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Zetel: Die in Auschwitz ermordete Sinti-Familie Frank

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       Opfer des Porajmos aus Zetel

  • Margaretha Frank geb. 10.9.1898 in Zuch, Pommern – gest. 18.6.1943 in Auschwitz
  • Georg Frank geb. 20.7.1906 in Conradswalde, Westpr. – gest. 19.10. 1943 in Auschwitz
  • Frieda Frank geb. 10.3.1929 in Rosenberg, Westpr. – gest. 1943/1944 in Auschwitz
  • Ella Frank geb. 3.7.1930 in Rosenberg, Westpr. – gest. 1943/1944 in Auschwitz
  • Hans Frank geb. 12.1.1933 in Rosenberg, Westpr. – gest. 1943/1944 in Auschwitz
  • Otto Frank geb. 25.1.1934 in Rosenberg, Westpr. – gest. 1943/1944 in Auschwitz
  • Ursula Anna Frank geb. 15.12.1935 in Leer – gest. 1943/1944 in Auschwitz
  • Angela Frank geb. 18.10.1938 in Burlage b. Leer – gest. 28.3.1943 in Auschwitz

weitere Informationen:

„Hauptbücher“ des „Zigeunerfamilienlagers“ von Auschwitz-Birkenau, die wichtige Informationen über die Franks aus Zetel enthalten. Quelle: Staatl. Museum Auschwitz

Von Hartmut Peters

Nach einer ganzen Reihe von unterdrückerischen Maßnahmen bis hin zur Verschleppung in Konzentrationlager, die z.T. schon vor 1933 bestehende staatliche Praktiken fortführten, verfügte am 8. Dezember 1938 der Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei Himmler die vollständige polizeiliche Erfassung der Sinti in NS-Deutschland. Im Februar 1939 füllten in Bremen und im Land Oldenburg die Ortspolizeistellen auf Anweisung der Kriminalleitstelle Bremen die Fragebögen aus. Kinder noch ohne eigene Ausweispapiere wurden erkennungsdienstlich behandelt. Das Ziel war die „restlose Erfassung der Zigeuner“ und auch der Personen, „die vermutlich von Zigeunern abstammen oder bei der Bevölkerung als Zigeuner gelten.“ (LA OL, Best. 231-2A, Nr. 132; zit. n. Hesse, 239) Die Maßnahme traf sowohl die Sinti mit festem Wohnsitz als auch die Handels- oder Schaustellerfamilien, deren Reiserouten ebenfalls zu dokumentieren waren. Im Oktober 1939 folgte dann die sog. „Festsetzung“, nach der die ansässigen Sinti ihre Wohnortgemeinde nicht mehr verlassen durften und gleichzeitig jegliche Reisetätigkeit verboten wurde.

Georg Frank und seine Tochter Ella bei einer Artistennummer, ca. 1938

Die Familie Georg und Margaretha (Grete) Frank zog nach dem Kriegsbeginn im September 1939 von Wilhelmshaven nach Bohlenberge in der damaligen Gemeinde Friesische Wehde, weil die Marinestadt von englischen Bombern bedroht wurde.  Dort wurde sie im Oktober 1939  „festgesetzt.“ Alle Mitglieder der ursprünglich aus dem Westpreußischen stammenden und 1935 nach Ostfriesland gekommenen  Familie besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit. Die beiden jüngsten Kinder wurden 1935 und 1938 in Leer bzw. Burlage geboren. In Meldekarteien wird Georg Frank „Schausteller“ und „Artist“ genannt (z.B. Gemeindearchiv Zetel; zit. n. Hesse 287) Im Sommerhalbjahr ging die Familie von Leer aus auf Reise und zeitweilig hielten sich die Franks auch in Jever auf. Am 16. September 1935 schrieb das „Jeversche Wochenblatt“ über  sich in Jever kurzfristig aufhaltende Sinti: „Das Zigeunervolk hat es bisher immer verstanden, jeder Arbeit aus dem Wege zu gehen. Man möge es dahin verfrachten, wo keine Arbeit mehr nötig ist.“ Es ist ungewiss, ob es sich hier um die Franks gehandelt hat.  Im Dezember 1938 zog der Familienverband Frank, zu dem auch weitere Sinti gehörten, von Leer, Stellplatz Heisfelder Staße, nach Wilhelmshaven um, wo er beim Schützenhof den Stellplatz hatte.  Schon vor der eigentlichen Festsetzung pressten die zunehmenden sozialen und staatlichen Repressionen gegen die Sinti diese zunehmend in die Sesshaftigkeit und damit in eine größere staatliche Verfügbarkeit. Gleichfalls wurde hiermit die öffentliche Wahrnehmung dieser sehr kleinen Minderheit verringert.   Georg Frank arbeitete nun ab 1939 in einer Bohlenberger Kiesgrube, seine Frau in einer Gärtnerei, ein Sohn bei einem Bauern und die Tochter Margot in einer Vareler Schuhfabrik. Die anderen Kinder besuchten die Schule, solange das Sintis erlaubt war. Das einzige Vermögen bestand aus zwei kleinen Wohnwagen, die  auf dem Hofgelände des Landwirts Johann Haschen in Bohlenberge an der Horster Straße, heutige Straßennummer 39, standen. Ein Zirkuszelt war zu diesem Zeitpunkt nicht oder nicht mehr im Besitz, die Manege wurde im Freien aufgebaut.

