Jevers Weg in die NS-Diktatur, Teil 1: Völkische und nationalsozialistische Umtriebe 1920 bis 1928

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Weiterführende Informationen:

 

von Hartmut Peters

Ein in München studierender junger Mann namens Heinz Krampe soll Ostern 1921 das Programm der dort im Februar 1920 gegründeten NSDAP nach Oldenburg mitgebracht und eine erste Gruppe „Männer für Hitler“ gebildet haben.(1) Es war eine Zeit sehr großer Unruhe in allen Schichten der Bevölkerung in der Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs und der Revolution vom November 1918, die 1919 zur ersten wirklich demokratischen Verfassung in Deutschland geführt hatte. Die Weimarer Republik wird häufig als „Republik ohne Republikaner“ (2) bezeichnet. Das gilt für Stadt und Amt Jever (Jeverland) und seinen geografischen Großraum Oldenburg-Wilhelmshaven-östliches Ostfriesland ganz besonders, denn hier entwickelte sich eine Hochburg der Nationalsozialisten, die durch große Wahlerfolge und durch Machtübergaben in einzelnen Rathäusern sowie im gesamten Freistaat Oldenburg schon Jahre vor der „Machtergreifung“ von 1933 gekennzeichnet war.

Aus den Oldenburger „Männern für Hitler“ entstand 1923 die erste Ortsgruppe der Partei in ganz Nordwestdeutschland (3). Für die erste Hälfte der zwanziger Jahre lässt sich nicht immer zwi­schen den ersten „echten“ – von derNSDAP-Leitung legitimierten – Nationalsozialisten, den rassistischen Extremi­sten aus dem völkischen Lager, den Ludendorff-Anhängern, den sonstigen Antirepublikanern, die eine Monarchie oder eine Militärregierung herbeiführen wollten, und weiteren Splittergruppen unterscheiden. Auch traten die frühen Nationalsozialisten bis 1925 wegen verschiedener Partei- und Organisationsverbote in Ersatz- oder Tarnorganisationen in Erscheinung, zerfielen in verfeindete Lager, gehörten häufig gleichzeitig mehreren Gruppierungen an, wechselten diese und passten sich der Entwicklung an.

Der Aufstieg der NSDAP bis 1933 nahm in der Region drei Phasen: Die diffuse völkische Frühzeit gipfelte in einem ersten großen Wahler­folg bereits 1924, der republikweite Aufmerksamkeit erzielte. Es folgte – wie in der gesamten Weimarer Re­publik – eine bis 1928/29 andauernde Rückschlagszeit – was die Wahlerfolge, aber nicht die Partei betraf. Die wegen des Putschversuchs von November 1923 zwischenzeitlich verbotene NSDAP konnte nach Hitlers Entlassung aus der Festungshaft im Februar 1925 neu gegründet werden. Hitler löste die Partei aus dem Bündnis mit den bürgerlich-völkischen Gruppierungen und reorganiserte sie zu einer schlagkräftigen Führerpartei neuen Typs. Bereits im April 1925 gründeten die Oldenburger Nationalsozialisten ihre Ortsgruppe neu, der dann ein paar Jahre später weitere wie die Neuenburger (Ende 1927) und die jeversche (Mitte 1928) folgten. Noch bei den Reichstagswahlen 1928 war die NSDAP jedoch nur eine von mehreren antisemitisch-völkischen Parteien, aber im Land Oldenburg schon überdurchschnittlich erfolgreich. 1929 gewann sie dann die herausragende Stellung innerhalb ihres politischen Spektrums – durch die gemeinsame Agitation mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und dem „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ im Rahmen der Kampagne gegen den Young-Plan. Damit war die Rückschlagszeit beendet und der Sturm auf die Staatsmacht – Phase drei – eröffnet. Jetzt sammelten die Ortsgruppen die Mitglieder und Sympathisanten der vorhergehenden deutschvölkischen, demokratiefeindlichen und nationalistisch orientierten Gruppierungen ein, nutzten den „Stahlhelm“ als Agitationsplattform und fanden neue Rekrutierungsquellen. Der bereits zu Beginn der zwanziger Jahre breiten Fuß fas­sende Antisemitismus stellte den verbindenden Kitt dar. Die Partei wuchs auf der Basis ihrer in der Wirtschaftkrise anschwel­lenden Wählerschaft wie ein Pilz. Das alles lässt sich regionalgeschichtlich bis ins Detail nachweisen.

