Der Bericht der Jüdin Änne Gröschler über die NS-Zeit in Jever und ihre Rettung durch den „Transport 222“ vom KZ Bergen-Belsen nach Palästina 1944

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hrsg. v. Hartmut Peters

Auf dieser Website sind nur die ersten vier, sich mit Jever befassenden Seiten des Typoskipts von 39 Seiten dokumentiert. Der gesamte Bericht, versehen mit Einleitung, Erläuterungen und 60 Fotos ist in einer deutsch-englischen Edition zum Preis von 18,90 € zu beziehen: Verlag Hermann Lüers, Ochsenhammsweg 31H, 26441 Jever, Verlag.Lueers@web.de

Inhalt:

  1. Einleitung und biografische sowie editorische Notizen
  2. Änne Gröschler: Aus dieser schweren Zeit: Abschnitt über Jever.- Jerusalem, 1944
  3. Biografische Nachbemerkungen
  4. Die historischen Rahmenbedingungen des „Transports 222“
Änne Gröschler auf einer Aufnahme von ca. 1930 (Archiv H. Peters)

Änne Gröschler auf einer Aufnahme von ca. 1930 (Archiv H. Peters)

1: Einleitung und biografische sowie editorische Notizen

Der „Transport 222“ führte im Juli 1944 die deutsche Jüdin Änne Gröschler aus einem Konzentrationslager der SS nach Palästina – in die „nationale Heimstätte der Juden“ im Machtbereich des deutschen Kriegsgegners Großbritannien. Die Rettung mit einem Eisenbahntransport von Celle nach Haifa gleicht einem Mirakel und fand statt, als der Holocaust in Auschwitz mit der Ermordung der ungarischen Juden seinen Höhepunkt erreichte. Es existieren nur wenige Augenzeugenberichte über diese Fahrt. (1) Kein anderer Bericht dokumentiert so umfassend auch die Stationen davor, die Änne Gröschler im nationalsozialistischen Deutschland, in den Niederlanden vor und nach der Okkupation, im Durchgangslager Westerbork und im Konzentrations- und Austauschlager Bergen-Belsen durchleiden musste.

Der Bericht über die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1944 war ursprünglich nicht zur Veröffentlichung, sondern zur persönlichen Bewältigung der traumatischen Erfahrungen und zur Information der Familie gedacht. Er ist jedoch von allgemeiner Bedeutung und wird, mit Erlaubnis der Enkel und Enkelinnen der Verfasserin, veröffentlicht.

Wir erfahren, wie eine Frau den sozialen Abstieg von der hofierten Honoratioren-Gattin zur „Judenziege“, zu einem zur Vernichtung bestimmten „Untermenschen“ empfunden und verarbeitet hat. Präzise schildert Änne Gröschler, wie sie den Alltag in der antisemitisch geprägten Kleinstadt Jever und in den anfangs toleranten Niederlanden, das Lagerleben und -sterben und die spannungsreiche, am Schluss fast festliche Fahrt in die Freiheit erlebt hat. Aber nicht die vielen, bisher unbekannten Fakten sind das eigentlich Besondere, sondern die Zwischentöne des persönlichen Schreibstils. Diese erschließen dem Leser den Menschen hinter den Ereignissen. Änne Gröschler besaß Stärke, Stolz und Zuversicht und lehnte die ihr zugedachte Opferrolle ab. Gleichzeitig werden die Wunden deutlich, die ihr die rassistische Gewaltpolitik Deutschlands geschlagen hat. Die sprachlich gewandte Chronistin hat trotz aller Demütigungen und Verluste ein dennoch differenziertes Bild der Zeit, auch der Täter, gezeichnet und ein einzigartiges Dokument hinterlassen.

Änne Gröschler kam am 16. August 1888 in Osnabrück als Tochter von Bernhard (1858 – 1931) und Friederike Steinfeld geb. Cohen (1863 – 1935) zur Welt. Steinfeld besaß seit 1891 in der Osnabrücker Innenstadt, im klassizistischen Haus Lodtmann, ein Geschäft für „Manufactur-Modewaren und Confection“. Änne heiratete am 26.April1914 in Jever Hermann Gröschler (1880 Jever –1944 KZ Bergen-Belsen), der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Julius (1884 Jever – 1944 Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau) die vom Vater Simon Gröschler gegründete, regional bedeutende Rohprodukten- und Altwarenhandelsfirma „Simon Gröschler KG“ leitete. Die Firma hatte an der Albanistraße1 in Jever ihren Betriebssitz und beschäftigte noch 1938 acht Mitarbeiter. Für einige selbst entwickelte Verfahren zur Wiedergewinnung von Rohstoffen bestanden Patente. Hermann Gröschler war seit 1923 Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Jever, die 1933 etwa 110 Mitglieder zählte. Außerdem gehörte er bis zu seinem Ausschluss durch die Nationalsozialisten im März 1933 dem Rat der Stadt Jever an (Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei bzw. der Deutschen Staatspartei). Der liberale Demokrat erhob in Leserbriefen an die örtliche Tageszeitung „Jeversches Wochenblatt“ schon Mitte der 1920er Jahre seine Stimme gegen den aufkommenden Antisemitismus in Jever. Er bekleidete zahlreiche Ehrenämter wie etwa den Vorsitz des lokalen Arbeitgeberverbandes und war in den Vorständen des Arbeitsamts der Jadestädte Wilhelmshaven/Rüstringen und der Städtischen Sparkasse Jever vertreten.

Änne Gröschler und ihr Ehemannn Hermann ca. 1930 (Archiv H. Peters)

Änne Gröschler und ihr Ehemannn Hermann ca. 1930 (Archiv H. Peters)

Die wohlhabende Familie zählte zu den Honoratioren der damals rund 6.000 Einwohner zählenden friesischen Klein- und Kreisstadt und blieb wohl deshalb zunächst von direkten persönlichen Anfeindungen weitgehend verschont. Jever und das agrarisch geprägte Umland waren bereits seit Beginn der 1920er Jahre eine Hochburg der völkischen Bewegung, in der die ersten Nationalsozialisten eine wichtige Rolle einnahmen, und ab 1928/29 der NSDAP. Bereits bei den Reichstagswahlen von Mai 1924 erzielte hier der Völkisch-Soziale Block eines seiner Spitzenergebnisse: 22,6 Prozent der Stimmen, bei 6,6 Prozent Zustimmung im gesamten Reich. Im März 1933 kam die NSDAP auf 60,1 Prozent, während sie insgesamt bei 43,9 lag. Änne Gröschler stellt in ihrem Bericht eindringlich dar, wie die Idylle der Weimarer Republik sich nach der Machtübertragung an die NSDAP umgehend als Scheinwelt entlarvte und in einen Mikrokosmos der Gehässigkeiten überging.

 

Aus der Ehe stammen die Kinder Käthe (1915 Jever – 2002 Groningen), Gertrud (1917 Osnabrück – 2000 London) und Walter (geb. 1922 in Jever). Gertrud emigrierte 1936 als Haushaltshilfe nach England. Käthe verzog Ende 1937 nach Groningen und heiratete dort am 24. März 1938 den aus Oldenburg stammenden Arzt Dr. Alfred Löwenberg, der bereits als Medizinstudent im April 1933 in die Niederlande emigriert war, da er als Jude im nationalsozialistischen Deutschland keine Berufschance mehr besaß. Walter durfte 1933 trotz bestandener Aufnahmeprüfung nicht das Mariengymnasium Jever besuchen. Im Oktober 1935, kurz nach seiner Bar-Mizwa, brachten die Eltern den 13jährigen auf einem vom italienischen Triest ausgehenden Schiff persönlich zu seinem Onkel Dr. med. Fritz Steinfeld nach Palästina. Dieser arbeitete seit 1933 in Jerusalem als Arzt und hatte die Eltern von der Notwendigkeit der Übersiedlung Walters überzeugt. Noch im Jahre 1937 besuchten sie ihn und überlegten, im Ausland zu bleiben, doch hatten sie dem verwitweten Simon Gröschler (1851 – 1938) versprochen, nach Deutschland zurückzukommen.

Obwohl es die Kinder rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, wollte das Ehepaar Gröschler trotz aller Repressionen von einer Auswanderung zunächst noch nichts wissen. Es hoffte immer noch auf eine Änderung der Verhältnisse, machte sich Sorgen um die Firma und um den Vater und Firmengründer Simon, der am 13. Jan. 1938 starb. Vor allem der Bruder Julius war strikt gegen eine Aufgabe des Betriebes, der noch bis zum Novemberpogrom 1938, wenn auch mit erheblichen Einschränkungen, arbeiten konnte. Als Vorsteher der Synagogengemeinde fühlte sich Hermann Gröschler außerdem für die inzwischen meist völlig verarmten Mitglieder seiner Gemeinde verantwortlich, die er nicht einfach im Stich lassen wollte.

Der Pogrom vom 9./10. November 1938 und die anschließende brutale Verschleppung in das KZ Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin änderten die Situation grundlegend, zumal die Häftlinge nur schnell freikamen, wenn ihre Auswanderung der Gestapo gesichert erschien. Auch wurden jetzt die Betriebe und das Vermögen der Juden umgehend enteignet. Anfang 1939 schaffte das Ehepaar nach hektischen Aktivitäten, die einer Flucht glichen, die Emigration in die Niederlande und lebte in Groningen im Hause der Tochter Käthe und des Schwiegersohnes Dr. Alfred Löwenberg, der dort seit 1937 eine Arztpraxis betrieb. Hier wohnte auch die 1931 verwitwete Mutter des Schwiegersohns, Bernhardine (Dini) Löwenberg geb. Josephs (1878 Jever – 1961 Groningen). Gegenüber der niederländischen Regierung hatte sich Dr. Löwenberg verpflichtet, die Aufenthaltskosten des Ehepaars Gröschler zu tragen. Nur so war es möglich gewesen, die Einreiseerlaubnis zu erhalten.

Die erste Seite des 39seitigen Typoskripts der Erinnerungen von Änne Gröschler „Aus diese schweren Zeit“ (Archiv H. Peters)

Die erste Seite des 39seitigen Typoskripts der Erinnerungen von Änne Gröschler „Aus diese schweren Zeit“ (Archiv H. Peters)

Das mit „Jerusalem, im Herbst 1946“ auf der letzten Seite datierte Typoskript – 39 engzeilige Seiten im britischen Foolscap-Format – entstand offenbar schon relativ kurz nach der Ankunft in Jerusalem, vermutlich im Juli 1944. In der Zeit der Erzählung ist der Zweite Weltkrieg noch nicht beendet, die Befreiung von Groningen im April 1945 und das Überleben der Verwandten sind Änne Gröschler nicht bekannt. Wie der Text verdeutlicht, ist sie seit ihrer Ankunft in Palästina erkrankt und in stationärer Behandlung. Klare Symptome der Krankheit werden nicht genannt. Wie ihre Tochter Käthe Löwenberg-Gröschler 1984 dem Herausgeber mitteilte, habe sie einen Zusammenbruch erlitten und deshalb auf Anraten der Ärzte den Bericht niedergeschrieben. Den habe sie in späteren Jahren immer „Aus dieser schweren Zeit“ genannt. Vielleicht erklärt sich das falsche Datum aus der später erfolgten Übertragung eines handschriftlichen Urtextes in das Typoskript.