Die Einträge zu Grete Frank und ihren Töchtern im "Hauptbuch Frauen" des "Zigeunerfamilienlagers" Auschwitz-Birkenau (Archiv Auschwitz)

Die Einträge zu Grete Frank und ihren Töchtern im „Hauptbuch Frauen“ des „Zigeunerfamilienlagers“ Auschwitz-Birkenau (Archiv Auschwitz)

Der sich mehr und mehr ausprägende Wille der nationalsozialistischen Machthaber, die „Zigeuner“ zu vernichten, widersprach dem Kern der eigenen „Rassenlehre“ von der angeblichen Überlegenheit der „arischen Rasse“.  Denn die Sprache der Sinti und Roma führt nachweislich auf eine indo-germanische Sanskrit-Variante im „kernarischen“ Siedlungsgebiet Indien zurück. Der nationalsozialistische Rassismus hatte zunächst Anpassungsschwierigkeiten, die als bloß absurd zu kennzeichnen den schließlich auch in der  zurechtgebogenen Theorie begründeten Massenmord verharmlosen würde. Man konnte hilfreicherweise auf jahrhundertelange Vorbehalte und Diskriminierungen, die auch heute längst  nicht vollständig abgebaut sind, zurückgreifen und erfassungstechnische Vorarbeiten staatlicher Stellen aus der Weimarer Demokratie in das flugs konstruierte Wahnsystem integrieren. Im Zusammenhang dieser hier nur skizzierten Debatte unter Rassisten wurden jetzt alle „Zigeuner“ im Reichsgebiet von der „Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle“ (RHF) in Berlin in einem „Zigeunersippenarchiv“ erfasst und individuell begutachtet. Die „Gutachterliche Äußerung Nr. 15 341“ lautete: „Auf Grund der Unterlagen, die sich in dem Zigeunersippenarchiv befinden, hat nach den bisher durchgeführten rassenkundlichen Sippenuntersuchungen Frank, Georg […] als Zigeunermischling (-) zu gelten.“ (zit. n. Hesse, 266 f.) Für diese Einstufung zeichnete Dr. Robert Ritter (1901 – 1951), der Leiter der RHF und hauptverantwortliche Vordenker und Mittäter des Porajmos, verantwortlich. Ritter unterschied 28 Klassifikationen von „Mischlingen“, die nach seiner Auffassung etwa 90 Prozent der Gesamtgruppe  „Zigeuner“ ausmachten. „Untersuchungen“ von Georg Frank fanden in den Gesundheitsämtern von Leer (1936) und vielleicht Jever (1942) statt. In der Logik des Chef-Rassehygienikers konnten nicht die sog. „stammechten“ (d.h. „arischen“) Zigeuner das Problem sein, sondern man konstruierte eigens eine angeblich sich im Laufe der „Wanderungen“ seit Indien herausgebildet habende soziale Kaste von „Mischlingen“. Diese wurde, egal was die Wirklichkeit hergab, unter Schürung bestehender Vorurteile als „kriminell“, „asozial“ und „gemeinschaftsfremd“ stigmatisiert, um sie dem NS-Terrorapparat zuzuführen. In der Wirklichkeit der Deportation und Vernichtung ab 1941/43 spielten die  Unterscheidungen zwischen „Stammechten“ und „Mischlingen“ dann allerdings keine wirkliche Rolle mehr.

