Jevers Weg in die NS-Diktatur, Teil 2: Der Sturmlauf auf die Macht 1928 – 1933

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Weiterführende Informationen:

 

Parteiaufbau, Wahlen und Sturm auf die Macht

Die Ortsgruppe der NSDAP Jever, 1929. In der Mitte (sitzend) der Leiter, Studienrat Karl Gottschalck, daneben (mit Brille) der Chefredakteur des Jeverschen Wochenblatts, Friedrich Lange, dann NS-Kreisleiter und Turnlehrer Eduard Siebrecht. (Sammlung H. Peters)

In den Jahren der politischen Einflusslosigkeit der NSDAP arbeitete die Ortsgruppe Oldenburg der NSDAP, die sich nach dem Ende der Festungshaft Hitlers und des Parteiverbots im April 1925 als erste im Raum Bre­men/Weser-Ems neu gegründet hatte, in einer Art Mis­sionsarbeit an der Installierung weiterer Ortsgruppen (1). Die Richtungskämpfe der Jahre 1923/24 waren zugun­sten Hitlers ausgegangen. Auftritte von Carl Röver, des Oldenburger Ortsguppenleiters und „Gauleiters“ Weser-Ems, von Rövers Stellvertreter Heinz Spangemacher, der als guter Redner galt, und von dem berüchtigten antisemitischen Reichsredner und Borkumer Pastor Ludwig Münchmeyer brachten ab Februar 1928 die zunächst nur weni­gen Aktiven in Stadt und Amt Jever zusam­men. Formell gründeten sie am 12. Juni 1928 im „Erb“ die Orts­gruppe Jever der NSDAP, die erste im Jeverland. Waddewarden folgte ein paar Wochen später, Schortens im Februar 1929. (2) Der nationalsozialistischen Organisationstrukturen breiteten sich nach dieser Initialzündung zunehmend dezentral aus.

 

Die Reichstagswahlen von Mai 1928, die der NSDAP bei lediglich zwei Wahlveranstaltungen fast aus dem Stand 10,9% der Stimmen brachten, gaben Möglich­keit zur Selbstdarstellung und Mitgliederwerbung und, da Oldenburg an der Spitze der Länderskala lag (Repu­blikschnitt: 2,6 %), sicher auch das Gefühl, „Spitze der Bewegung“ zu sein. Der Anfang 1928 als „Bezirksleiter Jeverland“ von der Gauleitung in Oldenburg einge­setzte Direktor der „Privatrealschule Altebrücke“ bei Crildumersiel, Hans Bergmann, hatte die vordringliche Aufgabe, die völkisch-nationalen Kräfte des Jeverlandes an die NSDAP heranzuführen (3).

Anzeige für die „Sedan-Gedenkfeier“, JW, 30.8.1929. Die NSDAP knüpfte an das nationalistisch-militaristische Denken vieler Einwohner an.

Zu diesem Zweck organi­sierte Bergmann, der zuvor die Ortsgruppe Waddewarden gegründet hatte, für Anfang September 1928 eine „Sedans-Feier der Hitler-Bewegung“ in Jever. Mit dem Zelebrieren des Sieges in der Schlacht von Sedan, der den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 entschieden hatte, knüpfte die NSDAP strategisch am nationalistisch-militaristischen Bewusstsein breiter Bevölkerungskreise an. Aus ganz Oldenburg versammelten sich am 1./2. September 1928 zwei Tage lang angereiste Einheiten der SA, die zum ersten Mal in Jever in Erscheinung trat, NS-Parteigenossen und Sympathisanten. Mit Musik. Reden, Umzügen, einer Kranzniederlegung, einem „Feldgottesdienst“ (Pastor Karl Koch, Jever) und einem Fackelzug „[…] gab das Treffen der Bevölkerung zum ersten Mal ein Bild von dem größeren Zusammenhang der nationalsoziali­stischen Kampfgemeinschaft. […] Das ist die neue geistige Frontgemeinschaft, die sich unter dem Zeichen des Hakenkreuzes bildet, es sind die ersten Kriegsfreiwilligen in dem Kampf, der jetzt zwischen dem alles niedertretenden Mammonismus und dem Streben völkischer Selbsterhaltung einsetzt. Das Heer Hitlers ist schon eine Macht geworden.“ (Jeversches Wochenblatt = JW, 4. 9. 1928, siehe auch Das Jeversche Wochenblatt von 1919 bis 1945: Vom Wegbereiter des Nationalsozialismus zum Herold des „Endsiegs“) Zwar blieb die Beteiligung nach eigenem Eingeständnis „ziemlich stark hinter den Erwartungen“ (4) zurück, doch steht das Sedans-Treffen historisch gesehen am Anfang des Sturmlaufs auf die Macht im Jeverland.

Kranzniederlegung beim Siegesmal für den Krieg von 1870/71 beim Treffen der NSDAP in Jever vom 2.9.1928 , Redner Wilhelm Aßling (Sammlung H. Peters)

Zu dieser Zeit wurde auch mit dem Aufbau der jeverschen SA begonnen. Der Auftritt Hitlers und seiner engsten Mitarbeiter am 18. Oktober 1928 in Oldenburg, zu dem die Parteigenossen des Jeverlandes mit Bussen der Hooksieler Firma Mewes pilger­ten (5), gab große Triebkraft. Als Ende 1928 der Mitbegründer der Ortsgruppe und Geschäftsführer der Landkrankenkasse Blickslager starb, eröffnete die Orts­gruppe den Brauch, einen verstorbe­nen ,,Pg.“ (= Parteigenosse) unter der Hakenkreuz­fahne zu Grabe zu tragen, wozu sich dann auch immer ein Pastor fand. (JW, 8. 12. 1928) Insbesondere die evangelischen Pastoren in Jever waren eifrige Parteigänger der NADAP. Die Mitgliederzahl dürfte von anfangs 16 auf vielleicht 40 bis Ende 1928 ge­stiegen sein (6).