 

1984 besuchten von den Nationalsozialisten vertriebene Juden aus Jever, die den Holocaust überlebt hatten, ihren alten Wohnort. Diese Überlebenden des Holocaust folgten der Einladung einer Projektgruppe von Schülern und Lehrern des örtlichen Gymnasiums. Während der Besuchswoche überließen Käthe und Alfred Löwenberg-Gröschler ihr das Typoskript zur Erstellung von Fotokopien und zur weiteren Verwendung, eine Kopie wurde dem Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg zur Verfügung gestellt. Der Herausgeber veröffentlichte 1988 Auszüge des Berichts in einem Aufsatz über den Novemberpogrom 1938 in Jever. Werner Vahlenkamp edierte in demselben Jahr die Jever betreffenden Passagen, das sind etwa zehn Prozent des Gesamttextes.

Der Text wurde in Rechtschreibung und Zeichensetzung korrigiert und im Satzbau an wenigen Stellen angepasst. Linguistische Untersuchungen, z. B. über eventuelle Reflexe des Jiddischen, sollten auf das originale Typoskript zurückgreifen. Eine Papierkopie des Typoskripts befindet sich im Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg (Best. 297 D Nr. 155). Eine digitale Kopie stellt das GröschlerHaus Jever auf Anfrage zur Verfügung.

 

(1) Zu nennen sind Simon Heinrich Hermann, der 1944 in Tel Aviv eine Analyse des Austauschtransports, seiner Vorgeschichte und des Lagers Bergen-Belsen veröffentlichte, und Helmuth Mainz, von dessen ebenfalls 1944 entstandenem Bericht bisher nur ein Teil (Oppenheimer 167 – 186) publiziert wurde.

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2: Änne Gröschler: Aus dieser schweren Zeit: Abschnitt über Jever.- Jerusalem, 1944

[10. Nov. 1938, ca. 3 Uhr morgens]

Nachts ging das Telefon: „Frau Gröschler, die Synagoge brennt.“ Ich weckte in Aufregung meinen Mann, und wir sahen tränenden Auges das traurige Schauspiel. Wir wohnten der Synagoge sehr nahe und sahen, wie das Feuer zum Himmel brannte. Auf der Straße war lautes Treiben, ein große Unruhe. Menschen liefen hin und her. (1) Es schellt, ein Freund meines Mannes mit seiner Frau. Sie weinten, und wir alle stehen bestürzt vor der unsagbar trüben Begebenheit. Dann gehen sie fort. Mein Mann fühlt sich als Vorsteher der Gemeinde verantwortlich, sich nach der Ursache des Feuers zu erkundigen. Ich fühle, es könnte ihm etwas passieren, und will ich zurückhalten, doch er ging. Halb angezogen rennt er zur Synagoge, und meine Befürchtung, die Nazis könnten die Juden als Anstifter des Brandes beschuldigen, hat sich bestätigt. Ich wartete auf meinen Mann, doch er kam nicht zurück. Eine Freundin kam zu mir und erzählte mir vorsichtig, dass sie meinen Mann verhaftet haben. Mit einem Mal fiel mir ein, dass ich, als ich durchs Fenster blickte, gesehen (hatte), dass ein Soldat (2) auf die Schulter meines Mannes geklopfte hatte. Ich konnte es erst nicht glauben. Dann lief ich in der Nacht zu Freunden, sie zu warnen. Und da musste ich erfahren, dass alle jüdischen Männer verhaftet seien, und ins Gefängnis geschleppt. Die ganze Nacht habe ich auf meinen Mann gewartet.

Die ausgebrannte Synagoge in der Großen Wasserpfortstraße am Morgen des 10. November 1938. Das Gebäude wurde im Frühjahr 1939 abgebrochen. (Archiv K. Andersen)

Die ausgebrannte Synagoge in der Großen Wasserpfortstraße am Morgen des 10. November 1938. Das Gebäude wurde im Frühjahr 1939 abgebrochen. (Archiv K. Andersen)

Dann läutetet es unten, und mit einem fürchterlichen Radau vor der Haustür. Die Polizei! (2) Mit Gepolter kam man die Treppe hinauf. Dann gingen sie ins Zimmer. Ich war erstaunt, auch einen jungen Mann dabei zu sehen, der unten im Hause bei einem Rechtsanwalt arbeitete. „Frau Gröschler, wo haben Sie Ihr Silber?“ Ich zog mein Buffet auf, in dem ich mein Silber eingebaut hatte. Dann nahmen sie alles heraus. Ich musste Koffer holen, in die sie alles packten. Da sie zu voll wurden, baten sie um Bindfaden zum Zubinden. Bronzen, silberne Schalen, Wäsche, Geld, Anzüge, Steppdecken. Wegen des Hauptanteils der Wäsche kam abends noch eine ganze Horde junger Menschen, um die Wäsche zu räubern. (3) Ich lag schon im Bett und sehe noch vor mir, wie sie meine Wäsche hinaustrugen. Ich hatte sie mit lila Seidenband wunderbar geordnet im Schrank legen, und rohe Fäuste trugen sie mir aus dem Hause. Sie sagten zu mir: „Sie haben noch genug“. Ein junger Mann steckte sich im Zimmer noch eine Zigarre von meinem Mann an: „Ach, Frau Gröschler, das erlauben Sie wohl.“ Um eine Zigarre fragte er, und Kostbarkeiten räubern sie aus dem Hause. Mir lag auch nichts mehr an Wertgegenständen. Geld, das ich mir zurückgelegt hatte, stahlen sie auch. Ich fragte den Polizisten: „Warum haben Sie meinen Mann verhaftet?“ Darauf die Antwort: „Frau Gröschler, ziehen Sie sich an. Sie sind auch verhaftet.“ Ich sagte: „Warum verhaften Sie mich? Ich habe nichts Unrechtes getan“. Die Antwort: „Es wird überall in Deutschland so gehen“. Ich wusste nun genug, wusste vor allen Dingen, dass wir armen Juden vogelfrei den Verbrechern ausgeliefert waren. Ich zog meinen Mantel über. Der Polizist ließ mich keine Minute allein. Als ich noch auf die Toilette ging, stand draußen ein Soldat als Wache. Ich musste nun mitgehen. Die Wohnung wurde nun abgeschlossen.

Zum ersten Mal im Leben kam ich ins Gefängnis. In mir trug ich einen Stolz, den mir meine Begleiter nicht nehmen könnten. Als ich angelangt war, nahm man mir meine Tasche ab. Dann wurde eine Türe aufgeschlossen, und ich ging in den Gefängnisraum. Und dort sah ich all die anderen Frauen in halb angezogenem, verzweifeltem Zustand. Ich höre sie in ihrem Elend wimmern. Einer armen Jüdin, die im Augenblick keine Wohnung besaß und nachts im Schulraum, der in der Synagoge lag, zufällig geschlafen (hatte), hatten die Nazis ungefähr die Gurgel zugedreht. Sie war noch ganz erschöpft. Beim Anzünden der Synagoge hatten sie nicht erwartet, dass im Schulraum ein Mensch schlafen würde. (4) Eine andere Frau war bis auf den Boden geflüchtet, die Deutschen ihr nach, und (so) konnte sie ihrem Schicksal nicht entgehen und wurde mitgeführt. Eine Frau weinte, sie hinterließ zuhause eine gelähmte Mutter, die ohne sie ganz verlassen war. (5) Ein Teil der Frauen war in einer anderen Zelle untergebracht. Hatte man ein Bedürfnis, wurde an die Tür geklopft. Die Gefängniswärterin öffnete die Tür mit dem Schlüssel. Draußen wurde ein Eimer benutzt, den man selbst entleeren musste. Dann kehrte man zurück, und die Tür wurde wieder hinter uns zugeschlossen. Wir bekamen auch Kaffee und Brot. Die meisten konnten vor Erregung nichts essen.

Wie lange wir in der Zelle saßen, habe ich vergessen. Ich wurde herausgeholt und unter Wache in meine Wohnung gebracht. Aber das weiß ich, dass ich sehr selbstbewusst über die Straße gegangen bin. Nach und nach kamen dann auch die anderen Frauen in ihre Wohnung zurück, die sie teilweise in trostlosem Zustande fanden. Nun hoffte ich mit jeder Stunde, dass auch die Männer erlöst wurden. Ich wusste, sie waren schuldlos. Ich wusste, die Deutschen hatten

s e l b s t die Synagoge, unser Heiligtum, angezündet. Die Synagoge war vor einigen Jahren neu erbaut worden und der Stolz der jüdischen Gemeinde. (6) Sie hatten sie angezündet und mussten Schuldige finden. Dafür waren eben die Juden da. Dafür mussten die Juden leiden und in die Gefängnisse geschleppt werden. Aber ich hatte mich getäuscht: Mein Mann kam nicht.

[11. – 23. November 1938]

Am anderen Morgen ließ der Gefängnisaufseher uns wissen, dass unsere Männer weiter geschickt würden. Mein Mann schickte mir ein Zettelchen, er benötige noch einige Sachen. Ich packte in meiner Verzweiflung noch einige Sachen meines Mannes zusammen, lief wie eine Wahnsinnige durch die Straßen ins Gefängnis. Ein trostloses Schauspiel. Alle Männer sahen so unglücklich aus. Sie wussten: Wir sind dem Untergang geweiht. Draußen standen die Gefängniswagen und (so) wurden alle darin abtransportiert. Vordem habe ich zu meinem Mann gesagt: „Du musst mir versprechen, stark zu bleiben, musst dich für deine Familie, besonders für deine Kinder, gesund erhalten. Auch ich verspreche dir, stark zu bleiben.“ Er hat es mir versprochen. Ich sehe noch das höhnische, gehässige Lachen eines halbwüchsigen Mädchens, wie sich der traurige Wagen in Bewegung setzte. Den Anblick, wehrlose Menschen, unsere liebsten Männer, wie Schwerverbrecher abzuführen, nur weil wir Juden waren, kann ich nie, nie vergessen. Einer der Herren hatte nachts einen Selbstmordversuch gemacht, ist ihm aber missglückt. Ohnmächtig blieben wir Frauen allein zurück, doch versuchte ich, alles zu erfahren, was mit unseren Männern geschehen würde.