"wohnhaft Bohlenberge" - Sterbeurkunde für das Kind Angela Frank, die auf "Anzeige des ersten Doktor der Medizin Adolf in Auschwitz" zwei Monate nach dem Tod ausgestellt wurde. Mörderische Menschenverachtung oder verborgene Botschaft? (Archiv Auschwitz)

„wohnhaft Bohlenberge“ – Todesurkunde für  Angela Frank,  ausgestellt auf „Anzeige des ersten Doktor der Medizin Adolf in Auschwitz“ Monate nach dem Tod. Benno Adolph war der Vorgänger von Josef Mengele. (Archiv Auschwitz)

Auf der Basis des sog. „Auschwitz-Erlasses“ Himmlers vom 16. Dezember 1942 verhaftete am 8. März 1943 die Kriminalpolizei in Zetel-Bohlenberge die hier mittlerweile  seit dreieinhalb Jahren lebende Familie Frank. Der im Jahre 1906 geborene Georg Frank, seine 1898 geborene Frau Margaretha (Grete) Frank und ihre sechs gemeinsamen Kinder Hans, Otto, Ella, Frieda, Ursula und Angela im Alter zwischen dreizehn und vier Jahren wurden nach einer Zwischenhaft in Oldenburg von Bremen aus zusammen mit den anderen Verschleppten aus Nordwestdeutschland innerhalb einer Woche nach Auschwitz deportiert. Genauso widerfuhr es der Tochter Margot (geb. 1924 in Berlin) aus der ersten Lebenspartnerschaft von Margaretha Frank, die den Familiennamen Franz trug und in einer Vareler Schuhfabrik arbeitete.  Ihr Bruder Anton Franz (geb. 1927 in Wildenbruch),  ebenfalls aus der ersten Lebenspartnerschaft, befand sich zum Zeitpunkt des Zugriffs in einer Strafhaft. Der Sechszehnjährige  hatte kurz zuvor bei einem Bauern in der Nachbarschaft aus Hunger ein Stück Schinken  gestohlen.  Die Deportationswaggons wurden auf dem Gelände des Bremer Schlachthofs (heute Kulturzentrum „Schlachthof“) zusammengestellt und zumindest zum Teil planmäßigen Zügen angehängt. Die Deportationen verließen Bremen frühmorgens über das Gleis des ehemaligen Auswandererbahnhofs an der Rückfront des Lloyd-Gebäudes, ganz in der Nähe des heutigen Gleis 10 des Bremer Hauptbahnhofs (Hesse 285). Insgesamt drei Deportationen sind bekannt, die erste startete bereits am 9. März, die letzte erreichte Auschwitz am 14. März 1943. Es ist wahrscheinlich, dass die Franks – mit Ausnahme von Anton Franz, der erst einige Zeit später in Auschwitz mit einer höheren „Z“-Nummer tätowiert wurde –   mit diesem Transport dorthin gekommen sind. Wagen und Besitz verblieben in Bohlenberge und wurden teilweise öffentlich versteigert. Die Nachkommen haben dafür niemals eine Entschädigung erhalten.

Übersichtsplan von Auschwitz-Birkenau (Ausschnitt). Mit Blick auf die Krematorien 2 und 3 befand sich das "Zigeunerlager" direkt an der Rampe, auf der die Selektionen stattfanden. (Quelle: Maximilian Dörrbecker)

Übersichtsplan von Auschwitz-Birkenau (Ausschnitt). Mit Blick auf die Krematorien 2 und 3 befand sich das „Zigeunerlager“ direkt an der Rampe, auf der die Selektionen stattfanden. (Quelle: M. Dörrbecker)