Etablierte sich die NSDAP Jevers im Jahre 1928 als ernstzunehmende Kraft, so schaffte sie 1929 den ent­scheidenden Einbruch in die bürgerlichen Mittelschich­ten. Als Steilvorlage erwies sich im Herbst 1929 das Volksbegehren mit nachfolgendem Volksentscheid gegen den von der Reichsregierung zur Abmilderung der Reparationszahlungen ausgehandelten Young-Plan. Die etablierten Organisationen Stahlhelm, DNVP und Landbund akzeptierten die Nationalsoziali­sten als Mitkämpfer, servier­ten damit beste Propaganda- und Parteiaufbaubedin­gungen und auch die Chance, Vorbehalte gegen die „rüden Nazis“ abbauen zu können (7). Die NSDAP kam aus ihrer Außenseiterrolle heraus, wurde „gesellschaftsfähig“ und mancher DNVP-Wähler fragte sich, warum er nicht gleich dem „Original“ bzw. der aktiveren und radikaleren NSDAP seine Stimme geben sollte. Eissfeldt schreibt über die Kampagnen der NSDAP von 1929 im Jeverland: ,, . . . [trat] die NSDAP im Vorjahr noch als eine Partei unter anderen auf, jetzt beherrscht sie weitgehend das Feld. Die NS-Versammlungen setzen in den ersten Tagen des Jahres ein und dauern bis in die letzten Dezembertage. Mit einem bis jetzt unbekannten Eifer wird jede Ge­meinde ,erfasst‘, eine Versammlung löst die andere ab. Hat die Partei in einer Ortschaft Fuß gefasst, so erfolgt in der Regel die Gründung einer Ortgruppe (8).“ Was vor­gefallen ist und wohin die Reise gehen sollte, verdeutli­chen die erdrutschähnlichen 44,8% für die NSDAP in Stadt und Amt Jever bei den Reichstagswahlen von September 1930 (Republik: 18,3%).

Den strukturellen Hintergrund des Anschwellens von 1.074 auf 5.412 Wähler in den 28 Monaten zwischen Mai 1928 und September 1930 bildete aber die ab Ende 1927 die „Bauernre­publik“ Oldenburg besonders treffende Agrarkrise. Die schwierige Lage der Landwirte – hohe Verschuldung, öffentlicher Kreditmangel, Preis­anstieg der Vorprodukte bei gleichzeitigem Preisverfall des Endproduktes – verdichtete sich Anfang 1928 zu einer Krise bisher unbekannten Ausmaßes, die vor allem zunächst die südlichen Ämter Oldenburgs traf. In ihrer Angst vor der Zwangsversteigerung des Hofes fühlten sich die Bauern, aber auch die vom „Wohlergehen der Landwirtschaft abhängigen Handwerker und Kaufleute des platten Landes einander in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden, die durch den Begriff `Landvolk‘ zum Ausdruck gebracht wurde“ (9). Ende Januar 1928 demonstrierten 30.000 Menschen aus allen Teilen Oldenburgs in der Landeshauptstadt. Der Verdruss über die staatstragenden Parteien war all­gemein. Es kam zu Parteineugründungen aus dem Geiste des Landvolks heraus, die bei den Reichstagswahlen von 1928 im Jeverland zusammen 23,1 % der Stimmen auf sich vereinigten.

Die NSDAP – nur im Namen eine Arbeiterpartei – stellte sich schnell auf das Landvolk ein, indem z. B. Carl Röver am 8. Februar 1928 in Jever ein öffentliches Be­kenntnis zum „deutschen“ Privatbesitz an Grund und Boden abgab. (JW, 9. 2. 1928) Röver relativierte so den strittigen Punkt des NSDAP-Parteiprogramms, der Enteignung verkündete, ganz im Sinne der Landwirte. In dieser Situation schaffte es die NSDAP im Jeverland, den Young-Plan und die ihn mitunter­stützenden demokratischen Parteien als Verursacher al­len Elends zu verteufeln und die eigene Radikalopposi­tion als einzige Lösung zu verkaufen.

Mit den sensatio­nellen 44,8% von 1930 hatte die NSDAP die Land­volksplitter fast sämtlich geschluckt und die Ränder al­ler anderen Parteien mit der Ausnahme der KPD ange­knabbert. Noch niemals hatte eine einzelne Partei so viele Wähler im Jeverland auf sich vereinigen können. Im Amt Jever, ohne die Werft- und Industriearbeiterwohnorte Sande und Schortens, er­zielte die NSDAP 53,6%, in einigen ländlichen Ge­meinden wie Westrum sogar bis zu 92,5%. Das Land lief der Stadt, was die NSDAP-Stimmanteile betrifft, bei je­der Wahl der zwanziger und dreißiger Jahre um etliche Prozentpunkte voraus.

Die Wirtschaftskrise von 1930 bis 1933 mit ihren Son­dersteuern, den Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst, dem Kredit- und Auftragsmangel, dem Still­stand ganzer Handwerksbranchen, der Dauerarbeitslo­sigkeit und dem Anschwellen der von den Gemeinden zu unterstützenden Sozialhilfeempfänger, dem massi­ven Nachfragerückgang im Einzelhandel usw. traf eine Region wie das Jeverland materiell durchaus empfind­lich, aber sozialpsychologisch am Nerv. Die wie Absicht erscheinende Bevorzugung des ostelbischen Getreide­baus zuungunsten der besonders im Jeverland vorherr­schenden Viehwirtschaft verbitterte die Landbevölkerung weiter (10). Die wegen ihrer politischen Indifferenz eher staatstragenden Mittelschichten ge­rieten durch den angenommenen sozialen Abstieg in die Ebene der Besitzlosen in eine Angst, die sich in aktive Ableh­nung des demokratischen ,,Systems“ insgesamt ver­schob – ein Vorgang, den die Hilflosigkeit der verant­wortlichen Politiker noch mit Nahrung fütterte.

Die Zahl der Sozialhilfeempfänger stieg im Arbeits­amtsbezirk Jever von 88 Ende 1930 auf 410 Personen Anfang 1933, das sind 1,5% der Wohnbevölkerung (11). 1.092 Menschen waren im Januar 1933 arbeitslos ge­meldet (JW. 10. 1. 1933), diese 3,9% der Wohnbevölke­rung entsprechen einer Arbeitslosenquote von ca. 17% nach heutigen Maßstäben. Nach dem Bür­germeister dieser Jahre ,,. . . ging es (damals) der Stadt Jever zwar nie so gut, aber auch nie so schlecht wie dem benachbarten Wilhelmshaven“. (JW, 10. 5. 1941) Dies wird stimmen, denn die Arbeitslosigkeit war in den in­dustriellen Zentren natürlich wesentlich höher. Der ge­ringe Anteil der Industriearbeiterschaft an der Gesamt­bevölkerung war auf der anderen Seite aber eben gerade ein Faktor für den Aufstieg der NSDAP im Jeverland. Die Arbeiter blieben nämlich weitgehend bei SPD und KPD.