Mitte März 1920 versuchten Freicorps und Militärs in Berlin die gewählte Reichsregierung mit Waffengewalt zu stürzen. Der Kapp-Putsch zog in Wilhelmshaven „weite Kreise“ (4), zumal an ihm der in der Jadestadt gegründete Freicorps „Brigade Hermann Ehrhardt“ führend beteiligt war. Das Jeverland verfolgte angespannt die 100 Stunden dieser gewalttätigen Unternehmung, die von vielen Einwohnern nicht geliebte junge Weimarer Demokratie durch eine Militärjunta zu ersetzen. Die maßgebliche Tageszeitung, das Jeversche Wochenblatt (JW), beklagte sich darüber, das Programm der rechtsextremistischen Militärs nicht veröffentlichen zu dürfen, hängte es dafür in den Schaukasten und unterließ jedes Wort der Kritik. (5) (siehe auch: Das Jeversche Wochenblatt von 1919 bis 1945: Vom Wegbereiter des Nationalsozialismus zum Herold des „Endsiegs“) Die in der Folge des Umsturzversuchs stattfindenden Reichstagswahlen vom Juni 1920 brachten dann dem Landstrich den beträchtli­chen Zuwachs der bürgerlichen Rechtsparteien DVP und DNVP auf zusammen 42,7 Prozent und einen deutlichen Schwund der demokratischen Mitte. Zunächst noch fungierte die Deutsche Volkspartei (DVP), die im Land Oldenburg offen antisemitisch auftrat und alleine auf 33,5 Prozent kam, als Sammelbecken der beginnenden Rechtsentwicklung.

Das Kollegium des Mariengymnasiums 1922. Stehend, 1.v.l., Dr. Oskar Hempel, der Ortgruppenleiter des Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes; weitere Mitglieder: Ernst Schippmann, Dr. Karl Hoyer, Otto Voigts (hinter dem Tisch v.l.), Adolf Strube (vorne). Georg von der Vring (bei den Hüten) schaut auf den Boden. (Archiv Mariengymnasium Jever)

Ebenfalls 1920 gründete sich in Jever eine Ortsgruppe des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes. Die Organisation wurde wegen des Verdachts, an der Ermordung des jüdischen Reichsaußenministers Rathenau am 6. Juli 1922 beteiligt zu sein, wenig später für den Freistaat Oldenburg verboten. Bei elf jeverschen Mitgliedern führten Gendarmen am 10. Juli 1922 Hausdurchsuchungen durch. Die Mitgliedsliste und andere Indizien zeigen, dass die republikfeindlichen Rassisten fest im Bürger- und Kleinbürgertum verankert waren: Beamte, Angestellte, Kaufleute, Ge­werbetreibende, einige Landwirte, aber keine Arbeiter. Fünf Studienräte des Mariengym­nasiums (40 % des Kollegiums) sowie der Direktor des städtischen Lyzeums finden sich unter den 34 Mitglie­dern – einflussreiche Multiplikatoren der völkisch-anti­semitischen Propaganda. Ein bei Dr. Oskar Hempel, Studienrat am Mariengymnasium Jever und Lei­ter des Bundes, gefundener Brief weist schon für 1921 Kontakte zum Hitler-Ludendorff-Lager nach. Hempel stand 1922 auch im Verdacht des Oberreichs­anwaltes in Leipzig, mit der Terror-Organisation Condor, dem illegalen militärischen Arm des Trutzbundes, in Kontakt zu stehen. (6) Hempel war gleichzeitig auch Vorsitzender des die musikalische Hochkultur in der Region gestaltenden „Singvereins.“ Die Liste des Trutzbundes im Verein mit der des gleich­zeitig verbotenen Verbandes nationalgesinnter Solda­ten – der im Übrigen fast dieselbe soziale Zusammenset­zung aufweist – liest sich wie ein „Who is Who“ der wenig später auftretenden nationalsozialistischen „Vor­kämpfer“.

Dr. Oskar Hempel am 5. Juli 1922 mit der Untersekunda des Mariengymnasiums. Rechts vorne Karl-Heinz (Hein) Bredendiek. (Archiv Mariengymnasium Jever)