Blaue Str. 1. In dem in der Nachkriegszeit abgebrochenen Gebäude (heute Parkplatz) wohnten Hermann und Änne Gröschler, seit ihnen die Landessparkasse zu Oldenburg 1933 aus rassistischen Gründen die Wohnung im Obergeschoss des Sparkassengebäudes in der Albanistraße gekündigt hatte.

Blaue Str. 1. In dem in der Nachkriegszeit abgebrochenen Gebäude (heute Parkplatz) wohnten Hermann und Änne Gröschler, seit ihnen die Landessparkasse zu Oldenburg 1933 aus rassistischen Gründen die Wohnung im Obergeschoss des Sparkassengebäudes in der Albanistraße gekündigt hatte.

Nach tagelangen Erkundigungen kam uns zu Ohren, dass sie ins Konzentrationslager (7) verschleppt seien. Ein Konzentrationslager ist ein Gefangenen-Camp. Die SS, Hitlers Soldaten, wurde ausgebildet, die Menschen, die in das Lager kamen, auf jegliche Art zu martern. Sie sind dort geschlagen (worden), z.T. verhungert. Ich erinnere mich einer mir bekannten Familie, die in der Nähe eines Camps wohnten. Die erzählten, man höre draußen die Leute schreien. So wurden sie misshandelt, unmenschlich. Viele konnten diese Strapazen nicht aushalten und sind gestorben. Das Wort „Konzentrationslager“ war nur ein Begriff gleich „Tod“. Hauptsächlich waren die Lager mit Juden angefüllt oder anderen politisch Verdächtigen. Jegliche Erzählung aus dem Lager von Menschen, die es lebend verlassen (konnten), wurde strengstens bestraft. Waren es denn noch Menschen, die z.T. entlassen wurden, nicht eher Skelette? Wer einmal im Lager war, hütete seine Zunge. Ich weiß, dass ein Vorgesetzter zu den Männern gesagt hat: „Ich warne euch, etwas von hier zu berichten, unser Arm reicht weit.“

Wir lebten noch und mussten essen, obgleich der Kummer uns sehr am Herzen nagte. Ich hatte kein Geld, keine Lebensmittel. Wie schon erwähnt, hatte man mir alle Wertgegenstände aus der Wohnung entführt, auch mein eigen erspartes Geld. Unser Bankguthaben war beschlagnahmt. Ich ging zu der Frau des Bankdirektors (8) , mit der wir früher im selben Haus gewohnt hatten und die uns gut kannte, um Rat zu haben. Sie war sehr reserviert und gab mir keine Auskunft. 20 Jahre hatten wir das Sparkassengebäude bewohnt, das 1914 neu erbaut worden war. Nach dem Regierungswechsel wurde uns dann die Wohnung gekündigt. (8) Ich erinnere mich noch an das Püttbierfest, ein Pumpenfest, wo den Wasserpumpen gehuldigt wurde. Jedes Jahr vereinigten sich alle Nachbarn zu diesem Fest. In einer befreundeten Wirtschaft gab es zu essen, Getränke usw. Nachts Punkt 12 Uhr standen alle zusammen um die Pumpe, die wunderbar bekränzt war. Einer der Herren hielt eine Rede, zuletzt war noch mein Mann der Redner. Dann wurde gesungen, und man kehrte in die Wirtschaft zurück. Man hielt hübsche Vorträge. Der beste Freund meines Mannes verfasste Gedichte dazu. Mein Mann sang Reutter-Couplets (9), die er etwas geändert hatte. Es war eine Harmonie zwischen Jude und Christ. Bis zuletzt hatte ich Bilder, auf denen die lustigsten Momente festgehalten wurden. Sie waren zusammen fotografiert, der Bürgermeister, Handwerker, Kaufmann, der Jude, Evangelische, der Katholik. Ich bemühte mich, bei anderen etwas Geld zu leihen, vergebens. Mit einem Mal waren wir Juden, wir unschuldigen, braven Juden, aus dem Buch der Menschheit ausgestrichen. Banditen regierten das Land. Nach vielem Hin und Her hat mir zuerst die Ärmste unserer Gemeinde geholfen, die zufällig noch etwas Geld hatte. Eine kurze Zeit hat sie noch bei mir im Hause gelebt.

Pütt-Bier der Albanipütt vor der NS-Zeit im „Schwarzen Bär“ am Kirchplatz (ca. 1932/32). Hermann Gröschler (stehend 2. v.l.), Sparkassendirektor Rudolf Borgerding (stehend, 3. v.l.), Barbier Otto Schenker (mittl. Reihe, 4. v.l.), Wilke Husmann (mittl. R., 6. v.l.). Der jüdische Kaufmann Julius Schwabe (geb. 1883, mittl. R., 7. v.l.) ging in Hamburg 1941 vor seiner Deportation in den Freitod. Ebenfalls auf dem Foto: Stadtkämmerer Christian Carstens, ein Vertreter des Elektrizitätswerks, Uhrmacher Georg Andrae, Schuhmacher Hermann Redenius, die Buchhändler Ferdinand Krützfeld und Carl Altona, die Kaufleute Karl Leban und Heinrich Müller sowie der Gastwirt Hermann Janßen mit Ehefrau. (Archiv H. Peters)

Pütt-Bier der Albanipütt vor der NS-Zeit im „Schwarzen Bär“ am Kirchplatz (ca. 1932/32). Hermann Gröschler (stehend 2. v.l.), Sparkassendirektor Rudolf Borgerding (stehend, 3. v.l.), Barbier Otto Schenker (mittl. Reihe, 4. v.l.), Wilke Husmann (mittl. R., 6. v.l.). Der jüdische Kaufmann Julius Schwabe (geb. 1883, mittl. R., 7. v.l.) ging in Hamburg 1941 vor seiner Deportation in den Freitod. Ebenfalls auf dem Foto: Stadtkämmerer Christian Carstens, ein Vertreter des Elektrizitätswerks, Uhrmacher Georg Andrae, Schuhmacher Hermann Redenius, die Buchhändler Ferdinand Krützfeld und Carl Altona, die Kaufleute Karl Leban und Heinrich Müller sowie der Gastwirt Hermann Janßen mit Ehefrau. (Archiv H. Peters)

Wer war dieser Hitler? Er hat erlaubt, dass jeder Betrug gegen die Juden gelten sollte. Er hat in seinem Wahn die Deutschen zu Hass und Trug erzogen und die schlechten Instinkte, die in dem vermeintlich guten Deutschen schlummerten, wachgerufen. Das Schlechte war erlaubt. Zum Teil haben die Menschen seine verbrecherischen Ideen ausgeführt. Das ist es, was ich bis heute nicht begreifen kann. Dieser eine Mann hat die Seelen vergiftet, und die Deutschen sind seinem Wahn verfallen. Dieser eine Mann hat sich selbst zum Gott gemacht, hat das Volk geführt und verführt. Er hat seine Person als Gruß personifiziert: „Heil Hitler“. Hat es das schon jemals in der Geschichte gegeben? Das Volk hat eine Mystik um ihn gewoben, durch seine Reden waren die Menschen fasziniert. Es waren ursprünglich nur Reden gewesen, aber Worte blutrünstiger Art. Das ist das Eigenartige dieses Mannes. Die Menschen sind von ihm bekehrt worden, Die schlechtesten Instinkte, Grausamkeit, Raub und Mord, sind von ihm bei den Menschen wachgerufen worden. Wie ist das deutsche Volk von den Demokraten vor diesem Regime gewarnt worden! Ich höre noch, wie die Schwiegermutter meiner Tochter mir erzählte, dass Dr. Ehlermann (10) in Oldenburg eine Rede gehalten (hatte): „Ich warne euch vor diesem Regime, ihr wisst nicht, was ihr tut, in Jahrtausenden ist es nicht wieder gut zu machen.“

Ausweis des NSDAP-Kreisleiters Hans Flügel (1894 - 1991) von 1937 (Archiv H. Peters)

Ausweis des NSDAP-Kreisleiters Hans Flügel (1894 – 1991) von 1937 (Archiv H. Peters)

Ich sann und grübelte, morgens, mittags, nachts hatte ich keinen anderen Gedanken, als die Männer zu befreien. Ich telefonierte mit Varel, wo ein hoher Vorgesetzter der Nazis (11) wohnte. Keine Antwort: „Mit Juden wird nicht gesprochen.“ Ich rief bei der Polizei an, beim Bürgermeister, beim Amtshauptmann. Keiner wusste etwas zu sagen. (12) Ich rief in Wilhelmshaven bei einem ihn behandelnden Arzt an, ob er etwas für meinen Mann tun könne. Der Herr ließ sich sprechen, war aber zu ängstlich. Ich traf mit den jüdischen Frauen zusammen, die in gleicher Not waren wie ich. Jede versuchte, für ihren Mann etwas zu erreichen. Zwei von Geburt christliche Damen – die eine hatte einen jüdischen Kriegsverletzten geheiratet, der 1915 im Kriege ein Bein verloren hatte, die andere war zehn Jahre Hausdame bei einem jüdischen Herrn – teilten unser trauriges Los. Sie schämten sich vor uns, dass sie Christen waren. Wir trösteten uns gegenseitig. (13)

Wir alle sahen aus wie Gespenster, da wir kaum Mahlzeiten zu uns nahmen. Doch halfen wir uns, wo es zu helfen gab. Wirre Gedanken durchkreuzten unseren Kopf. Eine uns befreundete Dame erhielt von ihrer Schwägerin Besuch aus Holland. Wir liefen alle zu ihr, um Gutes zu erfahren. Sie tröstete uns. Es wird noch alles gut werden, doch wie sich später herausstellte, wusste auch sie nichts. Heute weiß ich, dass diese Dame schon lange in Polen ist. Eine Schwester unserer Freundin, die auch mit uns zusammen war, hat sich später das Leben genommen.