Die ab 1930 dicht einander folgenden Wahlen und Ab­stimmungen verschiedenen Typs – elfmal konnte der Jeverländer bis März 1933 seine Stimme hergeben ! – bildeten die idealen Anlässe für die fieberhaften Aktivi­täten der Nationalsozialisten, die so immer eine nächste Etappe auf dem Wege zur Macht vor Augen hatten. Im Jahre 1930 führte die NSDAP etwa 50 Versammlungen im Jeverland durch – in den nächsten beiden Jahren wa­ren es jeweils etwa doppelt so viele. Die DDP als aktiv­ste bürgerliche Partei brachte es 1931 gerade auf etwa acht Veranstaltungen (12). Bei den Landtagswahlen im Mai 1931 erreichten die Nationalsozialisten mit 55,2% erstmals eine absolute Mehrheit im Jeverland. Im April 1932 setzte sich bei der Reichspräsidentenwahl Paul von Hindenburg mit 53,1% gegen Hitler (36,8%) durch. In Stadt und Amt Jever war es umgekehrt: Der aus Sicht der Jeverländer doch höchst respektab­le ehemalige Generalfeldmarschall kam auf 35,7%, Hitler auf satte 60,9%.

Diese Zahl wird bei den Landtagswahlen vom 29. Mai 1932 – auf dem Höhepunkt der geschilderten Krise – noch über­troffen: 63,7%. Während die Stadt Jever der NSDAP 57,2 % einbrachte, erzielte das Amt 65,5 % – ohne die Industriegemeinden sogar 73,4 %. Einzelne Landge­meinden wählten zu 97,5 %, wie Westrum, oder zu 89,4 %, wie Waddewar­den, NSDAP. Die Nationalsozialisten brachten die einstmals starken bürgerlichen Parteien DDP und DVP auf Splittermaß, nur der Hitler-Koalitions­partner in spe DNVP hielt sich mit 6,7 % einigermaßen. Im Freistaat Oldenburg erhielt die NSDAP bei diesen Landtagswahlen mit 48,5 % der Stimmen die absolute Mehrheit (24 von 46) der Parlamentssitze und Carl Röver wurde zum Ministerpräsidenten einer reinen NSDAP-Landesregierung gewählt. Das war eine politische Sensation und nahm die Nationalsozialisten realpolitisch in die Pflicht. Oldenburg war nach Anhalt (24. April 1932) das zweite Land, das von der NSDAP regiert wurde. Bis zur „Machtübernahme“ der Republik 1933 folgten noch Mecklenburg-Schwerin und Thüringen.

Die Reichstagswahl von Juli 1932 fügte der NSDAP aufgrund der insgesamt höheren Wahlbeteiligung einen Schwund auf 60,4% im Verhältnis zur Landtagswahl von 1932 zu, obwohl sich die absolute Stim­menzahl weiter um rund 500 erhöhte. Die Hitler-Partei befand sich dann aber in der zweiten Hälfte des Jahres 1932 in der gesam­ten Republik aus Gründen, die hier nicht dargestellt werden können, im Abwind. Bei der No­vemberwahl zum Reichstag büßte sie 4,2% ein, das sind 11,3% ihres Stimmanteils von der Juli-Wahl. Für das Jeverland lag der Rückgang bei 8,1% absolut bzw. 13,4% im Stimmanteil. Hätte man mehr bei den Schlappen, den totalitären und exotischen Maßnahmen der seit fünf Monaten Oldenburg regierenden Natio­nalsozialisten erwarten dürfen? (13) Immerhin: 1.296 Wähler entzogen den Nationalsozialisten ihre Stimme, obschon das Jeverland weiterhin zu 52,3% die NSDAP wollte.

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident von Hindenburg den „Führer“ zum Reichskanzler eines Kabinetts aus Deutschnationalen und Nationalsozialisten. Dies half der NSDAP aus ihrer Schwäche heraus. Im März 1933 schließlich, als eine aggressive Mischung aus Propaganda, Aufbruchsstimmung und Einschüchterung existierte, aber noch einigermaßen frei gewählt werden konnte, lag die Partei im Jeverland wieder bei 60,1 %. Die NSDAP-DNVP-Koalition kam auf 72,7 %, während in ganz Deutschland „nur“ 51,9 % Hitler und Hugenbergs „nationale Konzentration“ wollten. 3.000 SPD-, 696 KPD-, 243 DDP/Staatspartei- und 100 Zentrums-Wähler aus dem Jeverland gaben an diesem 5. März 1933 dem aufziehenden „Dritten Reich“ nicht ihre Gefolgschaft – 11.366 stimmten dafür.

Die Ortsgruppe Jever der NSDAP und ihr Triumph

Das Jeverland war ein ideales Entstehungs-, Aufmarsch- und Rekrutierungsgebiet für die Nationalsozialisten. Die Sozialstruktur mit dem überdurchschnittlich hohen Anteil der kleinbürgerlich-städtischen und ländlich-bäuerlichen Selbständigen, mit dem Vorherrschen der Landwirtschaft allgemein und nur wenigen Industriearbeitern bildete die Grundlage dafür, dass die Demokratie hier so zertrümmert werden konnte. Bedeutsam ist auch der extrem hohe Prozentsatz der traditionell anpassungswilligen Protestanten – im Gegensatz zu Stadt und Amt Jever steht das fast „ns-resistente“, katholische Südoldenburg. (14) Schließlich wirkten auch der kommunikative Abstand eines ländlichen Raumes in Randlage – vor Massenmotorisierung, wirklicher Bedeutung des Radios und ohne Informationsvielfalt – zu einer Großstadtkultur und die resultierende ständige Selbstbestätigung in einer Blase aus Vorurteilen, Halbwahrheiten und Lügen. Die Ortsgruppe Jever der NSDAP, die sich im Zuge ihrer Erfolgsbilanz immer wirksamer organsierte, nutzte mit ihrer Propagandaarbeit den in der Sozialstruktur des Jeverlandes liegenden Vorteil möglicherweise optimal aus.