Die Familienmitglieder überlebten anschließend unterschiedlich lange im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau, in das die Nationalsozialisten rund 22.600 Sinti und Roma aus dem sogen. „Altreich“ (Deutschland und Österreich) verschleppten. In den Lagerbaracken in unmittelbarer Nähe der späteren Selektionsrampe und der Gaskammern 2 und 3 starben die Menschen an planmäßiger Mangelernährung, Krankheiten und Seuchen und faktisch ohne medizinische Versorgung. Oder sie wurden Opfer von Medizinverbrechen, wie sie Josef Mengele, der sein „Versuchslabor“ im „Zigeunerlager“ eingerichtet hatte, beging. Als sich im Sommer 1944 die SS anschickte, die noch lebenden Einwohner des Lagers in den Gaskammern zu ermorden, vergruben zwei Häftlinge neben einer Baracke Namensverzeichnisse von Insassen. Diese Dokumente konnten nach der Befreiung geborgen werden. Sie sind fast die einzigen Hinweise auf das Schicksal der Mitglieder der Familie Frank / Franz.

Margot und Anton Franz sowie ihr Bruder Erwin (geb. 1925 in Rosenberg, Westpr.), der beim leiblichen Vater in der Nähe von Danzig lebte und von dort deportiert wurde, überlebten das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nur deshalb, weil sie vor der systematischen Vergasung der zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Sinti im Jahre 1944 als „brauchbare“ Arbeitssklaven der SS an verschiedene mit dem NS-Staat verbündete Unternehmen bzw. Konzentrationslager überstellt worden waren  – und dank glücklicher Umstände. Über Erwin ist dokumentiert, dass er vor seiner „Verlegung“ nach Buchenwald in Auschwitz Opfer der menschenverachtenden Bakterien-Experimente des berüchtigten Dr. Mengele wurde.

Todesurkunde für Georg Frank auf „Anzeige des Arztes Doktor der Medizin Mengele in Auschwitz“ (Archiv Auschwitz)

Die von der SS in Auschwitz vergebenen Häftlingsnummern begannen, getrennt nach Geschlechtern, mit Vater bzw. Mutter und ab dann aufwärts nach Alter. Sie wurden auf das Handgelenk tätowiert. Margarete Frank bekam die Nummer Z-3482 („Z“ für „Zigeuner“) und Angela, die jüngste ihrer Töchter, Z-3486. Wer vor der abschließenden Mordaktion von 1944 starb, hinterließ unter Umständen Spuren in einem der Sterbebücher des Standesamts Auschwitz, die nur bruchstückhaft erhalten sind. Angela Frank starb am 28. März 1943 wenige Tage nach ihrer Deportation angeblich an „Angina phlegmonosa“, einer schweren Mandelentzündung, bzw. an deren Nichtbehandlung. Sie wurde keine fünf Jahre alt. Es ist extrem  zweifelhaft, ob die angebenen Diagnosen überhaupt zutreffen, denn die Todesbescheinigungen des an die Mordfabrik angeliederten Standesamts entstanden im Fließbandverfahren und hatten rechtlich die Funktion, auf eventuell vorhandene Vermögenswerte Zugriff zu bekommen. Der Tod der Mutter wird für den 18. Juni 1943 verzeichnet, der Vater starb am 19. Oktober 1943. „Behandelnder“ Arzt des Ehepaars war Mengele. Über die Umstände des Todes ihrer anderen Kinder wissen wir nichts Genaues. Es zu vermuten, dass sie im Sommer 1944, als die Ermordung der ungarischen Juden begann, in die Gaskammer getrieben wurden, falls sie überhaupt solange die extrem schlechten Bedingungen im „Zigeunerfamilienlager“ überlebt haben.

 

 

Die Auschwitz-Überlebende Margot Schwarz geb. Franz. Das Foto entstand ca. 1960 zur Mahnung an die NS-Verbrechen. (Sammlung C. Schwarz)

Margot Schwarz geb. Franz wurde als 18jährige von Zetel-Bohlenberge nach Auschwitz verschleppt. Sie starb 1982 in Oldenburg. (Sammlung G. Heuzeroth)

Margot Schwarz geb. Franz wurde als 18jährige von Zetel-Bohlenberge nach Auschwitz verschleppt. Sie starb 2002 in Oldenburg. (Sammlung G. Heuzeroth)