Schnappschuss vom jeverschen Schützenfest ca. 1925: Änne Gröschler (3. v.l.) mit (v.l.) Julius Schwabe (1883 Jever – 1941 Hamburg, Freitod vor Deportation), Lisbeth Josephs (1887 Jever – 1944 Auschwitz) und Sabine Landsberg (1895 Frankfurt/Oder – 1950 Israel) (Archiv H. Peters)

Schnappschuss vom jeverschen Schützenfest ca. 1925: Änne Gröschler (3. v.l.) mit (v.l.) Julius Schwabe (1883 Jever – 1941 Hamburg, Freitod vor Deportation), Lisbeth Josephs (1887 Jever – 1944 Auschwitz) und Sabine Landsberg (1895 Frankfurt/Oder – 1950 Israel) (Archiv H. Peters)

Endlich gelang es mir, mich mit meinen verheirateten Kindern in Holland in Verbindung zu setzen. Die Schwiegermutter meiner Tochter sowie unsere Kinder (14) selbst waren sehr aktiv, und so versuchten sie gemeinsam, eine Niederlassungsgenehmigung für uns in Holland zu erreichen. Auch ein Geschäftsfreund meines Mannes, der zufällig mit uns telefonierte, erhoffte durch seinen Einsatz für meinen Schwager und meinen Mann ihre Entlassung. Eines Tages schickte mir mein Schwiegersohn einen mit ihm befreundeten jüdischen Patienten (15) mit dem Beweis der Niederlassungsgenehmigung für uns beide für Holland. Gemeinsam fuhr ich mit dem jüdisch-holländischen Herrn zu der hohen Gestapo nach Wilhelmshaven. Als wir in Wilhelmshaven angekommen (waren), gingen wir direkt zum Gestapogebäude. Unten war ein großes, verschlossenes Gitter. Wir wurden gemeldet und erhielten Einlass. Große Treppen gingen nach oben. Man führte uns in ein Büro. Nachdem wir unser Anliegen einem Deutschen vorgebracht hatten, wurden wir in ein neben liegendes Bürozimmer gebracht. Dort saß ein hoher Offizier mit seiner Sekretärin. Ich fasste Mut und erzählte dem Herrn sämtliche Geschehnisse unserer Gemeinde, vom Synagogenbrand, von der Verhaftung meines Mannes, vom Silber- und Gelddiebstahl in unserem Hause, von dem verwilderten Zustand, wie die Deutschen das Geschäftskontor hinterlassen hatten. Ich hatte k e i n e Angst. Ich sagte mir: „Was kann dir noch passieren?“ Der Offizier hörte sich alles an, äußerte sich nicht weiter. Dann fragte er den holländischen Herren: „Warum kommen Sie hier her, in welchem Verhältnis stehen Sie zu Frau Gröschler?“ Seine Antwort: „Ich bin ein Verwandter ihres Schwiegersohnes und wollte ihr persönlich die Aufenthaltsbewilligung für Holland für sie und ihren Mann bringen.“ Mich fragte der Offizier nach dem Namen des Geschäftsfreundes meines Mannes, der sich für unseren Herrn eingesetzt hatte. Der Name stimmte. Darauf der Offizier:“ Ihr Mann und Ihr Schwager werden entlassen.“ Erleichtert ging ich fort. Wie es in meinem Innern vor Freude aussah, kann ich nicht sagen. Unser edler Freund ging mit mir fort, ich wusste ihm nicht genug zu danken. Ich bat ihn, zurück mit mir nach Jever zu fahren, doch er nahm den nächsten Zug nach Holland. Ich bin überzeugt, er war überfroh, als sein Zug wieder über holländischen Boden fuhr. Ich fuhr zurück nach Jever.

[24. Nov. 1938 – Januar 1939 sowie Rückblick auf die Jahre seit Machtantritt der NSDAP im Jahre 1933]

Ich höre das Telefon: „Hier ist Hermann. Das habt Ihr aber fein gemacht. Wir sind frei.“ Und dann kamen mein Schwager (16) und mein Mann nachts an. Ich sehe meinen Mann vor mir: geschoren, ramponiert aussehend, ganz herunter gekommen, obwohl sauber. Wie glücklich waren wir, wieder zusammen zu sein. Wie viele sind nie zurückgekehrt! Er hatte die Gefahren des Lagers überstanden. Als die beiden Männer sich etwas erholt hatten, gingen sie in das Geschäftshaus. Wie das Kontor vorher von den Deutschen verwildert war, haben sie nicht mehr gesehen. Es stand im Kontor ein großer Bücherschrank mit Akten. Sie haben den ganzen Schrank umgeschmissen, und (es) lag alles durcheinander auf dem Fußboden. Mein Schwiegervater, mein Schwager und mein Mann hatten mühevoll ihre Existenz aufgebaut. Sie haben volkswirtschaftlich erhebliche Verdienste für Deutschland aufzuweisen. Auf Grund eigener Ideen haben sie aus früher wertlos weggeworfenen Abfällen wertvolle Dungstoffe und Füllmaterial für Betten gewonnen. Auf diese Weise wurden jährlich Tausende von Zentnern unbedingt wichtiger Grundstoffe der Volkswirtschaft zugeführt. Von den Füllmaterialien ist auch laufend nach dem Ausland – England, Dänemark und andere Länder – geschickt (worden). Die ideellen Werte eines Zweiges des Geschäftes wurden von einer Berliner Firma übernommen. Unsere Männer mussten erleben, wie sich inzwischen der größte Pöbel des Platzes im Geschäftshaus eingenistet hatte. (17) Die Diebesarbeit war in Deutschland zum scheinbar ehrlichen Beruf geworden, und ehrliche, anständige Menschen waren zu Verbrechern gestempelt. Der Begriff „Recht“ ist verdreht worden, und der Ausschuss der Menschheit hat die Macht an sich gerissen. Wer diese Zerstörungen der Wohnungen, Geschäftshäuser usw. gesehen hat, wird den Anblick der rohen Gewalt nie vergessen. Räuber haben die heiligen Stätten angesteckt, Mörder haben unsere Männer in die Gefängnisse geworfen.

Hedwig Gröschler geb. Steinfeld (1894 Osnabrück – 1944 Auschwitz) und ihr Ehemann Julius Gröschler (1884 Jever – 1944 Auschwitz) ca. 1925 vor ihrem Haus Albanistraße / Ecke Prinzenallee(Archiv H. Peters)

Hedwig Gröschler geb. Steinfeld (1894 Osnabrück – 1944 Auschwitz) und ihr Ehemann Julius Gröschler (1884 Jever – 1944 Auschwitz) ca. 1925 vor ihrem Haus Albanistraße / Ecke Prinzenallee(Archiv H. Peters)

Mein Mann und mein Schwager mussten natürlich alles zu den ungünstigsten Bedingungen verkaufen, was sie nun an Besitz hatten. Mein elterliches Haus, das wir nie verkauft hätten, wurde uns einfach enteignet. Nun begannen wir, für unsere Ausreise zu rüsten. Die Unbedenklichkeitsbescheinigung kostete meinen Mann viel Geld. Unsere alten Möbel durften wir nach Holland mitnehmen. Jedes kleinste Teil hatten wir aufzugeben und auf Listen festzulegen. Alles unterlag der Devisenkontrolle – von der Stecknadel bis zum großen Möbelstück. Es war eine unheimliche Arbeit. Wie oft bin ich nach Bremen zur Devisenstelle gefahren! Dort stand es voll von Menschen, die in gleicher Lage waren wie wir. Die Juden haben den Deutschen viel Arbeit gemacht. Einmal sagte eine Jüdin zu mir: „Ich weiß nicht, warum Hitler sich so viel Arbeit mit den Juden macht, er hat doch sonst genug am Kopf.“ Ich sehe noch eine ältere Dame neben mir stehen, die als wertvolles Andenken eine Brosche mitnehmen wollte, es wurde ihr nicht erlaubt. Auch ich musste vieles, was mir lieb war, zurücklassen. Als wir unsere Listen eingereicht und als gut befunden zurück hatten, als der Möbelwagen der Kontrolle unterzogen und die Geschäftsfragen erledigt waren, konnten wir ehrenvoll, auf legalem Wege, unsere Reise in die „Freiheit“ antreten. Wir waren beide total erschöpft.

Das Lagerhaus der Firma „S. Gröschler KG“ an der Prinzenallee in einem Foto von ca. 1938. Das Gebäude wurde später zu einem Mietshaus umgestaltet. An der Ecke zur Albanistraße ist das später durch einen Neubau ersetzte Wohnhaus des Ehepaars Julius und Hedwig Gröschler zu erkennen. (Archiv H. Peters)

Das Lagerhaus der Firma „S. Gröschler KG“ an der Prinzenallee in einem Foto von ca. 1938. Das Gebäude wurde später zu einem Mietshaus umgestaltet. An der Ecke zur Albanistraße ist das später durch einen Neubau ersetzte Wohnhaus des Ehepaars Julius und Hedwig Gröschler zu erkennen. (Archiv H. Peters)

Im Januar 1939 fuhren wir nach Holland. Der Abschied der Brüder von einander war herzzerreißend. Der Abschied von seinem Geburtsort ist meinem Mann sehr, sehr schwer gefallen. Er war Mitglied des Vorstandes der Landessparkasse, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes, Mitglied des Vorstandes der Kleinwohnungsbaugesellschaft, jahrelang Stadtrat usw. Ich erwähne es nur wegen der Selbstlosigkeit meines Mannes, für andere gelebt zu haben. Unser Weg zum Zuge, den wir so oft gemacht hatten in freudevolleren Zeiten, war ein schwerer Gang. Wir waren froh, zu den Kindern zu kommen, doch nicht unter diesen Umständen. Endlich waren wir am Zuge. Wir hatten uns von unseren Freunden, die zurückblieben, verbeten, an die Bahn zu kommen. Der Abschied von allen ist uns gegenseitig schwer gefallen. Ich sagte einem alten Mann ade, ein kluger Mann, der sehr belesen und interessant war. Der Mann war ganz empört, dass wir aus der Gemeinde fortgingen. Er hielt viel von uns und wollte uns nicht entbehren. (18) Wir gingen und ließen die anderen zurück. Diese Bindung an unsere Schicksalsgenossen, die Bindung an die Familie, an sein Heim, seine Existenz war es vielleicht, dass wir so spät aus Deutschland auswanderten. Zwei treue Leute, die uns bis zuletzt geholfen (hatten), kamen noch an die Bahn. Wir waren am Zug, wir stiegen ein. Im Zuge wagten wirklich Christen, an uns heranzutreten und uns zuzurufen: „Fahret mit Gott!“

Der Schneidermeister Moses Schwabe (1857 – 1941), Mönchwarf 7, war in der jüdischen Gemeinde sehr aktiv und ein Gründungsmitglied des Gesangvereins „Liederkranz“ von 1877. Er war einer der wenigen Freunde des Schriftstellers und Malers Georg von der Vring während dessen jeverscher Zeit. Vring portraitierte Schwabe gleich dreimal. (Ölbild, 1925; Foto H. Peters)

Der Schneidermeister Moses Schwabe (1857 – 1941), Mönchwarf 7, war in der jüdischen Gemeinde sehr aktiv und ein Gründungsmitglied des Gesangvereins „Liederkranz“ von 1877. Er war einer der wenigen Freunde des Schriftstellers und Malers Georg von der Vring während dessen jeverscher Zeit. Vring portraitierte Schwabe gleich dreimal. (Ölbild, 1925; Foto H. Peters)