Hempel profilierte sich seit Ende 1918 als ein Wortführer der Antisemiten und Republikfeinde des Jeverlands.In einem Debattenbeitrag bei einer Wahlveranstaltung am 17. Dezember 1919 im jeverschen „Schwarzen Adler“ mit dem antisemitischen DNVP-Reichstagskandidaten Major a.D. Wilhelm Hennig „sprach der Redner dem praktischen Antisemitismus das Wort,“ wie das JW (19.12.1919) berichtete. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Jevers, Joseph David Josephs, richtete umgehend eine Beschwerde an das Ministerium der Kirchen und Schulen in Oldenburg, in der er auch auf antisemitische Vorfälle am Mariengymnasium hinwies. Das Disziplinarverfahren zog sich trotz wiederholter rassistischer und republikfeindlicher Äußerungen Hempels hin. Im Herbst 1923 schließlich versetzte das Ministerium den Altphilogen zur Strafe nach Rüstrin­gen. Es ist dies der einzige Fall, in dem die Republik Oldenburg überhaupt einen der gegen sie agitierenden „Staatsdiener“ einmal gemaßregelt hat. 1.700 Bürger des Jeverlandes forderten mit ihrer Unterschrift die ,,für das kulturelle Leben … bedeutungsvolle und unersetzliche Persönlichkeit“ – wie es in der Resolution heißt — heim nach Jever. Hempel kam nach einem halben Jahr zurück ans Mariengymnasium, als die wehrhaft demokratische Regierung Tantzen von einem angeblich neutralen Beam­tenkabinett abgelöst wurde. (7)

Bereits unmittelbar nach der Novemberrevolution 1918 hatte der Wilhelmshavener Korvettenkapitän a.D. Ernst Stever damit begonnen, „den völkischen Gedanken in weite Kreise des Volkes, vor allen Dingen in die Kreise der Arbeiter, zu tragen,“ wie die Landespolizeistelle berichtete. Stever war 1923 „persönliches Mitglied der NSDAP, Sitz München“ und stellte, ausgestattet mit Agitationsmaterial und Geld aus München, örtliche Ableger auf die Beine. (8)

Mitgliedsausweis Anfang 1923 (LAO, Best. 136, 2685)

Nach einer ersten Kontaktphase besaß die Münchener NSDAP spätestens ab 1922 auch Mitglieder und Sympathisanten im Jeverland. Im April 1923 bestanden in Wilhelmshaven und Carolinensiel Ortsgruppen des „Vereins deutschdenkender Arbeiter“, der das Haken­kreuz auf dem Mitgliedsausweis führte. In Carolinensiel war vermutlich der Lehrer Heinrich van Die­ken der Leiter, der auch der Ortsgruppe Jever des „Verbandes nationalgesinnter Soldaten“ angehörte und 1924 als na­tionalsozialistischer Aktivist im Kreis Wittmund hervor­trat.(9) Der Auktionator und Bezirksführer des „Stahlhelm“, Wilhelm Assling aus Sillenstede, war ab 1922 Mitglied der „Deutsch-Völkischen Freiheitsbewegung“. In Sillenstede versteckten die ersten Nationalso­zialisten des Jeverlandes zur Vorbereitung des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923 ein Waffenlager bei einem Pg. [Arthur] Blohm gut unten im Keller“, wie die Parteigeschichte der NSDAP-Niedersachsen aus dem Jahre 1942 berichtet. (10) Im August 1923 hob die Polizei bei dem Bauern Theodor Pielstick in Sillenstede, einem Gemeindevorsteher, ein umfangreiches Waffenlager aus. (11) Im Oktober 1923 wurde der Marinebaurat Georg Linde aus Jever, später wie Aßling ein auf Landesebene führendes Parteimitglied, festgenommen, weil er dringend verdächtigt wurde, den jeverschen Stahlhelm militärisch zu organisieren und einen Umsturz vorzubereiten. (12) Es bestand im Jeverland schon früh ein großes Interesse an der „Hitler-Bewegung“, wie die völlig ausufernde Berichterstattung des JW zum Hitler-Prozess Anfang 1924 aufzeigt.

Das Inflationsjahr 1923, in dem die Arbeitslosigkeit auch im nach Wil­helmshaven orientierten Teil des Jeverlandes, in Sande und Schortens, stark an­stieg, beschleunigte die Erosion der Demokratie. Zwar bezeichnete der Amtshauptmann (heutige Dienstbezeichnung: Landrat) des Amtes Jever noch im Sep­tember 1923 die Versorgungsver­hältnisse in den ländlichen Gemeinden als „gesund“, weil hier ja der Naturallohn möglich sei (13) , doch gab das allgemeine Gefühl der sozia­len Unsicherheit den völkisch-nationalen Parolen, die einfache Lösungen anboten, reiche Nahrung. Der Rechtstrend wurde offensichtlich in den Reichstagswahlergebnissen vom Mai 1924, die einen Vorgeschmack auf das gaben, was nach der Atempause der „goldenen Jahre“ der Re­publik ab 1925 im Zuge der 1929 einsetzenden Agrar- und Wirtschaftskrise noch auf das Jeverland zukommen sollte.

