mehr Stimmen bekommen würde als der gewesene Bürgermeister und heutige Landrat [Johann Albers, 1890 – 1964] und meine Wette deswegen jederzeit Geltung hat. Auch sagte ich schon hin und wieder meine Meinung dahingehend, dass beim Hitlerismus oder Nazismus das Problem gar kein Judenproblem gewesen sei, sondern dass es ein reines Mordsystem war und so jede Gemeinschaft und jeder Mensch ermordet zu werden der Fall war und alles möglich war. Ich rekapitulierte an all die arischen Kommunisten, Bibelforscher und Christen aller Richtungen, an die Generäle Fritzsch, Udet, Rommel und die Offiziere vom 20. Juli 1944, wo ich auch gestern einen sich nach dem Wind drehenden hiesigen Schlachtermeister darauf verwies, dass diese 20.- Juli- Nazigegner am Fleischerhaken ihr Leben lassen mussten. Auch Göring stand bekanntlich auf der Abschussliste. Die Juden waren nur die ersten Lockvögel, welche wie beim Hunderennen als elektrische Hasen verbraucht wurden. Schließlich konnte Jeder und Jedes zu Beute geködert werden. Wie ich nun riskierte, diesen Pensionär als Fibelforscher hinzustellen und auch sagte, dass ich es bei seinem Alter verstehen könne, sich nicht mehr umstellen zu können, kam er mit den „Haltet-den- Dieb″- Worten. Er hätte schon oft gehört, dass man bei Levy vorsichtig sein müsse, weil ich jeden denunzieren würde etc. Ich drang noch in ihn, er solle mir irgendjemand nennen, von dem er dies gehört hätte. Er konnte selbstverständlich niemand nennen, weil es eine größere Lüge gar nicht gibt und seine Lügen reine Gräuelpropaganda sind. Aber die ganze Wahrheit zu sagen, konnte ich auch noch nicht riskieren, die für mich in der Tatsache liegt, dass er selber der größte hiesige naziprovozierende Denunziant ist. Diese Tatsache ist hier bekannt und der Leute Hörigkeit ist deshalb nur noch größer und umfassender. Auch diese Tage kam die Rede auf einen Dr. Hempel, Jahrzehnte langer Studienrat in Jever. [Dr. Oskar Hempel, 1884 Tannenbergstal, Sachsen – 1953 Jever; führende antisemitische Kraft in Jever seit 1919] Auch dieser Nazilüstling war ein zugezogener Einwohner und diesem Pensionär ähnlich. Der Nazipensionär stellte die Frage, ob dieser Dr. Hempel ein guter Mensch gewesen sei. Ich hörte wohl seine verdächtige Tonart und wider sein Erwarten sagte ich, dass dieser Dr. Hempel ein Lump gewesen sei, dass dieser z.B. vor etwa 35 Jahren in einer Zeitungsreportage Landleute, die ihm bei einem Autounfall geholfen und ihn mit Tee und was sie anzubieten hatten, beköstigt hatten, derart diffamiert hatte, dass auch seine persönlichen politischen Freunde von der hiesigen hochburglichen Nazizeitung [gemeint ist das „Jeversche Wochenblatt“] von ihm abrücken mussten. Der Nazipensionär ließ das Thema fallen. Dieser Dr. Hempel war hier mit einer Gutsbesitzerstochter verheiratet und wurde mit der Zeit Gutsbesitzer. Anfang der Jahre 1940 wurde er nach Königsberg oder Schlesien [Hempel kam 1942 nach Bunzlau, Niederschlesien] versetzt, was ich im Moment nicht genau weiß, von wo aus er 1945 zurückkam. Ziemlich zugleich wurde er Flüchtlingsleiter [Beauftragter für die Heimatvertriebenen im Jeverland] und damit zugleich war diese Schlüsselposition in Nazihänden. Als einer der am Tausendjährigen Reich Schuldigen wurde dieser sofort Nutznießer des eigenen Komplotts und Zusammenbruchs. Er bekam sofort seine dicke Pension als Studienrat, hatte seinen Gutsbesitz und als Flüchtling Nr. 1 – „An der Quelle saß der Knabe″. [Anfang des Gedichts „Der Jüngling am Bache“ von Friedrich Schiller]

Auch unser 1933 nazieingesetzter Bürgermeister [Martin Folkerts, Eintritt in die NSADP 1929, Bürgermeister ab 1935] erhielt nach 1945 bald genug Pension, während der 1945/46 notgebrauchte Bürgermeister Hermann Klüsener 1955 elendig verreckte nach jahrelanger Agonie. Auch seine Lippen konnte er zum Sprechen nicht mehr bewegen. Sei jüdische Frau, Hebamme und Krankenschwester, wurde 1945 im Februar geselbstmordet, während Klüsener in Gleiwitz im Zwangslager war. [Helene Klüsener, geb. Schwabe, geb. 1895, tötete sich am 9. Febr. 1945 in Jever vor der Deportation nach Theresienstadt; der Witwer war kurze Zeit von den Briten eingesetzter Bürgermeister]