Ihr erster Ortsgruppenleiter hieß Friedrich Null, ein selbständiger, jetzt häufig beschäftigungsloser Zimmermann aus der Petersilienstraße 7, wo zunächst auch das Parteibüro untergebracht war. (15) Null führte eine Ortsgruppe, die bei ihrer Gründung Mitte 1928 mindestens zu 75 % Selbständige (davon ein Viertel Landwirte) und vermutlich keinen einzigen Arbeiter aufwies. Schon unter den ersten sechszehn Mitgliedern finden sich einflussreiche Angestellte wie der Schriftleiter des JW und der Geschäftsführer der Landkrankenkasse. Gleich drei Gastwirte konnten Versammlungsstätten und Unter­künfte zur Verfügung stellen. Anfangs noch mangelnde Gelder wurden durch persönlichen Arbeitseinsatz und private Mittel der „Kämpfer“ ausgeglichen, bis dann 1929/30 eine ganze Reihe weiterer Handwerker und Kaufleute der Partei beitraten und die Spenden aus dem Mittelstand reichli­cher flossen (16).

Hatte der erste Leiter noch viele Funktionen in Personalunion zu erfüllen, qualifizierte sich der Parteiapparat, als die Kandidatenauswahl für die verschiedenen Tätigkeitsbereiche immer größer wurde. Der Studienrat am Mariengymnasium Karl Gottschalck übernahm am 1. Ok­tober 1929 die Leitung der Ortsgruppe. Das markiert einen Einschnitt, denn ab jetzt kamen vermehrt Akademiker in die Partei. Der penible Altphiloge verstand es, die geeigneten Kräfte, wie z. B. den zu Differenzierungen fähigen Baurat Georg Linde, der bis zu seinem Übertritt stellvertretender Landesvorsitzender der DNVP gewe­sen war (17), an die Partei zu binden. Die Ortsgruppe wurde ein ,,Kampfblock, der anderen Gruppen im Lande zum Vorbild dienen konnte“. (JW, 22. 8. 1933)

Der Turnlehrer Eduard Siebrecht wurde 1930 NSDAP-Kreisleiter und später u.a. Oberregierungschulrat (Foto 1923, Sammlung H. Peters)

Der Antisemit und NS-Aktivist Oskar Hempel (Foto 1914, Sammlung H. Peters)

Das Mariengymnasium fungierte als ein informelles logistisches Zentrum der führenden Nationalsozialisten Jevers, die als „Staats­diener“ ihre zahllosen parteipolitischen Aktivitäten ent­falten konnten. Außer Gottschalck wirkten hier der Turnlehrer und erste Parteileiter des Kreises Friesland, Eduard Sie­brecht – während der Sportstunden bereitete er seine Reden durch Lektüre des „Völkischen Beobachters“ vor (18) —, der unvermeidliche Dr. Hempel, der 1931 kri­minelle Euthanasie- und Rassezuchtgedanken veröffentlichte (JW, 28.9. u. 5.10.1931), der Studienrat Oskar Müller und andere. In der Endphase der Weimarer Republik sonderten sich die NS-Lehrer in ein eigenes Lehrerzimmer ab, den heutigen Kulissenraum.

Was das bedeutete, kann man den Worten des nach Israel emigrierten Max Biberfeld entnehmen: „Was ich am Mariengymnasium 1928/29 als Jude aus­zustehen hatte, hat mir einen Schock fürs Leben ver­setzt, andererseits mir das Leben gerettet, weil ich nach 1933 bald auswanderte, da ich wusste, was ich zu erwar­ten hatte (19).“ Biberfeld war eine Zielscheibe der antisemitischen Diskriminierungen durch Lehrer und Schüler. An der Stadtknabenschule war zwei Jahre später eine ähnliche Mafia von nationalsozialistischen Lehrern aktiv. Der Mangel an nationalsozialistischer Sattelfestigkeit bei den zahlreich neu eintretenden „Parteigenossen“ wurde ab 1930 durch regelmäßige Schulungsabende, die Pflicht waren und meist im städtischen Jugendheim stattfanden, aus­geglichen.

Die schulenden Kader stammten in der Regel aus der Ortsgruppe. Die Organisation gestaltete sich im Sinne des Führerprinzips noch wirksamer, als im Okto­ber 1932 auf der untersten Ebene die inzwischen ca. 250 Parteimitglieder mit „Zell- und Blockwarten“ versehen wurden (20). Nach der „Machtübernahme“ sorgten die Warte dann für die Überwachung der Bevölkerung.

Wie überall leistete auch im Jeverland die SA die Stra­ßenpropaganda: Um- und Aufmärsche, Plakate kleben, Versammlungsschutz, provozierendes Auftreten bei Veranstaltungen der politischen Gegner u.a.m. Bereits am 7. Februar1929 beteiligte sich der SA-Sturm Jeverland „mit 25 bis 30 Mann“ (21) handfest an einer Saalschlacht mit Sozialisten und Kommunisten im Saal des Wilhelmshavener Rathauses. „Sturmlokal“ wurde der „Schütting“ des Gründungs­mitglieds Harm Specht am Alten Markt. Die Wirtschaftskrise spülte ab 1930 die Menschen in die NS-Massenorganisation. Anfang 1932 beispielsweise fand in Je­ver eine öffentliche Vereidigung von 570 SA-Männern des Jeverlandes statt (JW, 29. 2. 1932). Die SS spielte als Reiter-SS eine Nebenrolle.

Wie der Kampf der Nationalsozialisten gegen das „System“ ausgetragen werden sollte, erläuterte Ministerpräsident Röver 1932 in Jever: „Wie führen den Kampf mit aller Schärfe und bis zur letzten Konsequenz und garantieren, dass ganz Deutschland unser wird.“ (JW, 30.9.1932) Bereits zwei Jahre zuvor hatte er in Oldenburg gedroht, am „Tag der Abrechnung“ die politischen Gegner „am nächsten Laternenpfahl“ aufzuknüpfen (22). Auch die Ortgruppe Jever erlaubte sich deutliche Worte. Trotz der Bekenntnisse zur Gewalt sind tätliche Auseinandersetzungen zwischen den Fronten im Jeverland verhältnismäßig selten gewesen. Tote gab es nicht, jedoch einige Rempeleien und Reibereien. Bereits am 11. September 1930 hatte die NSDAP durch die rüde Sprengung einer SPD-Versammlung im jeverschen „Erb“ deutlich gemacht, wer hier der Stärkere war (23). Die politischen Gegner trauten sich angesichts der NS-Übermacht zunehmend nicht mehr, wie es in der politischen Öffentlichkeit Weimars üblich war, als Debattenredner auf den Veranstaltungen der Nationalsozialisten aufzutreten. Die Ortsgruppe hatte damit den Trumpf, dass der unter viel Tam­tam eingeladene Gegner „kneife“ (24). In Schortens aber, wo die Arbeiterparteien SPD und KPD zusammen im Schnitt 15% mehr als in Jever erzielten, kam es regelmä­ßig zu kleineren Zusammenstößen und am 4. Februar 1932 zu einer regelrechten Saalschlacht bei einer NSDAP-Versamm­lung (25).