Handzettel für eine der ersten Veranstaltungen der nationalsozialistischen Rechten im Jeverland, Mai 1923 (LAO, Best. 136, 2685)

Als im Grunde die Geld­entwertung bereits gemeistert war, erzielte der „Völ­kisch-soziale Block“ Strassers, Ludendorffs und von Graefes in Stadt und Amt Jever 22,6 % der Stimmen, während er auf Republikebene mit 6,6 % bedeutungslos blieb. Da gleichzeitig die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die inzwischen die DVP als Partei des reaktionären bürgerlichen Wählers abgelöst hatte, auf 30,9 % kam, hätte die Hitler-Hugenberg-Koalition, der Reichspräsident Hindenburg 1933 die Staatsmacht übergab, im Jeverland bereits 1924 die absolute Mehrheit besessen. In Niedersachsen gab nur noch im angrenzenden Landkreis Wittmund, wo der Block auf sogar 46,4 % kam, in der Lüneburger Hei­de, in Braunschweig/Wolfenbüttel und in Göttingen ähnlich große Er­folge für diese rechtsextremistische Sammlungsbewegung, in der die Hitler-Anhänger eine wichtige Rolle spielten. Als na­tionalsozialistische Agitatoren mit Wirkung im Raum Jever sind zu nennen: Hermann Ahrens (Bremen). Heinrich van Dieken (Carolinensiel), Gustav Seifert (Hannover). Wilhelm Aßling (Sillenstede) und vor al­lem Jann Blankemeyer (Kirchkimmen). Auf der Basis der Agitation Blankemeyers erreichte der Völkisch­-soziale Block beispielsweise im Mai 1924 in Friedeburg (Landkreis Wittmund) 94 % der ab­gegebenen Stimmen — ein Ergebnis, das einzigartig in der gesamten Republik war. Blankemeyer, der 1921 erstmals in Friesland als Redner auftrat, gab ab Mai 1923 mit Genehmigung der Reichsleitung der NSDAP in Mün­chen eigene Flugblätter heraus, die meist in Niederdeutsch abgefasst waren. (14) In Jever gestaltete der Müller Johannes Schönbohm die Flügel seiner am Bahnhof gelegenen Mühle zu Propagandazwecken 1922 kurzzeitig zu einem Hakenkreuz um. (15) Es überrascht nicht, dass der Völkisch-Soziale Block bei den Reichstagswahlen von Mai 1924 mit 41,8 % gerade in Sillenstede sein bestes jeverländisches Einzelergebnis erzielte (Stadt und Amt Jever 22,6; Stadt Jever 20,1; Schortens 27,6 %).

Jann Blankemeyer rührte bereits ab 1921 mit großem Erfolg die Werbetrommel für die Nationalsozialisten. (Foto von ca. 1933, Archiv H. Peters)

In dem Wahljahr 1924 (zwei Reichstags­wahlen, eine Kommunalwahl) sind auch die ersten kommunalpolitischen Aktivitäten der Nationalsozialisten — im Bündnis mit den Völkischen – zu verzeichnen. Am 6. März 1924 gründete sich die Ortsgruppe Jever des Völ­kisch-sozialen Blocks, die die zahlreichen Gastredner durch viele vom JW bereitwillig abgedruckte Leser­briefe und die Organisation der Wahlveranstaltungen unterstützte. Mitte 1924 wandelte sie sich in eine Orts­gruppe der Nationalsozialistischen Freiheitspartei um. Wilhelm Aßling aus Sillenstede war ihr Hauptsprecher. Dieser tauchte selbst in einer Versammlung des am 27. Juni 1924 gegen die völkischen Umtriebe gegründeten Ortsver­eins des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ als Gegenredner auf und kandidierte bei den Dezemberwahlen 1924 für die „Nationalsozialistische Freiheitsbe­wegung Großdeutschlands“ zum Reichstag. Auf kommunaler Ebene waren die Völkischen zu dieser Zeit noch nicht effektiv organisiert oder die Tradition des Honoratioren-Parlaments stand einer politischen Wahl entgegen, denn bei der Kommunalwahl von 1924 erzielten sie – durch den Tabakwarenhändler Heino Wolf – lediglich einen Sitz im jeverschen Stadtrat (16).