Günter Heuzeroth führte mit der überlebenden Margot Schwarz, geb. Franz, 1982 in Oldenburg ein Interview: „Nach Angaben von Frau Schwarz waren die meisten Säuglinge und Kinder innerhalb von sechs Wochen nach der Einlieferung tot. Sie waren durch Giftbeimischungen im Essen ermordet worden. Die Mutter von Margot Schwarz, Frau Frank, wurde vor ihren Augen von einem SS-Mann mit dem Gewehr zu Tode geprügelt, weil sie wegen Krankheit nicht zum Zählappell auf dem Hof erschienen war. Margot wollte sich dazwischen werfen, konnte aber gegen die Schläge nichts ausrichten. Während ihrer gesamten Haftzeit in Auschwitz war sie schweren Folterungen ausgesetzt. Wie viele andere Frauen wurde sie zu schweren körperlichen Arbeiten, wie Transport von Bahnschwellen, Ziegelsteinen usw. eingesetzt. Auf dem berüchtigten „Bock“ wurde sie oft mit zehn Schlägen auf den Körper bestraft. Drei Wochen lang verbrachte sie die Nächte, nach getaner Arbeit und unzureichendem Essen, im „Stehbunker“, einem einen Quadratmeter großen Raum mit rauen Wänden und einem Fäkalieneimer in der Mitte, wobei sie mit drei anderen Frauen eingesperrt wurde. Margot Schwarz, auf deren linkem Unterarm immer noch deutlich die Häftlingsnummer „Z-3487“ zu erkennen ist, litt nach der Befreiung 1945 noch jahrelang an Verfolgungsträumen.“ (Heuzeroth, 257)

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Anmerkungen zur Gedenkkultur in Zetel

Zetel war bereits Jahre vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 eine braune Hochburg. Angesehene Bürger gründeten im Oktober 1929 die Ortsgruppe der NSADP, die von Karl Ahlhorn geleitet wurde. Bei den Reichtagswahlen von März 1933 wählten 65,5% der Zeteler die NSDAP. Auch weitere Informationen zeugen von der aktiven Beteiligung Zetels, bzw. der Gemeinde Friesische Wehde, an Aufbau und Etablierung des NS-Terrorregimes. Im Zeteler Rathaus hat jemand damals auf dem Meldebogen der Franks vermerkt: „8.3.1943 festgenommen und in ein Konzentrationslager eingewiesen.“

Das Schicksal der Familie Frank ist in Zetel und Umgebung unter Einwohnern immer bekannt gewesen, zumal die überlebenden Kinder Margot und Anton Franz nach ihrer Befreiung 1947 zeitweilig wieder ihren Wohnsitz in Zetel und Bockhorn nahmen. Seit den Publikationen von G. Heuzeroth und K.-H. Martinß (1986) sowie von H. Hesse und J. Schreiber (1999) ist der Leidensweg dieser acht Zeteler Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes in den grundlegenden Details dokumentiert. Hans Begerow hat ihr Schicksal ab dem Jahre 2007 weiter recherchiert, Kontakte zu Nachkommen aufgenommen und darüber mehrfach in der Nordwest Zeitung berichtet.

Im Dezember 2015 lehnten die politisch Verantwortlichen in Zetel fast einhellig ein öffentliches Denkmal oder eine Hinweistafel auf ihre ermordeten Mitbürger ab. Der Gemeinderat, der eine SPD-Mehrheit aufweist,  beschied Anfang Dezember auch mit den Stimmen von CDU, FDP und UWG einen entsprechenden Antrag der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen negativ.  Dazu liest man  (NWZ v. 3.12.2015) zwei Argumente des Bürgermeisters Heiner Lauxtermann (SPD): „Eine große Mehrheit im Rat wolle keine einzelne Familie herausheben in `Sorge, dass man eine vergisst.´“ Und: Es gebe „ja bereits in Zetel einen zentralen Erinnerungsort für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.“ Beide Argumente wie auch ergänzende Ausführungen des Pressesprechers der Gemeinde gegenüber dieser Internetzeitschrift überzeugen nicht.