Mit der Zeit prägte sich ein eigenes Parteile­ben aus, und ausgewählte Geschäftsleute durften an der stark wachsenden Nachfrage nach exklusiven NS-Zubehörartikeln ihren Anteil haben. Der Parteiaktivist Georg Horrmeyer eröffnete 1930 in der Schlachtstraße 9 mit „Der Deutschritter – das Haus der Deutschen“ ein Kommunikationszentrum mit den Abteilungen „Deutsche Buchhandlung“, „Leihbücherei“, „Wirtschaftsstelle“ („Alleiniger Lieferant für die SA unseres Bezirks“, „Vertriebstelle der Sturm-Zigaretten“) und „Nähstube“. Hier war jetzt auch das Parteibüro der Ortsgruppe untergebracht. Horrmeyer gab in Jever das berüchtigte antisemitische „Liederbuch der Niedersachsen und Friesen“ heraus. (26)

Zunehmend wurden jetzt auch die bisher eher unpolitische Alltagsberei­che vom Totalitätsanspruch der NSDAP erfasst. Im Mai 1931 gründete sich die Hitler-Jugend, die aber zunächst nur langsam wuchs. Ab Januar 1933 bekam sie unter der Leitung des Lehrers Hans Förster „den rechten Auf­trieb“. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) trat erst Mitte 1932 in Erscheinung. Die von Anna Arends im Herbst 1931 ins Leben gerufene Nationalsozialistische Frauenschaft dagegen war früher recht rege. Sie sammelte, packte „SA-Kämpfern“ Verzehr-Päckchen, bastelte für die Kinder Bummellaternen mit Hakenkreuz, warnte per Flugblatt vorm „jüdischen“ Kaufhaus und bereitete sich ansonsten auf ihre „Aufgabe als Mutter einer sich im harten Daseinskampf behauptenden Nation“ (27) vor.

Mai 1932, St. Joost: Der Bauer Lühring scheint hier – vor der Kulisse seines Marschenhofes – dem lauschenden Messias Hitler die Probleme des Landvolks anzuvertrauen; dahinter Rudolf Heß und Carl Röver. (Sammlung H. Peters)

Die Propaganda der Nationalsozialisten im Jeverland hatte folgenden Zuschnitt: Auf die Sorgen der beiden hauptsächlichen Zielgruppen Landbevölkerung und städtischer Mittelstand abgestimmte, einprägsame Parolen verban­den sich – ständig gedruckt und im öffentlichen Worte wiederholt – mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Die Zauberformel „deutsche Volksgemeinschaft“, die alleine aus der Not helfe, beschwor die Einzelinteressen sozialer Gruppen, die in einer jeden Gesellschaft not­wendig widersprüchlich konkurrieren, hinweg. Gleichzeitig blieb so auch der öffentliche und geregelte Interessenausgleich, mithin die Grundlage jeder Demokratie, auf der Strecke. Die Parole „Jedem das Seine, nicht jedem das Gleiche!“ ist Ausdruck dieses illusionären Verzichts auf demokratische Teilhabe zugunsten eines autoritären Staates. Das Attribut „deutsch“ war völkisch-rassistisch gemeint und schloss Juden und weitere angeblich „Gemeinschaftsfremde“ aus. „Bau­ernnot = Volksnot!“: Die schwierige Lage der Landwirte wurde auf die Ebene allgemeiner Deutung gehoben und damit der enge Erfahrungshorizont des Hofes zum Lösungsmuster komplexer Problemszenarien hochge­spielt (28).

 

Der Mittelstand fühlte sich in seiner Furcht vor der Indu­strialisierung, dem „jüdischen Warenhaus“ und den als Abstieg interpretierten sozialen Veränderungen angesprochen. Ein NS-Anhänger warf den jeverschen Vertretern von SPD und DDP/Staatspartei vor: „Noch nie hat die Pest oder Cholera unter einem Volk so verheerende Auswirkungen hinterlassen wie die von Ihnen zugelassene und . . . begünstigte Mechanisie­rung, Rationalisierung und Typisierung.“ (JW, 25. 7. 1932) Der „gesunde Rassekern unserer jeverländischen Bevölkerung“ wurde gegen die „fremde Rassenpest“ ausgespielt. Solchermaßen anachronistische Wiederbe­lebungen einer industriefernen, feudalistisch-ständi­schen und statischen Gesellschaft hatten in einer abgelegenen Gegend wie dem Jeverland natürlich beson­dere Chancen. Auch die Arbeiter versuchte die Orts­gruppe mit bösartigen Angriffen auf die SPD-Führer und der Legende von den „Novemberverbrechern“ zu erreichen. Diffamierungen der Demokratie wie „Alle nichtnationalsozialistischen Parteien arbeiten wissend am Untergang unseres Volkes“ oder „Der heutige Staat steht im Zeichen des Weihrauchs, Knoblauchs und Gummiknüppels!“ waren an der Tagesordnung (29).

Die Ortsgruppe Jever der NSDAP bot nicht nur sehr viele und sorgfältig inszenierte, sondern auch besonders gut besetzte Politveranstaltungen. Dies konnte sie, weil den Landtagswahlen von 1931 und 1932 als Testwahlen reichsweite Bedeutung beigemessen wurde. Die Coups waren, als Hitler am 12. Mai 1931 über 4.000 Menschen in der wegen Überfüllung abgesperrten Landwirt­schaftshalle zu Begeisterungsstürmen hinriss und als Jo­seph Goebbels – auf den Schultern der SA zur Bühne getragen – am 28. Mai 1932 im „Schützenhof“ 1.600 Je­verländer agitierte. Die Ortsgruppe besaß inzwischen auch genü­gend eigene Redner, die Ansehen mit Beredsamkeit verbanden.

Anzeige für den Hitler-Tag in Jever, JW, 3.5.1931. Die Karten gab es nur bei „Parteigenossen“.