Die Christen mussten uns meiden, man sprach nicht mit uns, man grüßte uns nicht, kein Christ durfte einen Handschlag für uns tun. Nur in Ausnahmefällen, gesellschaftlicher oder behördlicherseits. Es war eine Schande für den Arier, in irgendeine Verbindung mit den Juden zu treten. Die Toten hatte man selbst zu bestatten, Gräber selbst zu graben. Die Friedhofssteine wurden von roher Hand umgeworfen. Die früheren „Bedürftigen“, die wir unterstützt (hatten), straften uns mit Missachtung unserer Person. Im Beginn dieser Schreckenszeit ging ich mit meiner alten Tante von 89 Jahren über die Straße. Wir grüßten versehentlich eine Frau, eine Anhängerin Hitlers: „Was, Sie wagen mich zu grüßen, so eine Frechheit!“ Sie schrie noch mehr, schimpfte, raste hinter uns her. Mein früherer Kolonialwarenhändler, der die Liebenswürdigkeit im Laden war: „Ach, Frau Gröschler, Sie haben doch keine Zeit zu warten, darf ich es aufschreiben und Ihnen schicken?“ Der Mann war unser Nachbar. Er hatte als erster ein Schild „Juden haben keinen Zutritt“. Kurz vor dem fragte ich ihn mal, wie es komme, dass er zu dieser Partei halte. „Bei der demokratischen Regierung bin ich zu nichts gekommen.“ Er war später einer der gefährlichsten Hetzer im Ort. (19) Unsere Herren gingen im Beginn noch zu ihrem Barbier, der noch nicht vom Hitlerismus angesteckt war. Unser Kolonialwarenhändler hat ihm zu sehr zugesetzt. Eines guten Tages kam der Barbier heimlich im Dunkeln zu uns. Er durfte unsere Männer nicht mehr barbieren, es wäre ihm persönlich schrecklich. Die Partei tue ihm zuviel Leid an, und er müsse doch leben. Er war so verlegen. Er überließ uns einen Haarschneideapparat, und ich habe meinem Mann später stets die Haare geschnitten, bis uns eines Tages der Apparat gestohlen wurde. (20) Einmal hatte ich dringend etwas in einem Eisenwarengeschäft nötig. Der Inhaber war lange mit meinem Mann im Stadtrat und ganz befreundet mit ihm. Darum w a g t e ich es, gerade zu ihm zu gehen. Dieser Mann kam zu mir und sagte: “Ich kann Ihnen keine Ware verkaufen“. (21) Ein Tapezierer, der sehr viel jüdische Kundschaft hatte, der hundertmal bei uns in der Wohnung und stets dankbar und freundlich war, da ich eine gute Kundin von ihm war, verachtete uns direkt. Der Sohn ließ uns keine Ruhe mit Schimpfworten. Die Tochter unseres Hausarztes, die ich als kleines Kind kannte und (die) früher ein reizendes, freundliches Mädel war, grüßte mich nicht mehr. Die Tochter einer früheren Hausangestellten, ein neunjähriges Kind, das in unserer Straße wohnte, sah impertinent fort. Der früher beste Freund meines Sohnes, ein lieber armer Junge, sah fort, wenn ich ihm begegnete. Ein armes Kind, das Kleider meiner Tochter getragen hatte, kannte uns nicht mehr. Die Tochter unseres Schlachters, bei dem ich fast alles gekauft hatte, übersah mich.

Antisemitisches Transparent. Es wurde 1985 bei Renovierungsarbeiten in einer Wohnung in der jeverschen Schlachtstraße gefunden. (Archiv H. Peters)

Antisemitisches Transparent. Es wurde 1985 bei Renovierungsarbeiten in einer Wohnung in der jeverschen Schlachtstraße gefunden. (Archiv H. Peters)

Am ärgsten waren die furchtbaren, minderwertigen Verleumdungen über die Juden im Allgemeinen. Broschüren mit verhöhnenden Abbildungen hingen in Reklamekästen. Sie brandmarkten die Juden als Parias, als Ausschuss der Menschheit. Teuflische Dinge wurden erschwindelt, und nie hätte man geahnt, dass in einem Lande, das uns geboren (hat), diese Unmenschlichkeiten zu Tatsachen geworden (sind). (22) In einer anderen Gemeinde sind die Leute im Altenheim geschlagen worden. Meine Schwägerin erzählte mir: „Eines Morgens klingelte es an der Tür. Das Mädchen öffnete, fragte ahnungslos: „Was wünschen die Herren? Die Herrschaften schlafen noch.“ Es waren Nazis. Sie liefen wütend durchs Haus, schlugen einen großen Teil Möbel entzwei. Meine Schwägerin ist aus ihrem Haus geflüchtet. Bei anderen habe sie Klaviere auf die Straße geworfen. Man war willenlos der Horde ausgeliefert. Eine alte christliche Frau, die ich mal im Dunkeln gesprochen (hatte), sagte zu mir: „Wie kommt das alles nur, Frau Gröschler, die Juden waren in unserer Gemeinde alles ordentliche, feine Menschen?“ So wurde das Volk geknebelt; die, die nicht mit allem einverstanden waren, wurden unterdrückt. Hohn, Spott, Verachtung ist ihnen zum Wahlspruch geworden.

Bis zur Grenze waren mein Mann und ich ganz unserem Innern hingegeben. Wir konnten es immer noch nicht fassen, dass Hitler mit seinem Stab dieses Chaos über die Welt gebracht hat. An der Grenze wurden wir untersucht, mein Mann musste sich ausziehen. Es war alles bei uns in bester Ordnung. Als wir die holländische Grenze überschritten, fiel uns ein Alp vom Herzen, und wir fühlten uns nach langer Zeit als freie Menschen. An der Grenze stand meine Tochter mit Schwiegermutter Dini, die uns vollen Aufregung und Innigkeit begrüßten. Unser wichtiges Papier, die Aufenthaltserlaubnis, hatten wir bei uns. Sie stiegen bei uns ein, und (so) konnten wir unserem Herzen so recht Luft machen. Wir weinten und lachten vor Glück. In Groningen erwartete uns unser Schwiegersohn an der Bahn.

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Fußnoten

  1. Das Ehepaar Gröschler wohnte seit 1933 in der Blauen Str. 1, etwa 80 Meter von der Synagoge entfernt; zum jeverschen Novemberpogrom von 1938 siehe auch den Artikel über das „Gerichtsgefängnis Jever als Ort des Pogroms“ LINK
  2. Gemeint ist mit „Soldat“ ein SA-Mann. Die SA wurde ja auch „Soldaten der Partei„ genannt. „Polizist“/“Polizei“ meint wahrscheinlich ebenfalls sie SA. Allerdings war nachweislich auch der Ortspolizist Erich Freudenthal, geb. 1891, an den Ausschreitungen beteiligt und betrat das Haus. Er wurde beim Synagogenbrand-Prozess von 1950 freigesprochen, da ihm kein strafbarer Tatbeitrag nachgewiesen wurde.
  3. Mitglieder der HJ plünderten abends unter Anleitung ihres Bannführers, des Lehrers Hans Förster, geb. 1905, der in der Nacht zuvor an der Synagogen-Brandstiftung beteiligt war.
  4. Rosalie Grünberg, 1878 Aschendorf – 1941 deportiert nach Riga; sie wurde von Paul Liebenow aus dem Anbau der Synagoge durch ein Fenster hinausgezerrt.
  5. Helene Klüsener geb. Schwabe, 1895 Oldenburg – 1945 Jever, Freitod vor Deportation; sie wurde nach Intervention ihres nichtjüdischen Ehemanns zur Pflege der Mutter früher als die anderen Frauen entlassen.
  6. Die Synagoge wurde 1880 erbaut und galt wegen ihrer Kuppel im maurischen Stil als die schönste Synagoge weit und breit.
  7. KZ Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin
  8. Rudolf Borgerding, Sparkassendirektor; die Städtische Sparkasse bzw. Oldenburgische Landesbank kündigte 1933 umgehend ihrem langjährigen Vorstandsmitglied Hermann Gröschler die Wohnung im 1. Stock des Gebäudes in der Albanistraße
  9. Otto Reutter, 1870 – 1931, deutscher Kabarettist
  10. Gustav Ehlermann, 1885 – 1936, maßgeblicher DDP-Politiker des Freistaates Oldenburg, Parteifreund von Hermann Gröschler
  11. Hans Flügel, 1894 – 1991, NSDAP-Leiter des Landkreises Friesland, Haupttäter bei der Niederbrennung der jeverschen Synagoge
  12. Bürgermeister Martin Folkerts, geb. 1902, „alter Kämpfer“ der NSDAP und einer der Hauptgegner der jüdischen Gemeinde; Amtshauptmann (Landrat) des Kreises Friesland war Hermann Ott
  13. Ruth Luise Levy geb. Seecamp, 1896 – 1960, Ehefrau von Erich Levy, 1891 – 1967; Helene Bruns, 1892 – gest. nach 1958 war Haushälterin bei Willy Max Josephs, 1880 – 1942, deportiert nach Minsk. Ihre nach dem sog. Blutschutzgesetz von 1935 ungültige, aber offenbar dennoch am 1.1.1939 in Oldenburg geschlossene Ehe wurde 1957 als gültig anerkannt; 1958 wurde die Namensänderung in Helene Josephs-Bruns beurkundet.
  14. gemeint sind die Tochter Käthe Löwenberg- Gröschler, 1915 – 2002, der Schwiegersohn Dr. Alfred Löwenberg, 1911 – 2005, und dessen Mutter Bernhardine Löwenberg geb. Josephs, 1878 – 1961
  15. Sally Palm, ein Betriebsleiter aus Groningen Niederländischer Staatsbürgerschaft; der Schwiegersohn und die Tochter hatten Angst, zurück nach Deutschland zu komme
  16. Julius Gröschler, Bruder von Hermann und Mitinhaber der Firma, geb. 1884, wurde 1940 aus Jever vertrieben, 1943 von Hamburg in das KZ Theresienstadt und am 1.10.1944 von dort nach Auschwitz deportiert. Das gleiche Schicksal erlitt seine Ehefrau Hedwig, geb. Steinfeld (1894 – 1944). Die beiden Kinder Hans (Herbert Gale, 1923 – 2013) und Fritz (Frank Gale, 1926 – 1997) konnten Ende 1938 mit einem der sog. Kindertransporte nach England entkommen.
  17. Paul Liebenow, geb. 1901, berüchtigter Antisemit und einer der Haupttäter der Niederbrennung der Synagoge, war zeitweilig Leiter der städtischen Altmaterialerfassungsstelle im Geschäftshaus der enteigneten „S. Gröschler KG“.
  18. Moses Schwabe, 1857 Jever – 1941 Dortmund, Freund des Schriftstellers Georg von der Vring während dessen jeverschen Zeit
  19. Wilke Husmann, Gr. Burgstr. 3
  20. Otto Schenker, Gr. Burgstr. 7
  21. Emil Brader, Wangerstr. 4, 1875 – 1953, Vorsitzender des Stadtrats 1921 – 1931, DNVP; wählte 1931 mit seiner Liste und den Vertretern der NSDAP den NSDAP-Ortgruppenvorsitzenden Karl Gottschalck zum Stadtratsvorsitzenden
  22. In Jever gab es an drei verschiedenen Stellen die sog. Stürmer-Kästen, in denen das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ und z.T. Fotos von Personen, die in jüdischen Geschäften einkauften, aushingen.