Folgender Vorgang wirft ein Licht darauf, mit welchen Methoden die Bewegung Fuß zu fassen suchte. In einem Leserbrief im JW mit dem Titel „Bruta­lität oder Sadismus“ bezichtigten am 24. September 1924 acht Jeveraner, die z.T. „als hervorragende Mitglieder der Nationalsozialisti­schen Freiheitspartei bekannt“ (17) waren, den jüdischen Vieh­händler Erich Levy der Misshandlung seines Knechtes. Als Levy „die politische Verranntheit der völkischen Herren“ im JW feststellte, folgte ein weiterer Schmähbrief der acht und die Ortsgruppe der National­sozialistischen Freiheitspartei drohte: „Herr Levy, bei Philippi sehen wir uns wieder.“ Bei den anschließenden Prozessen folgte der Freispruch des Viehhändlers und die Verur­teilung der Einsender sowie des Chefredakteurs Lange zu Geldstrafen wegen Beleidigung. Es stellte sich her­aus, dass Hermann Ahrens aus Bremen, der als Spitzenkandidat des Völkisch-sozialen Blocks bzw. der Nationalsozialistischen Freiheitspartei 1924 mehrfach das Jeverland besucht hatte, Motor der Briefe war. Der Funktionär hatte zusammen mit den örtlichen Parteimitgliedern die Chance ge­wittert, über antisemitische Diffamierungen die Leser der Zeitung an seine Partei zu binden. (18)

In den Jahren 1925 bis 1929 erlebte die Republik eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, die Jever den Anschluss an die überörtliche Energieversorgung, die Wasserleitung und die Gasversorgung sowie einen Sportplatz bescherte. Die bankmäßig aufgezogene Städ­tische Sparkasse warf Gewinne ab (19). Für diese „glücklichen“ Periode lässt sich im Jeverland keine ausgeprägte Parteiarbeit der Nationalsozialisten nachweisen. Der örtliche NS-Ableger bestand jedoch in der Bedeutung eines Wahlhelfers weiter, als im Mai 1925 die „Deutschvölkische Freiheitsbewegung“, wie sich jetzt der rassistische Verbund nannte, bei den Landtagswahlen 14 % der Stimmen erzielte. Das Je­verland blieb auch jetzt eine Bastion der Völkischen, die im Staat Oldenburg mit insgesamt 2,6 % unbedeu­tend waren.

Beispiele sollen abschließend den Bewusstseinszu­stand weiter Bürgerkreise vor dem 1929 beginnenden Sturmlauf der NSDAP auf die Macht verdeutlichen:

Anfang 1919 ersetzte der Verleger des JW, Enno Mettcker aus Moorhausen bei Sillenstede, den national-liberal eingestellten Schriftleiter der Zeitung, Hermann A. Reinhardt, durch einen Antipoden. Reinhardt hatte sich während der Revolutionsmonate Ende 1918 in den Spalten der Zeitung und auch in öffentlichen Versammlungen deutlich für einen geordneten Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie ausgesprochen, die Rolle der Mehrheits-SPD hierbei akzeptiert und damit bei Teilen des jeverschen Bürgertums harschen Widerspruch erregt. Mit der Umbesetzung folgte Mettcker seiner Gesinnung und seinen geschäftlichen Interessen, denn das Blatt sollte sich auch verkaufen. Friedrich Lange (1879 – 1952), der neue Chefredakteur, war der Sohn des völkischen Journalisten und Politikers Dr. Friedrich Lange (1852 – 1917), der zu den führenden Publizisten der Chauvinisten und Antisemiten des Kaiserreichs gehörte und eine politisch wirksame Sammlungsbewegung dieses Spektrums anstrebte. (20) Lange jun. hatte bei der „Deutschen Zeitung“ seines Vaters, der wichtigsten Zeitung der extremen Rechten vor dem Ersten Weltkrieg, das journalistische Handwerk gelernt. Er wurde zu den die politischen und kulturellen Einstellungen im Jeverland der kommenden 25 Jahre maßgeblich prägenden Figuren. Lange, Gründungsmitglied des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes und der Ortsgruppe der NSDP, wollte aber nicht nur aus den Spalten der Zeitung die rechtsradikalen Gruppierungen unterstützen.

Collage mit drei Anzeigen für völkisch-nationalsozialistische Veranstaltungen aus dem JW des Jahres 1924 (Repros H. Peters)