Mit diesem vorgenannten Pensionär und Schergen R. muss ich also versuchen auszukommen, wie im Gefängnis oder KZ. Es gibt nichts, was dieser Scherge nicht versucht, mir zu verdrehen. So eines Montags (Viehablieferung) war ich in der betreffenden Wirtschaft, auch in Gegenwart zahlreicher Jungbauern. Es kam das harmlose Wort: „Fritz, wie geht es dir, du hast es wohl nicht mehr nötig zu handeln ? Du kriegst ja Geld genug.″ – Darauf sagte ich: „Es hat eben jeder seinen Grünen Plan.″ [Förderprogramm der 1950er Jahre für die Agrarwirtschaft] Ein jeder war nun auch zufrieden, nur dieser Pensionär musste provozieren und sagte, zu mir gewandt: „Was haben die Bauern wieder verbrochen etc. ?″ – Worauf ich erklärte: „Von Verbrechen der Bauern sprichst nur du und nicht ich.″ Die Bauern und die Juden machen bald zusammen Revolution und diese Revolte können wir nur gewinnen, weil dagegen niemand ankann, gegen Kapital und Arbeit! Alle lachten gewaltig außer diesem Nazigiftspritzer. Mein Tischnachbar und wirklicher Freund, der Bauer I. Janßen aus Berg bei Jever, lud mich ein zu Bier, Doornkaat und Zigarre. Der ebenfalls anwesende Jungbauer Taddicks, seine Frau und beinah jeder in dieser Gegend sind mir befreundet und sie bedauern ehrlich, dass ich als Handelsmann so runtergekommen bin.

Dieser Nazipensionär hatte ebenfalls dieser Tage mit dem Arbeiter T. eine Debatte, wobei er eines seiner Steckenpferde herausstellte, dass die Deutschen sauber bleiben müssten und Umgang mit Negern bestraft werden müsste. Dazu sagte dieser Arbeiter, er sollte mit so etwas nicht immer wieder anfangen, und so etwas wäre eine Privatangelegenheit.

Ich konnte nicht unterlassen, auf einen Dr. A. hinzuweisen der tausendjährig ein Übernazi war, ein holländischer Landfremder, jahrelang nach 1945 einen anderen Namen trug und bis heute sein Vaterland nicht betreten darf als Landesverräter und mutmaßlicher Kriegsverbrecher. Er gehört jetzt zur hiesigen Naziprominenz und in der Zeitung erscheint sein Bild als Reiterpreisträger. Dieses Mussert-Rassisten Tochter ist geschieden und ihr langjähriger Freund war ein Neger. [Anton Adriaan Mussert, 1894 – 1946, führender Nationalsozialist der Niederlande] Dies weiß hier ein jeder. Ich sagte dem pensionierten Rassisten, dass er seinen Parteifreund nach seiner Rede schneiden müsste und was er wohl täte, wenn seine Tochter dasselbe täte. Er wandte sich wie ein Wurm etc. Nun mag manch einer denken oder sagen, warum ich denn überhaupt in solche unpassenden Gastwirtschaften hineinginge. So deshalb, weil auch ich nur ein Mensch bin und man sogar froh sein sollte, dass ich dem Terror trotze und der Demokratie unbezahlten und schwerverdienten Dienst erweise ohne Aussicht auf ein Verdienstkreuz und eher sogar auf das Gegenteil. Meine Zeit muss ich irgendwo totschlagen, wo die Behörden wiederholt und schließlich endgültig und dazu in Missachtung meiner gewonnenen Prozesse mir jegliche Tätigkeit lahmgelegt haben. Wenn ich einmal versuche, als Autofahrer irgendwo anzukommen, so lacht mich jeder aus, da keiner glauben kann, dass ich sowas nötig hätte, und dann riskiert hier ja wohl auch niemand, einen Juden in seinen Betrieb zu nehmen. Auch als Viehtreiber habe ich mich schon vergebens bemüht. Oft genug werde ich in der Wirtschaft darauf hingewiesen, dass ich ohne Verzehr doch nicht in der Wirtschaft sitzen könne. Dann antworte ich diesem, er brauche nur zu bestellen, und wenn einer behauptet, dass ich nicht trinke, so sage ich auch diesem, er könne es ja mal probieren und für mich eine Lage bestellen. Hier schalte ich noch eine Episode mit dem wechselstromigen Viehändler F.H. ein. Dieser wirft den Juden antisemitischer Weise vor, dass die Juden wohl gut essen, aber überhaupt nicht trinken und es einen betrunkenen Juden nicht gäbe. Der Einwand des Wirtes und auch meines Hinweises, dass der Wirt mit [unleserlich] und Alfred Weinstein [… Ende der Textvorlage]