3: Biografische Nachbemerkungen

Das Exil in den Niederlanden, nur rund 50 km entfernt von der Grenze, war nur kurze Zeit ein sicherer Ort. Seit Deutschland im September 1939 Polen überfallen und den Krieg begonnen hatte, lebten die Gröschler-Löwenbergs in der ständigen Sorge, dass es auch die Niederlande okkupieren würde. Sie waren über die sich laufend verschärfenden Maßnahmen und Verbrechen gegen die Juden in Deutschland und Polen gut informiert. Am 10. Mai 1940 marschierte die Wehrmacht unter Bruch des Völkerrechts in die Niederlande ein. Alle fünf Familienmitglieder flohen unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachricht hinter die als uneinnehmbar geltende „Wasserlinie“, ein unterhalb des Meeresspiegels liegendes Gebiet, das durch Öffnung der Schleusen geflutet werden konnte und so die westlichen Teile der Niederlande hätte abriegeln sollen. Jedoch bereits am 14. Mai 1940 kapitulierten die Niederlande. Die Hoffnung, nach England zu entkommen, zerschlug sich. An den Häfen herrschten tumultartige Zustände wegen der deutschen Luftangriffe.

Der Reiseverlauf des Austausches nach dem Bericht von Helmuth Mainz (In: Oppenheim 165 ff.). Die Aufzeichnungen von Änne Gröschler bestätigen diesen Verlauf. (Bergen-Belsen 177)

Der Reiseverlauf des Austausches nach dem Bericht von Helmuth Mainz (In: Oppenheim 165 ff.). Die Aufzeichnungen von Änne Gröschler bestätigen diesen Verlauf. (Bergen-Belsen 177)

Nach einem Zwischenaufenthalt in Amsterdam kehrten die Familien notgedrungen nach Groningen zurück. Obwohl die deutschen Militärbehörden zunächst beruhigende Erklärungen abgaben, kam es bald und zunehmend auch in den Niederlanden zu Diffamierungen, Isolierungen und Ausgrenzungen der Juden, wie sie das Ehepaar Gröschler bereits aus Deutschland kannte. Ein Teil der niederländischen Bevölkerung, vor allem Angehörige der NSB (Nationaal Socialistische Beweging), beteiligte sich daran, jedoch die große Mehrheit – darauf weist Änne Gröschler an mehreren Textstellen hin – übte symbolisch und auch aktiv Solidarität.

Im Frühjahr 1942 wurde der Schwiegersohn wegen einer Denunziation unter dem Verdacht des Devisenvergehens in Untersuchungshaft genommen. In dem darauf folgenden Gerichtsverfahren stellte sich zwar seine Unschuld heraus, doch wenige Tage später erhielt er den Gestellungsbefehl zu einem Arbeitseinsatz in einem der Arbeitslager für Juden in den Niederlanden. Über die Bedeutung eines solchen Befehls machte sich niemand Illusionen. Löwenberg tauchte mit seiner Ehefrau in einem Versteck unter, das ein im Widerstand tätiger Patient, ein Sozialdemokrat, organisiert hatte. Aus Sicherheitsgründen hatten sie die Eltern nicht informiert, gleichzeitig aber dafür gesorgt, dass auch ihnen die Möglichkeit zum Untertauchen gegeben wurde. Als im Juli 1942 die ersten Deportationen von Westerbork nach Osteuropa einsetzten, überzeugte Änne Gröschler ihren Ehemann, von diesem Angebot Gebrauch zu machen. Sie kamen über einen Vertrauensmann des Widerstands bei einem Arbeiterehepaar in Groningen unter, wo sie sich in einem kleinen Dachzimmer verstecken konnten. Im Oktober 1942 wurden sie bei einer Hausdurchsuchung von der Polizei entdeckt. Die Umstände deuten auf Verrat, doch konnte der Sachverhalt nie aufgeklärt werden, obwohl er nach der Befreiung der Niederlande von der Polizei untersucht wurde.

Beide Eheleute kamen getrennt in das Gefängnis von Groningen, wo sie die Gestapo besonders hinsichtlich des Aufenthaltsortes des Schwiegersohns verhörte. Am 12. November 1942 wurden sie in das Durchgangslager Kamp Westerbork überführt. Das südlich von Groningen in der Provinz Drenthe gelegene Lager war im Februar 1939 von der niederländischen Regierung für die Internierung von aus Deutschland geflohenen Juden eingerichtet worden, die keine gültigen Einwanderungspapiere besaßen. Zum Zeitpunkt der deutschen Okkupation lebten hier nur etwa 750 Personen. 1942 übernahm die SS das Lager, das interne Selbstverwaltungsstrukturen aufwies, von der niederländischen Verwaltung. Nach einer erheblichen Erweiterung fungierte Westerbork ab Juli 1942 als Durchgangslager für die Deportation der Juden aus den Niederlanden in die Vernichtungs- und Konzentrationslager. Insgesamt 97 Transporte sind dokumentiert. Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin gab Datum, Ziel und Anzahl der Personen vor. Der SS-Kommandant von Westerbork war für diese Vorgaben verantwortlich und setzte sie unerbittlich durch. Die konkrete Ausfüllung der Transportlisten lag jedoch in den allermeisten Fällen in den Händen der jüdischen Lagerleitung. Ziele waren überwiegend die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (65 Transporte, 57.800 Menschen) und Sobibor (19 Transporte, 34.313 Menschen), außerdem Sonderlager wie die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Theresienstadt.

Die Transporte erfolgten 1942 in der Regel zweimal wöchentlich am Dienstag und Freitag, in den Jahren danach fast jeden Dienstag und zuletzt in unregelmäßigen Abständen. Die Züge fassten meist um die 1.000, manchmal bis zu 3.000 Menschen. Lediglich etwa 5.000 der 107.000 von Westerbork deportierten Juden überlebten das NS-Lagersystem. In dieser Zeit waren Zehntausende in Westerbork gefangen, mit unterschiedlicher Aufenthaltsdauer. Jeder hatte nur den einen Gedanken, dem Arbeitseinsatz im Osten, wie die Nazis den Abtransport in die Gaskammern umschrieben, zu entgehen. Zwar war niemandem die gesamte Ungeheuerlichkeit des industrialisierten Massenmords bewusst, doch war das Wort „Polen“ ein Synonym für großen Schrecken und sicheren Tod, wie der Bericht von Änne Gröschler zeigt. Für den unerbittlich kommenden Transporttag hatte die jüdische Lagerleitung jeweils rund 1.000 Menschen auszusuchen. Ein grausames System versprach all denjenigen Aufschub, die auf einer der immer wieder kursierenden „Vorzugslisten“ geführt wurden. Diese verloren dann aber plötzlich ihre Gültigkeit, doch konnte eventuell eine neue Rückstellung beantragt werden. „Vorteile“ hatte auch, wer für die Funktionsfähigkeit des Lagers als unentbehrlich erachtet wurde oder über Beziehungen verfügte. Wer durch die Maschen fiel, musste mit Deportation rechnen. Auch das Ehepaar Gröschler stand zweimal auf der Liste, wurde dann aber kurz vor der Abfahrt des Zuges wieder zurückgestellt.

Änne und Hermann Gröschler kamen schließlich auf eine Liste, die im Gegensatz zu allen anderen eine Perspektive auf Rettung besaß, die sogenannte Palästina-Liste. Das Auswärtige Amt in Berlin hatte 1942 dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, vorgeschlagen, Juden mit Beziehungen zu Feindstaaten von der Deportation zurückzustellen und sie in einem besonderen Lager zusammenzufassen. Sie sollten zum Austausch für in Feindstaaten internierte Deutsche zur Verfügung stehen. Auch der Aspekt Austausch gegen Devisen spielte nach der strategisch verheerenden Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 zunehmend eine Rolle. Austauschfähige Juden, zumal solche, die noch nicht Augenzeugen des Holocaust geworden waren, fand man zu diesem Zeitpunkt vor allem noch in den Niederlanden. Als Lager für die sogenannten „Austauschjuden“ rüstete 1943 die SS das bisherige Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen bei Celle zu einem Konzentrationslager um, in das bis zum Herbst 1944 etwa 4.000 Menschen zum Zweck des Austausches verschleppt wurden.

Am 1. Februar 1944 kam das Ehepaar Gröschler in einem Transport von 908 Personen in dieses offiziell „Aufenthaltslager“ genannte KZ. Hier starb der bereits kranke Hermann Gröschler am 16. Februar an Herzversagen, der erst 63jährige war den jahrelangen Qualen und Demütigungen nicht mehr gewachsen. Von den etwa 1.300 Inhabern des Palästina-Zertifikats wurden am 26. April 272 Personen für einen ersten Austausch ausgewählt, darunter auch Änne Gröschler. Die Zahl wurde Ende Mai 1944 auf 222 reduziert. Die Gruppe bezog eine abgesonderte Baracke, in der sie sich auf Palästina vorbereiteten konnte. Nach der Absage des ursprünglichen Termins und Wochen langen Wartens, in denen es häufig den Anschein hatte, die Aktion würde wohl gar nicht mehr zustande kommen, konnte die Gruppe schließlich am 30. Juni 1944 das Konzentrationslager verlassen. Über Nürnberg, Wien, Budapest, Sofia, Istanbul, Aleppo und Beirut erreichte der Transport schließlich am 10. Juli 1944 die Stadt Haifa in Palästina. In Wien, Istanbul und Aleppo wurden jeweils die Züge gewechselt; den Bosporus überquerte ein Ausflugsdampfer, der die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges auf der asiatischen Seite von Istanbul mit einer mehrstündigen Rundfahrt überbrückte.