Lauxtermann bezieht sich auf eine beschriftete Glastafel, die 2008 das bereits lange bestehende Denkmalsensemble für die Gefallenen der drei Kriege 1870/71, 1914/18 und 1939/45 sowie für die Kriegsgefangenen ergänzte, indes aber der Gemeinde Anlass gab, die eingezäunte Grünfläche von ca. 250 Quadratmetern als „Friedensgarten“ zu bezeichnen. Der Text konstatiert einleitend mit Bezug auf eines der drei Denkmäler sachlich richtig: „Der Friedensgarten ist der Ort mahnenden Gedenkens für die Gefallenen der Weltkriege aus Zetel.“ Es folgen Aufforderungen an den Leser wie bei einer Kranzniederlegung: „Wir gedenken hier aller Opfer von Gewalt und Krieg – der Kinder, Frauen und Männer aller Völker, […]“. Es wird dann ausgeführt, was mit „alle Opfer“ gemeint sei. Es werden gefallene und in der Kriegsgefangenschaft umgekommene Soldaten, zivile Kriegstote, Tote aufgrund der Vertreibungen sowie außerdem Opfer des Rassismus, der Tötung wegen „Krankheit oder Behinderung“, des „Widerstands gegen die Gewaltherrschaft“ und aufgrund von „Überzeugung oder Glauben“ erkennbar. (Zwangsarbeiter, Homosexuelle und „Gemeinschaftsfremde“ fehlen.) Der Nationalsozialismus oder ein zeitlicher Rahmen werden mit keinem Wort deutlich. Am Schluss radikalisiert sich der Appell und erweitert sich thematisch: „Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung und um die Opfer sinnloser Gewalt.“

Die 2008 bei den Kriegerdenkmälern im Friedensgarten Zetel installierte Schrifttafel (Foto H. Peters, 2015)

Die 2008 bei den Kriegerdenkmälern im Friedensgarten Zetel installierte Schrifttafel (Foto H. Peters, 2015)

Die Schriftafel ist ikonographisch kein Mahnmal, sondern die Bekräftigung der Idee des deutschen Volkstrauertags. An diesem Tag spielt sie in Zetel nach dem Gottesdienst eine wichtige Rolle (vgl.“Volkstrauertag: Kranzniederlegung im Friedengarten“, NWZ v. 18.11.2013) und wird dieser Aufgabe sicherlich gerecht. Erinnerung und damit der Anlass, in freier Entscheidung zu gedenken oder auch nicht zu gedenken und eventuell sogar im Einzelfall auch zu „trauern“, was eine persönliche Beziehung voraussetzt, sind aber immer konkret. Und genau das verhindert die Tafel mit ihrer inhaltlichen Beliebigkeit und ihrem vereinnahmenden  Sprachduktus.  Positiv gesehen, handelt es sich um die Aufforderung, Denkmäler zusätzlich zu den im „Friedensgarten“ schon bestehenden zu errichten, um den von Bürgermeister Lauxtermann behaupteten „zentralen Erinnerungsort“ zukünftig erst zu schaffen.

Problematisch für die politische Bildung ist, dass über die Formel „alle Opfer“ Ursachen, Verantwortlichkeiten und Folgen der von Deutschland ausgehenden Katastrophe des 20. Jahrhunderts nicht sichtbar werden. Die Erinnerung an die Toten des Krieges mit den Opfern der Nationalsozialismus irgendwie zu verbinden, erinnert an den bundesrepublikanischen Gedenkstandard der Adenauer-Ära, in der die Verbrechen des Nationalsozialismus kaum vergangen und viele Täter, Hochbelastete und Mitläufer fest in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft integriert waren. In der Folge von Willy Brandts Warschau-Besuch von 1970 und der Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestags des Kriegsendes hat sich in den Jahrzehnten seitdem jedoch der operative Konsens ergeben, unterschiedliche Opfergruppen und auch die Sichtweisen der Überlebenden zu respektieren und damit auch die Ursachen der Völkermorde, der Verbrechen, des Krieges und der Vertreibungen näher in den Blick zu nehmen. Auffällig an Zetel  ist die ahistorische Aufblähung auf die militärischen Konflikte „unserer Tage“ und  „die Opfer sinnloser Gewalt“ sowie der Verzicht jeder Erwähnung, dass der Kern der Tafel die Epoche des Nationalsozialismus in der Zeteler Geschichte darstellt. Christel Schwarz, der Sohn der überlebenden Margot Schwarz geb. Franz, nahm 2008 die Einladung zur Einweihung der Tafel nicht an, weil auf ihr die Opfer des Nationalsozialismus in einem Atemzug mit den Toten des Krieges genannt werden. Er war gar nicht in den Prozess der Tafelentstehung eingebunden worden. „Wir Sinti haben diesen Krieg nicht geführt, wir sind Opfer des Nationalsozialismus“, stellte er dieser Internetzeitung gegenüber klar.