1920 begründete er mit anderen rechtsstehenden Persönlichkeiten wie z.B. dem Geschäftsführer der Landkrankenkasse und NS-Parteimann August Blikslager (1878 – 1928) und dem Hitler favorisierenden Pastor und Heimatschriftsteller Carl Woebcken (1878 – 1965) den „Heimatverein für Jever und Jeverland“, der 1923 mit dem schon bestehenden „Altertumsverein“ zum Jeverländischen Altertums- und Heimatverein fusionierte. Lange sah in der erstarkenden Heimatbewegung ein Vehikel zur Verbreitung der völkischen Ideologie. Besonders wichtig war ihm die Verstärkung des Negativ-Positiv-Bildes von „Stadt und Land“ und die Abwertung der städtischen Kultur. Berlin, die Bühne der freiheitlichen kulturellen und politischen Entwicklungen dieser Zeit, sei eine „alte Vettel“. Die Abwehr der „westeuropäischen Vergnügungskultur“, des Gelderwerbs und „der Wucherer“ war gegen die Demokratie, die offene Gesellschaft und die Juden gerichtet. Die durch solche Ausgrenzungen erst konstruierte, angeblich „deutsche“ Kultur sollte münden in: „Heimat, das ist die erdgewachsene Kraft und Treue unseres Bauerntums, der redliche Erwerbsfleiß, der Geist unserer besten von einst und heute, die Summe der sittlichen Werte, der tüchtigsten Eigenschaften, die grundlegend sind für die stete Erneuerung und Verjüngung unseres Volkstums.“ (21) Die NS-Ideologie von „Blut und Boden“ fand über Lange den Weg in den Heimatverein und in die Spalten seiner Zeitung.

Um die Bauern zu erreichen, nahm auf Initiative von Lange und des völkischen Diplomaten i.R. Georg von Eucken-Addenhausen (1855 – 1942), der auf dem Sielhof in Neuharlingersiel residierte, Anfang 1924 im Sophienstift eine Filiale der von Heinrich Himmler hoch gelobten „Bauernhochschule“ ihre Unterrichtstätigkeit auf. „Sie bezweckt die Schärfung des völkischen Gewissens und Vertiefung der geschichtlichen Erinnerungen, die Umstellung der bäuerlichen Kultur aus beharrender Überlieferung zu bewusster Arbeit, um zum Heile des Volksganzen und zur Wiedergeburt des deutschen Volkes den zersetzenden Einflüssen entgegenzuwirken“ , hieß es im JW am 12.2.1924. Bekannte Persönlichkeiten der Region beteiligten sich mit Lehrangeboten. Als das Institut das Hakenkreuz als Fahnenzeichen wählte und deshalb die staatliche Unterstützung ausblieb, wurde es ins preußische Aurich verlegt und gelangte schließlich auf die SA-Haneburg in Leer. Aus der bunten und sich ständig verändernden völkischen Szene der Mittzwanziger traten in Jever auch die „Artamanen“, die „Adler und die Falken“, die „Jungfriesen“ und die „Werwölfe“ in Erscheinung.

Gymnasialprof. Adolf Strube als Unteroffizier 1915, Postkarte an das Kollegium des Mariengymnasiums (Archiv Mariengymnasium Jever)

Der Gymnasialprofessor Adolf Strube, Landtagskandi­dat der DVP von 1919 und Gründungsmitglied des je­verschen Stahlhelms, bezeichnete 1929 anlässlich eines großen Stahlhelmaufmarsches in Jever vor 2.000 Zuhö­rern das „jetzt herrschende System“ als ein System „or­ganisierter Verantwortungslosigkeit“ und forderte eine Volksgemeinschaft mit „starker Spitze“ und entmachte­tem Parlament. (JW, 9. 9. 1929) Im Zuge des von der Republikanischen Beschwerdestelle in Berlin ausgelö­sten beamtenrechtlichen Disziplinarverfahrens urteilte der gymnasiale Schulleiter Wilhelm Schwarz über einen der angesehen­sten Bürger der Stadt: „Strube steht politisch ganz rechts und lehnt innerlich den heutigen Staat restlos ab.“ Strube bekam lediglich einen Verweis, obwohl er aus­drücklich nichts zurücknahm (22).

Die Feiern zum Jahrestag der Weimarer Verfassung wa­ren ein ständiger Streitpunkt zwischen Demo­kraten und Republikfeinden. Zwar liefen die öffentlichen Feiern auf dem Schlossplatz – veranstaltet von Reichs­banner, SPD, DDP sowie den Gewerkschaften – kor­rekt ab, doch im Gymnasium kam es regelmäßig zu ausgeklügelten Provokationen der Redner durch die völkisch-nationale Lehrermehrheit oder sogar, wie 1928, zu einer Rede gegen die Verfas­sung, als Studienassessor Kurt Böning ausgerechnet das autoritäre Sparta als staatliches Vorbild pries. (23). Selbst die Anschaffung von Fahnen mit den Farben der Republik war im Stadtrat eine strittige Ange­legenheit. 1928 will ein Leserbrief der NSDAP-Orts­gruppe deutlich machen, dass Schwarz-Rot-Gold in Je­ver höchst unüblich sei (JW, 5.9. 1928). Zur Verfas­sungsfeier 1931 unterließ dann Bürgermeister Dr. Georg Müller-Jürgens (1883 – 1971), der wenig später der NSDAP beitrat, „nach dem Wunsche der Mehrheit der Bür­ger“ (JW, 21.8. 1931) schlichtweg die Beflaggung des Rathau­ses. Die Feier zum im besiegten Frankreich 1871 ausgerufe­nen Wilhelminischen Kaiserreich, die von den soldatischen Vereinigungen am 21. Januar abgehalten wurde, entsprach eher der Bevölkerung.