 

Hitler am 12.5.1931 in der jeverschen Landwirtschaftshalle. „Die Riesenhalle in Jever, die den Massenbesuch nicht fassen konnte, war … polizeilich gesperrt.“ (Illustrierter Beobachter, 22/1931, Repro H. Peters)

Die unbedingte Unterstützung des JW, das den loka­len Nachrichtenmarkt beherrschte, sicherte freien und ungekürzten Zugang zu den Leserbriefspalten, während Friedrich Lange den redaktionellen Teil ab 1930 zu ei­ner Art Organ der jeverländischen Ortsgruppen umgestal­tete, in dem die Nicht-Nationalsozialisten ab und zu auch noch eine Zeile bekamen (30 ). Der Medienverbund ,,NS-Saal- und Straßenpropaganda / Vor- und Nachbe­reitung in der Lokalpresse“ war wirksamer kaum denk­bar, da das JW – offiziell eben keine Parteizeitung -Anspruch auf allgemeine Glaubwürdigkeit besaß.

Der Ausschnitt aus dem JW vom 2.5.1931 zeigt die Intensität der NS-Propaganda und die Unterstützung der Ortszeitung

Eine gar nicht zu unterschätzende Rolle spielten die häufi­gen Unterhaltungsveranstaltungen wie „Deutsche Abende“, „Armeemarschabende“, Theateraufführun­gen, Paraden usw. Mit viel eingängiger Musik griff man die in einem ländlichen Raum unterversorg­ten kulturellen und sozialen Bedürfnisse geschickt auf und beutete sie im Sinne der NS-Ideologie aus. Der Jazz („Frisch auf mein Volk, die Negerhörner winseln“) und die davon abgeleitete Popularmusik der „Golden Twenties“ galten dagegen als „undeutsche Kaffer-Musik“, „fabriziert von in- und ausländischen Juden.“ (JW, 4.2.1928 u. 4.1.1932 ) Aktuelle bildende Kunst wurde als „Kulturbolschewismus“ herabgesetzt.

Werbezettel für „Der Deutschritter – Das Haus der Deutschen“ in der Schlachtstraße (Sammlung H. Peters)

Eintrittskarte für eine der häufigen Veranstaltungen, die Unterhaltung mit NS-Agitation verbanden (NLO Best. 262-4, 10882)

Auch im Rahmen der Lokalpolitik arbeitete die Orts­gruppe recht effektvoll: Zu einem Triumph gestaltete sich bereits die Kommunalwahl von November 1930, die ein Drittel der Stadtratssitze, die Ämter des Vorsit­zenden, des Alterspräsidenten, des Schriftführers und einen Sitz im wichtigen Magistrat (dem heutigen Ver­waltungsausschuss vergleichbar) einbrachte und deren Tendenz den Bürgermeister Dr. Müller-Jürgens ins NS-Lager abwandern ließ (31). Der neue Stadtrats-Vorsitzende Karl Gottschalck führte als erste Amtshandlung die Sitzordnung nach Fraktionen ein, was im bisherigen Honoratioren-Parlament zunächst auf Empörung stieß (JW, 23.9.1931).

Als der Bürgermeister von Aurich, Dr. Karl Anklam, auf der jeverschen Verfassungsfeier vom 11. August 1931 scharf die An­maßung der NSDAP kritisierte, allein „national“ zu sein, entspann sich eine erbitterte und aufschlussreiche Leserbriefkontroverse zwischen rechtsbürgerlichen Kreisen und dem liberalen Anklam, in die die Ortsgruppe der NSDAP, aber auch Demokraten aus Jever eingriffen. Der 1931 noch nicht in die NSDAP eingetretene Volksschul­lehrer Bernhard Schönbohm stellte dem „knochener­weichenden pazifistischen Gesäusel unserer Linkspoli­tiker“ á la Anklam die Forderung nach „Zucht“, „Kernmenschen“ und „rücksichtsloser Reinigung des öffentlichen Lebens“ gegenüber (JW, 13. 8. 1931). Die NSDAP witterte ihre Chance und brachte in die Stadt­ratssitzung vom 22. September 1931 den Antrag ein, „un­würdige Verfassungsfeiern“ zu verbieten. Als Gottschalck unter Bruch bestehender Gewohnheiten die sofortige Abstimmung durchsetzen wollte, verließ die Mehrheit unter Protest gegen diese „Diktatur“ der NSDAP im Tumult den Sit­zungssaal. Zahlreiche Zuhörer von Seiten der NSDAP und des Reichsbanners waren anwesend und sorgten für eine aufgeheizte Atmosphäre. Die Nationalsozialisten ver­suchten nun, in einer von ihnen einberufenen „Gemein­deversammlung“ die Demokraten einzuschüchtern. Am 2. Oktober 1931 ergab die Abstimmung im Stadtrat zunächst Stimmengleichheit, am 5. November 1931 jedoch wurde der Antrag der NSDAP mit 10:7 Stimmen angenommen. Damit stellte sich die Mehrzahl der bürgerlichen Vertreter demonstrativ an die Seite der NSDAP (32). Der Rat war zu einer weiteren Bühne der demokratiefeindlichen Propaganda geworden. Auch künftig setzten die Nationalsozialisten er­gänzende „Gemeindeversammlungen“ zur „Abrech­nung“ mit den politischen Gegnern an. Der Stadtrat von Jever nahm im Übrigen den Erlass von Ministerpräsident Röver vorweg, der 1932 die offi­ziellen Verfassungsfeiern im Freistaat Oldenburg verbot.

Die Ortsgruppe war sich auch nicht zu schade, eine häss­liche Intrige gegen den rechtsliberalen Leiter des Ma­riengymnasiums, die NSDAP-Mitglied Dr. Hempel wohl aus persönlichem Ehrgeiz angezettelt hatte, zu unterstützen. Selbst auf der Landtagsebene wurde der nie bewiesene Vorwurf, Direktor Wilhelm Schwarz habe seinem Sohn per „Schummelzet­tel“ im Abitur geholfen, von der NS-Parlamentsfraktion aufgeblasen. Jever und ganz Oldenburg verfolgten 1931/32 die in den Zeitungen seitenweise ab­gedruckten Protokolle des parlamentarischen Untersu­chungsausschusses über diese „Zettelaffäre“ und erfuhr von der feindseligen Polarisierung des Kolle­giums in Nationalsozialisten und Demokraten (33).

Die politischen Gegner der NSDAP

Der SPD-Politiker und Dachdeckermeister Peter Nöth (Foto von 1959, Sammlung H. Peters)

Von vier Seiten war organisierte Bekämpfung der NSDAP zu erwarten: den Kommunisten, den demokrati­schen Sozialisten, den Gewerkschaften und den einst im Jeverland so mächtigen Liberalen.