 

Änne Gröschler und ihr Sohn Walter unmittelbar nach der Ankunft in 1944 in Palästina (Archiv H. Peters)

Änne Gröschler und ihr Sohn Walter unmittelbar nach der Ankunft in 1944 in Palästina (Archiv H. Peters)

Schon während der kurzen Aufenthalte in einem britischen Aufnahmelager und dem Transitcamp der Jewish Agency (JA) in Palästina konnte Änne Gröschler ihren inzwischen 22jährigen Sohn Walter in die Arme schließen. Dieser diente seit 1942 beim britischen Militär, um einen Beitrag im Kampf gegen NS-Deutschland zu leisten. Sie lebte anschließend im Hause des Bruders Fritz Steinfeld und dessen Ehefrau Sonja in Jerusalem. 1947 nahm Walter in England eine Berufsausbildung auf und seine Mutter ging für fast ein Jahr zu ihrer Schwägerin Thesie Braunsberg geb. Gröschler und deren Mann Julius Braunsberg nach New York. 1948 kehrte die inzwischen 60jährige aus den USA in die Niederlande zurück. Die Tochter, der Schwiegersohn und auch dessen Mutter Dini hatten die Jahre der Verfolgung untergetaucht in der Groninger Innenstadt überlebt und waren im April 1945 von den Alliierten befreit worden. Dort konnte Änne Gröschler auch ihren Anfang 1946 geborenen Enkel Bob auf die Arme nehmen. Im Frühjahr 1950 kehrte sie für einige Monate nach Jerusalem zurück, um den gleichzeitig unheilbar erkrankten Fritz und Sonja Steinfeld beizustehen.

Die folgenden 32 Groninger Jahre waren durch intensive Kontakte zu den Verwandten und Freunden vor Ort und regelmäßige Besuche der Kinder und Enkel aus England und manchmal auch aus Kanada, wo inzwischen Walter lebte, gekennzeichnet. Sie reiste auch selbst zumindest einmal nach England und Kanada. Die Rentnerin lebte in einer Eigentumswohnung am Florisplein. Ihr Enkel Bob Löwenberg charakterisiert sie folgendermaßen: „Die Nazi-Zeit, ihr gestörtes Leben, hatte eine erkennbare Auswirkung auf sie. Sie sprach oft über die Vergangenheit, aber nicht nur negativ, sondern sie hatte auch positive Erinnerungen. Sie sprach über ihre Familie und Freunde und liebte deutsche Literatur und sie las zum Beispiel Rilke und Heine. In keiner Art und Weise wurde sie eine verbitterte Person, obwohl sie so viele geliebte Verwandte und Freunde verloren hatte und obwohl ihr Leben in dem Sinne zerstört wurde, dass die Kontinuität auf dem Höhepunkt ihres Lebens gebrochen wurde. Ich fand es beeindruckend zu erleben, dass sie und meine andere Großmutter Dini niemals die Last der Tragödie und ihre Geschichte uns aufgebürdet haben. Obwohl sie oft von ihrem Leben in Deutschland sprachen und von Bedrohungen durch den Krieg und die Verfolgungen und von der deutschen Besetzung Hollands, hatten sie eine positive Einstellung, ohne die Geschichte zu tabuisieren.“ (E-Mail von Bob Löwenberg vom 2.10.2016 an den Autor.) Deutschland und Jever wollte Änne Gröschler jedoch nie wieder sehen. Sie starb am 23. Sept. 1982 im Alter von 94 Jahren.

Dr. Alfred Löwenberg und seine Ehefrau Käthe Löwenberg-Gröschler im Schlossgarten, vor dem Hintergrund der Albanistraße, dem früheren Wohnsitz der Familien Gröschler. Die Aufnahme entstand beim Besuch der aus Jever vertriebenen Juden im April 1984. (Foto: Carl-Gustav Friederichsen)

Dr. Alfred Löwenberg und seine Ehefrau Käthe Löwenberg-Gröschler im Schlossgarten, vor dem Hintergrund der Albanistraße, dem früheren Wohnsitz der Familien Gröschler. Die Aufnahme entstand beim Besuch der aus Jever vertriebenen Juden im April 1984. (Foto: Carl-Gustav Friederichsen)

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4: Die historischen Rahmenbedingungen des „Transports 222“

Die Wissenschaft spricht vom „dritten deutsch-palästinensischen Zivilgefangenenaustausch“. (1) Dieser wird meist griffig als „Transport 222“ bezeichnet. In Wirklichkeit gelangten durch ihn jedoch 282 Menschen nach Palästina. In Wien kamen nämlich 61 Juden mit britischen und amerikanischen Staatsangehörigkeiten aus den Internierungslagern Vittel und Laufen zu den 222 aus BergenBelsen hinzu. Eine 77jährige Frau musste nach einem Schlaganfall in einem Istanbuler Hospital zurückgelassen werden, wo sie später starb.

Wegen der widrigen und komplexen Rahmenbedingungen und der Vielzahl der beteiligten Akteure mag es uns heute unglaublich erscheinen, dass der „Transport 222“ seinerzeit überhaupt stattfand. Zwar bestand seit Herbst 1943 eine grundsätzliche Übereinkunft der Kriegsgegner für den Austausch, doch eine Vielzahl von staatlichen Stellen war zu beteiligen. Für Deutschland sind außer dem verhandelnden Auswärtigen Amt Heinrich Himmler in seiner Doppelfunktion als „Reichsführer-SS“ und „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“ (RKF), das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in den Abteilungen „Ausländerpolizei“ und „Judenangelegenheiten“ sowie auch die nachgeordneten SS-Dienststellen in den Niederlanden zu nennen. Auf der britischen Seite waren gleich drei Ministerien – Ausland, Krieg und Kolonien – sowie die Mandatsverwaltung der britischen Regierung in Palästina involviert. Von den beteiligten Nichtregierungsorganisationen besaßen das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf und die Jewish Agency mit Dienststellen in London, Genf, Istanbul und Palästina gewissen Einfluss auf das Verfahren. Auch der „Joodsche Raad voor Amsterdam“ setzte sich 1943 für die Aufnahme von Personen auf die „Palästina-Liste“ ein. Die Hauptakteure Großbritannien (die Mandatsmacht von Palästina) und Deutschland kommunizierten wegen des Kriegszustands nur über die neutrale Schweiz, die dafür in ihrer Berliner Gesandtschaft die Abteilungen „Schutzmacht“ und „Austausch“ eingerichtet hatte. Zudem können die zeitraubenden Postwege einen Teil der monatelangen Verzögerungen seit der Übereinkunft und der ständigen, nur schwer nachvollziehbaren Änderungen an der Austauschliste erklären.

Gerade in der Zeit des Austauschs Mitte des Jahres 1944 ging der 2. Weltkrieg in seine dramatische Endphase. Die Deutschen hatten durch die Niederlage von Monte Cassino Italien verloren, die Rote Armee zerschlug die Heeresgruppe Mitte, die Westalliierten hatten am 6. Juni, also gut drei Wochen vor Fahrtantritt, die Invasion in der Normandie begonnen. Wenig später wäre diese interkontinentale Aktion kaum mehr möglich gewesen, zumal im August 1944 die Türkei die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland einfror. Die Fahrt führte durch Gebiete, die durch Partisanenkrieg und Luftangriffe gefährdet waren, und durch die Machtbereiche Deutschlands, der Türkei und Großbritanniens. Dennoch lief die Logistik der Züge, Fahrpläne, Versorgung und administrativen Begleitung nahezu perfekt. Auch in der „Gegenrichtung“ Palästina – Deutschland funktionierte der Austausch, soweit bekannt, gut.

Welches Interesse an einer Freilassung von Juden lag überhaupt vor, wenn das unausgesprochene deutsche Staatsziel seit 1941 die „Auslöschung der jüdischen Rasse“ war? Deutschlands verbrecherische, rassenideologische Position war zwar dominant, aber in der Struktur auch widersprüchlich, weil beeinflusst durch die Interessen der beteiligten staatlichen Organe und Kompetenzen. So gab es eine realpolitische Linie des Auswärtigen Amts (AA) unter Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Diese wollte es sich in Kriegszeiten nicht mit jedem Staat der Welt verderben, von dem sich Staatsbürger zufällig im Machtbereich befanden – und Juden waren. Deshalb waren jüdische Bürger neutraler oder befreundeter Staaten zunächst von der Ermordung ausgenommen. Diese deshalb seit 1941/42 an verschiedenen Orten gefangen gehaltenen Juden wollten AA und SS gegen von Kriegsgegnern internierte Deutsche oder dringend benötigte Devisen austauschen. So hatte ein Jude amerikanischer oder britischer Staatsangehörigkeit Überlebenschancen im Gegensatz zu den Juden mit der Staatsangehörigkeit der okkupierten Länder Europas, die meist sofort ermordet wurden.

Der mörderische Staatsrassismus wurde also in Randbereichen mit dem pragmatischen Primat der Politik abgeglichen. Heinrich Himmler – nach Hitler der machtstärkste Nationalsozialist – hatte spätestens nach der Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 erkannt, dass das Reich jetzt verstärkt Devisen zum Ankauf von Rohstoffen benötigte. Deshalb gestaltete er das frühere Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen zum zentralen Austauschlager um und benutzte jüdische Menschen als Druckmittel und Handelsware. Bekannt sind die ca. 1.700 sogenannten Kastner-Juden aus Ungarn, die die SS von Bergen-Belsen aus im August und Dezember 1944 gegen Lösegeld – angeblich 1.000 $ pro Person – in die Schweiz transferierte.

Himmler war aber gleichzeitig auch „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“ (RKF) und wollte, wie auch der Chef der Auslandsorganisationen der NSDAP, SS-Gruppenführer Ernst Wilhelm Bohle, alle „arischen“ Auslandsdeutschen in das Deutsche Reich „heimführen“ bzw. sie im Rahmen der deutschen „Großraumpolitik“ in den besetzten Gebieten Osteuropas ansiedeln. 1942 führte der RKF aus: Das Klima Palästinas werde „…dieses wertvolle deutsche Blut zugrunde gehen“ lassen und in „der fremdvölkischen – heute noch zu einem erheblichen Teil jüdischen – Umwelt […] diese Volksgenossen auf die Dauer der nationalsozialistischen Weltanschauung entfremden“. (2) Im Gespräch für die Umsiedlung war unter anderem die Krim.