In diesem Klima nimmt eine demokratisch-pazifistische Erscheinung wie Georg von der Vring, der von 1919 bis 1928 als Zei­chenlehrer am Mariengymnasium diente und mit dem ersten deutschen Antikriegsroman „Soldat Suhren“ Ende 1927 einen Bestseller hatte, Wunder. Im Oktober 1928 floh der später gefeierte Lyriker in einer Mischung politischer und persönlicher Gründe buchstäblich über Nacht in die Schweiz. „Seit ich ein Kriegsbuch ge­schrieben und veröffentlicht hatte, das erfolgreich war und alsbald in England und Amerika erschien, wurde ich, wie zu erwarten, in Jever bekämpft. … Vom recht radikalen parteipolitisch eingestellten Teil der jever­schen Bevölkerung wurde ich seither beschimpft. Die Kampfesmittel erstreckten sich von feindlichen Blicken über anonyme Eingesandts in der Zeitung bis zu abend­lichen Steinwürfen gegen mein Fenster“, schrieb er im November 1928 (24).

Reale wirtschaftliche Not und die große Angst des Kleinbürgertums vor dem sozialen Ab­stieg, die „vielschichtige, aus unterschiedlichen Motiven und Interessen gespeiste Ablehnung“ (25) der Demokratie im bürgerlich-konservativen Lager sowie der wie Kitt zwischen den verschiedenen Kreisen wirkende Antise­mitismus bilden den Nährboden für das frühe Anwach­sen der extremen Rechten im Jeverland. Der Militaris­mus der Wilhelminischen Epoche war selbst in den be­sten Jahren der Republik ungebrochen und ge­riet in den politischen Kreisen des „Frontkämpferbun­des“ Stahlhelm zu offenem Revanchismus.Wilhelm Aßling rief bei der Reichsgründungs­feier 1924 als Vorsitzender des Stahlhelms Jeverland aus: „Wir sind eine Plantage des internationalen Bör­senkapitals!“ Jeder wusste, das mit dem ökonomischen Fachausdruck das „internationale Judentum“ gemeint war. Aßlings Vorschlag, den Kehrreim der „Wacht am Rhein“ nur noch in der Fassung zu singen „Lieb Vater­land, sollst ruhig sein, bis wieder steht die Wacht am Rhein“ fand allgemeine Zustimmung. (JW, 23. 1. 1924)

Viele Einwohner des Jeverlandes machten bereits 1923/24 die „Judenrepublik“ für alles, insbesondere die selbst ver­schuldete Demütigung von Versailles, verantwortlich. Selbst im wirtschaftlich unproblematischen Jahr 1925 erzielten die Völki­schen und der „Landesblock“ aus DNVP und DVP zu­sammen 60,4 % der Stimmen (37,2 % Staat Olden­burg). Insbesondere die DVP, in Oldenburg tradi­tionell sehr rechts, band wichtige regionale Wort­führer der zu dieser Zeit gespaltenen Völkischen an sich. Der Landesblock hetzte im JW mit halbseitigen An­zeigen gegen den „jüdisch-demokratisch eingestellten Theodor Tantzen“ (JW, 23. 5. 1925), den Wortführer der bürgerlichen Demokraten in Oldenburg. Republi­kanisches Denken hatte – das zeigen die Fakten – bei nie mehr als der Hälfte der Jeverländer eine Veran­kerung.