Die KPD war im Jeverland aus sozio-strukturellen Gründen mit durchschnittlich 4,6 % der Wählerstimmen in den Jahren 1930 bis 1933 relativ schwach und vermochte es natürlich grundsätzlich nicht, auf die dominanten kleinbürgerlichen Kreise zu wirken. Die KPD konnte zwar ihren Stimmenanteil insgesamt sogar etwas verbessern, jedoch vermutlich auf Kosten der SPD, die sie auch — darauf deuten die verfügbaren Dokumente — hauptsächlich angriff (34).

Der SPD-Ortsverein unter dem Dachdeckermeister und Stadtrat Peter Nöth war aktiv, vor allem in Verbindung mit der Sozialistenhochburg Rüstringen. Jedoch litten gerade die Sozialdemokraten unter der Berichterstat­tung des JW und konnten mit der in Wilhelmsha­ven/Rüstringen erscheinenden Parteizeitung „Repu­blik“ die bürgerlichen Wähler natürlich nicht erreichen. Die SPD als die zweitstärkste Kraft hatte sich der Hauptangriffe der NSDAP sowie der alten Rechtskreise zu erwehren. Die Nationalsozialisten versuchten be­wusst zu provozieren. Indem sie Versammlungen abhiel­ten, die den „furchtbaren Volksbetrug der Novemberbelüger“, den „Arbeiterverrat durch die SPD“ oder die „Bonzen im Speck, die Arbeiter im Dreck“ zum Thema hatten, erhofften sie tumultartige Auseinandersetzun­gen, die aber bis auf einmal unterblieben. In den Leser­briefspalten des JW schwelte ein Krieg zwischen NSDAP und SPD. Die Nationalsozialisten schrieben grundsätzlich in gehässiger Art und Weise („SPD-Ar­beiterverrat. Judensöldlinge !“ (35). Der SPD ist es bei re­lativ geringfügigen Verlusten gelungen, ihre Wähler 1930 bis 1933 bei durchschnittlich 22,5% zu halten; vor al­lem junge Arbeiter wanderten zur NSDAP ab.

Die SPD mit Gummiknüppel und Tschako auf der Karre von Reichskanzler Brüning , der mit falschen Versprechungen die darbenden Arbeiter verführt, den Staatskarren aus dem Dreck zu ziehen. (NLO Best. 262-4, 10882)

Flugblatt für die Verfassungsfeier 1931 mit dem Redner Dr. Anklam (NLO Best. 262-4, 10882)

Forum des demokratischen Kampfes gegen die NSDAP war das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Es besaß ab seiner Gründung 1924 einen aktiven Vorstand und 1931 vielleicht 120 Mitglieder. Unter der Leitung eines Eisenbahnbeamten trat der Zusammenschluss von SPD, DDP/Staatspartei und Gewerkschaften durch die jähr­liche Organisation der Verfassungsfeier, engagierte Le­serbriefe, Umzüge, ein demokratisches Vereinsleben und vor allem Wachsamkeit in Erscheinung. Bereits 1928 zeigte es erfolgreich die Ortsgruppe der NSDAP an, unternahm etwas gegen den Schriftleiter des JW und informierte mehrfach die Republikanische Beschwerdestelle in Ber­lin gegen Rechtstendenzen in der jeverschen Beamten­schaft (36). Im Februar 1932 initiierte die Ortsgruppe des Reichbanners die örtliche „Eiserne Front zur Ab­wehr des faschistischen Terrors“. Auch das Reichsbanner im benachbarten Schortens/Heidmühle war aktiv.

Der liberaldemokratische Politiker und Gymnasialprofessor Heinrich Ommen (Foto von 1923, Sammlung H.Peters)

Die DDP/Staatspartei war bereits 1931 so ausgeblutet, dass sie zur Mobilisierung der Öffentlichkeit nichts mehr taugte. Nach dem Desaster der Juli-Wahl von 1932 (2,9 %) zog sie sich auf Anzeigen und Flugblätter zurück. Lediglich Einzelkämpfer wie Heinrich Ommen und auch Hermann Gröschler, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, leisteten unermüdliche Aufklärungsarbeit. Die DVP stellte überhaupt keinen Gegner mehr dar, da sie ihre einstigen Wortführer an die Hitler-Koalition abgegeben hatte und schon 1930 eine Splitterpartei war. Ihre Versamm­lung zu den Juli-Wahlen 1932 musste wegen mangelnder Beteiligung ausfallen (37).

Es waren so Kommunisten, demokratische Sozialisten, engagierte Gewerkschaftler und einzelne bürgerliche Demo­kraten, die der NSDAP Widerstand entge­gensetzten. Sie standen allerdings allesamt im Jeverland auf verlorenem Posten, ihr Kampf hatte alle Merk­male der Defensive.

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Ja­nuar 1933 feierten noch an demselben Nachmittag SA, Stahlhelm, Kriegerverein und Parteileute mit einem spontanen Umzug. Vom Balkon des „Erb“ am Alten Markt hielt Kreisleiter Eduard Siebrecht eine Rede. Zum Abend darauf ließen NSDAP und Stahlhelm „den längsten hier je gesehene Umzug“ folgen, mit Fackeln und Musik durch die gesamte Stadt. „ Am Mariendenkmal fand ein Vorbeimarsch an den politischen Hoheitsträgern statt. Viele Arme hoben sich zum ersten Mal zum Hitlergruß.“ „Die Bevölkerung war in Massen auf den Beinen.“ Die Abschlusskundgebung fand auf dem Alten Markt statt, es sprachen ein Stahlhelmführer und erneut Kreisleiter Siebrecht. Getrennte Feiern von NSDAP und Stahlhelm folgten. (38)

Nach ihrer Etablierung im Rathaus Ende 1931 und der Übernahme der Regierung im Land Oldenburg Mitte 1932 feierten die jeverschen Nationalsozialisten nun schon zum dritten Mal. Es war die Machtübertragung an ihre Partei auf Reichsebene, der umgehend die Strangulierung aller konkurrierenden politischen und gesellschaftlichen Kräfte und die unerbittliche Verfolgung der politischen Gegner, der Juden und vieler weiterer Minderheiten folgte. Im Jeverland kam die NSDAP in Raten und von der Basis her an die Macht – mit Ausnahme des 30. Januars 1933 immer um Jahre der allgemeinen Entwicklung voraus.