Der Friedensgarten in Zetel (Foto H. Peters, 2015)

Der Friedensgarten in Zetel (Foto H. Peters, 2015)

Eine große Mehrheit im Rat wolle keine einzelne Familie herausheben in `Sorge, dass man eine vergisst.´“ – das andere Argument von Bürgermeister Lauxtermann, das wohl schon bei der Konzipierung der Tafel 2008 eine Rolle spielte. Wahrscheinlich wurden schon weitere Menschen aus Zetel Opfer des NS-Regimes, wenn man die vielen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in der Region und die Tötung von Behinderten, Homosexuellen und angeblich „Gemeinschaftsfremden“ berücksichtigt, deren Schicksale weitgehend unerforscht sind. Außer dem vormaligen Gewerkschaftler und SPD-Landtagsabgeordneten Fritz Frerichs (1882 – 1945), der ab 1933 in Zetel, Adolf-Hitler-Straße, wohnte, und im Juli 1944 ins KZ Neuengamme verschleppt wurde, sind den wenigen und immer ehrenamtlichen Historikern, die sich damit beschäftigen,  gegenwärtig keine weiteren Opfer aus Zetel namentlich bekannt. Und selbst wenn man ihre Schicksale und Namen  einmal wüsste, hieße das nicht, dass ihrer in derselben Form wie der Franks gedacht werden würde oder gar müsste. Im Übrigen haben die Zeteler eine Straße nach der Einzelperson  Fritz Frerichs benannt. Die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs („Sie gaben für uns ihr Leben“ liest man) stehen auf dem entsprechenden Mahnmal im Friedensgarten, das damit die alteingesessenen Familien aus Zetel „heraushebt“. In Jever, Wilhelmshaven, Varel und Wittmund gibt es seit z.T. 20 Jahren Erinnerungsorte mit den Namen der in der NS-Zeit ermordeten jüdischen Bürger dieser Städte. Es stellt sich die Frage, ob nicht vielleicht die Gemeinde Zetel  an die Sinti-Familie-Frank einen besonderen Maßstab anlegt.

Hartmut Peters, 14. Dez. 2015

Nachtrag, 1. März 2017: Die Gemeinde Zetel beschloss 2016, eine Straße in einem Neubaugebiet nach Anton Franz zu benennen. Das Straßenschild, bisher ohne zusätzliche erklärende Hinweise über den Geehrten und seinen historischen Hintergrund,  wurde am 23. Februar 2017 angebracht. Niemand kann etwas gegen eine Anton-Franz-Straße haben, wenn das Schild einen wirklich informativen Zusatz bekommt. Sie ist ein Schritt in die richtige Richtung, dem der Gemeinderat einen Erinnerungsort mit den Namen der Deportierten folgen lassen sollte.  Ansonsten entsteht der Eindruck eines Alibis. Politische Haltung gegen den wieder um sich schlagenden Rassismus sieht anders aus. Der 75. Jahrestag der Deportation, der 8. März 2018, wäre ein passendes Datum für die Einweihung des Mahnmals für die Zeteler Sinti.

 

Quellen:

  • Hesse, Hans; Schreiber, Jens: Vom Schlachthof nach Auschwitz: Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland.- Marburg 1999
  • Heuzeroth, Günter; Martinß, Karl-Heinz: Vom Ziegelhof nach Auschwitz: Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma.- Oldenburg 1985 (Unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus 1933 – 1945; dargestellt an den Ereignissen im Oldenburger Land; Bd. 2)
  • Gedenkbuch Auschwitz: www.auschwitz.org/en/museum/auschwitz-prisoners/

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