Während also aus rassenideologischen Motiven heraus die Juden in fast ganz Europa ermordet wurden, bedeutete gleichzeitig die „rassenhygienische“ Paranoia vom gefährdeten deutschen Blut in fremdvölkischer Umwelt in der Perspektive „arisierender Großraumpolitik“ eine Chance für einige wenige Juden. Diese bestand darin, tatsächlich ausgetauscht zu werden – oder als „austauschwertig“ nicht sofort, sondern erst später, wenn der Austausch nicht zustande kam, umgebracht zu werden. Fast wäre der Transport noch am Einspruch des Großmufti Al-Husseini von Jerusalem gescheitert, der sich in seinem Berliner Exil als alleiniger Vertreter aller arabischen Interessen verstand und als Befürworter des Holocaust jeden weiteren Juden in seinem beanspruchten Bereich durch Eingaben an das AA und den Reichführer-SS zu verhindern suchte. (3)

Deutschlands Verhandlungspartner Großbritannien befand sich bezüglich Palästinas in einer schwierigen Situation in der Konsequenz seiner widersprüchlichen Politik. In der territorialen Abwicklung der Folgen des 1. Weltkriegs war Großbritannien Mandatsmacht über das Gebiet Palästina geworden, wo laut Balfour-Deklaration von 1917 eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ geschaffen werden sollte. In der Zeit vor September 1939, dem Beginn des 2. Weltkriegs, war gerade Palästina zu einem wichtigen Zufluchtsort der von NS-Deutschland verfolgten Juden geworden. Die meisten Staaten, die danach neutral blieben oder sich im Krieg mit dem Deutschen Reich befanden, waren schon vor 1939 nur sehr eingeschränkt bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Welt teilte sich nach dem berühmten Satz von Chaim Weizmann „in Länder, die die Juden loswerden wollten, und in Staaten, die sie nicht aufnehmen mochten.”(4)

Diese mangelnde Aufnahmewilligkeit zog unweigerlich einen sich weiter verstärkenden Flüchtlingsdruck auf Palästina nach sich. Die exponierte Stellung des Mandatsgebiets führte zu der im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und danach während des Krieges, der ja auch in Nordafrika stattfand, immer klareren Absicht Großbritanniens, die Konflikte mit den arabischen Anrainer-Staaten nicht weiter zu schüren. Das „White Paper“ von 1939 schränkte beispielweise die jüdische Einwanderung gerade in der Phase extrem ein, als Tausende Juden aus Deutschland und Österreich noch hätten gerettet werden können. Auch als Deutschland 1941 keine Auswanderung mehr zuließ, sondern die Juden in Ghettos zusammenpferchte und den Massenmord begann, wandelte sich die britische Position nur wenig. Der von Deutschland ins Gespräch gebrachte Austausch, der den Anlass für die Einrichtung des „Aufenthaltslagers“ Bergen-Belsen gegeben hatte, blieb trotz der geringen Zahlen für London heikel. Nur wenige Gruppen unter den von Nazi-Deutschland angebotenen „Austauschjuden“ wurden akzeptiert. Am besten geeignet war eine vorhandene palästinensische Staatsangehörigkeit, denn das führte rechtlich zu keiner zusätzlichen Einwanderung nach Palästina. Bekannte Anhänger der zionistischen Bewegung waren nicht erwünscht. Auf wiederholtes Drängen der zionistischen Jewish Agency wurden schließlich aber auch Personen als austauschfähig akzeptiert, die Angehörige in Palästina hatten, insbesondere Eltern von dort lebenden Kindern. (5)

Der Arzt Dr. Fritz Steinfeld (1900 - 1950) nahm seine Schwester Änne 1944 in seinem Haus in Jerusalem auf. Er war ein enger Freund des Malers Felix Nussbaum (1904 Osnabrück - 1944 Auschwitz) und emigrierte 1934 nach Palästina.

Der Arzt Dr. Fritz Steinfeld (1900 – 1950) nahm seine Schwester Änne 1944 in seinem Haus in Jerusalem auf. Er war ein enger Freund des Malers Felix Nussbaum (1904 Osnabrück – 1944 Auschwitz) und emigrierte 1934 nach Palästina.

Das traf auf Änne und Hermann Gröschler zu, lebte doch ihr Sohn Walter seit 1935 in Palästina. Vielleicht spielten auch seine Armeezugehörigkeit und eine Bürgschaft von Dr. Fritz Steinfeld, der seine Internistenpraxis im Zentrum Jerusalems betrieb, eine Rolle dabei, dass das Ehepaar Gröschler nicht nur auf eine der zahlreichen Palästina-Listen kam, sondern Änne schließlich tatsächlich zu den 222 „chosen people“ (6) gehörte. Aus ihrem Bericht erfahren wir, dass sich das Ehepaar von Westerbork aus, als noch eingeschränkt Postverkehr möglich war, an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in der Schweiz gewandt hat. Über diesen Kanal mag überhaupt die Information bei den Verwandten in Palästina angekommen sein, dass das Ehepaar noch lebte und wo es sich aufhielt, so dass Eingaben gemacht werden konnten. Die konkreten Kommunikations- und Entscheidungswege jedoch werden sich vermutlich nicht mehr aufklären lassen.

Die Zahl der Ausgetauschten blieb deshalb so gering, weil das Prinzip des Austauschverhältnisses von eins gegen eins galt. Die britische Mandatsmacht hatte Schwierigkeiten, eine größere Anzahl akzeptierter Personen zu rekrutieren, weil das Potential durch zwei vorhergehende Austausche von in Palästina internierten deutschen Staatsbürgern gegen in Deutschland trotz gültiger Palästina-Papiere festgehaltene Juden bereits weitgehend erschöpft war. 500 männliche Deutsche aus Palästina im wehrfähigen Alter waren zudem inzwischen im fernen Australien interniert. Nicht jeder „Volksdeutsche“ wollte „heim ins Reich“ und man konnte 1944 schon ahnen, wie der Krieg ausgehen würde. Schließlich verfügten die Briten doch über eine genügende Anzahl. Es waren überwiegend Angehörige der Templer-Sekte aus ursprünglich Baden-Württemberg, die seit 1868 in Palästina siedelte, um in Jerusalem das „Volk Gottes“ zu versammeln, sowie internierte Deutsche aus der britischen Kolonie Süd-Afrika. Der Austausch der „Volksdeutschen“ gegen die Juden fand am 6. Juli 1944 in Istanbul statt. Während die einen den Orient-Express in das untergehende Reich bestiegen, fuhren die anderen mit der Bagdad-Bahn in die Freiheit.

Mehr als 1.000 weitere Zertifikatsinhaber blieben in Bergen-Belsen zurück, viele von ihnen kamen in den folgenden zehn Monaten bis zur Befreiung des Lagers durch die britische Armee im April 1945 und auch noch in der Zeit danach wegen der erlittenen gesundheitlichen Schäden ums Leben. Warum gerade diese 222 Menschen auf der Austauschliste standen, ist seit langem Gegenstand von Überlegungen. Gültig ist immer noch die Vermutung von Simon Heinrich Hermann bereits aus dem Jahre 1944: „So dürfte die definitive Transportliste die nach langen Verhandlungen festgestellte Komponente verschiedener Interessenrichtungen darstellen.“ (7) Wie hoch der Anteil von Glück oder Zufall am Überleben von Änne Gröschler war, lässt sich nur erahnen, zumal es schon unwahrscheinlich war, den Westerborker Deportationen in die Vernichtung entgangen zu sein.

(1) Wenck 220
(2) zit. n. Wenck 60
(3) vgl. Wenck 225
(4) zit. n. Nicolaus Berg: Luftmenschen: Zur Geschichte einer Metapher. – Göttingen 2014, S. 155
(5) vgl. Wenck 208, Fußnote 269
(6) vgl. Buchtitel „The chosen people“ von Oppenheim
(7) Hermann 81; die beste Analyse der Zusammensetzung bei Wenck 223f.

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Benutzte Literatur

  • Ammann, Thomas / Aust, Stefan: Hitlers Menschen-Händler: Das Schicksal der „Austauschjuden“. – Berlin: 2013
  • Arntz, Hans-Dieter: Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen: Josef Weiss – würdig in einer unwürdigen Umgebung. – Aachen 2012
  • Auerbach-Polak, Liesje; Bausch-Polak, Betty: Broken Silence: Memories of two Dutch sisters, their Jewish heritage, the war and rebuilding of their lives. – Jerusalem 2014
  • Benz, Wolfgang (Hg.): Handbuch des Antisemitismus: Länder und Regionen. – Berlin 2008
  • Bergen-Belsen: Katalog der Dauerausstellung. – Göttingen: Wallstein, 2009
  • Beyer, Werner: Fahrt in die Freiheit: Die außergewöhnliche Reise der Änne Gröschler aus dem KZ Bergen-Belsen nach Palästina im Jahr 1944. – In: Historienkalender auf das Jahr 2014. – Jever: 2013, S. 161/165
  • Brasz, Chaya: „Transport 222“ Bergen-Belsen – Palestine, July 1944. – Jerusalem 1994 (text in English, Hebrew and Dutch)
  • Gröschler, Änne: Erinnerung einer Jüdin an die letzten Wochen in Jever (1938). Mit einer Einleitung und mit Anmerkungen von Werner Vahlenkamp. – In: Oldenburger Jahrbuch, Bd. 88 (1988)
  • Groschler, Walter S.: Walter´s story. – unv. Typoskript, Montreal ca. 1990, 69 S.
  • Hillenbrand, Klaus: Der Ausgetauschte: Die ungewöhnliche Rettung des Israel Sumer Kormann. – Frankfurt am Main 2010
  • Klemp,Stefan: „Nicht ermittelt“– Polizeibataillone und Nachkriegsjustiz: ein Handbuch. – Essen 2005
  • Kolb, Eberhard: Bergen-Belsen: Vom „Aufenthaltslager“ zum Konzentrationslager 1943 – 1945. – Göttingen 1991
  • Laqueur, Renata: Bergen-Belsen Tagebuch 1944/45. – Hannover 1983
  • Hermann, Simon Heinrich: Austauschlager Bergen-Belsen: Geschichte eines Transportes. – Tel Aviv: Irgun Olej Merkaz Europa, 1944 (Auszüge in Keller 50-53)
  • Hajakova, Anna: Das polizeiliche Durchgangslager Westerbork. – PDF-Dokument (2004) www.academia.edu
  • Keller, Rolf u.a.: Konzentrationslager Bergen-Belsen: Berichte und Dokumente. – Göttingen 2002
  • Králová, Katerina: Das Vermächtnis der Besatzung: Deutsch-griechische Beziehungen seit 1940. – Köln/Weimar 2016, S. 95
  • Mainz, Helmuth: Report. – In: Oppenheim 167 – 186 (Appendix 2)
  • Lappin-Eppel: Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45: Arbeitseinsatz, Todesmärsche, Folgen. – Münster 2010
  • Oppenheim, A. N.: The chosen people: the story of the “222 Transport” from Bergen-Belsen to Palestine. – London / Portland (OR): Vallentine Mitchell, 1996
  • Peters, Hartmut: Die „Reichskristallnacht“ in Jever und die Geschichte der jeverschen Synagogen. – Jever, 1992 (auch erschienen in: Die Synagogen des Oldenburger Landes. – Oldenburg 1988, S. 41-121)
  • Samson, Schlomo: Zwischen Finsternis und Licht: 50 Jahre nach Bergen-Belsen: Erinnerungen eines Leipziger Juden. – Jerusalem: Rubin Mass, 1995
  • Steinfeld, Fritz: Vergast – nicht vergessen: Erinnerungen an den Malerfreund Felix Nussbaum. – Osnabrück: Kulturgeschichtliches Museum, 1994
  • Wenck, Alexandra-Eileen: Zwischen Menschenhandel und „Endlösung“: Das Konzentrationslager Bergen-Belsen. – Paderborn 2000

Hartmut Peters, Januar 2017