Fußnoten

  1. Haase 91
  2. vgl. z.B. Rogge
  3. nach Haase 91
  4. Grundig 136
  5. JW März/April 1920
  6. NLO Best. 136, 2685; Stärke des Kollegiums nach Schuljahresbericht des Mariengymnasiums 1922/23
  7. NLO Best. 134, 1436 (Personalakte Hempel); zu Hempel vgl. auch Rogge 221 f.
  8. StO 136, 2685
  9. Noakes 117; vgl. JW, 24.6.1935
  10. Haase 99
  11. NLO Best. 136, 2676
  12. vgl. Mosse, George L.: Ein Volk ein Reich ein Führer: Die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus.- Königstein, 1979, S. 130
  13. NLO Best. 136, 2866; Lagebericht vom 23.9.1923 an das Ministerium des Innern in Oldenburg;
  14. zu Blankemeyer vgl. Haase 95 ff., Frerichs 35 f.. Lüpke-Müller 21 f.
  15. vgl. Protokoll des Interviews mit Rose Aron, geb. Josephs, 1984; vgl. die Hinweise auf das Gedicht „Die Hakenkreuzmühle“ von Georg von der Vring in „Oldenburgische Landeszeitung“, Juli 1922
  16. JW, 18.11.1924
  17. Oldenburgische Landeszeitung Nr. 343, Dez 1924 „Antisemitismus in Jever“
  18. a.a.O.; die Daten der angesprochenen Brief im JW: 24.9., 25.9., 26.9., 2.10.1924 (Landesbibliothek Oldenburg; im Schloss-Archiv Jever sind die Briefe aus den JW-Sammelfolianten herausgeschnitten)
  19. vgl. Müller-Jürgens, Georg: Jevers Stadtgeschichte von 1919 bis 1941.- In: JW, 10.5.1941; Folkerts, Martin: Jever: Rückblick und Ausblick.- In: JW, 5.5.1941; Historien-Kalender, Jever, 1920er Jahre
  20. Bei dem ebenfalls Enno Mettcker gehörenden „Anzeiger für Harlingerland“, der maßgeblichen Zeitung für den Kreis Wittmund, übernahm wenig später mit Richard Kleinadel ebenfalls ein völkischer Nationalist und späterer Nationalsozialist die Schriftleitung [LINK zu der Stelle Kleinadel im Artikel JW 1919 ff.]
  21. JW, Sept. 1920; vgl. auch Sander, 311 f.
  22. NLO, Best. 160, 1-1208 (Personalakte Strube)
  23. Schuljahresbericht des Marienygmnasiums Jever 1928/29
  24. Schreiben an Ministerialrat Tappenbeck, NLO, Best. 160,1 – (Personalakte von der Vring); zu von der Vring und Jever vgl. Peters 113 ff.
  25. Rogge 207

 

Literatur und Quellen

  • Festschrift „Zehn Jahre NSDAP Jever: 1928 – 1938“.- Jever 1938
  • Frerichs, Holger: Der Marsch ins Dritte Reich: Dokumentation zur Geschichte der NSDAP im Gebiet Varel, Friesische Wehde und Jade/Schweiburg von den Anfängen bis 1933.- Jever, 2002
  • Grundig, Edgar: Chronik der Stadt Wilhelmshaven. Bd. 2. 1853 bis 1945.- Wilhelmshaven, MS
  • Hinrichs, Wiard: Wahlergebnisse in Stadt und Amt Jever 1919 bis 1933 auf der Basis der im „Jeverschen Wochenblatt“ veröffentlichten Ergebnisse.- Jever, 1981, unv. MS
  • Lüpke-Müller, Inge: Der Landkreis Wittmund zwischen Monarchie und Diktatur: Politische Strukturen und Wahlergebnisse von 1918 bis 1933.- In: Reyer, Herbert [Hg.]: Ostfriesland zwischen Republik und Diktatur.- Aurich, 1998
  • Peters, Hartmut: Georg von der Vring und Jever.- In: 425 Jahre Mariengymnasium Jever: 1573 – 1998.- Jever 1998, S. 113 – 126
  • Mariengymnasium Jever, Schularchiv und Bibliothek
  • Niedersächsisches Landesarchiv Oldenburg (NLO)
  • Noakes, Jeremy: The Nazi Party in Lower Saxony.- Oxford 1971
  • Rogge, Friedrich W.: Weimar: Republik ohne Republikaner. Antidemokratisch-völkische Umtriebe im Oldenburger Land 1922 – 1930.- In: Oldenburger Jb. 84 (1984)
  • Sander, Antje: Friesenstolz und Heimatsinn: Der Jeverländische Altertums- und Heimatverein und die Heimatbewegung im Oldenburger Land um 1920.- In: Suche nach Geborgenheit: Heimatbewegung in Stadt und Land Oldenburg.- Oldenburg, 2002, S. 306 – 331
  • Schaap, Klaus: Oldenburgs Weg ins „Dritte Reich“: Quellen zur Regionalgeschichte Nordwest-Nidersachsens.- Oldenburg 1983
  • Schloss-Archiv Jever

 

Hartmut Peters, März 2017

(Veränderter und erweiterter Auszug aus: Peters, Hartmut: Von der Revolte zur Restauration: Jever zwischen der Novemberrevolution 1918 und dem Beginn der Bundesrepublik 1949/51.- In: Ein Blick zurück.- Jever, 1986, S. 90 – 138)