Endnoten

  1. Schaap II 60 ff.
  2. vgl. Festschrift 8
  3. vgl. Festschrift 9 f.; Anzeige der NSDAP „An die 1.700 nationalsozialistischen und völkischen Wähler des Jeverlandes“(JW, 31.8.1928); Bergmann galt als Wangerländischer Agitator als Nachfolger des „Rucksackmajors“ Karl Dincklage, der nach Hannover gegangen war.
  4. vgl. Festschrift 10
  5. vgl. Festschrift 10 f.; JW, 2.7.1928
  6. vgl. Festschrift 6; Schaap II 70
  7. vgl. Schaap I 101 ff. und Schaap II 60
  8. Eissfeldt 37
  9. Schaap I 33 f.
  10. siehe hierzu im einzelnen Schaap I 132 – 139, 159 – 172
  11. vgl. Schaap II 51
  12. nach Angaben bei Eissfeldt
  13. zur Regierungsbilanz der NSDAP siehe Schaap I 191 ff. und Schaap II 122 ff.
  14. vgl. z.B. Lipset, Seymour Martin: Der “Faschismus“, die Linke, die Rechte und die Mitte.- In: Theorien über den Faschismus.- Köln/Berlin 1967, S. 449 – 491
  15. vgl. Festschrift 8; die folgenden Angaben beziehen sich auf diese Quelle sowie auf die Informationssammlung des Autors
  16. z.B. vom „jederzeit gebefreudigen“ Landmaschinenhändler Hero J. Janßen (JW, 18.5.1937)
  17. Linde, jetzt NS-Wirtschaftsleiter für das Amt Jever, beklagte sich am 1.8.1932 in einem Brief an die Gauamtsleitung über kapitalistische und bürokratische Tendenzen in der NS-Politik, die dem Erfolg im Wege stünden. Das ihm zugeleitete Schreiben nahm Gregor Strasser, der Exponent des (national)sozialistischen Flügels der NSDAP, beifällig auf (abgedruckt bei Schaap II 140 f.; vgl. auch Schaap I 216).
  18. nach übereinstimmender Bekundung zweier Zeitzeugen (Sammlung des Autors, Protokolle)
  19. Brief vom 24.4.1978 aus Israel an Heinrich Wille, Jever (abgedruckt bei Peters 48 f.)
  20. vgl. Festschrift 14; JW, 19.10.1932
  21. Festschrift 12
  22. Oldenburgische Landeszeitung, 16.8.1930
  23. NLO Best. 262,4 – 10882 (Polizeibericht vom 12.9.1930); vgl. dazu den prahlerischen Erlebnisbericht von Jens Müller, Festschrift 29 f.
  24. zu dieser Taktik vgl. Schaap I 111 und Festschrift 30
  25. NLO Best. 230,4 – 27 (Polizeibericht vom 5.2.1932)
  26. Festschrift 14; Werbezettel für „Der Deutschritter“ und „Liederbuch“ (Sammlung des Autors)
  27. Festschrift 14 und 21 f.; sowie vgl. Berichterstattung des JW 1931/32
  28. alle Schlagworte aus NSDAP-Anzeigen und Versammlungsberichten im JW; vgl. auch Eissfeldt 18 ff.
  29. vgl. Eissfeldt 21
  30. vgl. Eissfeldt 72 ff.
  31. „Es entsprach seiner stets auf das Wohl des Ganzen gerichteten Arbeit, dass Bürgermeister Dr. Müller schon früh die Bestrebungen der nationalsozialistischen Bewegung unterstützte und noch in der Kampfzeit ihr Mitglied wurde. So trug er auch wesentlich dazu bei, dass der Nationalsozialismus schon früher als anderswo in unserer Stadt festen Fuß fasste.“ (JW, 15.2.1935)
  32. vgl. JW, 15. und 16.10. 1931; Eissfeldt 71
  33. beispielsweise JW, 31.12.1931; Oldenburger Kurier, 14.4.1932; Volksblatt, 31.12.1931; Schaap I 111; sowie Handakte Georg Andrée, Archiv des Mariengymnasiums
  34. nach NLO Best. 230,4-27 und 262,4-10882
  35. vgl. Eissfeldt 63 f.
  36. z.B. gegen den Gymnasialprofessor Strube (NLO Best. 160,1 – 1208) und den Beschluss der Gesamtkonferenz des Mariengymnasiums von Mai 1931, die Hitler-Jugend an der Schule zuzulassen (NLO Best. 134-1207); vgl. auch Festschrift 9
  37. siehe Eissfeldt 63
  38. Festschrift 18; JW, 1. 2. 1933

 

Literatur / Quellen

  • Eissfeldt, Kurt: Die jeverländische Parteipolitik während der Staatskrise 1928 – 1932 im Spiegel des Jeverschen Wochenblattes.- Waddewarden, Ms., 1967
  • Festschrift „Zehn Jahre NSDAP Jever: 1928 – 1938“.- Jever 1938
  • Hinrichs, Wiard: Wahlergebnisse in Stadt und Amt Jever 1919 bis 1933 auf der Basis der im „Jeverschen Wochenblatt“ veröffentlichten Ergebnisse.- Jever, 1981, unv. MS
  • Mariengymnasium Jever, Schularchiv und Bibliothek
  • Niedersächsisches Landesarchiv Oldenburg (NLO)
  • Noakes, Jeremy: The Nazi Party in Lower Saxony.- Oxford 1971
  • Peters, Hartmut: Verbannte Bürger: Die Juden aus Jever: Dokumente und Darstellungen zur Geschichte der Juden Jevers 1698 – 1984.- Jever 1984
  • Rogge, Friedrich W.: Weimar: Republik ohne Republikaner. Antidemokratisch-völkische Umtriebe im Oldenburger Land 1922 – 1930.- In: Oldenburger Jb. 84 (1984)
  • Sammlung H. Peters, Wilhelmshaven
  • Schloss-Archiv Jever
  • Schaap, Klaus: Die Endphase der Weimarer Republik im Freistaat Oldenburg 1928 – 1933.- Düsseldorf 1978 (Schaap I)
  • Schaap, Klaus: Oldenburgs Weg ins „Dritte Reich“: Quellen zur Regionalgeschichte Nordwest-Niedersachsens.- Oldenburg 1983 (Schaap II)

 

Hartmut Peters, März 2017

(Verändert und erweitert nach: Peters, Hartmut: Von der Revolte zur Restauration: Jever zwischen der Novemberrevolution 1918 und dem Beginn der Bundesrepublik 1949/51.- In: Ein Blick zurück.- Jever, 1986, S. 90 – 138)